Wozu brauche ich denn eine Privatsphäre?

“Wozu brauche ich denn Privatsphäre?”

Diese Frage taucht oft im Anschluss an meine Gedanken zum Thema “Ich hab doch nix zu verbergen!” auf.
Ich will hier einige Anregungen dafür geben, wozu wir unsere Privatsphäre brauchen und warum ich glaube, dass wir ohne unsere Privatsphäre nicht wir selbst wären.
Jeder von uns braucht einen geistigen Sandkasten, in welchem Ideen betrachtet werden können, ohne dass hier von außen Einfluss genommen werden kann. Wir brauchen ein Labor in welchem wir mit Gefühlen und Gedanken experimentieren können, ohne dafür Rechenschaft ablegen zu müssen. Dieser Freiraum gibt uns Kraft unsere Identität zu bewahren.

Individualität

Ich bin überzeugt davon, dass wir ohne unsere Privatsphäre keine Individualität entwickeln, bzw. leben können. Wenn alles über uns bekannt ist, dann können wir keine eigenständige Persönlichkeit entwickeln.
Eigene Gedanken, eigene Ideen, ein eigener Kopf entwickelt sich nicht im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Hierzu bedarf des dem Kerzenschein der Heimlichlichkeit. Ganz nebenbei wird uns dies sogar in Artikel 2 des Grundgesetzes mitgegeben.

Entwicklung

Neben der Entfaltung der eigenen Individualität (oh, ein schöner Pleonasmus, fällt mir gerade dabei auf 🙂 ), findet auch Wachstum, Wandel und Entwicklung nur im heimlichen Raum der Privatsphäre statt. Das bringt auch Stephen Fearing in seinem Song “Me & Mr. Blue” schön zum Ausdruck: “Changes always happen best in privacy”.
Wenn wir überwacht werden und unsere Privatsphäre immer weiter eingeschränkt wird, ist für uns einfach keine Entwicklung mehr möglich. Wir werden blasse Kopien der vermeintlichen Idealvorstellungen, die uns durch Medien, Werbung und Gesellschaft vorgehalten werden.

Freier Wille

Wenn alles von uns bekannt ist, wenn jede unserer Entscheidungen öffentlich gemacht ist, haben wir auch keine Möglichkeit mehr uns frei zu entscheiden.
Wenn wir uns lediglich an Recht und Gesetz halten können, weil jede unserer davon abweichenden Handlungen als falsch vorgeworfen und entsprechend geahndet wird, nimmt uns dies unseren freien Willen. Eine Handlung, die nur in dieser Form ausgeführt wird, weil wir wissen, dass wir überwacht werden, verliert jeden Anspruch daran, gut zu sein.
Die Entscheidung, ob etwas richtig oder falsch ist liegt in unserem eigenen Ermessen und nicht darin, ob die Gesellschaft dies als richtig oder falsch festlegt. Wird uns dieser Ermessensspielraum dadurch genommen, dass wir keine Privatsphäre mehr haben, um diesen Ermessensspielraum auszuloten, dann verlieren wir auch unseren freien Willen und werden zu reinen Befehlsempfängern degradiert.

Kreativität

Nur im sicheren Raum unserer Privatsphäre ist Kreativität möglich.
Neue Ideen müssen im Geheimen entstehen. Die Öffentlichkeit unterdrückt ungewöhnliche Gedanken und kopiert lieber allseits Bekanntes. Wenn kein Raum für unpopuläre Ideen vorhanden ist, wird der Mainstream einfach immer wieder in einer neuen Verkleidung hochstilisiert.
Das ist langweilig.  Das bringt uns nicht weiter.
Wirklich Neues entsteht nur im Privaten. Wird aber eine neue Idee gleich an die Öffentlichkeit gezerrt, weil es einfach keine Privatsphäre mehr gibt, ist diese gleich dem Vergleich mit dem Mainstream ausgesetzt und hat hier nur, als junge, ungezähmte Idee, wenig Kraft sich zu entwickeln. Wächst diese Idee jedoch in einem geschützten und geheimen Bereich der Privatsphäre heran, so ist sie kräftig genug, um sich freiwillig der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Schutz vor Manipulierbarkeit

Unsere Privatsphäre ist auch ein stabiler Schutzwall gegen die immer stärker zunehmende Manipulation unseres Lebens, unserer Entscheidungen. Datensammler versuchen unsere Privatsphäre immer stärker einzuschränken, damit sie immer bessere Profile von uns erstellen können. Diese Profile geben mehr und bessere Ansatzpunkte, um uns zu manipulieren.
Wenn wir jedoch unsere Privatsphäre stärken indem wir weniger über uns preisgeben, schützen wir uns vor desen Manipulationsversuchen.

“Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.”

Was können wir jetzt jedoch konkret tun, um unsere Privatsphäre zu schützen?
Mein Tipp heute lautet:
Seid datensparsam!

  • Überlegt, bevor ihr etwas postet.
  • Überlegt, ob es notwendig ist.
  • Überlegt, ob es hilfreich ist.
  • Überlegt, ob es freundlich ist.

Und falls eines davon nicht zutrifft, halte ich mich eben an Oscar Wilde:
“Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.”