Ich hab ja nichts mehr zu verlieren

In meinem vorangegangenen Artikel habe ich mir grundlegend Gedanken darüber gemacht, was Silver Surfer sind.
Ich habe erläutert, welche Verantwortung Silver Surfer tragen und welch große Macht in ihrer Erfahrung steckt.
Heute stelle ich Überlegungen an, warum Silver Surfer motiviert sein sollten, bewusst und verantwortungsvoll mit ihren Daten und ihrer Privatsphäre umzugehen.

These: Au Contraire – Wir haben viel zu verlieren

Der Gedanke “Ich habe nichts zu verlieren” ist ähnlich unüberlegt wie das Un-Argument “Ich habe ja nichts zu verbergen“.
Wir leben in einer der freiesten Gesellschaften – darüberhinaus in der längsten Periode ohne Krieg und Unterdrückung, die Europa je erlebt hat.
Gute Gründe, sehr dankbar zu sein.
Vermutlich beneiden uns die allermeisten dafür.
Allerdings kann die vermeintliche Selbstverständlichkeit dieses Umstands auch dazu führen, dass wir leichtfertig mit diesen “Geschenken” umgehen.
Meiner Ansicht nach kann ein fahrlässiger Umgang verheerende Folgen haben.
Wir vergessen häufig, dass die Eckpfeiler unserer Gesellschaft Freiheit und Privatsphäre sind.
Und diese Pfeiler können wir durchaus verlieren.
Die Freiheit unserer Gedanken und die Privatsphäre sind durchaus Werte, die wir auch und gerade als Silver Surfer verlieren können.
Behaltet dies im Gedächtnis, Silver Surfer – ihr mehr als andere Generationen nach euch – habt noch Regime erlebt, in denen diese Grundpfeiler der Gesellschaft bis zur Untauglichkeit ausgehöhlt waren.

Daten bleiben – für immer

Möglicherweise rührt die Idee, nichts mehr zu verlieren zu haben, auch daher, dass den Silver Surfern bewusst ist, dass die Daten, die auf Millionen fremder Server (der unerträglich überstrapazierten “Cloud”) gespeichert sind, auch für immer dort gespeichert bleiben.
Ergo können diese Daten nicht verloren gehen.
Zunächst richtig gedacht.
Die Daten bleiben dauerhaft gespeichert.
Daran ändert auch das in der neuen europäischen Datenschutzgrundverordnung postulierte Recht auf Vergessen nichts.
Die Daten bleiben dort gespeichert, daher können wir sie auch nicht mehr verlieren.
Was wir allerdings verloren haben ist unsere Souveränität über diese Daten.
Und Daten, die wir aus der Hande gegeben haben, entwickeln ein Eigenleben. Dieses Eigenleben gereicht uns in aller Regel nicht zum Vorteil.
Ein noch verheerenderes Szenario in Bezug auf den Verlust unserer Daten ist Datendiebstahl.
Das geschieht häufiger, als man vermutet.
Eigentlich ständig.
Gewiss einmal pro Woche hören wir von einem großen Datenklau.

  • 162 Millionen Konten bei LinkedIn gehackt.
  • 62 Millionen Dropbox-Konten kompromittiert.
  • Geburtsdaten, Adressen und weitere Daten wurden aus Hipps Mein BabyClub gestohlen.

Derartiges passiert mittlerweiler in trauriger Regelmäßigkeit.
Allerdings, so mein Gefühl, messen wir unseren Daten zu wenig Bedeutung bei – oder sind wir bereits so abgestumpft, dass erst massive Datendiebstähle (500 Millionen Yahoo-Konten) es in die allgemeinen Nachrichten schaffen.
Und was passiert dann?
Ein Unternehmen, welches jahrelang die Sicherheit der ihm anvertrauten Daten aufs schändlichste vernachlässigt hat (wohlgemerkt nicht die seiner eigenen Unternehmensdaten – sondern der Daten seiner “Kunden”), macht  “staatliche Akteure” für den Datendiebstahl verantwortlich – und riskiert nebenbei mit diesem Narrativ sogar einen militärischen Gegenschlag gegen “staatliche Akteure”.
Anstatt die Verantwortung für überaus schlampige Datensicherheit zu übernehmen, werden einfach lächerliche, unhaltbare Behauptungen propagiert.
Na, Verizon wird viel Spaß bei der Übernahme von Yahoo haben.

Verantwortung – für euch und andere

Silver Surfer, selbst wenn ihr so fest davon überzeugt seid, dass ihr nichts mehr zu verlieren habt – denkt an andere, die noch etwas zu verlieren haben.
Die Daten, mit denen ihr schlampig umgeht, hören nicht bei euch auf.
Daten sind immer mit anderen verknüpft.
Kein Datensatz steht für sich allein.
Geht es um Metadaten – also die Information, wann ihr mit wem, wo und wie lange kommuniziert habt – so betreffen diese Daten nicht nur euch sondern auch eure Kommunikationspartner.
Denkt darüber nach, vielleicht haben diese Kommunikationspartner keine Lust darauf, ihre Daten zu verlieren.
Ihr tragt Verantwortung für eure Kommunikationspartner!
Es geht hierbei um die Fotos eurer Enkel und Kinder, die ihr durch eure WhatsApp-Nachrichten Unternehmen wie Facebook schenkt.
Es geht um eure intimen Arzt-Gespräche, die ihr nachverfolgbar im Internet hinterlasst.
Es geht um vertrauliche Geschäftskommunikation, die ihr mit euren Geschäftspartnern teilt.
Dies gilt in hohem Maße, wenn ihr Gmail als E-Mail Anbieter nutzt.
Auch wenn euer Kommunikationspartner nicht Gmail nutzt – seine Mails landen trotzdem bei Google und werden dort gelesen und ausgewertet.
Überlegt euch, ob ihr die Verantwortung dafür übernehmen wollt, dass eure Kommunikationspartner unwissentlich mitüberwacht werden.
Informiert euch – nutzt Alternativen, die mit euren Kommunikationsdaten sorgfältig umgehen.
Handelt – und sucht euch E-Mail Anbieter aus, die eure Mails nicht lesen und euch nicht überwachen.
Posteo ist eine fabelhafte, preisgekrönte Alternative an dieser Stelle.
Rechnen wir kurz durch: Ein E-Mail Postfach bei Posteo kostet 1€ pro Monat. Dagegen ist ein E-Mail Postfach bei Google “kostenlos”.
Sollte uns das nicht zu denken geben? Google ist das zweitwertvollste Unternehmen der Welt.
Dieses Unternehmen hat nichts zu verschenken.
Wenn wir deren Dienste nicht mit Geld bezahlen, dann bezahlen wir auf andere Weise dafür.
Und unsere Daten die wir für diese Dienstleistung preisgeben, sind definitiv mehr wert als 1€ pro Monat.
Um einen noch besseren Schutz eurer Daten zu erreichen: verschlüsselt eure Mails. Es ist viel einfacher, E-Mail-Verschlüsselung einzurichten, als es viele unkende Stimmen immer noch und immer wieder darstellen.

Wir können nicht nicht handeln

Letztendlich müssen wir anerkennen, dass wir nicht nicht handeln können.
Für alles, was aus unseren Händen “genommen” wird, tragen wir zumindest eine gewisse Verantwortung.
Wir tragen tatsächlich Verantwortung, ob wir es wollen oder nicht.
Für unsere Daten.
Für unsere Freiheit.
Für unsere Privatsphäre.
Wir haben etwas zu verlieren.
Und ob wir jetzt 8, 18 oder 80 Jahre alt sind – Freiheit und Privatsphäre zu verlieren ist eine furchtbare Sache.
Wenn wir einfach aufgeben und sagen “ich habe ja nichts mehr zu verlieren“, dann haben wir alles verloren, was uns ausmacht.
Dann geben wir uns auf.
Dann sind wir nicht länger Souverän unseres Lebens.
Wir können diese Entscheidung treffen – allerdings verlieren wir dann noch ein weiteres Element unseres Wesens:
Dann nämlich verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit.
Wir können uns nicht über die “schlimmen” Zustände beklagen – und keine Gegenmassnahmen ergreifen.
Denn wenn wir selbst die Souveränität über unsere Daten aufgegeben haben, dürfen wir uns nicht länger über das nachlässige Verhalten anderer beklagen.
Wir müssen beispielhaft mit unseren Daten umgehen und auf diese Weise positiv auf unsere Nächsten einwirken.
Heulen und Zähne knirschen bewirkt nichts.
Bestenfalls ernten wir nur Widerstand und Ablehnung.
Daher mein Aufruf an euch Silver Surfer:
Seid souverän mit euren Daten!
Handelt so, wie ihr behandelt werden wollt.

TL;DR

  • nothing to lose – au contraire: wir haben viel zu verlieren
  • nichts bleibt für die Ewigkeit – Außer Daten, die bleiben für immer
  • wenn nicht für dich dann wenigstens für andere – Verantwortung – für euch und andere
  • Sand in den Kopf stecken ist auch eine Lösung – Wir können nicht nicht handeln

Und jetzt?
Handelt, liebe Silver Surfer, handelt so, als ob es um eure Freiheit ginge – darum geht es nämlich in der Tat.

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