Category Archives: Online-Konten

Recht egal

TL;DR

  • Mut, Schokolade und ein Einhorn an unserer Seite: Was wir brauchen
  • Physiker, aufgemerkt: Widerstand ist…
  • Gemach, gemach: Regierungen – The Regulatory Sloth
  • Wer schreibt der bleibt: Datensammler und AGB-Gestalter
  • Juristisches Bauchempfinden: Recht gefühlt

Legal – illegal – scheissegal.

Das denke ich mir meistens, wenn ich mich durch die seitenlangen juristischen Kleinode epischen Ausmaßes hindurchquälen muß, sobald ich eine neue Anwendung installiere oder einen neuen Online-Dienst in Anspruch nehme.
AGB.

Drei Buchstaben für eine Garantie vollkommenen Unverständnisses.
Juristen schmunzeln und wir Laien – wir zucken bestenfalls die Schultern – und akzeptieren den verklausulierten Wahnsinn in Worten.
Was bleibt uns auch anderes übrig?
Wenn wir den Dienst nutzen wollen, dann müssen wir die AGB abnicken – ob wir sie gelesen haben oder nicht.
Von verstanden einmal ganz abgesehen.

Dieses Vorgehen zementiert einmal mehr das immense Machtgefälle zwischen Dienstanbieter und -nutzer oder besser zwischen Datensammler und -quelle.
Mir kommt es zuweilen so vor, als würden die Datenkraken versuchen, mit dem Einsatz unverständlicher AGB ihr moralisch – und zumindest in Teilen juristisch – fragwürdiges Geschäftsgebahren auf eine rechtlich unangreifbare Basis stellen.
Ungefähr so, wie wenn man seine Burg mit vier Burggräben voller Krokodile umgibt.
Drum herum noch einen zweihundert Meter breiten Minengürtel legt.
Und das ganze auf einem unbezwingbaren Berg erbaut.

Aber das ist nur mein Gefühl.
Ich alter Pessimist.
Wahrscheinlich beschuldige ich die arglosen Datensammlern zu Unrecht.
Die tun das alles bestimmt nur, damit unser Nutzungserlebnis noch besser wird …
… oder welches Hohlphrasengewäsch auch immer aktuell en vogue ist …

Recht gefühlt

Ich bin kein Jurist und meine Einschätzungen zum juristischen Vorgehen der Datenkraken sind rein subjektiv.
Dennoch hoffe ich, dass juristische Formulierungen wenigstens noch ansatzweise mit unserer gelebten Realität vereinbar sind.
Wenn ich von dieser Annahme ausgehe, dann kann ich wirklich nur verwundert fragen:

"Dienstanbieter, Datensammler und Online-Profiteure - habt ihr se noch alle?"

Kein Mensch nimmt sich die Zeit, um 63 Seiten AGB für eine App zu lesen, die dem Nutzer helfen soll, effektiver mit seiner Zeit umzugehen.
Sind Unternehmen mittlerweile Auffanggesellschaften für Arbeit suchende Juristen geworden?
Oder noch schlimmer – vielleicht sind für die meterlangen Pamphlete inzwischen gar keine Juristen aus Fleisch und Blut mehr notwendig?
Möglicherweise werden die Texte zwischenzeitlich und ganz im Sinne einer effizient verlaufenden Digitalisierung folgend von Big Data basierten und maschinenangelernten Juristenalgorithmen geschrieben?
Wundern würde es mich nicht.

Liebe Juristen – möglicherweise würde ich mir an eurer Stelle jetzt ein wenig Sorgen um meinen Job machen – schließlich geistern gerade aktuelle Statistiken durch die virtuellen Untiefen, in denen von 35 bis zu 47% an durch Automatisierung gefährdeten Arbeitsstellen gesprochen wird – das sind wohl nicht nur Stellen im Bereich der ungelernten Arbeiter.

statista chart: How Many Jobs Could Fall Victim to Automatization?

Aber zurück zu meinem Gefühl.
Die Attitüde, mittels vollkommen unverständlich verklausulierter Nutzungsbedingungen seinen eigenen Arsch vor jeder möglichen Form eventuell auftretender Risiken (inklusive Angriffe durch Sauropoden, Stimmungsschwankungen und einem diffusen Gefühl von Paranoia) zu schützen, widerspricht dem ach so kooperativen Ansatz, den die meisten dieser Dienstanbieter und Plattformbetreiber in ihren hochglänzenden Wohlfühlwerbekampagnen zum Ausdruck bringen – bevor man einen gezwungenen Blick auf die in juristiche Worte gegossene Schauergeschichten werfen muss.

Was können wir tun?
Wir können überlegen, ob wir diesen Dienst, diese Plattform wirklich brauchen.
Ja, mir ist klar, dass wir durch unterschiedliche Seiten (peer-pressure, Unterzuckerung oder einfach Neugier) dazu genötigt werden, genau diesen Dienst zu nutzen.
Aber – und da formuliert Johann Nepomuk Nestroy diesen Zustand ganz stimmig:

“Ich bin mein eigener Herr, ich hab niemand Rechenschaft zu geben.”

Schlussendlich sind wir der Schmied unseres eigenen Glücks.
Es ist unsere Entscheidung, ob wir etwas tun oder nicht.
Also tun wir es - oder nicht.

Datensammler und AGB-Gestalter

Zuweilen sind AGB auch ein Quell der Erheiterung – wir müssen diese verbalen Untiefen mit ihren verschwurbelten Satzungetümen nicht nur als Last und Angriff auf unsere Freiheit betrachten.
Gibt es doch immer wieder literarische Kleinode, die uns die Augen für den darin lauernden Wahnsinn öffnen.
So hat z.B. der Anbieter für ein öffentliches WLAN, purple, jüngst seine AGB dahingehend erweitert, dass die Teilnehmer an dem Dienst sich dazu verpflichten

  • lokale Parks von Hundekot zu reinigen
  • streunende Katzen und Hunde in den Arm zu nehmen oder
  • Schneckenhäuser zu bemalen

Eine großartige Aktion, zeigt es doch, dass die Nutzer eines Dienstes deren AGB schlicht nicht lesen.
Andernfalls hätten sicherlich mehr als zwei aufmerksame Leser diese AGB hinterfragt – und nicht wie 22.000 andere Nutzer diese einfach abgenickt.

Ein Klassiker der AGB-Gestaltung ist auch die Maßgabe von Van Halen, dass es stets eine Schüssel mit M&M’s im Backstage-Bereich ihrer Konzerte geben müsse – jedoch explizit ohne braune M&M’s.
Diese augenscheinlich sinnlose Klausel hat nur den einen Zweck – nämlich zu überprüfen, ob alle übrigen sinnvollen Klauseln der AGB (beispielsweise hinsichtlich der Sicherheit des  Bühnenaufbaus), gelesen, verstanden und hoffentlich eingehalten wurden.
Wäre bei der einfachen und schnellen Prüfung der bereitgestellten M&M’s-Schüssel eine illegale braune M&M’s inkludiert – wäre dies Anlaß zum Abbruch des Konzerts.
Denn nun muß angenommen werden, dass an wesentlichen Stellen der Sicherheit genauso schlampig gearbeitet wurde.
Es ist quasi ein invertierter Grubenkanarienvogel – in diesem Fall schlecht, wenn er noch singt.

Auch an anderer Stelle sorgen AGB für ein gewisses Maß an Unterhaltung:
Gibt es doch mittlerweile die Facebook-AGB als Musical!
Da soll mir noch einer sagen, AGB seien zu nix nutze – sie können immer noch als schlechtes Beispiel für sinnlose Zeit- und Wortverschwendung dienen und jetzt auch noch für Musical-Freunde einen erquicklichen Zeitvertrieb bieten.

Diese, zumeist als Kritik an der bestehenden Gestaltungsweise von AGB, zu verstehenden Ausreißer im AGB-Gestrüpp bringen jedoch eines wieder deutlich zum Vorschein:
AGB sind eine Sicherung der Dienstanbieter gegenüber den Dienstnutzern.

Hier wird klar abgegrenzt, wer der Chef im Ring ist.
Von diesem Standpunkt aus gesehen auch eine berechtigte Vorgehensweise.
In meinem Haus gelten auch meine Regeln – nicht die meiner Gäste.
Der Unterschied besteht jedoch darin, dass ich im Gegensatz zu AGB-verseuchten Datensammlern meinen Gästen nicht sämtliche Rechte abspreche, so wie wir dies unter anderem bei Facebook sehen:

“Du gewährst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz für die Nutzung jedweder IP-Inhalte, die du auf bzw. im Zusammenhang mit Facebook postest (IP-Lizenz).”

Das ist ungefähr so, als würde ich von Besuchern meines Hauses verlangen, dass alles, was sie dabei haben, in meinen Besitz übergeht.
Eigentlich eine gute Idee – vielleicht sollte ich das einmal versuchen!
Kommt vorbei – und bringt euer Tafelsilber mit!

Also, was können wir tun?

Die AGB lesen - sorgfältig.

(Ja – ich höre euch. Und wieder sage ich: Was können wir tun.
Ich sage nicht, dass wir das *immer* tun.
Aber wir können.)

Regierungen – The Regulatory Sloth

Die Ausgestaltung von AGB ist ein Thema, welches wir schwerlich durch digitale Selbstverteidigung in den Griff bekommen.
An dieser Stelle benötigen wir die Unterstützung unserer Regierungen.
Allerdings – und an dieser Stelle rückt die Führerscheinstelle aus Zootropolis vor mein inneres Auge – sind Regierungen systemimmanent eher auf der geschwindigkeitsreduzierten Seite.

Es ist schlicht unmöglich, dass Regierungen jedem innovativen Luftzug eines Cyber-Cyber-Unternehmens folgen – auch wenn der Luftzug aus dieser Ecke derzeit eher einem mittelschweren Orkan gleicht.

Darüber hinaus haben Regierungen auch das Wohl der Unternehmen im Blick – und deren Lobbyisten im Nacken.
Und die sind deutlich zahlreicher als die Lobbyisten der Nutzerrechte.

Steppenroller – zirpende Grillen

Ne, ehrlich.
Regierungen tun etwas.
Für uns.
Die EU-DSGVO hilft dem Verbraucher und Träger von personenbezogenen Daten (ja, wir sind alle Datenträger).
Aber es dauert eben einfach sehr, sehr, sehr, sehr lange bis diese Maßnahmen wirken.
Und leider werden diese Zeiträume juristischen Vakuums von den Datensammlern genutzt.
Die beschäftigen schließlich Horden von Anwälten und ähnlichen Juristen (oder zumindest juristisch maschinenangelernte Algorithmen), um Lücken in den Gesetzestexten zu finden und juristische Klippen zu umschiffen.
Die Unternehmen sind nämlich schnell – hier fällt mir Hammy aus Over the Hedge als Sinnbild ein.
Also, was tun?

Widerstand ist…

Nein, Locutus, Widerstand ist niemals zwecklos!
Bei Widerstand geht es schon grundlegend darum, seinen Widerstand zu signalisieren.
Oder um es mit den Worten von President Thomas Whitmore zu sagen:

“We will not go quietly into the night!”

Es geht auch darum, zu zeigen, dass wir mit dieser Machtassymmetrie nicht einverstanden sind.
Es geht darum, unseren Standpunkt, unser Recht auf informationelle Selbstbestimmung zu verteidigen.
Erhöhen wir die Spannung – verstärken wir unseren Widerstand!

Was wir brauchen

Mehr Mut, mehr Initiative und zunächst:
verständlichere AGB.
Eine hilfreiche Idee wäre eine ikonografische Form von AGB.
Das würde zumindest helfen, die Regelungen der Nutzungsbedingungen schneller zu erfassen – ohne stundenlang trockene Texte zu lesen.
Dies löst jedoch noch nicht die Diskrepanz zwischen Akzeptieren und Nutzen gegenüber Ablehnen und Verzichten.
An dieser Stelle wäre eine Aufteilung einer großen, alles umfassenden AGB in diskrete Teile hilfreich.
Damit könnten – und müssten – technisch unabhängige Teile einer Plattform oder eines Dienstes auch juristisch voneinander getrennt werden.
Dadurch wäre klar, dass ich A nur zustimmen muss, wenn ich A auch wirklich zu nutzen gedenke.
Will ich nur B nutzen, muß ich mich nicht mit A beschäftigen (auch nicht hinsichtlich gewisser Rechte, die ich einem Dienst oder einer Plattform einräumen müsste).

Aber ach, ob derartiges überhaupt darstellbar und machbar ist?
Bestimmt; aber einfach wird’s nicht – möchte ich mal sagen!
Nun, wir müssen uns von einfach jetzt einfach mal verabschieden.
Was ist schon einfach?
Leben nicht, dessen bin ich mir sicher, aber lohnend!
So lohnend.

Also, sammelt euren Mut, Kämpfer für eine selbstverteidigte Privatsphäre.
Es gibt zu viel zu verlieren, um den Kopf in den Sand zu stecken.

“No retreat, baby, no surrender.”

Recht hast du, Bruce.

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Schwarze Datenlöcher

Heute betrachte ich den Zusammenhang zwischen Online-Konten und Datenhandel.
Mir kommt es mitunter so vor, als ob Daten, die wir online preisgeben – egal ob über uns selbst oder über andere – in einem schwarzen Loch verschwinden.

Nun da ich diese These schriftlich formuliert lese, offenbart sich der Mangel der Analogie:
Ein schwarzes Loch ist es nur für den Datenlieferanten.
Der Datensammler hingegen scheint nicht an die physikalischen Gesetze der Schwerkraft in einem schwarzen Loch gebunden zu sein – er kann nach Belieben über die gravitativ angezogenen Daten verfügen (wohlgemerkt, Datendiebe übrigens auch).

Das ist kein Mond!

Das tückische im Zusammenhang mit Online-Plattformen ist, dass wir weder sehen noch ahnen, welche Daten über uns gesammelt werden – und in welchem Umfang dies geschieht.

Vielleicht lernen wir zukünftig, ein für unsere Privatsphäre gesundes Misstrauen gegenüber diesen Diensten zu entwickeln – aber momentan haben wir derlei Fähigkeit noch nicht ausreichend ausgeprägt.
Es ist erschreckend, wie groß das Ausmaß der Datensammelgier in den virtuellen Welten ist, in denen wir uns bewegen.
Aktuell kann man das wieder bei der Dating-Plattform Tinder beobachten.
Hier hat der Anbieter nicht nur diejenigen Daten gehortet, welche der Nutzer bei Tinder offengelegt hat; Interessantes aus Profilen von Facebook oder Google+ wurde ebenfalls gesammelt und alles miteinander korelliert.
Und schon hat Tinder ein aussagekräftiges und umfassendes Profil über seine Nutzer zusammengestellt.

Uns sind oftmals die Möglichkeiten der Betreiber von Online-Portalen nicht bekannt und die daraus abzuleitenden Szenarien sind uns zumeist nicht bewusst. Häufig ist uns gar nicht klar, auf welche Datenquellen die Betreiber Zugriff haben (aus denen diese sich bedienen können, um ein umfangreiches Profil über uns zu erstellen).
Dies alles geschieht natürlich nur, um uns “besser kennenzulernen” oder um mit uns als Kunde “eine klarere Kundenbeziehung” aufbauen zu können.
Wie wir bei genauer Betrachtung dieser Gründe sehen, verdrehe ich die Fakten ganz unfair zu Ungunsten der Datenkraken – entschuldigung, wieder so ein snowdenscher Versprecher – der Innovatoren natürlich.
Aber was geschieht denn nun mit unseren Daten ?
Verdichten sie sich immer mehr im Schwerkraftfeld des informatorischen Schwarzen Lochs?
Oder nutzen die kundenfreundlichen Innovatoren diese verdichteten Daten vielleicht doch für dunkle Zwecke weiter?

Datenschürfen im schwarzen Loch

Wie kommt nun dieser Zusammenhang zwischen Online-Konten und Datenhandel zustande?
Schwarze Löcher dürfen wir uns nicht wie Staubsauger vorstellen.
Sie ziehen nicht aktiv Dinge wie Raumschiffe, kleinere und größere Planeten, Sterne und unvorsichtige Astronauten in ihr extremes Schwerkraftfeld.
Schwarze Löcher haben – ganz in Abhängigkeit ihrer Größe – immer nur die Masse ihrer Sonnen, aus denen sie entstanden sind.
Das reicht jetzt vom mikroskopisch kleinen Schwarzen Loch bis zum supermassereichen Schwarzen Loch im Zentrum einer Galaxie.

Das bedeutet, erst wenn unsere Daten den Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs – also quasi den Point of no Return – überschritten haben, erst dann werden sie unwiderbringlich von der Schwerkraft des Schwarzen Loches angezogen.
Und erst dann tragen diese Daten zur Zunahme der Masse dieses speziellen Schwarzen Datenloches bei.

Allerdings übertreten unsere Daten den Ereignishorizont bereits, sobald wir sie preisgeben.
Egal ob es sich um Daten handelt, die wir in einem Online-Formular eingeben.
Oder um Informationen, die wir auf sozialen Plattformen posten.
Oder ganz einfach um die Lokationsdaten, die unsere Smartphones übermitteln, wenn wir unterwegs sind.
Alle unsere Daten überqueren den Ereignishorizont und erhöhen somit die Masse des Schwarzen Datenlochs.

Schön wäre es, wenn unsere Daten wirklich in einem Schwarzen Datenloch verschwänden und eben dort unwiderbringlich festgehalten würden.
Leider ist dem nicht so.
Wenn ich Datenkraken mit Schwarzen Löchern gleichsetze und die Preisgabe unserer Daten mit dem Überschreiten des Ereignishorizonts vergleiche, dann beginnt meine Analogie stark zu hinken.
Denn der Weg in ein Schwarzes Loch ist unumkehrbar.
Aber ich gestatte mir an dieser Stelle die künstlerische Freiheit des Autoren.
Und um meiner Analogie gerecht zu werden, gebe ich den Datenkraken die technische Möglichkeit, Daten aus dem Schwarzen Datenloch zu schürfen.
Vielleicht stellen wir uns das ungefähr so vor, wie wir es von den Guardians of the Galaxy kennen – in der Minenkolonie von Knowhere.

Stellen wir uns weiter vor – und an dieser Stelle folgen wir wieder der physikalischen Theorie von Stephen Hawking – dass die Schwarzen Datenlöcher die in Ihnen gesammelten Informationen wieder freigeben, wenn sie das Zeitliche segnen.
Damit stehen die gesammelten Daten wieder zur Verfügung und können für die weitere Verarbeitung genutzt werden.

Worauf ich hinaus will ist folgendes:
Wir verlieren die Kontrolle über unsere Daten, sobald wir diese aus unserem Einflussbereich lassen.
Und das geschieht in dem Moment, in dem wir wissentlich oder unwissentlich Informationen erzeugen.

  • eine Kurznachricht versenden,
  • einen Post bei Facebook liken
  • oder uns einfach irgendwo mitsamt unseres Fitness-Trackers bewegen.

Datenkraken und -händler profitieren davon.
Diese können und werden auf unsere Daten zugreifen.
Sie werden sie schürfen, korellieren und weiter verkaufen.

Dunkle Datenmaterie

Dunkle Materie ist ein weiteres physikalisches Postulat, um das Universum und überhaupt alles darin (und wahrscheinlich darum herum auch) zu erklären.
Das Vertrackte an dunkler Materie ist, dass sie nicht direkt sichtbar ist – aber trotzdem rein rechnerisch vorhanden sein muss.
Das kommt mir verdächtig bekannt vor, wenn ich über unsere Daten nachdenke.
Die Auswirkungen der Daten, die wir erzeugen (und die über uns gesammelt werden) sind auch nicht direkt sichtbar – aber sie sind da.

Wir sollten im Auge behalten (und in unserem Bewusstsein), dass alles, was wir digital und speicherbar von uns geben, auch dauerhaft verfügbar ist – und im Zweifel gegen uns verwendet wird.
Auch wenn wir dies nicht direkt mitkriegen und die Auswirkungen nicht sofort sehen.
Genau wie Dunkle Materie im Universum überall um uns herum vorhanden ist, so sind auch Daten, die wir erzeugen und die uns betreffen, allgegenwärtig.
Beides nehmen wir nicht unmittelbar wahr, aber beides beeinflusst unser Leben.

Der Vorteil von Daten gegenüber Dunkler Materie ist jedoch, dass wir Einfluss darauf haben.

Wir haben es im Griff, welche und wie viele Daten wir in Umlauf bringen.

Und in dem Maße, in dem wir Daten einsparen, reduzieren wir auch den gravitativen Einfluss der Schwarzen Datenlöcher auf unsere digitale Identität.

Astrophysiker sind keine Raketenwissenschaftler

“Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.”

Ähnlich wie Goethes’ Faust geht es wohl nun auch dir, lieber Leser, nach diesem astrophysikalischen Ausflug.
Dir schwirrt der Kopf nun wie einst Sputnik um die Erde und du fragst – zu Recht! – was aber nun tue ich?
Bin ich doch kein Raketenwissenschaftler, Astrophysiker noch weniger!
Aber sei beruhigt – wir müssen weder das Eine noch das Andere sein, um unsere Privatsphäre vor dem gravitativen Zugriff der Schwarzen Datenlöcher zu bewahren.
Daher heute eine universelle Handreichung zum einfachen Datenschutz:

  • Drum prüfe, was ich ewig speichere:
    sei Datensparsam – sei dir bewusst, dass alles, was du digital von dir gibst, dauerhaft gespeichert wird
  • Don’t feed the Black Holes:
    nochmals – sei Datensparsam – je weniger du über dich preisgibst, desto besser für deine Privatsphäre
  • Datenwurmlöcher zwischen Schwarzen Datenlöchern sind dein Untergang:
    verknüpfe keine Online-Konten miteinander – halte deine digitalen Identitäten strikt getrennt
  • Setze nicht alles auf eine Weltraumkarte:
    Diversifiziere deine Online-Aktivitäten – dein Kurznachrichtendienst in dieser Galaxie, deine soziale Plattform in jener, dein E-Mail-Anbieter in einer anderen.

TL;DR

  • Houston, we have a Problem: Astrophysiker sind keine Raketenwissenschaftler
  • Wir sehen sie nicht und doch ist sie vorhanden: Dunkle Datenmaterie
  • Minenarbeiter im Himmlischen Wesen: Datenschürfen im schwarzen Loch
  • Genau so tückisch wie der Todesstern – Datenkraken: Das ist kein Mond!

Unsere datenkosmische Reise soll weder von datenhungrigen Schwarzen Löchern noch von konsumhungrigen Ferengiflotten oder imperialen Datenstürmern aufgehalten werden – daher lasst uns zu erfahrenen Datanauten werden und die immensen Vorteile einer modernen Datenzukunft lernen.
Sicher, datensparsam und informatorisch selbstbewusst.
Datenschilde hoch, Energie!

Potemkinsche Dörfer

Potemkinsches Dorf - Prof. Henner Herrmanns - BUGA 2011Was haben Online-Konten mit Potemkinschen Dörfern zu tun?

Betrachten wir doch hierzu zunächst, woher der Begriff des Potemkinschen Dorfes kommt:
Historisch nicht belegt – aber der Sache ihren Namen gebend – war Feldmarschall Grigori Alexandrowitsch Potjomkin.
Dieser soll für Zarin Katharina II. Schaudörfer errichtet haben, um die tatsächliche Beschaffenheit der Landschaft bei einem Besuch der Zarin zu verschleiern.
Denn hinter den theaterkulissenartigen Fassaden versteckte sich lediglich karges Brachland.
Auch heutzutage wird der Einsatz Potemkinscher Dörfer genutzt, um renovierungsbedürftigen Häusern einen oberflächlichen Glanz zu verleihen.

Meiner Ansicht nach erleben wir dieses Vorgehen mittlerweile auch beim Aufbau von Online-Plattformen, -Shops und anderen Formen virtueller Interaktionsmöglichkeiten.

Strahlend schön nach außen – und dahinter nur Brachland

Potemkinsches Dorf - entlarvt - Prof. Henner Herrmanns - BUGA 2011Mit der wundervoll prächtigen Fassade locken heute viele Online-Portale neue Kunden an.
Hier kommt mir Galadriel, die Herrin von Lothlorien in den Sinn:

“In the place of a Dark Lord you would have a Queen!
Not dark but beautiful and terrible as the Morn!
Treacherous as the Seas!
Stronger than the foundations of the Earth!
All shall love me and despair!”

Von außen betrachtet wirkt alles frisch, hip, sehr innovativ und ganz leicht.
Als interessierter Neubürger eines solchen Potemkinschen Dorfes erhalte ich allerdings von außen keinen Einblick in die Situation und Infrastruktur meines zukünftigen virtuellen Wohnsitzes.
Die Außensicht endet bei der glanzvollen Fassade.

Ich muss meine Entscheidung, dort ansässig zu werden, allein auf dem äußeren Anschein aufbauen.
Erst wenn ich gewillt bin, mich dort anzusiedeln – und bereits meine ersten Daten dem Feldmarschall dieses speziellen Potemkinschen Dorfes überlassen habe – erst dann erfahre ich, wie es um die tatsächliche Beschaffenheit der Online-Plattform abseits des Augenscheins bestellt ist.

Die echte Funktionalität und die tatsächliche Qualität eines Online-Angebots sehen wir leider erst, wenn wir bereits angemeldeter Nutzer des Dienstes sind. Die Bedienbarkeit beispielsweise; Wirklichkeitsabgleich gegen Werbeversprechen sozusagen.
Dann ist es allerdings schon zu spät – was die Sicherheit unserer Daten (und unsere Privatsphäre) angeht.

Diese negative Auswirkung können wir jedoch umgehen, indem wir uns für jedes Online-Angebot bei dem wir uns anmelden, eine eigene E-Mail-Adresse anlegen.

Denn die E-Mail-Adresse ist das am häufigsten genutzte Identifikationsmerkmal für Plattformen dieser Couleur.

Pfusch am Bau

Die ursprünglichen Potemkinschen Dörfern bestanden aus bemalten Theaterkulissen vor Brachland.

Ganz so krass sind die virtuellen Ausgaben dieser vorgespiegelten Realität meist nicht, steht man als Nutzer doch nicht vollkommen im Ödland.
Aber der Vergleich zur verpfuschten Bauruine liegt nahe.

Das fatale an dieser Situation ist, dass der durchschnittliche Nutzer einer solchen verpfuschten Online-Bauruine nicht feststellt – zumeist auch nicht feststellen kann – , dass er sich in einer Bauruine aufhält.
Erst nach und nach kommen die unschönen Tatsachen ans Licht.
Wenn ich in einer Bauruine wohne, kann ich das in aller Regel sofort festellen (auch wenn ich kein Handwerker bin).

  • Da sehe ich auf den ersten Blick, wenn Fliesen schlampig verlegt sind.
  • Ich erkenne auch ohne fachliche Ausbildung, wenn bei den Fugen gepfuscht wurde.

In einer virtuellen Bauruine ist das etwas problematischer.
Hier erkenne ich als Laie nicht, wenn eine untaugliche Technologie als Basis für ein solches digitales Potemkinsches Dorf genutzt wird.
Auch eine handwerklich mangelhafte Umsetzung grundsätzlich tauglicher Technologien bemerken wir als Nutzer nicht.
Online ist das Problem Pfusch am Bau anders gelagert als Offline.
In der virtuellen Welt treten die Probleme einer fehlerhaften oder schlampigen Implementierung nur sehr selten offensichtlich zu Tage.
Hier wirken sich diese viel stärker im Hintergrund (quasi unsichtbar) aus – für die Nutzer sind mögliche Folgen allerdings umso gravierender; beispielsweise durch unbeschränkte Zugriffsmöglichkeiten auf hinterlegte Nutzerdaten.

Der Schutz von Nutzer- bzw. Kundendaten wird häufig immer noch als Kostenfaktor (und nicht als Wettbewerbsvorteil) angesehen.

Es bedarf zusätzlichen Entwicklungs- und Pflegeaufwands, um eine Online-Plattform so zu gestalten, dass die Daten der Nutzer sicher aufbewahrt werden.
Leider kenne ich an dieser Stelle keine einfache und pragmatische Lösung für das Dilemma. Der durchschnittliche Nutzer ist zumeist nicht in der Lage, zu erkennen, ob er sich in einem von Online-Handwerkern nach allen Regeln der Kunst gebauten virtuellen Haus befindet oder ob es sich um eine von Hilfsarbeitern zusammengepfuschte Bauruine handelt.

Ich denke, es hilft, wenn wir uns selbst - oder andere - fragen, ob wir diesen Dienst benötigen.

Komm zu uns, wir haben Kekse!

Eine weitere Wirkung eines digitalen Potemkinschen Dorfes ist seine Anziehungskraft aufgrund seiner täuschenden Strahlkraft.

Hier werden Versprechungen postuliert, welche erst überprüft werden können, wenn wir den – oftmals – falschen Versprechungen erlegen sind.
Werbeversprechen sind stets – online wie offline – mit einem besonders kritischen Auge zu betrachten und zu hinterfragen.
Wenn sich dazu noch der Umstand gesellt, dass wir außer den Werbebotschaften nichts haben, um das Angebot zu prüfen, bevor wir uns zur Nutzung dieses Angebots verpflichten, dann grenzt ein derartiges Geschäftsgebaren meines Erachtens an unlauteren Wettbewerb.

Es zeigt sich auch an anderer Stelle das ungleiche Macht- und Informationsgefälle zwischen Diensteanbietern und -nutzern:
Wir Nutzer müssen dem Anbieter bereits bei der Anmeldung unsere Daten übergeben, erhalten dafür im Gegenzug jedoch lediglich einen ersten Einblick in Gestaltung und Umfang seines Angebots.
Ein schlechter Tausch, wie ich finde.

Für etwas derartig wertvolles wie meine Daten erwarte ich eine bessere Gegenleistung als nur einige überzogene Versprechungen und aufwändig gestaltete Grafiken.
Wir müssen unbedingt die Interessen des Diensteanbieters im Fokus behalten, wenn wir uns für einen Potemkinschen Anbieter entscheiden.

Es gibt nichts umsonst – ganz besonders im Internet gilt es, dies zu beachten.

Je aufwändiger die Theaterfassade des Potemkinschen Online-Dorfes gestaltet ist, desto höher wird der Preis, den wir als Nutzer dafür zahlen müssen.
Ganz besonderen Argwohn sollten wir hegen, wenn das Angebot als kostenlos angepriesen wird.

Genau dann kostet es uns besonders viel - nämlich unsere Daten, unsere Privatsphäre und letztlich unsere Freiheit.

Welcome to the Hotel California

Allzu oft zeigen sich Potemkinsche Plattformen als das Hotel California:

“You can checkout anytime you like but you can never leave.”

Damit schliesst sich der  Kreis zu meinem vorigen Artikel:
Wenn wir uns erst mal für einen Online-Dienst angemeldet haben, fehlt uns oft genug die Möglichkeit, diesen Dienst wieder zu verlassen.
Und selbst wenn wir uns abmelden – unsere Daten bleiben auf alle Fälle dort.
An dieser Stelle kommt mir ein Frühwerk der Ärzte ins Ohr:

“Du kannst gehen, aber deine Kopfhaut bleibt hier.”

Wir haben leider nie die Gewissheit, dass die Daten, die wir freiwillig preisgegeben haben – Harry Potter, ick hör dir trapsen:

“Flesh of the servant, willingly sacrificed, you will revive your master.”

– auch tatsächlich und unwiderbringlich gelöscht werden, wenn wir dies wünschen.

Alles, was wir online preisgeben, dient in erster Linie den Datenkraken – nicht uns.
Daher, überlegt euch wohl, was ihr preisgebt – schließlich wollen wir Lord Voldemort nicht zu neuer Macht verhelfen.

Gerade – und an dieser Stelle höre ich mich pessimistisch unken – Start-ups scheinen im epidemisch wuchernden Online-Markt nicht mit einem privatsphären-affinen Hintergrund gesegnet zu sein.
Ganz besonders, wenn es sich um Jungunternehmer neo-liberaler, transatlantischer Provenienz handelt.
Hier gilt der Datenschutz nur gerade so viel, dass er die Daten des Diensteanbieters, nicht jedoch die des Dienstenutzers schützt.

Darum nochmals meine dringende Exklamation:
Datensparsamkeit!

TL;DR

  • Außen hui – innen pfui: Strahlend schön nach außen – und dahinter nur Brachland
  • Handwerk hat goldenen Boden – IT nicht: Pfusch am Bau
  • Da hab ich mich wohl versprochen: Komm zu uns, wir haben Kekse!
  • It’s a Trap: Welcome to the Hotel California

Also, was machen wir mit den meta-virtuellen Potemkinschen Dörfern – denn virtuell sind Potemkinsche Dörfer ja ohnehin schon.

Kritisch sein.
Wachsam sein.
Weniges das glänzt ist tatsächlich Gold.

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Du kommst hier nicht raus!

Jetzt aber.
Ab heute erquicke ich euch, liebe Leser, mit einer neuen Artikelserie:
Online-Konten.

Haben wir alle.
Vielleicht ohne es zu wissen.
Vielleicht viel mehr als wir wirklich nutzen.
Und wahrscheinlich mehr als wir benötigen.
Es ist ja auch irrsinnig einfach und bequem, Bücher online zu bestellen.
Oder ein Auto zu mieten.
Eine Reise zu buchen.
Einige Dienste sind offline gar nicht verfügbar, aber das ist ein anderes Thema.

Mir geht es in dieser Artikelserie darum, die negativen Auswirkungen von Online-Konten auf unsere Privatsphäre und auf die Souveränität unserer Daten ins Bewusstsein zu rücken.
Daher betrachte ich in diesem Artikel gleich zu Beginn der Serie die Ausstiegsszenarien aus diesem selbstgewählten virtuellen Verwaltungswahnsinn.
Anschließend werfe ich einen dystopischen Blick auf Hintergründe, warum so viele Online-Dienste mit Kontoerstellungspflicht aus dem Boden schießen.
Im Anschluss schaue ich mir den Zusammenhang zwischen Online-Konten und Datenhandel an.
Abschließend richte ich mein skeptisches Auge auf die rechtliche Situation – und ob das die Anbieter dieser Dienste überhaupt tangiert.

Dann werfen wir uns jetzt in die wilde virtuelle Wirrnis der Online-Konten – anschnallen, Luft anhalten, es wird ein wilder Ritt.

Abmelden? Kannste knicken.

Bei vielen Diensten, so ist meine Erfahrung, reduziert sich das Abmeldeprozedere auf diese drei Worte.
Denn abmelden ist schlicht und ergreifend nicht vorgesehen.
Es geht uns bei diesen Diensten wie Mitch McDeere:
Wir können einsteigen und alles ist ganz großartig – wenn wir uns denn den Knebelverträgen der Dienstanbieter unterwerfen – aber wir können nicht mehr aussteigen.

Ein geschickter Schachzug der Profiteure der umgreifenden Digitalisierung unseres gesellschaftlichen Lebens.
Fast noch besser als das Vorgehen von Drogenhändlern.
Diese fixen neue Kunden auch mit Gratisproben an – aber hier hat man – so willens ist und gute Unterstützung erhält – die Möglichkeit wieder aufzuhören.
Wenn die Möglichkeit des Ausstiegs abgeschafft wird hat man jeden neuen Kunden dauerhaft an sich gebunden.
Hat ein bissel was von einem Teufelspakt – sollten wir mal bei Faust und Mephistopheles nachfragen, wie die das so sehen.

Nun, um euch einen Einblick in meine Erfahrungswelt zu geben und euch hoffentlich an der einen oder anderen Stellen dieselbe Erfahrung zu ersparen, schildere ich hier einige meiner Odyseen beim Kampf aus den Fängen diverser Online-Ungeheuer.
Denn eigene Erfahrung ist zwar die edelste Art zu lernen – aber auch die schmerzhafteste.
Nachahmung hingegen die einfachste.

  • eBay: Der Preis der Freiheit ist sehr hoch.
    Man sollte ja vermuten, dass ein Dienst, der schon so lange am Markt ist wie ebay, eine stabile Prozessstruktur etabliert hat.
    Und in der Tat, so ist es. Leider existiert jedoch kein Prozess, der einen abmeldewilligen (Noch-)Nutzer von ebay dabei unterstützt, auszusteigen.
    Weit gefehlt.
    Damit wir uns bei eBay abmelden können, fordert eBay die Preisgabe weiterer persönlicher Daten, die – und das ist mal ein Schlag ins Gesicht der informationellen Selbstbestimmung – an die Schufa übermittelt werden.
    Zur Prüfung.
    Dazu fällt mir wirklich nur ein:
    eBay, habt ihr noch alle Latten am Zaun?
    Mein Rat an Dich, lieber Leser, der du ebay verlassen willst:

    Lösche alle möglichen Daten über dich in deinem Profil.
    Gib möglichst kreativ unstimmige Daten an den Stellen an, die als Pflichtfelder markiert sind.
    Lege abschließend eine Burner-E-Mail-Adresse an und lass dieses nicht mehr zu nutzende eBay-Konto in Ruhe vor sich hin verwesen.

    Möge eBay in einem Sumpf aus nutzlosen Konten untergehen.
    Wer derart willkürlich die Datenhoheit seiner Kunden missachtet, der hat derartige Guerilla-Taktiken als Antwort verdient.
    Es ist grotesk, dass wir dazu gezwungen werden, mehr Daten über uns preiszugeben, um sicherzustellen, dass weniger Daten über uns im Umlauf sind.
    Aber es ist eben nicht das Ziel der Datenkraken, uns bei unserer Datenhygiene zu unterstützen.
    Möglicherweise ist dies jedoch auch ein Geschäftsmodell:
    Noch schnell Daten von einem abmeldewilligen Nutzer abgreifen, damit der zu datenhandelnde Umfang etwas größer und lukrativer wird.

  • eBay Kleinanzeigen: Wenn du gehen willst, dann bettle.
    eBay ist nicht gleich eBay.
    Das lernte ich bereits, als ich mich – fälschlicherweise – zunächst bei eBay angemeldet hatte.
    Wollte ich doch eine Kleinanzeige schalten – keine Auktion starten.
    Naja, kleiner Fehler meinerseits, kann ja mal passieren.
    Kann ich mich ja schnell wieder abmelden.
    Oh, ach, ich armer Tor – falsch gehofft.
    Doch zurück zu eBay Kleinanzeigen.
    Fehlanzeige, was die Anzeige von Abmeldeprozessen angeht.
    Hmm, sollten die doch eigentlich können, so als Kleinanzeigen-Portal?
    Nein, können sie nicht.
    Erst nach mehrmailiger Nachfrage beim Support wurde unwillig meinem Wunsch nach Abmeldung Folge geleistet.
    Auch für euch, eBay Kleinanzeigen:
    Schande über euch!
    Was für ein Armutszeugnis.
    Habt ihr so kleinliche Angst vor der Abwanderung eurer Kunden, dass ihr diese auf eine solch hinterlistige Art und Weise an euch binden müsst?
    Armselig.

Diese Art der kettenartigen Kundenbindung ist mir bei einigen Online-Diensten untergekommen:
mytaxi, LifeTrust, genialokal und andere sind weitere Negativbeispiele für diese Art der Kundenbindung.
Dabei – und das scheint diesen Anbietern nicht klar zu sein – verstoßen sie damit gegen §13 TMG, Absatz 4, Satz 1:

“Der Diensteanbieter hat durch technische und organisatorische Vorkehrungen sicherzustellen, dass
1. der Nutzer die Nutzung des Dienstes jederzeit beenden kann,”

Diese Beispiele haben mir ganz klar gezeigt, wie groß das Machtgefälle zwischen den Datenkraken auf der einen und den Nutzern dieser Dienste auf der anderen Seite ist.
Mir ist vollkommen klar, dass die Frustrationstoleranz der Nutzer komplett ausgereizt wird, wenn sie sich dauerhaft derartigen Beschränkungen, Bevormundungen gar, durch die Diensteanbieter ausgesetzt sehen.

Da ist es schlicht einfacher, aufzugeben und halt in Orwells Namen bei diesem Dienst zu bleiben.
Und wieder hat eine Datenkrake gewonnen.

Ich rufe euch zu, wechselwillige Leser, gebt nicht auf! 
Bleibt hartnäckig!
Ihr habt einen Anspruch auf eure informationelle Selbstbestimmung - und ihr habt das Recht auf eurer Seite!

Wir sollten uns dieses feudalherrschaftliche Vorgehen der Datenkraken nicht gefallen lassen.
Wir sollten diesen unmoralischen Datenhändlern, die sich wie autokratische Despoten aufführen, unseren Widerstand entgegenstellen.

Recht so!

Aber wir sind nicht hilflos – die Politik ist, man mag es kaum glauben, auf der Seite der Nutzer!
Mit der beschlossenen und im nächsten Jahr in Kraft tretenden europäischen Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) erhalten wir auch das Recht auf Löschung.
In Artikel 17 werden uns einige fundamentale Rechte zur informationellen Selbstbestimmung über unsere Daten zugesprochen.
Ich finde es zwar sehr unerfreulich, mit rechtlichen Schritten drohen zu müssen, um Forderungen durchzusetzen.
Aber bei derart eklatanten Verstößen gegen die Achtung unserer Privatsphäre halte ich diese Schritte für angemessen.
Wehren wir uns, es geht um unsere Freiheit.

Eine Idee – in den virtuellen Raum gestellt

Ja, so ist das eben, wenn man eine Idee in den Raum stellt.
Dann steht sie da.
Beansprucht Platz, steht einem möglicherweise im Weg rum.

Genau das soll diese Idee auch tun:

Wie wäre es denn mit einem Recht auf Obsoleszenz?

Mir geht es dabei auch um eine Art automatischer Obsoleszenz von ungenutzten Online-Konten.
Dies widerspricht allerdings meiner Kritik an Google hisichtlich ihres aktuellen Vorgehens beim Backup im Online-Speicher Google Drive.
Dort werden bereits  nach sehr kurzer Zeit (nämlich nach zwei Wochen Inaktivität des zugehörigen Google-Kontos) Backups gelöscht.
Meine Idee einer automatischen Löschung von Online-Konten muss an dieser Stelle zunächst eine mehrstufige Interaktion mit dem Kontoinhaber voraussetzen.
Aber, so meine Hoffnung, diese würde uns als Nutzer bei unserer Datenhygiene deutlich helfen.
Marktwirtschaftlich gesehen haben Datenkraken kein Interesse an einem solchen Vorgehen, denn dadurch würde ihnen ja – ganz automatisch – ein Teil ihrer Geld- äh, Datenquellen wegbrechen.
Und das wär ja blöd.

Gimme hope, Manufakturist!

Was können wir konkret tun, wenn wir einen Online-Dienst verlassen wollen – damit will ich heute enden.
Meine erste Empfehlung lautet:

  • Suchen, suchen, suchen!
    Nicht aufgeben.
    Trotz meiner unkenrufartigen Negativbeispiele finden wir doch bei vielen Diensten Hinweise darauf, wie wir uns von diesem auf Wunsch auch wieder abmelden können.
    Zugegebenermaßen oft sehr gut versteckt.
    Aber irgendwo – in den Untiefen im dritten Kellergeschoß, hinter der verschlossenen Tür, in dem Raum, in dem der Lichtschalter schon seit drei Jahren defekt ist.
    Dort – in dem Aktenschrank, der hinter einem Berg rostiger Fahrräder und Tonbandgeräte versteckt ist, dort finden wir eine kurze Anleitung (und einen Link) wie wir uns abmelden können.

Wenn wir nichts finden:

  • Löschung fordern.
    Schreibt eine Mail an den Support.
    Dann schreibt noch eine Mail.
    Droht, jammert, heult, knirscht mit den Zähnen.
    Pestet die Anbieter so lange, bis sie euch ziehen lassen.
    Ihr werdet gewinnen – denn es ist euer Recht, es sind eure Daten.

Was immer hilft:

  • Selbstauskunft fordern.
    §19 BDSG und §34 BDSG gewähren uns das Recht und den Dienstanbietern die Pflicht zur Auskunft über unsere Daten.
    Tut dies, es ist nicht nur sehr erkenntnisreich, was Datenkraken so über uns speichern.
    Sondern es generiert auch Mehraufwand bei den Datenkraken; und damit können wir das Machtgefälle zwischen Datenkraken und uns Nutzern ein wenig nivellieren.

Keine Online-Konten zu haben heißt nicht Totalverzicht:

  • Bestellt per Vorkasse
    Damit umgehen wir die Notwendigkeit eines weiteren Online-Kontos.
    Eine Möglichkeit, der Abmelde-Odysee komplett zu entgehen, ist es, keine Online-Konten anzulegen.
    Das funktioniert bei Online-Shops.
    Wenn wir Vorkasse als Zahlungsweg wählen, müssen wir keine weiteren Daten über uns preisgeben. Zumindest keine, die nicht für den Versand, die Lieferung und Zustellung der Ware notwendig sind.
    Datensparsamkeit ganz praktisch.

Den Kriegshammer auspacken:

  • Beschwerde beim Datenschutzbeauftragen einlegen.
    Das hilft vielleicht nicht Dir direkt – aber es ist eine Maßnahme, um die übrigen Nutzer eines solchen unkooperativen Dienstes zu unterstützen.

TL;DR

  • Eene, meene, Mift – raus bist du noch lange nicht: Abmelden? Kannste knicken.
  • Die Politik stärkt uns den Rücken: Recht so!
  • I have a Dream: Eine Idee – in den virtuellen Raum gestellt
  • Ans Werk, Leser: Gimme hope, Manufakturist!

Betreibt Datenhygiene, auch wenn es nervt und schwierig ist, aber es schützt eure Privatsphäre!

Fragen? Anmerkungen?

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