Wahl und Digital

Sind wir doch momentan auf der Zielgeraden zur Europawahl am 26. Mai 2019 und werden hier allerorten mit den analogen Segnungen der Wahlwerbung beglückt. Will ich folglich die Gelegenheit wahrnehmen und mir jetzt Gedanken über den Zusammenhang von Wahl und Digital machen.

TL;DR

  • Wahl – worauf kommt es eigentlich an?
  • Digitale Wahl – was sind die Vorteile?
  • Digitale Wahl – was sind die Nachteile?
  • Fazit

Natürlich ist der Ruf nach mehr Digitalisierung dieser Tage als Basso continuo ständig präsent – also warum nicht auch bei Wahlen? Aber bevor wir uns dem Für und Wider der Digitalisierung dieses gesellschaftlich grundlegenden Themas widmen, betrachten wir zunächst, worauf es bei Wahlen überhaupt ankommt.

Wahl – worauf kommt es eigentlich an?

Damit eine Wahl wirklich demokratisch ist, sollte sie einige Bedingungen erfüllen:

  • Allgemeinheit
    Jeder Bürger im wahlfähigen Alter darf an einer Wahl teilnehmen.
  • Freiheit
    Eine Wahl gilt als frei, wenn keinerlei Einflussnahme – weder auf die Wahlwerbung noch die Kandidatenauswahl noch die Stimmabgabe – ausgeübt wird.
  • Gleichheit
    Jeder Wähler hat nur eine Stimme. Und diese Stimme hat bei allen das gleiche Gewicht.
  • Privatheit
    Niemand außer mir darf wissen, wen ich gewählt habe – schnöde auch als Wahlgeheimnis bezeichnet.
  • Transparenz
    Eine Wahl sollte fälschungssicher und überprüfbar sein. Und zwar so, dass auch ein Grundschüler das Verfahren nachvollziehen (und zumindest ein Hauptschüler das Verfahren auch erklären) kann.

Das ist doch schon eine beeindruckende Liste an Punkten. Diese muss eine Wahl erfüllen, um demokratisch legitimierend zu sein. Ist ja schließlich auch ein wichtiges Instrument, so eine Wahl. Grundsätzlich das mächtigste Schwert, welches wir Bürger in freiheitlich-demokratischen Gesellschaften führen dürfen. Breitschwerter und Krummsäbel sind ja eher ungern gesehen. Und diese Punkte werden bereits recht gut umgesetzt – oder lassen sich durch die Wunderversprechungen der Digitalisierung auch nicht weiter verbessern. So geht es auch mit digitaler Unterstützung nicht allgemeiner, freier, gleicher, geheimer oder transparenter zu als bei einer analog durchgeführten Wahl. Deshalb betrachten wir nun die prognostizierten Vorteile, welche eine Digitalisierung der Wahl bringen soll.

Digitale Wahl – die Vorteile

Glücklicherweise steht beim Thema digitale Wahl das Wunderversprechen Digitalisierung nicht solitär im Raum sondern die folgenden Argumente:

  • Einfachere Zugänglichkeit
    Die Digitalisierung von Wahlen soll Menschen einen einfacheren und schnelleren Zugang zum Wahlprozess gewähren. Im Fokus stehen dabei unter anderem Menschen mit Behinderungen, die momentan nur mit (menschlicher) Unterstützung ihrem Wahlrecht nachgehen können – z.B. blinde Menschen, die die Wahlunterlagen schlicht nicht lesen können. Ein weiterer Punkt der einfacheren Zugänglichkeit ist auch die Unabhängigkeit vom Wahlort – bei einer digitalen Wahl muss der Wähler nicht an einem zuvor festgelegten Wahllokal sein.
  • Höhere Motivation jüngerer Wähler
    Die Digitalisierung verspricht sich (und den jüngeren Wählern) ein besseres (weil hippes, modernes, buntes, klickbares) Wahlerlebnis.
  • Erhöhung der Wahlbeteiligung
    Im Sog der zunehmenden Digitalisierung hofft (wer auch immer) ebenfalls mit einer Zunahme der Wahlbeteiligung. Letztlich doch nur damit begründet, weil es eben digital (und damit hip, modern, bunt, klickbar) ist.
  • Senkung der Kosten
    Das Argument schlechthin. Senkung der Kosten. Weil Digitalisierung ja bereits überall zu einer Senkung der Kosten geführt hat. Wird sicherlich auch hier klappen. Ganz sicher.

Nun, das klingt alles sehr vielversprechend. Aber geben wir auch der anderen Seite eine Gelegenheit, sich darzustellen.

Digitale Wahl – die Nachteile

Als Amateur-Pessimist ist es mir ein Fest, auf die Nachteile jeder gehypten Trend-Idee hinzuweisen (und dabei gerne auch auf den vermeintlichen Vorteilen herumzutrampeln):

  • Intransparenz
    Ein großes Problem digitaler Wahlen. Niemand (außer einigen wenigen Experten) kann in diese Black Box hineinschauen. Geschweige denn erklären, was darin vor sich geht. Und das widerspricht vollkommen der Anforderung an Wahlen, transparent sein zu müssen. Und erklärbar. Für jeden. So, dass es ein Fünfjähriger versteht.
  • fehlende Sicherheit
    Ein komplexes System hat das inhärente Problem, dass es komplex ist. Und mit steigender Komplexität steigt die Angriffsfläche auf dieses System. Und mit steigender Angriffsfläche sinkt die Sicherheit des Systems. Ein komplexes System ist schwieriger abzusichern als ein einfaches.
  • Digitale Spaltung
    Die Digitalisierung nimmt nicht jeden Menschen mit. Sie erreicht zwar die meisten Bürger – aber ein Teil der Bevölkerung wird schlicht abgehängt. Und diesem Problem begegnen wir bei digitalen Wahlen.
  • Family Voting
    Die Möglichkeit des Überall-Wählens hat die Schattenseite, dass der Wähler überall beeinflusst werden kann. Es gibt bei digitalen Wahlen keine Wahlkabine mehr, in der wir mit unserem Gewissen allein sind. Jetzt besteht die Gefahr der direkten Einflussnahme auf unsere Wahlentscheidung durch Familie, Freunde, Kollegen.
  • Junk Voting
    Digitales Überall-Wählen steigert die Einfachheit einer Ich-werde-es-den-Mächtigen-mal-zeigen-Wahl. Eine analoge Protestwahl kostet mehr Überwindung als eine digitale Protestwahl. Eine Wahlstimme analog ungültig zu machen geht weniger leicht von der Hand als ein Klick auf einem virtuellen Stimmzettel. Klicken geht schneller als ankreuzen.
  • Steigerung der Kosten
    Digitale Wahlsysteme kosten Geld. Viel Geld. Wir brauchen uns nicht der Illusion hinzugeben, dass wir mit einer digitalen Wahl Geld sparen. Wenn wir eine digitale Wahl wollen, welche den Anforderungen an Wahlen genügt, kostet so ein System viel Geld. Eine digitale Wahl ist komplexer als eine analoge Wahl. Und ein komplexes System sicher und transparent zu gestalten kostet Geld. Viel, viel Geld.

Fazit

Was von den Argumenten für eine digitale Wahl übrig bleibt:

  • Einfachere Zugänglichkeit
    Nun ja, wir haben bereits Briefwahl – damit ist das Argument der Unabhängigkeit vom Wahlort hinfällig.
    Schnellere Wahlmöglichkeit – ich halte höhere Geschwindigkeit keinesfalls für ein gutes Argument. Eine langsamere, bedachtere Entscheidung ist oftmals eine bessere Entscheidung.
  • Höhere Motivation jüngerer Wähler
    Die Motivation sollte nicht durch die eingesetzte Technik erhöht werden, sondern – insbesondere bei Wahlen – durch eine bessere Politik. Und wenn ich noch mal – in welchem Kontext auch immer – von einem besseren xxx Erlebnis höre, muss ich spucken!
  • Erhöhung der Wahlbeteiligung
    Technik als Motivation für eine regere Wahlbeteiligung herzunehmen ist ein Armutszeugnis. Das Zeichen einer mittlerweile vollkommen kopflos agierenden Politik. Nicht die Digitalisierung muss die Wähler zu mehr Bürgerbeteiligung bringen. Eine gute, sinnvolle und auf den Bürger ausgerichtete Politik reduziert Politikverdrossenheit und motiviert.
  • Senkung der Kosten
    Hmja, genau. Weil nirgendwo so gut Geld eingespart wird wie in der Digitalisierung. Meiner Ansicht nach wird nirgends so effektiv Geld verbrannt wie in der IT-Industrie. Aber ich mag mich ja gerne eines Besseren belehren lassen. Allerdings kann bei der Digitalisierung nur dann Geld eingespart werden, wenn auf so Nebensächlichkeiten wie Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre kein Wert gelegt wird. Aber das sind ja Punkte, die bei einer Wahl vollkommen unbedeutend sind.

Meiner Ansicht nach zeigt die Betrachtung beider Seiten ein klares Bild zugunsten der analogen Wahl.

Man könnte auch sagen:

Never change a running system.

Analoge Wahlen basieren auf nachvollziehbaren Prozessen und liefern nachvollziehbare Ergebnisse. Das System bietet allen Zugang, es gibt ausreichend Unterstützung auch für Menschen mit Einschränkungen. Wahlen sind gut überprüfbar (dank Paper-Trail – das benötigen wir in einem digitalen System sowieso auch noch!). Sie sind ausreichend fälschungs- und manipulationssicher – und obendrein schützen sie Freiheit und Privatsphäre eines jeden Wählers – viel besser als es ein digitales Verfahren in absehbarer Zeit wird realisieren können.

Kann isch WhatsApp – bin isch Internet

“It’s no longer OK not to understand how the Internet works.”

Aaron Swartz

Über die Problematik einer pragmatischen digitalen Kompetenz.

Vermutlich wird dieser Artikel ein wüster Rant über die vermeintliche Medienkompetenz der hochgelobten Digital Natives (und solcher, die es qua Selbstverordnung sein wollen).
Aber was solls, lieber raus als rein.
Es geht mir von unterschiedlicher Seite schon seit geraumer Zeit auf den Keks, dass allerorten breit von Medienkompetenz geschwafelt wird, aber weder konkret benannt wird, was darunter zu verstehen ist, noch wie dies vermittelt werden soll.
Daher werfe ich hier auch meine zwei Gedanken zu diesem Thema in den Raum und wappne mich der Gegenrede.

TL;DR;

  • Anwendungskompetenz reicht nicht
  • Wir brauchen mehr Hacker und weniger User
  • Ein Datenleak, sie alle zu erschrecken

Anwendungskompetenz reicht nicht

Ich stelle fest, dass oftmals schnelles Bedienen von Anwendungen schon ausreicht, um in Begeisterungsstürme ob der hohen Medienkompetenz von Digital Natives zu verfallen.
Das lässt sich sicherlich aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Da ist einerseits der Arthur-C-Clarke-Blickwinkel: Jede Technologie, wenn sie ausreichend weit fortgeschritten ist, erscheint einem Uneingeweihten wie Magie. Da solche Aussagen oft von Uneingeweihten (Menschen mit geringer technischer Kompetenz oder Politiker) kommen, ist diesen Aussagen bestenfalls eine geringe Aussgekraft beizumessen. Nichtsdestotrotz haben diese Uneingeweihten oftmals eine hohe Entscheidungskompetenz.
Das kann einerseits dazu führen, dass entweder diese zu unrecht hochgelobten Anwendungskompetenzwunder eine vollkommen falsch ausgerichtete Einschätzung ihrer (Anwendungs-)Fähigkeiten bekommen, eben “Kann isch WhatsApp, bin isch Internet!”. Andererseits wird in eine vollkommen falsche Richtung politisch entschieden: Nämlich hin zum schnellen Anwender und weg vom gebildeten Nutzer, der die Hintergründe versteht.
Das bringt mich zu einem weiteren Punkt:
Vielleicht will die Politik und die Industrie einfach nur schnelle Anwender, also dressierte Affen.
Was die Industrie anbelangt, bin ich mir sehr sicher, dass dem so ist. Denn ein unkritischer Konsument ist das, was die Industrie sich wünscht: ein Kunde, der einfach kauft, was ihm die Konzerne vorsetzen.
Was die Politik angeht, habe ich doch noch Hoffnung in die Grundannahme unserer Demokratie: die Beteiligung eines aufgeklärten Volkes, nicht einer rückenmarksgesteuerten Masse.
Aber da ist möglicherweise die Lobby die treibende Kraft – und diese kommt letztlich doch wieder aus der Industrie.
Doch zurück. Ich bin der festen Überzeugung, dass es heutzutage nicht ausreicht, ein versierter Anwender zu sein. Die Zusammenhänge und die Auswirkungen, die die Digitaltechnik auf unser Leben und unsere Gesellschaft haben, sind zu groß, um dies durch reines anwenden-können zu bewältigen.
Wir müssen zumindest die grundlegenden Zusammenhänge verstehen, wenn wir die Digitalisierung als gesellschaftlich durchdringendes Element nutzen wollen. Ansonsten sind wir nicht besser als Menschen, die Gewitter als die Laune eines Gottes ansehen.

Wir brauchen mehr Hacker und weniger User

Betrachten wir die Situation aus einem anderen Blickwinkel.
Vor kurzem, zwei Kurse in digitaler Selbstverteidigung in Klassenstufe 10 eines allgemeinbildenden Gymnasiums.
Ein Bild des digitalen Elends.
Ehrlich, wenn das die Erwartungshaltung an Digital Natives ist, dann sehe ich schwarz für die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Zappenduster.
Da ist überhaupt kein Interesse an einer Weiterbildung zu Themen rund um alles Digitale.
Geschweige denn Kenntnis über Alternativen zu vorhandenen Anwendungen oder Problemlösungsstrategien, wenn es – oh Wunder! – doch mal zu Fehlern kommen sollte.
Was ja in der IT quasi nie vorkommt.
Natürlich sind knapp über 40 Schüler keine repräsentative Menge, aber dass darunter nur einer ist, der überhaupt mal eine Alternative zu WhatsApp kennt, ist erschreckend. Niemand kannte einen alternativen Browser (neben den vorinstallierten) und der Unterschied zwischen Browser und Suchmaschine war ebenfalls nicht bekannt. Da wird mir dann wirklich ganz anders.
Wo ist denn der Pioniergeist, der jugendliche Forscherdrang, die Neugier und die Lust auf Rebellion geblieben?
Wenn wir uns eine Generation von Lämmern heranziehen, müssen wir uns nicht wundern, wenn diese von den industriellen Wölfen gerissen oder auf der Schlachtbank der Digitalisierung geopfert werden.
Anstatt unseren digitalen Neubürgern das Erstellen von Filmchen fürs Internet beizubringen, müssen wir ihnen (und den senioreren digitalen Teilnehmern auch) digitale Selbstverteidung mit auf den virtuellen Weg geben.
Sogar unsere Kanzlerin hat erkannt, dass hier dringend Handlungsbedarf für jeden einzelnen besteht:

“Das Heft des Handelns in die eigene Hand nehmen.”

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Wir müssen jungen Menschen eine Resilienz gegen Manipulation und ein Bewusstsein gegen Überwachung mitgeben.
Von selbst entsteht weder das eine noch das andere.

Ein Datenleak, sie alle zu erschrecken

Da haben wir mal wieder ein Datenleck. Noch nicht mal besonders groß, aber gleich wird der Untergang der digitalisierten Welt prognostiziert.
Es werden politische Konsequenzen gefordert: Vom Hack-Back über staatlich verordnete Zwei-Faktor-Authentifizierung (nicht zu vergessen die Ordnungswidrigkeit beim Einsatz schlechter Passwörter) bis zur finanziellen Aufrüstung unserer diversen Cyber-Sicherheits-Organe.
Was allerdings generell übersehen wird, ist die Notwendigkeit der Schulung der Anwender.
Mir fällt an dieser Stelle wieder Aaron Swartz ein:

“It’s no longer OK not to understand how the internet works.”.

Aaron Swartz

Der breit gestreute Leak persönlicher Daten kann diesmal nicht (nur) der technischen Schwäche eines Systems in die Schuhe geschoben werden. Dafür waren schlicht zu viele Systeme betroffen.
Ganz klare Mitschuld tragen die Betroffenen.
Sie sind zu unbedarft mit ihren Daten umgegangen.
Egal ob es die privaten Chats mit der Familie über Facebook sind (man chattet einfach nicht privat auf einer öffentlichen Plattform).
Oder die Scans von Ausweisdokumenten (die gehören nicht in die “Cloud”).
Ebensowenig wie Zeugnisse auf den Rechnern anderer Leute gespeichert werden.
Und dann Passwörter. Wir werden einfach immer weiter Daten verlieren, wenn wir nicht endlich lernen, sichere Passwörter einzusetzen.
Und zwar viele davon. Für jeden Account ein eigenes Passwort.
Das ist auch nicht schwer. Wir müssen einfach nur umlernen.

“You have to unlearn what you have learned.”

Yoda

Es ist falsch nur ein Passwort zu haben. Zumal das dann auch noch zumeist extrem schwach ist.
Wir müssen lernen, dass ein Passwort-Manager der beste Schutz für unsere Passwörter ist.
Hier hilft uns kein Post-It am Bildschirm oder unter der Tastatur.
Wir müssen uns darum kümmern, welche Sicherungsmaßnahme dieser oder jener Dienst anbietet.

  • Wie lang und wie komplex können die Passwörter dort sein?
  • Unterstützt der Dienst 2FA?
  • Akzeptiert dieser Dienst einen Benutzernamen, der nicht gleich die E-Mail-Adresse des Nutzers ist?

Wir müssen das lernen. Oder wir hören auf, diese Dienste zu nutzen. Aber das halte ich für eine sehr gewagte Alternative.


Das ganze Digitale hilft nicht, wenns analog klemmt

Der Zug – die kreative Muse unserer Zeit.
Hier komme ich zum Schreiben, hier kann ich ungestört denken.
Manchmal mit mehr Zeit, als mir lieb ist.
So wie heute.

TL;DR

Digitale Versprechen

Ist mein Reiseplan doch minutiös digital durchgeplant:
Zuerst: Geislingen – Stuttgart.
Dann weiter nach Zürich, zum Flieger nach Monaco.
Alles mit ordentlich Puffer, so kann nix schiefgehen.
Sagt die digitale Planung.
In Stuggi gemütliche 30 Minuten Aufenthalt.
Das reicht locker. Ist ja nur eine Fahrt von 30 Minuten.
Also was soll da schon schief gehen.

Alles, wie sich herausstellt.
Die digital angezeigten fünf Minuten Verspätung in Geislingen bauen sich durch durch irrsinnige analoge Defekte in den Türsteuerungen (digital!) zu einer katastrophalen Verspätung von 40 Minuten auf.
Fazit bis jetzt:

  • Digitale Anzeige hat gelogen.
  • Anschlusszug nach Zürich verpasst
  • Flug nach Monaco in Gefahr (das hier ist quasi ein eingefrorener Live-Feed aus dem Alternativzug in Richtung Zürich)

Also, was bringen mir jetzt die ganzen digitalen Versprechungen?
Ich bekomme Verspätungen angzeigt und werde in Echtzeit informiert.
Himmel, Arsch und Zwirn! Nix bringt mir das!
Der verdammte Zug ist trotzdem weg.
Ich kann mich höchstens bestens informiert darüber aufregen, dass ich jetzt in Echtzeit miterleben kann, wie mein Anschlusszug ohne mich abfährt.
Prima. Ist bestimmt grandios gut für die Gesundheit:
Man bekommt Bluthochdruck.
Mir drängt sich der Verdacht auf, dass diese unangenehmen Nebenwirkungen bei der Umsetzung von digitalen Versprechen in eine analoge Realität von den Erdenkern digitaler Utopien schlicht ausgeblendet werden.

Digitale Illusion

Ah, ein weiterer Aspekt sind enttäuschte digitale Illusionen.
Ich sitze hier in einem niegelnagelneuen IC2 der Deutschen Bahn.
Und was gibt es hier nicht?
WLAN.
Nicht das ich der glühende Verfechter dauerhafter Online-Verfügbarkeit bin, aber jetzt, wo ich es mal brauchen könnte, gibts keins!
Wo bitte ist da die Umsetzung der vollmundigen Versprechungen einer flächendeckenden Digitalisierung?
Mensch echt, wenn so großspurig die Digitalisierung als das alternativlose Must-Have Rettungsinstrument unser Gesellschaft, ach was, des gesamten Universums, dargestellt wird, dann muss halt auch irgendwann mal geliefert werden!
Das bei all diesen Plänen ein gerüttelt Maß an Marketingversprechen abgezogen werden muss, ist mir schon klar.
Aber so gar keine Umsetzung?
Das enttäuscht sogar mich als praktizierender Pessimist.

Digitaler Ausbau

Alles soll digital laufen heutigen Tags.
Kost halt alles Geld.
Jetzt sitze ich immer noch in Zürich am Flughafen.
Analoge Freundlichkeit hat mir übrigens die Umbuchung eines Unumbuchbaren (klingt wie der Unbrechbare Schwur) beschert!
Fluges, meine ich.
Das wäre digital nicht gegangen – Maschinen haben kein Herz.
Allerdings bringt mich meine Situation auf einen weiteren Punkt des Digital-Analog-Dilemmas:
Es hängt halt Geld dran.
Im Mobilfunk-befreundeten Ausland – aktuell in der Schweiz – werden Gebühren fällig, wenn ich einen Anruf annehme!
Lieber Himmel, wie soll das denn funktionieren, mit der digitalpolitisch gewünschten Totalerreichbarkeit (oh, da fällt mir eine andere, historisch und politisch vollkommen inkorrekte Frage ein: “Wollt ihr die totale Digitalisierung?” – ich so: “Nein!”), wenn schon so marktwirtschaftliche Geiferspuren uns ständig gegen die wirtschaftlichen Hürden laufen lassen?
Ja, ich weiß, es ist vollkommen meine Schuld, dass ich keinen All-Net-All-Flat-Vertrag habe, mit dem ich sogar vom Mond ohne Zusatzkosten telefonieren kann.
Hab ich halt nicht!
Ach, das ist doch alles totaler Schrott. Lug und Trug und schöner Schein.
Hört sich wundervoll glitzernd und modern an, aber wenn man mal in ein Problem läuft, dann zeigt sich der vergammelte und vollkommen brüchige Unterbau der ganzen Digitalscheiße.

Ein wesentliches Problem der Digitalisierung ist die Herangehensweise.
Würden Häuser so gebaut werden wie Software, wären wir alle bestenfalls obdachlos und im Worst Case tot und begraben unter den zusammengestürzten Trümmern unserer Häuser.
Warum wird nicht langsam – dafür von Grund auf – losdigitalisiert, anstatt immer den fünften Schritt vor dem ersten machen zu wollen.
Das klappt nicht.
Wir haben in absehbarer Zeit keine Flugtaxis zu erwarten, wenn wir nicht einmal flächendeckend Glasfaser verbuddelt (und auch angebunden!) bekommen.
Liebe Digitalsekretärin Bär und alle weiteren (politisch von der digitalen Rundumversorgung träumenden) Politiker:
Es kann kein stabiles Haus vom Dach abwärts gebaut werden.
Wir brauchen ein Fundament.
Und dieses Fundament muss auch gut ausgetrocknet sein, ansonsten haben wir ruck-zuck Schimmel in den Wänden und die gesamte Elektrik muss wieder rausgerissen werden.
Echt mal jetzt, habt ihr nie mit Lego gespielt?
Sobald das Ding fertig war konnte man super damit spielen.
Aber es muss erstmal gebaut werden. Aus einzelnen Steinen.
Wenn ein Stein fehlte, konnte das vorgestellte (oder vorgegebene) Ding nicht fertig gebaut werden.