Category Archives: Digitaler Ungehorsam

NFC – Taschendiebstahl digital

TL;DR

  • ARD, BRD, CSU, NFC – oje, oje: Drei Buchstaben für mehr Bequemlichkeit
  • So nah, so schlecht: Und was habe ich davon?
  • No use, no danger? – Was kann denn schon passieren?
  • Das bisschen Digitalgeld: Wo Nahfeld sonst noch drin ist
  • Wir haben die Macht: NFC-Karten dumm machen

Drei Buchstaben für mehr Bequemlichkeit – NFC

Und wieder eine neue Drei-Buchstaben-Kombination, die unser Leben erleichtern soll.
Und wieder ein Moment, an dem sich mir die Nackenhaare sträuben.
Das geschieht (fast) immer dann, wenn mehr Bequemlichlichkeit angepriesen wird.
Mehr Bequemlichkeit geht stets mit einer Einbuße an anderer Stelle einher.
Im Falle von NFC ist das eine Einbuße im Bereich Datensicherheit und Privatsphäre.
Aber sehen wir uns zunächst an, wofür NFC steht.
Near Field Communication, also Nahfeldkommunikation.
Nahfeld bedeutet wirklich nah – also Entfernungen von wenigen Zentimetern, etwa im Bereich von 5 – 10 cm, maximal 20 cm.
Eingesetzt wird diese Form kontaktloser Datenübertragung im Bereich von Schließsystemen, Zugangskontrollen, Paßkontrollen und mittlerweile auch bei der Bezahlung.
Und weil es so furchtbar bequem ist – wir müssen jetzt keine Karte, keinen Stift oder irgendeine andere Form von Datenträger mehr in ein Lesegerät stecken – wird diese Technologie aktuell von der Finanzbranche als der neueste heiße Scheiß gehyped.
Seufz.

Grundsätzlich halte ich es für ein gutes Vorgehen, wenn man Ideen, die mit brachialer Marketing-Macht unters Volk gekippt werden, zunächst sehr kritisch gegenüber steht.
So wie dem plötzlichen Auftauchen von glutenfreien Lebensmitteln, veganem Analogkäse und Self-Checkout- bzw. Self-Checkin-Terminals.

Funktionierende Konzepte brauchen schlicht Zeit, um sich durchzusetzen und ihre Tauglichkeit unter Beweis zu stellen.
Die Lungenatmung bei Landlebewesen hat sich auch nicht über Nacht durchgesetzt und die Erde hat auch knapp 2,3 Milliarden Jahre Abkühlzeit gebraucht, um halbwegs bewohnbar zu werden.
(Dafür braucht die Menschheit keine halbe Generation, um den Planeten zurück in den Zustand “reif für die Verschrottung” zurückzusetzen.)

Und was habe ich davon?

Schauen wir uns doch zunächst an, welche Vorteile diese uns ach-so-nahe Technologie bescheren kann.
Schweigen im Walde

Oh, Verzeihung, ich habe nach sinnvollen Vorteilen Ausschau gehalten.
Setze ich doch kurz meine rosarote Brille der Bequemlichkeit auf und schnüffle schnell mal am Klebstoff der Marketingversprechen.
Dann sehe ich natürlich Unmengen an gesparter Zeit, die ich nicht mehr in langen Schlangen an Supermarktkassen verbringen muss, weil mir ja jetzt einfach im Vorbeilaufen in meine digitale Geldbörse gegriffen wird.
(Ich fühle schon die Kälte der Grauen Herren um mich herum aufziehen.)

Da spüre ich den Wind der Innovation, der mir um die mit Innovationskoks gepuderte Nase weht, während ich meine eigene NFC-gesteuerte Grenzkontrolle durchlaufe.
(Stand von euch schon mal jemand in dieser elenden Self-Checkin-Border-Control-Schlange in Heathrow? – Da gehts auch nicht schneller voran, als wenn ein echter Mensch mein gesamtes Gepäck händisch auf Drogen, Bomben oder Sex-Pistols-CDs durchsucht.)

Da öffnet sich wie von elektronischer Zauberhand gesteuert meine Bürotür, wenn ich nur glücklich mit meinem Mitarbeiterausweis wie mit einem Zauberstab vor dem Lesegerät wedle.
(Alohomora.)

Schnell wieder die rosarote Brille abgesetzt.
Gut, ich bin Technologie-Pessimist.
Eine Kassandra der Privatsphäre.
Ein einsamer Warner im Wald der wahnwitzigen Entwicklungen.

Genau darum lautet mein Fazit:
Da ist kein sinnvoller Anwendungsfall sichtbar.
Weder nah noch fern.

Wo ist bitteschön der Vorteil, wenn ich meine Geldkarte nur in die Nähe des Bezahlterminals halte, anstatt es einfach in das Terminal zu stecken?
Zumal es zumeist dasselbe Terminal ist.
Nun ja, für zittrige Hände womöglich.
Wer weiß, was dieses Terminal aus meinen dreiundzwanzig weiteren NFC-fähigen Karten ausliest, die auch noch in meinem Geldbeutel stecken, den ich so bereitweilig dem Bezahlterminal als Opfergabe zu Füßen lege?
Von welcher meiner dreiundzwanzig NFC-fähigen Karten bucht das Terminal denn gerade meine Packung Kaugummis und die Schachtel Zigaretten ab?
Oder vielleicht doch gleich von allen?

Wo bitte ist mein Vorteil, wenn ich meine NFC-fähige Geldkarte aus meiner Gedlbörse ziehe und dem freundlichen Kassenpersonal übergebe?
Da ist es mir doch vollkommen schnuppe, ob diese die Karte einfach über das Terminal wedeln (Alohomora!) oder in den sowieso vorhandenen Schacht schieben.

Wo ist mein Vorteil, wenn ich mich an der Grenzkontrolle vor eine Kamera stelle, ausgeleuchtet werde wie ein Model beim Fotoshooting und gleichzeitig meinen Reisepass auf einen Scanner lege ?
Verglichen mit der Möglichkeit, einem echten Menschen meinen Reisepass zu geben, diesem schüchtern (oder mit festem Blick – je nachdem wie stabil unser Gewissen ist) in die Augen zu schauen und darauf warte, einreisen zu dürfen.
Oder eventuell niedergeknüppelt, festgenommen und mit dem nächsten Flug zurückgeschickt werde.

Ist es nicht ein viel handfesteres Gefühl von Tätigkeit, einen Schlüssel ins Schloß zu stecken und beim aufschließen wirklich zu merken, wie hier mechanisch Zutritt gewährt wird?

Ehrlich, hier ist kein Blumentopf für diese Technologie zu gewinnen.
Weder zeitlich noch sicherheitsseitig, und auch nicht vom zu treibenden Aufwand her.

Was kann denn schon passieren?

Die haben gesagt, es sei sicher.
Die haben beschworen, da kann gar nichts passieren.
Dieses marketing-technische Beschwichtigungs-Blabla kennen wir zur genüge von jeder Technologie oder sonstigen politisch gepushten Idee.

“Die Renten sind sicher.”
“Der will nur spielen.”
“Spinat enthält viel Eisen.”

In diese Bresche schlagen auch die Anbieter von NFC-Bezahldiensten – wie etwa die Sparkassen.
Dort heißt es:

“NFC gilt – unter anderem wegen der kurzen Reichweite des Signals – als sehr sicher.”

Nun ja, sehr sicher ist sehr relativ.
Es reicht bei NFC eben aus, wenn mir ein Dieb nahe kommt, um meine digitale Geldbörse auszurauben.
Mir muss dabei physisch nichts geraubt werden – meine Geldbörse etwa – um mir finanziellen Schaden zuzufügen.
Es genügt bereits, wenn der Dieb in meine Nähe kommt – so ungefähr in 10 – 20 cm Entfernung.
Und diese Abstände reichen Taschendieben allemal aus – die kommen mir sogar deutlich näher.

Außerdem geht es beim digitalen Taschendiebstahl nicht nur um mein elektronisches Kleingeld – wir sprechen hier wie bei der Geldkarte über Beträge bis 25€ – sondern wir gefährden damit auch unsere digitale Identität.
Denn ein digitaler Nahfelddieb erfährt aus unserer elektronischen Geldbörse im Zweifel auch einiges über unser Konsum- und Bewegungsprofil.
Es werden hier schließlich auch weitere Daten über unser bisheriges Kaufverhalten gespeichert.
Und wird uns die NFC-fähige Karte physisch gestohlen – so kann der Dieb bis zur Sperrung der Karte über den digitalen Geldbestand verfügen.

Wo Nahfeld sonst noch drin ist

NFC ist eine dieser nahezu ubiquitären Technologien wie wir sie heuer in unterschiedlichen Bereichen erleben.
Der Einsatz von kontaktlosem Bezahlen tritt unter anderem mittlerweile auch in weiteren Bezahl(k)arten auf.
So nutzen inzwischen auch Kreditkarten diese kontaktscheue Form des Geldtransfers.
Mit den gleichen, schwachen Sicherheitsmerkmalen wie die anderen NFC-befähigten Geldkarten:
Wer in die Sendereichweite einer NFC-Karte kommt, kann deren Bezahlwilligkeit ausnutzen.

Ohne PIN.
Ohne Unterschrift.
Hit and run quasi.
Nur eben ohne das hit, weil ist ja kontaktlos.

Reisepässe.
Damit wir ganz kontaktlos und dennoch vollständig überwacht einreisen können.
Nun, da frage ich mich, wer meine Daten sonst noch auslesen kann.
Es ist bei Technologien ja nicht etwa so, als wären diese nur den berechtigten staatlichen Stellen zugänglich.
Man soll ja schon davon gehört haben, dass unberechtigte, möglicherweise mit krimineller Energie gesegnete Zeitgenossen sich dieser Technologie bemächtigen / bedienen.

Nein! Doch!! Ohh!!!

Also – mir fehlt an dieser Stelle die kriminelle Fantasie, um mir auszumalen, was jemand mit den Daten meines Reisepasses anfangen will – aber ich bin mir sicher, dass ich nicht will, dass jemand über meine Daten verfügt.
Über meinen Fingerabdruck zum Beispiel.

NFC-Karten dumm machen

Doch – zum Glück – können wir uns selbst verteidigen!
Wir können uns informieren, aufbegehren – und im NFC-Fall sogar auf einfache Weise etwas gegen diese Nahfeldbevormundung unternehmen!

Abschalten!

Da alle neu ausgegebenen Geldkarten mit NFC-Funktionalität ausgestattet sind und dieses auch standardmäßig aktiviert ist, sollten wir hier direkt handeln.
Das Vorgehen der Banken zeigt ebenfalls, dass diese die Bequemlichkeit der Kunden der Privatsphäre der Kunden vorziehen.
Es sind ja nicht die Bankdaten, die riskiert werden, sondern nur die Privatsphäre der Kunden.
Ganz schlechter Schritt, liebe Banken.
Vorbildhaft wäre hier der Privacy by Design Ansatz, der davon ausgeht, dass neue Funktionalitäten, die die Gefahr der Einschränkung der Privatsphäre mit sich bringen, standardmäßig deaktiviert sind und nur im Fall einer informierten und gewünschten Nutzung des Dienstes aktiviert werden.
Wir sehen hier wieder, dass die negative Vorgehensweise des Opt-Out einem positiven Opt-In vorgezogen wird.
Aber zurück zu unseren Möglichkeiten:
Wir können die NFC-Funktionalität deaktivieren.
Die Banken haben diese Möglichkeit alle umgesetzt – leider unterschiedlich kundenfreundlich.

Volksbanken gehen an dieser Stelle wesentlich kundenfreundlicher und zeitgemäßer vor.
Hier kann der Bankkunde die NFC-Funktionalität selbsständig an einem Bankautomaten deaktivieren und bei Wunsch auch wieder aktivieren.

Die Sparkassen gehen hier einen deutlich beratungsintensiveren Weg.
Der privatsphären-affine Kunde muss hier die NFC-Funktionalität seiner Bankkarte durch einen Mitarbeiter der Bank deaktivieren lassen.
Naja.
Aber immerhin: es geht!

Und ich rate dringend dazu, diesen Schritt zu gehen und NFC auf allen Bankkarten zu deaktivieren.

Aluhut für die Karten

Eine weitere, noch einfachere und in meine Augen daher noch viel charmantere Lösung ist der Einsatz einer Schutzhülle aus einem Material, welche den NFC-Chip abschirmt.
Quasi ein Aluhut für die Geldkarte.
Inzwischen gibt es neben speziellen Kartenetuis auch Geldbörsen, in die abschirmendes Material eingewebt ist.

Reisepass, gut durch

Ein Reisepass ist ein gültiger Reisepass – auch ohne intakten NFC-Chip.
Der Chaos Computer Club (CCC) hat einem kurzen Video anschaulich gezeigt, wie der privatsphären-affine Reisende seine informationelle Selbstbestimmung selbstverteidigen kann.
Wenn der Reisepass ausversehen (hust) auf das Induktionsfeld in der Küche fällt, reicht der Puls des Kochfeldes aus, um den NFC-Chip zu deaktivieren.
Anschließend haben wir weiterhin einen gültigen Reisepass und unsere Daten wieder besser im Griff.
Das Einzige, was uns jetzt entgeht, ist der Spaß des Self-Checkins bei der nächsten Auslandsreise.
Oder ein anregendes Gespräch mit Grenzbeamten, sollten wir dies dennoch versuchen.

Wie weit will ich gehen?

Zum Abschluss meiner Off-the-Grid-Reihe beschäftige ich mich heute mit dem – mehr oder minder hypothetischen – Gedanken “Wie weit will ich gehen?“.

Anders gefragt, wie weit Off-the-Grid will ich stehen – und ist dies in unserer Gesellschaft überhaupt möglich. Oder muss ich mir dann irgendwo in Zentral-Kanada eine Blockhütte bauen? (ach, Zentral-Kanada geht ja auch nicht – die sind ja eines der Five Eyes)

Also gut – theoretisiere ich mal los.

Leben ohne SIM?

Diese Überschrift übernehme ich ganz frech von Michael Schommer und Thomas Renger von No-Spy, wo ich auf der letzten No-Spy-Konferenz einen anstiftenden Vortrag mit genau diesem Thema gehört habe.
Danke nochmals dafür!
Ja geht es denn in unserer durchgetakteten und vollvernetzten Gesellschaft überhaupt noch ohne SIM?
Ja – es geht.
Ich praktiziere dies jedes Wochenende und es geht prima!
Wie Michael und Thomas in ihrem Vortrag gezeigt haben, geht es auch ganz gut anderntags.
Moderne Smartphones lassen sich ohne SIM betreiben.
Es setzt ein bisschen mehr Planung voraus – wo ist die nächste Freifunk-Zelle, an der ich mich über ein offenes WLAN verbinden kann – aber es geht.
Nun, damit entgehen wir – ein wenig – der Vorratsdatenspeicherung und der Funkzellenauswertung.
Ist ja schon mal was.
Aber wie geht’s weiter?

Pecunia non olet – Geld stinkt nicht

Da hat er immer noch recht, der Kaiser Vespasian.
Nutzen wir doch wieder Bargeld, dann entgehen wir den Überwachungen der Finanztransaktionen.
Die NSA, ich erwähnte es bereits, überwacht weltweit Finanztransaktionen.
Nicht nur Kreditkarten-Transaktionen, die weitgehend über die USA abgewickelt werden, sondern auch Banken und deren internationalen Zahlungsverkehr.
Also fallen wohl weitgehend elektronische Bankgeschäfte weg.
Naja, hoffen wir auf Bitcoin.
Oder wir gehen zurück zum Naturaltausch.
Ist dann sowieso einfacher in unserer Blockhütte auf Island.

Jeder ist ein Star

Könnte man meinen, wenn man durch deutsche Innenstädte geht.
Zumindest dann, wenn man sich, sobald man vor einer Kamera steht, als Star bezeichnet.
Die Kameraüberwachung von staatlicher und auch privater Seite nimmt bei uns konstant zu.
So können wir uns den Stand der Dinge schön vor Augen führen (es geht ja schließlich um Videoüberwachung ;) ), wenn wir uns das Projekt Surveillance under Surveillance anschauen.
Hier werden schön übersichtlich (auf einer auf OpenStreetMap basierenden Karte) die Standorte und weitere Detailinformationen von Überwachungskameras veranschaulicht.
Aber was tun dagegen?
Wir können uns ja schlecht gar nicht mehr auf die Straße wagen (geht ja schon nicht, weil wir ja auch keine Datenspuren im Internet durch ständige Online-Bestellungen hinterlassen wollen…ach, Dilemma…).
In der fantastischen Austellung Global Censorship And Control im ZKM in Karlsruhe waren einige Ideen zu diesem Thema gesammelt.
Hilfreich ist da möglicherweise die Facial Weaponization von Zach Blas.

Smarten down your life

Der zunehmenden versmartung unseres Lebens können wir dann auch keine Folge leisten wenn wir uns unter dem Radar halten wollen.

  • Smartphones tracken uns dank WLAN, Bluetooth und GPS.
  • Smart-TVs überwachen uns durch eingebaute Kameras und Mikrofone, die stets dienstwillig unser Leben ausspähen und belauschen.
  • Smartmeter kontrollieren unseren Stromverbrauch und geben ein wunderbares Profil ab, wann wir außer Haus sind – also quasi der Einbruchsmöglichkeitsmelder im eigenen Haus.
  • Smarte Heizungssteuerungen und Rauchmelder registrieren unsere sexuelle Aktivität – nicht nur im Schlafzimmer ;)
  • Smarte Matratzen kontrollieren unseren Schlaf – oder doch eher unseren Partner, wenn wir diesem nicht vertrauen?
  • Smarte Türschlösser sollen unser Heim schützen – oder doch eher dem technisch versierten Einbrecher dienlich sein?
    Denn so schlecht wie die Technik geschützt ist, kann man auch gleich den Schlüssel auf der Fußmatte liegen lassen…

Daher meine Empfehlung:
smarten down your life to smarten up your life quality.

Verkehrte Welt

Autos sind das nächste Mittel der Überwachung.
Mal abgesehen davon, dass mittlerweile schon jeder dritte Kleinwagen mit einem GPS-basierten Navigationssystem ausgestattet ist, kommen noch ganz neue Möglichkeiten der Überwachung und Bewegungsprofil-Erstellung auf uns zu.

War das cool, als wir uns mit einer Landkarte in der (Beifahrer-)Hand (und ganz ohne GPS-gesteuerte Routenempfehlung) verfahren haben und durch Umwege unsere Lebenserfahrung bereichert haben – gänzlich ungesteuert und unbeobachtet.
Zukünftig werden wir in unserer automobilen Freiheit noch weiter eingeschränkt.
Dank des von der Europäischen Union geplanten und ab 31. März 2018 in allen Neufahrzeugen verpflichtend eingebauten Notrufsystems eCall werden wir alle noch ein wenig mehr in unserer informationellen Selbstbestimmung eingeschränkt.

Ja, das System wird sicherlich Leben retten, weil Rettungskräfte schneller am Unfallort sein können.
Aber dies ist keine Begründung für eine individualverkehrstechnische Vollüberwachung.

Ich finde, wir haben das Recht darauf unüberwacht am Verkehrsgeschehen teilzunehem.
Es ist einfach ein krasser Eingriff in die Selbstbestimmung meines Lebens – was meine informationelle Selbstbestimmung mit einschließt.
Immerhin gibt es dafür ja noch eine Lösung:
Holen wir uns halt einen Gebrauchtwagen, der noch nicht mit eCall ausgestattet ist.
Sind ja eh viel schöner, diese alten Autos.

Das Ende?

Keines Falls!
Einen Vollausstieg kriegen wir in unserer Gesellschaft nicht hin – es sei denn, wir ziehen in unsere Blockhütte auf Island.
Aber ich glaube auch nicht, dass wir das müssen.
Die Möglichkeiten, die uns die technische Entwicklungen im Bereich Digitalisierung liefern, sind durchaus positiv – wenn wir diese kritisch begleiten.
Wir dürfen uns nur nicht von den Versprechungen der technischen Bequemlichkeiten einlullen lassen und darüber unsere Freiheit und unsere Privatsphäre opfern.
Bleiben wir wachsam.

TL;DR

  • Du SIMpel trackst mich nicht: Leben ohne SIM?
  • Nur Bares ist Wahres: Pecunia non olet
  • Die (Kamera-)Augen der Welt sind auf dich gerichtet: Jeder ist ein Star
  • Klug ist, wer selber denkt: Smarten down your life
  • Automobile Überwachung: Verkehrte Welt
  • Ab auf die Insel: Das Ende?

Und jetzt?
Kopf hoch – jetzt wissen wir, was wir tun können.
Also tun wir was!

Wir überwachen dich – weil wir doch nur dein Bestes wollen!

Nachdem ich in der letzten Woche meine Sichtweise auf staatliche Überwachung dargestellt habe, widme ich mich heute der Überwachung mit kommerziellem Hintergrund.

In diesem Überwachungsspiel geht es unseren Mitspielern nicht um unsere Sicherheit, sondern einzig und allein um unser Bestes – unsere Daten.
In dieser Spielrunde ist es nicht das Ziel, dass wir unsere Daten behalten oder gar selbst darüber bestimmen, was mit unseren Daten geschieht.
Nein, hier geht es darum, wie unsere Mitspieler an so viele unserer Daten wie möglich herankommen – möglichst ohne, dass wir das merken.

Denn auch hier gilt:
Wissen ist Macht.
Und – um Francis Bacon noch ein wenig mehr zu strapazieren – ich bin der Ansicht, dass Wissen, welches ich habe, und von dem der Datenlieferant nicht weiß, dass ich es habe, ist sogar noch mehr Macht.
Aber das klingt jetzt nicht ganz so griffig wie die prägnante Formel des britischen Philosophen.

Unternehmen Datenabzug

Was nach einer militärischen Operation klingt ist das inzwischen täglich mehrfach praktizierte und gut etablierte anwanzen von kommerziellen Unternehmen, um an unsere Daten zu kommen.
Sei es die einschläfernd langweilige Frage “Haben Sie Payback?” (wobei schon allein die fragwürdige Frageform die schiere Begeisterung der Fragenden zu diesem Thema zum Ausdruck bringt) oder die inflationär eingesetzten “Pflichtfelder” eines Anfragsformulars bei der Registrierung zum nächsten sinnlosen Dienstanbieter.

Das Ziel ist überall das gleiche: Sie wollen unsere Daten.
Sie wollen so viele wie möglich – alle, die sie kriegen können.
Sie wollen alle, die wir – mehr oder wenig – freiwillig rausrücken.
Sie nutzen dazu alle Mittel, die ihnen einfallen:

  • einschmeicheln
  • Wichtigkeit vorgaukeln
  • drohen
  • betteln

Eines haben diese Mittelchen allerdings gemeinsam:
Sie sind armselig.

Und wie einen Fixer, der uns um seinen nächsten Schuss anbettelt, so sollten wir auf die Anbiederungen der Datenkraken reagieren:
Ablehnen.
Wir sollten Mitleid mit den Datenfixern haben.
Wir sollten ihnen helfen – indem wir ihnen den nächsten Schuss verweigern.

Damit wir schneller finden, was wir gar nicht gesucht haben

Targeted Advertising – klingt für mich ein wenig so, als sei ich jetzt auf der Abschussliste für Gefährder gelandet – ist aber nicht ganz so schlimm (oder schlimmer, denn Targeted Advertising überlebe ich und ruiniere mir dadurch jedoch meine Finanzreserven).
Zielgerichtete Werbung, das ist eines der Dinge, welches kommerz-orientierte Unternehmen mit meinen Daten anfangen wollen.
Sie wollen mich besser kennenlernen, damit sie mir zukünftig die Dinge andrehen können, die ich schon immer nicht haben wollte.
Also ist werbetechnisch eigentlich alles wie bisher auch, nur mit einem Touch mehr “aber wir wissen doch, wie du tickst”.

Ob die Wirksamkeit dieser Targeted Advertising Idee tatsächlich so hoch ist, wie die Marketing-Abteilungen der diversen Internet-Giganten ihren Kunden und sich selbst glauben machen wollen, ist noch nicht bewiesen.
Ich zumindest habe seitenweise “wissenschaftliche Belege” dafür gefunden, dass es regelrecht die bisherigen Werbeformen – von Plakatwerbung über Radiowerbung bis hin zum klassischen TV-Spot – als eine Obsoleszenz des vorigen Jahrtausends darstellt.
Allerdings frage ich mich dann, warum wir eben diese Werbeformen immer noch überall sehen.

Nein, das wirklich perfide und störende an zielgerichteter, also auf uns vermeintlich zugeschnittener Werbung ist, dass sie den Eindruck vermittelt, uns persönlich anzusprechen.
Und darauf fahren wir als Menschen halt echt ab.
Das das Zeug dahinter der gleiche Müll ist, den wir noch nie brauchten – eben wie bei der klassischen Werbung – ist zweitrangig.

Eine weitere Ärgerlichkeit – und hier schlägt mir die Handlungsweise dieser Datensammelterroristen so richtig auf mein privatsphären-affines Gemüt – ist die Tatsache, dass ich durch diese verdammte Targeted Advertising-Rotze überall mittels Tracking verfolgt werde, damit ich eben noch besser persönlich angesprochen werden kann.
Denn wenn die Datenhorter noch mehr darüber wissen, wo ich mich rumtreibe, dann können sie noch besser den Eindruck von persönlich auf mich zugeschnittener Werbung vermitteln.

Wenn du aus diesem Fenster gesprungen bist,

…dann legst du dich auch hinter diesen Zug.
Ungefähr so sinnvoll sind die “Empfehlungen”, mit denen uns Amazon und ähnlich anbiedernde Händler zum Einkauf noch einer dritten Waschmaschine bringen wollen.
Wo bitte liegt denn der Sinn, mir dann, wenn ich gerade eine Waschmaschine gekauft habe, noch fünf andere Waschmaschinen anzubieten?

Dieses Beispiel aus dem wa(h)ren Leben (ok, es war ein Kühlschrank und keine Waschmaschine) zeigt, wie sinnlos das Empfehlungsverfahren aufgrund von Tracking überhaupt ist.
Eine moderne Waschmaschine (und hier bringe ich wieder das bereits verwendete, wundervolle Wort Obsoleszenz ins Spiel) hat eine Lebenserwartung von rund zehn Jahren.
Warum um Himmels Willen, will man mir, kurz nachdem ich meine Waschmaschine gekauft habe, gleich noch eine andrehen?
Das ist vollkommen hirnrissig und lässt mich rat- aber nicht hilflos dastehen.

  1. Damit man mir keine blöden Vorschläge aufgrund meiner bisherigen Suchen machen kann, lösche ich jedes mal die Cookies in meinem Browser.
  2. Ich gehe ich ein lokales Fachgeschäft meines Vertrauens, lasse mich kompetent beraten und kaufe meine Waschmaschine dort.

Don Johnston gefällt rosa Briefpapier

…Vielleicht willst auch du eine rosa Schreibmaschine kaufen.
In welcher Welt leben die Online-Händler überhaupt, wenn sie davon ausgehen, dass ich mich für ein Produkt entscheide, bloß weil der eine (oder auch 10.345 andere virtuelle) Kunden ein ähnliches Produkt gekauft haben?

Aus den von uns gesammelten Daten werden vollkommen sinnlose und realitätsferne Schlüsse gezogen, die dennoch als Anlass genommen werden, uns zu einem weiteren unnötigen Kauf zu überreden.

Ich will das nicht.
Ich bin so viel Individuum, dass ich möglichst nicht hören will, dass irgendjemand einen ähnlichen Geschmack hat wie ich.
Das ist doch total bäh!

Genug gemotzt, tun wir etwas dagegen.
In diesem Fall lautet meine Empfehlung:

Legt keine Konten bei Online-Händlern an.

  1. Wenn keine Konto-Historie von dir vorliegt kann auch kein Profil daraus gebildet werden.
  2. Ist kein Profil verfügbar kann dieses auch nicht mit verschwurbelten Pseudo-Korrelationen mit anderen Profilen verbunden werden :)

Wehrt euch!

Jetzt habe ich noch eine kleine Nachreichung zum letztwöchigen Thema staatliche Überwachung.
Kauft euch noch schnell Prepaid-SIM-Karten für eure liebgewonnenen Smartphones.
Denn laut einem geplanten neuen Anti-Terror-Gesetz unserer Bundesregierung, welches am kommenden Mittwoch, den 25. Mai im Schnellverfahren durch den Bundestag gepeitscht werden soll, soll das anonyme Kaufen einer Prepaid-Karte verboten werden.

Ein Hoch auf staatliche Überwachung!
Alles natürlich für den Terror!
Also, gegen den Terror und gegen uns natürlich.
Also für unsere Bequemlichkeit.
Also, damit wir nicht allzuviel selbst denken müssen.
Wisst schon!

TL;DR

  • Operation Datenschnorchel: Mission Datenabzug
  • Ich weiß, was du willst: Damit wir schneller kaufen was wir niemals wollten
  • Buy this, they say: Wenn du aus diesem Fenster springst…
  • Rosa Briefpapier sucht alte Schreibmaschine: Don Johnston gefällt…
  • Wehrt euch: Kauft Prepaid-SIM-Karten

Achso…und nicht die Prepaid-Karte auf eure Adresse und eure übliche E-Mail Adresse anmelden!
Wisst schon: kreative Datensparsamkeit und so ;)

Was kann schon passieren…ich hab ja nix zu verlieren!

Es geht nicht darum, ob wir etwas zu verheimlichen haben.
Mir geht es gar nicht darum, ob ich durch mein ständiges gesimse (erinnert ihr euch noch an die Zeiten, als Gesimse etwas mit Fassadengestaltung zu tun hatte, anstelle von elektronischen Kurznachrichten?), gechatte und geschnatter meine Zeit verschwende oder tatsächlich wichtige Informationen verteile.
Heute will ich ein Plädoyer dafür halten, dass wir uns keine Gedanken darüber machen sollten, ob wir etwas zu verlieren oder zu verheimlichen haben, wenn wir in der digitalen Weltgeschichte herumtexten.

Es geht darum, dass es unser Recht ist.

Unsere – und ganz viele andere – Gesellschaften gründen auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und eines dieser Menschenrechte ist das Recht auf den Schutz der Privatsphäre.
So heißt es in Artikel 12:

Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

Deutlicher geht es wohl kaum noch, um laut und klar vernehmlich allen Datenschnorchlern, sei es aus politischen Gründen, im Zeichen des Terrorschutzes (wobei ich mich frage, ob die flächendeckende Überwachung nicht ebenso eine Form des Terrors ist) oder für rein wirtschaftliche Zwecke, zu sagen:
Finger weg von meinen Daten! Es geht euch nichts an!
Und es geht sogar noch deutlicher:
Im Grundgesetz lesen wir in Artikel 10:

Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.

Da steht nicht, wir stimmen zu, dass zu Werbezwecken unsere Nachrichten untersucht werden dürfen.
Oder auch die anlasslose Überwachung ist damit schlicht und einfach nicht vereinbar.
Nein, da steht ganz klar “unverletzlich”.
Dieses Grundrecht macht uns quasi zum Superman der Kommunikation.
Niemand darf ohne meine Zustimmung lesen, was ich einer anderen Person im Vertrauen schreibe.
Und das Kryptonit der digitalen Auswertung und Überwachung darf einfach nicht eingesetzt werden.
Punkt.

Deus Ex Machina der Datensammler: Metadaten

Und wieder komme ich auf Metadaten zu sprechen.
Diese fallen an und zwar vollkommen unabhängig davon, was wir inhaltlich mitteilen. Für die Datenauswerter sind die dabei anfallenden Metadaten das neue Datengold.
Die fünf W der Datensammlung sind der Maßstab, mit dem die Datenkraken messen:

  • wer
  • wann
  • wo
  • mit wem
  • wie oft

Momentan liefern wir diese Daten einfach mit, es führt kein Weg daran vorbei.
Und was ich noch viel entrüstender finde:
Diese Metadaten verletzen aus der Sichtweise der Datensammler noch nicht einmal die oben angeführten Grundrechte, denn sie wurden einfach aus dem zu schützenden Inhalt herausdefiniert.

Da kann ich nur sagen:

Vielen Dank liebe Regierungen, da habt ihr einen tollen Job beim Schutz eurer Schutzbefohlenen geleistet!
Ich halte die Information darüber, wer, wann, wo und wie oft mit wem kommuniziert für genauso schützenswert wie den Inhalt, den ich mitteile!

Und was kann passieren?

Ja, was kann jetzt passieren, wenn wir dauerhaft und flächendeckend rund um die Uhr überwacht werden?
Wir verlieren uns selbst.
Wir verlieren die Möglichkeit, uns zurück zu ziehen.
Wir verlieren den Freiraum, in dem wir uns entwickeln können.
Wir verlieren unsere Freiheit und unsere Privatsphäre.
Wir werden reduziert zu Laborratten, die ständig beobachtet und nach dem Willen der “überwachen Augen [die] zehnmal schärfer sehen” wie Rio Reiser es singt.

Und schon lange heißt es nicht mehr nur “Big Brother Is Watching You”.
Nein, es sind auch seine geldgierige Tante Facebook, sein datengieriger Großonkel Google und seine vollkommen paranoiden Cousins NSA, GCHQ und BND, die uns unserer Privatsphäre berauben und uns viel umfassender und effektiver – weil wir zu einem Großteil freiwillig mitmachen – überwachen.

Unter Generalverdacht der überwachen(den) Augen

Der Wahnsinn der allumfassenden und verdachtslosen Überwachung stellt uns alle unter den Generalverdacht der – Gesetz bewahre! – Individualität.
Wo kommen wir denn hin, wenn hier jeder denkt und sagt, was er will.
Wenn das so weiter geht, verlangt dann noch jemand Gedankenfreiheit.
So weit wird’s kommen.
Dann wird das ja mit der “interessenbezogenen” Werbung oder der zielgruppengesteuerten Produktplatzierung ganz schwierig.
Das wirkt sich dann natürlich ganz schlecht auf die quartalsgetriebenen Marktprognosen aus.
Und der Terrorschutz erst.
Wenn wir hier nicht ganz genau hinschauen, dann werden wir überrannt werden.
Von rechts und links.
Oben und unten.
Minimalistisch, extremistisch, extraterrestrisch oder aquaristisch gar!
Das Abend- wie das Morgenland würde sich plötzlich in einem unüberwachten Moment auflösen und was wäre dann da?

Anarchie womöglich!
Dann hätte “jeder sein eigen Glück unter den Händen” wie Johann Wolfgang von Goethe es denkt.
Das wäre natürlich schrecklich für die Generalverdächtiger.

Wir werden angreifbarer

Ja glauben denn die Datensammler, dass sie unsere Daten für immer unter Verschluss halten können?
Lernen sie nichts aus den zunehmenden erfolgreichen Datendiebstählen?
Glauben sie denn ernsthaft, dass sie unangreifbar sind?

Je mehr Daten uns gestohlen werden, desto angreifbarer werden wir.
Nicht nur durch die Datensammler selbst, die Geheimdienste, die Datenkraken.
Nein, auch die andere dunkle Seite der Datenmacht, die Datenkriminellen, die digitalen Räuber sind dankbare Profiteure dieser maßlosen Datenflut.
Die Daten, die sie Google, Facebook, NSA und GCHQ stehlen können, brauchen sie vorher uns gar nicht selbst aus den Tablets, Smartphones und IoT-Geräten stehlen. Nein, diese bekommen sie dort schon einsatzbereit korreliert geliefert.
Welch wunderbare kriminelle Utopie steht auch diesen Datendieben bevor.

TL;DR

  • Mensch, dein Recht: Das Recht auf Privatsphäre und unverletzte Kommunikation
  • Behold, what I have seen: Metadaten
  • Was kann schon passieren: Die Eisscholle der Privatsphäre in der Datenhölle der Überwachung
  • Wir sind alles Terroristen: Unter Generalverdacht
  • Gestohlen, gesammelt, korreliert: Wir werden angreifbarer

Und jetzt?
Empört euch, schreibt Briefe, dann müssen wieder mehr Postbeamte zum scannen unserer Kommunikation eingestellt werden :)

Anarchische Ideen zum Daten sparen

Warum postuliere ich hier anarchische Ideen zum Daten sparen?
Nun, es geht mir hier um die digitale Selbstverteidigung unserer Privatsphäre und dazu müssen wir selbst aktiv werden.
Ich rufe einfach dazu auf, dass wir uns selbst – ganz ohne uns auf eine übergeordnete Hierarchie zu verlassen – bemühen, regulieren und Gedanken machen: anarchisch eben :)

Ein kurzer Exkurs: Was ist Anarchie?

Im Gegensatz zu der landläufigen Meinung bei Anarchie handele es sich um den Zustand gesellschaftlicher Unordnung und Gewaltherrschaft, ist Anarchie der Zustand von Abwesenheit von Herrschaft und Hierarchien.

Obendrein halte ich es für notwendig, einen anderen Blick auf die Schwierigkeiten zu werfen, als den Blick, den uns die Schwierigkeitenauslöser uns glauben machen wollen.
Ich lehne mich bei der Wahl Anarchie als Mittel zur Lösung der privatsphärenzerstörenden Probleme an die Worte von Albert Einstein an:
„Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben.“

Datensouveräner Ungehorsam

Da ich ja hier auf die individuelle Selbstbestimmung unserer Daten gegenüber der Datenkraken abziele, spreche ich hier mal nicht von zivilem Ungehorsam, sondern von datensouveränem Ungehorsam.

Um es mit Johann Gottfried Seume zu sagen:
“Unbedingter Gehorsam ist kein Gedanke unter vernünftigen Wesen. Wo mich jemand nach seiner Willkür brauchen kann, bin ich ihm keinen Gehorsam schuldig, das geht aus der moralischen Natur des Menschen hervor.”
Und die Datenkraken verwenden unsere Daten – und damit uns – nach ihrer Willkür. Und dem will ich entgegenwirken!
Der große Oscar Wilde geht sogar noch einen Schritt weiter und betrachtet den Ungehorsam sogar als die ursprünglichste aller Tugenden:
“Ungehorsam ist für jeden, der die Geschichte kennt, die eigentliche Tugend des Menschen. Durch Ungehorsam entstand der Fortschritt, durch Ungehorsam und Aufsässigkeit.”

Darum rufe ich dir zu, lieber Leser: sei ungehorsam!
Aber was, so fragst du, können wir an dieser Stelle tun?
Dazu habe ich die folgenden – ungehorsamen – Ideen.

Verweigere die Datenherausgabe

  • Fülle nicht jedes Formular aus.
  • Lass alle Felder leer, die leer gelassen werden können.
  • Gib “leere” Daten an, wo es geht!

Was meine ich mit “leeren” Daten?
Gib ein Leerzeichen ein, oder einfach irgend ein beliebiges Zeichen wie ein Minus, ein Komma oder einfach einen Punkt.

Alles in allem: gib ein Statement ab, anstelle deiner Daten ;)

Übe dich in Selbstbeschränkung

Sei geheimnisvoll und kein offenes Buch.
Du bleibst interessanter, wenn nicht die ganze Welt (und vor allem die Datenkraken) nicht alles über dich wissen.
Ja, die Datenkraken vermitteln uns eine andere Sichtweise.
Sie sagen, sie können uns besser helfen, wenn sie uns besser kennenlernen, daher sollen wir möglichst viel über uns preisgeben.

Aber das ist gelogen.

Sie können nicht uns besser helfen, wenn sie mehr über uns wissen.
Sie können sich selbst damit besser helfen.

Lege temporäre E-Mail Adressen an

Nutze für unterschiedliche Online-Dienste, Online-Shops und Plattformen unterschiedliche, möglichst nur kurzfristig verfügbare E-Mail Adressen.
Diese sollten auch im gewählten Namen keinen Hinweis auf deinen social engineerbaren Kontext liefern.
Diese Maßnahme erschwert für die Datenkraken die Profilerstellung über dich.

Erzeuge keinen Müll

Diese Idee ist so klar und einfach, wie sie hilfreich ist.
Wenn du keinen Müll produzierst, muss du dir auch keine Sorgen machen musst, dass irgendwann radioaktiver Datenmüll über dich auftaucht und dir dein Leben ruiniert.

Hilfreich? Freundlich? Wahr?

Nutze einen einfachen Filter, den du für dich verwendest, bevor du etwas postest, das hilft dir dabei radioaktiven Datenmüll und viel Ungemach zu vermeiden.
Frage dich einfach, ob das Bild, Zitat, Statusupdate, welches du der dankbaren Welt teilhaftig werden lassen willst, ob du alle der folgenden drei Fragen klar mit einem Ja! beantworten kannst.
Falls nicht, tue der Welt und dir einen Gefallen und poste es NICHT.

  1. Ist es hilfreich?
  2. Ist es freundlich?
  3. Ist es wahr?

TL;DR

  • Was ist Anarchie?
  • Sei tugendhaft: nutze datensouveränen Ungehorsam.
  • Gib keine oder nur die unbedingt notwendigen Daten heraus.
  • Selbstbeschränke dich in deiner Datenpreisgabe.
  • Nutze temporäre E-Mail Adressen als Maßnahme gegen Profilerstellung.
  • Verursache kein Daten-Tschernobyl.
  • Denken und Filtern, dann gegebenenfalls posten – niemals andersum!

Und nun, lieber Leser, hinaus in die Natur!

Was ich tun kann, wenn die Datenkraken mir an die Daten gehen wollen

Schutz meiner Privatsphäre durch Datensparsamkeit – schön, aber wie soll ich das machen?
In jedem Formular werden doch – meistens mehr als notwendig – Daten von mir eingefordert, meistens auch in Form von “Pflichtfeldern” (ob diese Felder sinnvoll sind für die Erbringung der Dienstleistung ist dabei mehr als zweifelhaft).
Und was tun wir jetzt?

Sei rebellisch

“When they kick at your front door
How you gonna come?
With your hands on your head
Or on the trigger of your gun”
The Clash, Guns Of Brixton

Damit habe ich doch mal die Position, die ich hier verteidigen will, klar gemacht: Die Datenkraken wollen mir mit ihrem datengierigen Formular die Eingangstür zu meiner Privatsphäre eintreten.
Jetzt habe ich die Wahl, ergebe ich mich und händige ihnen meine Daten und damit mich aus, oder setze ich mich zur Wehr?
Mir hilft es, wenn mein innerer Rebell mir diese Zeilen von The Clash nochmal vorsummt, denn  dann bin in der richtigen Stimmung (rebellisch und eben nicht unterwürfig) um diesem Formular so zu begegnen, wie dies es eben verdient hat: freundlich, selbstbestimmt und kreativ.
Damit komme ich zu meinem ersten Rezept für datengierige Formulare:

Sei kreativ bei “Pflichtfeldern”

Die meisten Felder, die ein Datenkrake (Oder müsste es Datenkraken heißen? Vom mythologischen Kraken. Das passt besser, finde ich) abgreifen will, sind für die angefragte Dienstleistung vollkommen unerheblich und tragen nur zum Datenhort eben jenes Kraken bei.

  • Ein Streaming-Dienst braucht halt deine Postanschrift nicht.
  • Und eine Fluggesellschaft braucht deine Telefonnummer nicht, schließlich hat sie ja schon deine E-Mail Adresse.

Deswegen, übe dich in deiner schriftstellerischen Kreativität und lass deiner Fantasie freien Lauf.
Halte dich an Johann Nepomuk Nestroy, der es folgendermaßen formulierte:

“Nur eine lebhafte Einbildungskraft muss man haben, die muss aber schon verflucht lebhaft sein, nachher is es recht angenehm auf der Welt.”

Einfach mal nichts sagen

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold
Schweige o Mensch und iss.
Wilhelm Raabe bringt es hier trefflich auf den Punkt, wie wir uns noch vor der Datengier der Kraken schützen können.

  • Gib keine Daten an.

Nichts anzugeben lässt die Datensammler gänzlich im Dunklen, was dein Profil angeht.
Wo sie bei falschen Daten noch etwas haben, mit dem sie ihre Profile füttern können, so lässt digitales Schweigen sie gänzlich im Unklaren.
Daher “schweige o Mensch”.

  • Wo immer es möglich ist, gib gar keine Daten preis.

Widerstehe der unterschwelligen Aufforderung, du müsstest deine Daten dankbar und freiwillig den Datenkraken in ihre gierigen Fangarme werfen.
Folge dem Aufruf der Sex Pistols “No Future For You!” und formuliere daraus ein “No Data For You!” (vielleicht noch ein leises “Up Yours!” hinterher denken und zwei Finger hochstrecken).

Wir müssen wieder lernen Dinge in Frage zu stellen

“Lass dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: ‘Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig jahren so!’ – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.”
Kurt Tucholsky

Immer nur nicken und gedankenlos seine Daten jedem Datensammler hinterher zu tragen führt halt zwangsläufig in den Bankrott der eigenen Privatsphäre.
Auch wenn wir zwanzig Jahre lang treu unsere Daten zu diesem und jenem Kundenvorteilsprogramm getragen haben – sei es Payback oder ein anderer Seelen…äh…Datenhändler, irgendwann wird es für uns einfach mal Zeit “Nein!” zu sagen!
Auch wenn diese vermeintlichen Bonusprogramme uns immer einreden wollen, sie tun uns etwas Gutes – lieber Mensch, werde dir gewahr, dass sie dir einfach schon immer das Falsche erzählt haben.
Sie tun sich etwas Gutes – nämlich deine Daten.
Was du davon hast ist Gram, Jammer und einfach bald keine Privatsphäre mehr.

Treib nicht jede Sau durchs Dorf

  • Lerne selektiv zu sein.

Du musst nicht an jeder neuen Plattform, an jedem neuen Online-Dienst mitmachen. Du verteilst damit einfach immer weiter deine Daten und die Möglichkeit, dass damit ein noch umfassenderes Profil von dir erstellt wird, steigt immer mehr.
Vor allem kannst du wohl stark davon ausgehen, dass wenn die neue Sau die gerade durch das globale Dorf gejagt wird, erfolgreich ist, wird sie doch eines Tages von einer der bereits etablierten großen Sauen gefressen – und damit landet noch ein weiterer Baustein für dein Profil in einem der bestehenden Datenpfründe und erweitert diesen noch mehr.

TL;DR

  • die Realität biegen
  • nichts
  • endlich mal Nein! sagen
  • folge nicht jedem Trend

Und jetzt, anstatt dich hier mühsam mit einem weiteren Formular quälen und deine Privatsphäre dadurch gefährden, schau einfach dem Schneetreiben zu!

Wie kann ich meine Privatsphäre schützen?

Also schön.
Langsam dringt es durch die Hornhaut auf meiner Seele zu mir durch, dass ich selbst etwas tun muss, um meine Privatsphäre zu schützen, um mich nicht selbst in diesem ganzen Datenmüll zu verlieren.
Aber was? Und wo fang ich an?

Fang an, wo du bist.

Hier.
Jetz.
Setz dir nicht erst einen Startpunkt in der Zukunft, weil dann fängst du nie an.

Es ist auch wirklich nicht schwer anzufangen. Wir müssen nicht komplett alles, was wir bisher getan haben umkrempeln und auf den digitalen Müll werfen, sondern wir können Schritt für Schritt anfangen, unsere Privatsphäre zurückzuerobern und zu stärken.

Lüge, betrüge und täusche

Wir riskieren unsere Privatsphäre stark dadurch, dass wir zu viel von uns preisgeben – und das nutzen die Datenkraken dreist aus. Sie sammeln alles was sie von uns bekommen können – und bereitwillig geben wir es ihnen.

Es werden in so vielen Formularen so viele Daten von uns abgefragt, von der Schuhgröße unseres Hamsters über unsere Lieblingsfarbe der Gardinen bis zu unseren Geburtstagen, Geschlecht, zweiter Vorname der Schwiegermutter und all solche Sachen, die meistens vollkommen unnötig für die Erbringung der Dienstleistung sind, die wir an dieser Stelle in Anspruch nehmen wollen.

  • Ein Musik-Streaming-Dienst braucht deine Anschrift nicht, um dir Musik zu liefern. Sie wird gestreamt, nicht von der Post ausgetragen.
  • Und die Schuhgröße deines Hamsters muss auch niemand erfahren – es sei denn du bestellst Schuhe für deinen Hamster.

Deswegen ist mein Rat: Lüge! Betrüge! Täusche!

Gib – wenn es sich denn um ein Pflichtfeld handelt – falsche Daten an.
Die Datenkraken belügen dich auch – also warum zahlen wir es ihnen nicht mit gleicher Münze heim?
Wir haben nichts davon, wenn wir den Datensammlern diese Daten geben – also wenn sie Daten haben wollen – dann geben wir ihnen Datenmüll!

Erst denken – dann posten

Wir geben unsere Privatsphäre auch an anderer Stelle ganz freiwillig auf.
Niemand zwingt uns dazu, wir tun es einfach so.
Wir machen uns ganz selbstverständlich und ohne Zwang datennackt.
Wir begehen an uns selbst Datenmissbrauch, wenn wir ständig jeden Moment unseres Lebens posten, anstatt ihn zu genießen.
Niemand will sehen, was ich diesen Abend zu essen auf dem Tisch habe. Kein Mensch muss wissen, dass ich – erstaunlicherweise – auch an diesem Abend auf die S-Bahn warte um nach Hause zu fahren.
Niemanden interessiert das.
Auch dich nicht mehr, nachdem du es gepostet hast.
Deswegen ist ein ganz einfacher Schutz deiner Privatsphäre:
erst denken, dann posten.
Zähle bis zehn, dann überleg dir, ob es sinnvoll, hilfreich und gut ist, was du gerade posten willst.
Kannst du all diese Fragen klar mit “ja” beantworten, dann meinetwegen, poste es.
Ansonsten genieße einfach den Moment und behalte ihn für dich!

Niemand muss alles über dich wissen – schon gar nicht Facebook

Gib einfach nicht alle Daten preis!
Facebook und andere asozialen Plattformen vermitteln dir den Eindruck, dass du viel tiefer und erfolgreicher in diesem oder jenen Netzwerk eingebunden bist, je mehr du über dich preisgibst!
Deine Lieblingsfilme!
Die Fernsehserien für die du sogar deine Mutter verkaufen würdest, um sie nicht zu verpassen!
Deine Lieblingsapps!
Deine Schuhgröße (diesmal nicht die deines Hamsters – der hat ja sein eigenes Profil)!
Wann du geboren wurdest! Und wo! Und warum!
Was du von blauleuchtenden Pinguinflüglern hälst! Und warum!
Wo du wohnst! Und seit wann! Und mit wem!
Und wen du anbetest! Und warum nicht jemanden anderen!
Und wie deine sexuelle Orientierung ist (Facebook bietet die Wahlmöglichkeit aus mehr als 60 Orientierungen)!
Wenn du all das angibst, wirst du ein besseres Mitglied dieser Community! Genau!

Oder einfach nur vollkommen kontrolliertes Opfer, welches prima ausgebeutet werden kann.

Gib so wenig wie möglich preis.
Du brauchst den Schwachsinn nicht auszufüllen, damit du an diesem Netzwerk teilhaben kannst.
Es dient einzig dazu, dich in ein Profil zu pressen, um dir noch viel besser “genau auf dich abgestimmte Inhalte” aufzuoktroyieren.

Such selber, anstatt suchen zu lassen

Ich finde es schon albern, dass “googeln” es tatsächlich in den Duden geschafft hat. Tatsächlich mit der Bedeutung “etwas zu recherchieren”. Also weiter weg von recherchieren kann etwas mit Google suchen nicht sein.
Denn du findest nichts Neues. Du findest Dinge, von denen Google denkt, dass sie für dich wesentlich sind. Du bist in einer Filterblase gefangen, die sich immer stärker um die Dinge dreht, die du bereits kennst.

Das hat auch schon Adolph Freiherr von Knigge erkannt, dass es sich dabei um ein schlechtes Vorgehen handelt, als er folgendes sagte:

“Sei nie ganz müßig! Lerne dich selbst nicht zu sehr auswendig, sondern sammle aus Büchern und Menschen neue Ideen. Man glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Zirkel seiner eigenen Lieblingsbegriffe herumdreht, und wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.”

“Lerne aus Büchern und Menschen neue Ideen.”
Lerne neue Ideen und zwar aus Büchern und Menschen. Google kann dir keine neuen Ideen liefern, denn es lässt dich “immer in dem Zirkel” der “eigenen Lieblingsbegriffe herumdrehen”.
Und dadurch wirst du “ein eintöniges Wesen”.
Darum, Mensch, befreie dich aus deiner selbstgewählten Unmündigkeit und suche frei.
Frei von Tracking und Vorfilterung.
Nutze Suchmaschinen wie DuckDuckGo oder Startpage. Hier wird deine Suche nicht vorgefiltert und du musst dich nicht weiter “in dem Zirkel der [Google-gewählten] Lieblingsbegriffe herumdrehen”.
Suche frei, Mensch!

Mach halt wieder ein paar Dinge analog

Leg dir ein Adressbuch zu.
Also ein richtiges Buch.
Mit echten Seiten.
Leuchturm1917 hat dafür ein ganz tolles Produkt.

  • Es ist immer da.
  • Es braucht keinen Strom.
  • Es ist kompatibel mit allen Stiften.

Kauf – oder bastel – dir einen Kalender.
Hier brauchst du dir keine Gedanken zu machen, wer deine geheimen Termine liest. Oder wem du den Kalender freigegeben hast.
Oder ob er Zugriff von deinen 97 datensaugenden Apps hat.
Es ist einfach ein Taschenkalender.

  • Du kannst darin rummalen,
  • kritzeln,
  • schreiben,
  • schmieren,
  • Seiten rausreißen und
  • wieder einkleben.

Es ist einfach schön.

Und jetzt überrasche mal jemdanden mit einer Postkarte.
Das ist viel schöner, individueller und persönlicher als ein blöder Post in deiner Timeline.

Das ist digitaler Ungehorsam!

Greifen wir zur Datenselbstverteidigung und schützen unsere Privatsphäre!

Wir brauchen ein Opt-in!

Vor kurzem habe ich mich für einen Opt-out in der echten Welt in Bezug auf Kundenkarten ausgesprochen.
Dieser Ansatz ist falsch, wie ich jetzt erkenne. Meiner Ansicht nach ist es ein Irrsinn, dass wir uns ständig und überall aus einer standardmäßig bestehenden Datenschnüffelei abmelden müssen!
Wenn wir unsere Daten für etwas hergeben wollen, dann müssen wir uns aktiv dafür entscheiden können.
Es ist doch waglich zum Spucken, dass wir automatisch immer stärker überwacht und verfolgt werden und wir es gar nicht mitbekommen – es sei denn wir entscheiden uns aktiv dagegen.

Ich bin wirklich empört, dass immer neue Technologien entwickelt werden, die uns auf immer perfidere Weise durchleuchten und in eine Schublade stecken.
Ich halte es weiterhin auch für eine Frechheit, dass uns im gleichen Atemzug von den datensammelnden Unternehmen gesagt wird, wir könnten uns ja dagegen entscheiden. So wie Facebook dies jetzt wieder einmal getan hat.
Nicht nur, dass sie uns jetzt verfolgen, wenn wir eine Webseite öffnen, die einen “Like”-Button enthält (genau, nicht wenn wir darauf klicken, nein es reicht jetzt eine solche Seite zu besuchen…), sondern sie lügen uns auch in unser digitales Gesicht, wenn sie behaupten, wir könnten dem in den Privatsphären-Einstellungen ja widersprechen.
Nein, können wir eben nicht.
Wir können in den Privatsphären-Einstellungen sagen, dass wir die auf diese Weise erstellte personalisierte Werbung nicht SEHEN wollen.
Wir können damit jedoch nicht verhindern, dass dadurch ein personalisiertes Profil von uns ERSTELLT wird.
Und auch dieses neue – und auch jedes andere neue datensammelnde – Feature, wird zunächst als Standard aktiviert.
Möchte man sich dagegen entscheiden, so muss man es aktiv deaktivieren.
Und weil mit jedem Update – so ist es z.B. auch bei iOS – wieder neu nachgefragt wird und wieder erneut die Standardeinstellung auf Zustimmung gesetzt ist, wird der Anwender nach und nach weichgekocht.
Steter Tropfen schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.
Irgendwann ist man als Anwender dieser ewigen und dauernden Nachfragerei so überdrüssig, dass man entnervt resigniert und schulterzuckend denkt: “was solls, ich hab doch nix zu verbergen…”.
Und auf diese Resignation bauen die Datenkraken.
Die Datensammelwut ist so groß und der Atem der Unternehmen so lang, dass sie geduldig warten…und sich immer neue “Privatsphären”-Einstellungen ausdenken, bis auch der letzte Widerstand gebrochen ist.

Wenn wir jedoch unsere Privatsphäre und unsere Freiheit behalten wollen, dürfen wir jedoch nicht resignieren.
Wir müssen uns weiterhin empören, wir dürfen nicht in Apathie versinken.Es geht um unsere Privatsphäre.
Wir haben etwas zu verbergen.

Wir brauchen ein Opt-out aus dem Datensammelirrsinn in der realen Welt

Welche Möglichkeiten habe ich in der realen Welt zum data detoxing?
Diese Frage stelle ich mir seit einiger Zeit im Zusammenhang mit dem unsäglichen Datenhunger der Kundenkarten-Mafia.

Es ist ja mittlerweile fast egal wo ich einkaufen gehe, überall werde ich nach der einen oder anderen Kundenkarte gefragt:
“Payback?”
“DeutschlandCard?”
“GummibärchenClub?”
Nicht nur der abgrundtief traurige Mangel an kommunikativen Fähigkeiten schmerzt. Nein, auch die schiere Unausweichbarkeit der Frage ist nervtötend.
In der virtuellen Welt habe ich die Möglichkeit, mich von jedem störenden oder unpassenden Werbeangebot abzumelden.
Aber in der echten Welt bleibt mir dieser Ausweg verwehrt.
Klar, ich habe die Wahl diese Läden zu meiden und nur noch dort einzukaufen, wo sich diese schleichende Seuche der datenhungrigen Bedarfsoptimierer noch nicht durchgesetzt hat.
Nur darf das nicht der Weg sein.
Wenn uns in der virtuellen Welt ein Weg angeboten wird, ein Angebot auszuschlagen, dann muss uns diese Möglichkeit in der wirklichen Welt auch gegeben sein.
Und bis dahin schlage ich zivilen Ungehorsam vor: beugt euch nicht dem Diktat der Datenkraken!
Erleichtert euch und macht es diesen Datensammlern klar, dass es auch unglaublich nervt, ständig bedrängt zu werden eure Daten preiszugeben – für einen schlechten Preis auch noch :)
Marc-Uwe Kling hat das sehr schön in seinem Lied von der Verweigerung zusammengefasst.
Darum nochmal mein Aufruf:
Verweigert die Datenherausgabe um eure Privatsphäre zu schützen.

Antiviren-Programme sind Schlangenöl

Ein Virenscanner (oder eine Sicherheitssuite) ist halt ein weiteres Stück Software, welches auf einem Rechner installiert wird und welches – zwangsläufig – eine Schnittstelle ins Internet hat.

Und mit einer solchen zusätzlichen Software mit einer solchen Schnittstelle ins Internet biete ich einfach weitere Angriffspunkte auf mein System und damit auf meine Daten.

Neben dieser notwendig vorhandenen Schnittstelle ins Internet, ist das Stück Software, was der Virenscanner (oder Sicherheitssuite) halt ist, einfach fehlerhaft. Und fehlerhafte Software ist ein weiterer Angriffspunkt. Gerade ist so etwas mal wieder bei Kasperskys Produkt aufgetreten…

Antivirus is “dead” (Brian Dye, Symantec).
Wenn solche Aussagen sogar schon aus den hohen Rängen der Schlangenöl-Hersteller kommen, kann der geneigte Privatsphären-Schützer davon ausgehen, dass eine solche Sicherheitssuite alles mögliche tut – nur nicht die Sicherheit der Privatsphäre zu erhöhen…

Dieser Kommentar von Brian Dye ist auch damit zu begründen, dass signaturbasierte Lösungen – und so arbeiten Virenscanner nun einmal – einfach nicht mehr zeitgemäß sind.

Zum einen finden schon etliche Sicherheitslösungen nicht einmal alle bekannten Signaturen. Aber was noch viel gravierender ist, dass moderne Angriffe Zero-Day-Attacken sind. Und – wie der Name schon suggeriert – ist eine Zero-Day-Attacke  einfach noch nicht aufgetreten und kann aus diesem Grund auch nicht in den Signatur-Bibliotheken der Schlangenöl-Hersteller vorhanden sein…

Die Sicherheit unserer Daten und unserer Privatsphäre liegt vollständig in unserer eigenen Hand. Wir müssen einfach wieder lernen zu unterscheiden, welche Seiten wir besuchen, welche Anhänge wir öffnen und welche Apps wir auf unseren Funkgeigen installieren.

Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass fehleranfällige (oder mit Backdoors versehene…) Tools (und das ist jede Software) wie Antiviren-Programme, uns vor digitalen Angriffen schützen.

Darüber hinaus sind wir mittlerweile mit Antivirus-Produkten nicht nur verraten, sondern mittlerweile auch verkauft: das macht jetzt nämlich AVG mit seinem aktuellen Produkt. AVG hat seine Datenschutzrichtlinie entsprechend angepasst und verkauft jetzt die Nutzerdaten an Werbetreibende.

Damit zeigt sich auch hier, es gibt nichts kostenlos – weder in der realen Welt noch im virtuellen Raum. Denn wenn du nicht dafür bezahlst, bist du nicht der Kunde, sondern das Produkt.
…denn noch nicht einmal der Tod ist kostenlos, der kostet dich dein Leben…