Wahlen und Fake News

Im zweiten Teil meiner Reihe zu Wahlen beschäftige ich mit Fake News. Zunächst ein kurzer Blick darauf, was Fake News sind. Anschließend betrachte ich die Auswirkung von Fake News auf Wahlen. Abschließend schauen wir uns Mittel und Wege an, um Fake News zu erkennen und damit möglichst deren manipulative Wirkung zu zerstreuen.

TL;DR

  • Fake News – alles Lüge, oder was?
  • Fake News – da muss man doch was tun!
  • Fake News – worauf wirken sie?
  • Fake News erkennen – Wissen ist Macht

Fake News – alles Lüge, oder was?

Damit wir richtig mit Fake News umgehen können, müssen wir verstehen, was Fake News sind.

Systematische Falsch-Informationen zum Zweck der Desinformation bringt den Begriff Fake News meiner Überzeugung nach am besten auf den Punkt. Aufgrund der hohen gesellschaftlichen Durchdringung finden wir genau deswegen im Internet (auf sozialen Plattformen) die stärkste Verbreitung dieser systematischen Fehlinformationen.

Fake News zeichnen sich weiterhin häufig dadurch aus, dass sie echten journalistischen Inhalten nachempfunden werden, inhaltlich jedoch frei erfunden sind.

Nun können wir verschiedene Ausprägungen von Fake News unterscheiden:

  • völlig frei erfundene Informationen
    Für diese Form von Fake News finden sich neben den üblichen Geschichten wie “Aliens haben die Haut meines Mannes gestohlen!” auch Nachrichten, die realistischer klingen, allerdings ebenso erlogen sind:
    “Papst schockiert die Welt! Er unterstützt Präsidentschaftskandidat Donald Trump”. Für beide Beispiele gilt: frei erfunden.
  • manipulierte Inhalte
    Dazu zählen hauptsächlich gefälschte Fotos oder Videos, die in einen falschen Kontext gestellt werden. Oder wesentliche Informationen verfälschen oder ganz weglassen.
  • falsch zugeordnete Inhalte
    Unter diese Kategorie fallen aufmerksamkeitsheischende Überschriften wie diese: “Weil Muslime im Bad sind – Papa darf mit Tochter (2) nicht mehr zum schwimmen”. Das war alles, was der geneigte Leser vor der Paywall zu lesen bekam. Hinter der Paywall entwickelte sich die Story in eine gänzlich andere Richtung; es handelte sich um einen Mutter-Kind-Schwimmkurs.

Um richtig mit Fake News umzugehen, ist es enorm wichtig, zu verstehen, welche Ziele Fake News verfolgen:

  • Aufmerksamkeit erregen
  • Emotionen schüren
  • Verweildauer erhöhen
  • Leser/Zuschauer manipulieren

Grundsätzlich sind Fake News demzufolge eine ganz billige Masche, die keine Informationen teilen will, sondern lediglich die Sensationslust befriedigen soll. Wenn wir einmal von den finanziellen Interessen der Website-Betreiber (höhere Verweildauer == höhere Einnahmen) absehen, ist das hauptsächliche Interesse hinter Fake News sicherlich die Manipulation der Fake News-Konsumenten. Dieser in Bits und Bytes gegossene Müll, der zumeist über soziale Medien verbreitet wird, ist sicherlich nicht in der Lage, eine bestehende, gefestigte kontroverse Meinung vollständig ins Gegenteil zu verkehren. Doch sicherlich kann durch die emotional aufgeheizte Manipulation ein latent vorhandenes Vorurteil verstärkt werden.

Fake News – da muss man doch was tun!

Typischerweise ist das in unserer Gesellschaft der erste Ruf, wenn ein (vermeintlicher) Missstand zutage tritt.

Auch bei Fake News werden an dieser Stelle die scheinbar Verantwortlichen identifiziert – also zumindest laut einer Umfrage der Europäischen Komission aus dem Jahr 2018. Hier ergab sich grob die folgende Verantwortlichkeit (in absteigender Reihenfolge):

  1. Journalisten
  2. Die Politik/Behörden
  3. Bürger
  4. Soziale Plattformen

Lustig. Es wird gleich wieder zum Lieblingskonzept gegriffen: Outsourcing von Verantwortlichkeiten. Mich wundert ja, dass die Erkenntnis einer Selbstverantwortlichkeit doch noch höher rangiert als die Idee, die Verantwortung an die Sozialen Plattformen abzudrücken.

Liebe Leute, wann lernt ihr endlich, dass jeder einzelne dafür verantwortlich ist, was in der Welt geschieht. Ganz besonders wenn es um soziale Medien geht. Das sind Mitmachplattformen, keine für-mich-wird-gemacht-Plattformen!

Fake News – worauf sie wirken

Ihre Wirksamkeit entwickeln Fake News dabei in zweierlei Hinsicht bzw. auf zwei Wegen:

  • Filterblase
    Die Desinformationen bestärken unser bestehendes Weltbild und halten uns in unserer Filterblase gefangen. Dabei verstärken die Mechanismen der Aufmerksamkeits-Ökonomie (Suche wird vorgefiltert auf Basis unserer bisherigen Such-Historie) diesen Effekt.
  • Echokammer
    Die Echokammer, der Verstärker für die eigene – und zwar für jede noch so grenzdebile – Meinung, ist der zweite Ort, an dem Desinformation seine Wirkung entwickelt. Erschreckender Weise bewegt sich dieses Verstärkerfeld zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung (offene soziale Plattformen wie z.B. Facebook) heraus und formiert sich verstärkt in geschlossenen Gruppen – zumeist bei Messengern wie WhatsApp – als sogenannte Dark Social Plattform neu. Da diese Gruppen bewusst geschlossen sind und aufgrund der sicheren Kommunikation (Ende-zu-Ende-Verschlüsselung) von außen nicht einsehbar sind, findet hier eine Radikalisierung in besonders stark ausgeprägter Form statt.

Fake News erkennen – Wissen ist macht

Was tun jetzt mit diesem Wissen? Immerhin ist es Ziel von Fake News, nicht gleich als solche erkannt zu werden, andernfalls hätten sie ihre Zielkette (Aufmerksamkeit erregen > Emotionen schüren > Manipulation ermöglichen > Verweildauer erhöhen) verfehlt.

Das Wichtigste zu Beginn:
Wir Nachrichtenkonsumenten müssen handeln.

Es hilft nicht, die Verantwortung bei Journalisten, Politikern oder Plattformbetreibern zu suchen. Das Out-Sourcing von Verantwortung führt nur zu einem Out-Sourcing von Freiheit. Und das wollen wir nicht.

Wir sind in der Pflicht, uns weiterzubilden, kritischer zu werden, Aussagen zu hinterfragen (und an dieser Stelle gilt: je plakativer die Aussage, desto kritischer müssen wir diese hinterfragen).

Um es wieder auf den Punkt zu bringen:

Kinder müssen lernen, lernen, lernen!

Frau Mahlzahn

Und da bleibt es zum Glück nicht bei den Kindern. Wir alle müssen lernen. Immer.

Aber was Fake News angeht, gibt es eine knackige Checkliste, die uns dabei hilft, diese zu erkennen:

  1. Beachte die Quelle
    Wer steckt hinter dieser Quelle? Wer ist Herausgeber der Website?
  2. Lies weiter
    Eine Schlagzeile kann dich in die Irre führen. Lies weiter.
  3. Prüfe den Autor
    Ist der Autor glaubwürdig? Gibt es diese Person überhaupt?
  4. Bewerte die Quellen
    Gibt es mehrere Quellen zu dieser Nachricht? Es ist oftmals ein verdächtiges Zeichen, wenn es nur eine Quelle zu einer Nachricht gibt.
  5. Prüfe das Datum
    Passt das Datum zu der Nachricht? Oder entstand der Artikel schon vor der Nachricht? Bei Fotos gilt: Liegt der Zeitstempel des Fotos vor oder nach der Nachricht?
  6. Ist es ein Witz?
    Ist die Nachricht ernst gemeint? Oder vielleicht Satire? Ist es ein Aprilscherz? Oder ein Hoax?
  7. Was denkst du?
    Wie denkst du über diese Nachricht? Wie bewertest du diese Information?
  8. Tausche dich mit Menschen aus
    Befrage jemanden zu diesem Thema, der sich damit bereits beschäftigt hat.
  9. Recherchiere
    Das Internet ist auch eine Quelle glaubwürdiger Informationen. Recherchiere zu dieser Nachricht. Nutze unterschiedliche Suchmaschinen dazu. Z.B. DuckDuckGo oder startpage.

Neben diesen Fragen, die wir uns bei zweifelhaften Nachrichten stellen sollten, gibt es inzwischen auch Online-Dienste die uns bei der Quellen-Prüfung unterstützen:

Unsere stärkste Waffe gegen Fake News ist und bleibt jedoch ein kritischer, offener Geist. Nachdenken, überlegen, reflektieren hilft uns am besten gegen die Manipulationsversuche durch Fake News. Leichtgläubigkeit, stille Akzeptanz und unkritisches Ja-sagen führt zu Fremdbestimmung und Unfreiheit.

Kann isch WhatsApp – bin isch Internet

“It’s no longer OK not to understand how the Internet works.”

Aaron Swartz

Über die Problematik einer pragmatischen digitalen Kompetenz.

Vermutlich wird dieser Artikel ein wüster Rant über die vermeintliche Medienkompetenz der hochgelobten Digital Natives (und solcher, die es qua Selbstverordnung sein wollen).
Aber was solls, lieber raus als rein.
Es geht mir von unterschiedlicher Seite schon seit geraumer Zeit auf den Keks, dass allerorten breit von Medienkompetenz geschwafelt wird, aber weder konkret benannt wird, was darunter zu verstehen ist, noch wie dies vermittelt werden soll.
Daher werfe ich hier auch meine zwei Gedanken zu diesem Thema in den Raum und wappne mich der Gegenrede.

TL;DR;

  • Anwendungskompetenz reicht nicht
  • Wir brauchen mehr Hacker und weniger User
  • Ein Datenleak, sie alle zu erschrecken

Anwendungskompetenz reicht nicht

Ich stelle fest, dass oftmals schnelles Bedienen von Anwendungen schon ausreicht, um in Begeisterungsstürme ob der hohen Medienkompetenz von Digital Natives zu verfallen.
Das lässt sich sicherlich aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Da ist einerseits der Arthur-C-Clarke-Blickwinkel: Jede Technologie, wenn sie ausreichend weit fortgeschritten ist, erscheint einem Uneingeweihten wie Magie. Da solche Aussagen oft von Uneingeweihten (Menschen mit geringer technischer Kompetenz oder Politiker) kommen, ist diesen Aussagen bestenfalls eine geringe Aussgekraft beizumessen. Nichtsdestotrotz haben diese Uneingeweihten oftmals eine hohe Entscheidungskompetenz.
Das kann einerseits dazu führen, dass entweder diese zu unrecht hochgelobten Anwendungskompetenzwunder eine vollkommen falsch ausgerichtete Einschätzung ihrer (Anwendungs-)Fähigkeiten bekommen, eben “Kann isch WhatsApp, bin isch Internet!”. Andererseits wird in eine vollkommen falsche Richtung politisch entschieden: Nämlich hin zum schnellen Anwender und weg vom gebildeten Nutzer, der die Hintergründe versteht.
Das bringt mich zu einem weiteren Punkt:
Vielleicht will die Politik und die Industrie einfach nur schnelle Anwender, also dressierte Affen.
Was die Industrie anbelangt, bin ich mir sehr sicher, dass dem so ist. Denn ein unkritischer Konsument ist das, was die Industrie sich wünscht: ein Kunde, der einfach kauft, was ihm die Konzerne vorsetzen.
Was die Politik angeht, habe ich doch noch Hoffnung in die Grundannahme unserer Demokratie: die Beteiligung eines aufgeklärten Volkes, nicht einer rückenmarksgesteuerten Masse.
Aber da ist möglicherweise die Lobby die treibende Kraft – und diese kommt letztlich doch wieder aus der Industrie.
Doch zurück. Ich bin der festen Überzeugung, dass es heutzutage nicht ausreicht, ein versierter Anwender zu sein. Die Zusammenhänge und die Auswirkungen, die die Digitaltechnik auf unser Leben und unsere Gesellschaft haben, sind zu groß, um dies durch reines anwenden-können zu bewältigen.
Wir müssen zumindest die grundlegenden Zusammenhänge verstehen, wenn wir die Digitalisierung als gesellschaftlich durchdringendes Element nutzen wollen. Ansonsten sind wir nicht besser als Menschen, die Gewitter als die Laune eines Gottes ansehen.

Wir brauchen mehr Hacker und weniger User

Betrachten wir die Situation aus einem anderen Blickwinkel.
Vor kurzem, zwei Kurse in digitaler Selbstverteidigung in Klassenstufe 10 eines allgemeinbildenden Gymnasiums.
Ein Bild des digitalen Elends.
Ehrlich, wenn das die Erwartungshaltung an Digital Natives ist, dann sehe ich schwarz für die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Zappenduster.
Da ist überhaupt kein Interesse an einer Weiterbildung zu Themen rund um alles Digitale.
Geschweige denn Kenntnis über Alternativen zu vorhandenen Anwendungen oder Problemlösungsstrategien, wenn es – oh Wunder! – doch mal zu Fehlern kommen sollte.
Was ja in der IT quasi nie vorkommt.
Natürlich sind knapp über 40 Schüler keine repräsentative Menge, aber dass darunter nur einer ist, der überhaupt mal eine Alternative zu WhatsApp kennt, ist erschreckend. Niemand kannte einen alternativen Browser (neben den vorinstallierten) und der Unterschied zwischen Browser und Suchmaschine war ebenfalls nicht bekannt. Da wird mir dann wirklich ganz anders.
Wo ist denn der Pioniergeist, der jugendliche Forscherdrang, die Neugier und die Lust auf Rebellion geblieben?
Wenn wir uns eine Generation von Lämmern heranziehen, müssen wir uns nicht wundern, wenn diese von den industriellen Wölfen gerissen oder auf der Schlachtbank der Digitalisierung geopfert werden.
Anstatt unseren digitalen Neubürgern das Erstellen von Filmchen fürs Internet beizubringen, müssen wir ihnen (und den senioreren digitalen Teilnehmern auch) digitale Selbstverteidung mit auf den virtuellen Weg geben.
Sogar unsere Kanzlerin hat erkannt, dass hier dringend Handlungsbedarf für jeden einzelnen besteht:

“Das Heft des Handelns in die eigene Hand nehmen.”

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Wir müssen jungen Menschen eine Resilienz gegen Manipulation und ein Bewusstsein gegen Überwachung mitgeben.
Von selbst entsteht weder das eine noch das andere.

Ein Datenleak, sie alle zu erschrecken

Da haben wir mal wieder ein Datenleck. Noch nicht mal besonders groß, aber gleich wird der Untergang der digitalisierten Welt prognostiziert.
Es werden politische Konsequenzen gefordert: Vom Hack-Back über staatlich verordnete Zwei-Faktor-Authentifizierung (nicht zu vergessen die Ordnungswidrigkeit beim Einsatz schlechter Passwörter) bis zur finanziellen Aufrüstung unserer diversen Cyber-Sicherheits-Organe.
Was allerdings generell übersehen wird, ist die Notwendigkeit der Schulung der Anwender.
Mir fällt an dieser Stelle wieder Aaron Swartz ein:

“It’s no longer OK not to understand how the internet works.”.

Aaron Swartz

Der breit gestreute Leak persönlicher Daten kann diesmal nicht (nur) der technischen Schwäche eines Systems in die Schuhe geschoben werden. Dafür waren schlicht zu viele Systeme betroffen.
Ganz klare Mitschuld tragen die Betroffenen.
Sie sind zu unbedarft mit ihren Daten umgegangen.
Egal ob es die privaten Chats mit der Familie über Facebook sind (man chattet einfach nicht privat auf einer öffentlichen Plattform).
Oder die Scans von Ausweisdokumenten (die gehören nicht in die “Cloud”).
Ebensowenig wie Zeugnisse auf den Rechnern anderer Leute gespeichert werden.
Und dann Passwörter. Wir werden einfach immer weiter Daten verlieren, wenn wir nicht endlich lernen, sichere Passwörter einzusetzen.
Und zwar viele davon. Für jeden Account ein eigenes Passwort.
Das ist auch nicht schwer. Wir müssen einfach nur umlernen.

“You have to unlearn what you have learned.”

Yoda

Es ist falsch nur ein Passwort zu haben. Zumal das dann auch noch zumeist extrem schwach ist.
Wir müssen lernen, dass ein Passwort-Manager der beste Schutz für unsere Passwörter ist.
Hier hilft uns kein Post-It am Bildschirm oder unter der Tastatur.
Wir müssen uns darum kümmern, welche Sicherungsmaßnahme dieser oder jener Dienst anbietet.

  • Wie lang und wie komplex können die Passwörter dort sein?
  • Unterstützt der Dienst 2FA?
  • Akzeptiert dieser Dienst einen Benutzernamen, der nicht gleich die E-Mail-Adresse des Nutzers ist?

Wir müssen das lernen. Oder wir hören auf, diese Dienste zu nutzen. Aber das halte ich für eine sehr gewagte Alternative.


Begleitetes surfen

TL;DR

  • Je früher, desto besser: Ab wann sollten Kinder digitalisiert werden?
  • There is something between black and white: Vernunft liegt immer zwischen Verbot und Freigabe
  • Lernen hört niemals auf: Begleitetes surfen brauchen wir in jedem Alter

Ich bin ein Freund klarer Richtlinien.
Ah, nee, ich bin ein Freund klarer und sinnvoller Richtlinien.
Pauschale Verbote empfinde ich genauso wie einen Affront wie die vollkommen unregulierte Freigabe von Allem und Jedem.
Aus diesem Grund halte ich das Vorgehen in Frankreich, Smartphones an Schulen generell zu verbieten, für schwierig.
Andererseits zeigt dieses Verbot, dass die Situation großräumig aus dem Ruder gelaufen ist.
Die Verfügbarkeit mobiler Endgeräte ist für alle Altersstufen und Schichten durchgängig sichergestellt.
Aber so sehr die Verfügbarkeit sichergestellt ist – so gering ist die Kenntnis über den Umgang und die Auswirkung digitalen Lebens.
Aus diesem Grund sammle ich hier meine Gedanken zum begleitetes digitales Leben.

Ab wann sollten Kinder digitalisiert werden?

Ähnlich unerträglich, wie ich das kategorische Ablehnen oder Befürworten von Überzeugungen finde, so schwierig halte ich die absolute Festlegung auf einen allgemein gültigen Zeitpunkt.
Prinzipiell tendiere ich zu einer Aussage zwischen
Wenn es unbedingt notwendig ist
bis
Wenn sie intellektuell (und vor allem emotional) in der Lage sind, der digitalen Reizüberflutung ohne längerfristigen Schäden zu begegnen.

Echt jetzt, wir müssen nicht mit vermeintlich alternativloser Vehemenz die Digitalisierung der gesamten Gesellschaft als einzigen Rettungsanker der Menschheit im Großen und Ganzen betrachten.
Ist es nicht.
Der Mensch besteht aus mehr als zwei Daumen, mit denen er liebkosend über ein berührendssensitives Display streichen kann, um mit seiner Umwelt in Kontakt zu bleiben.
Bevor wir unseren Nachwuchs an die virtuelle Welt verlieren, sollten wir ihnen Gelegenheit geben, in der realen Welt Fuß (und Hand) zu fassen.
Wir wollen ja schließlich keine hirn- und kritiklosen dressierten Touchscreen-Zombies züchten sondern selbstständig denkende und frei entscheidende Gesellschaftsgestalter aufziehen.
So, damit hätten wir doch schon bereits eine Grundlage geschaffen, auf der wir aufbauen können.
Ja, ja, ja, aber ohne Kenntnisse in Digitalisierungstechnologien werden die zukünftigen Generationen vollkommen abgehängt und total chancenlos.
Bla, bla, bla. Immer derselbe, vollkommen grundlose Blödsinn.
Ich wiederhole mich hier gerne nochmals:
Wir müssen lernen lernen – nicht Anwender werden. Grundlagen müssen gelegt werden.
Das geht auch ganz ohne digitalen Zauberkram.
Generationen von Menschen haben ohne digitales Hintergrundrauschen, ohne „dritte Gehirnhälfte“, gelernt zu denken.
Die ganze aufmerksamkeitsheischende digitale Bedrohung zerrüttet unsere Aufmerksamkeit anstatt diese zu konzentrieren.
Also, damit nähern wir uns langsam einer Antwort auf die Frage, ab welchem Alter wir unseren Kindern den Zugriff auf digitale Endgeräte zumuten sollten.
Wenn sie bereit dafür sind.
Und wann sind sie bereit dafür?
Wenn sie gefestigt in unserer Realität sind und wenn sie Grundlagen des Lernens verinnerlicht haben.

Vernunft liegt immer zwischen Verbot und Freigabe

Ich bin dieser ganzen Rhetorik zwischen Totalverbot und bedingungslose Freigabe mittlerweile vollkommen (ha, ha) überdrüssig.
Der sinnvolle Weg liegt dazwischen.
Das Problem dabei ist, dass sich dieses dazwischen so unkomfortabel in kurze Worte kleiden lässt.
Gesetze sind an sich schon gänzlich unlesbar, wenn wir da noch (Gesetzgeber bewahre!) gesunden Menschenverstand mit einfließen lassen wird es nicht einfacher.
Ja, damit wird es richtig schwierig – und zukünftig nahezu unmöglich, wenn wir nur noch schnelle Anwender züchten -, denn gesunder Menschenverstand scheint eine eher selten genutzte und wenig geschätzte Eigenschaft in unserer Gesellschaft zu sein.
Wir sind furchtbar gefangen zwischen so vielen unterschiedlichen Interessen:
wir wollen Anerkennung für unsere Leistungen (als schnelle Smartphone-Anwender)
wir sollen möglichst ohne größere Blessuren für unsere Persönlichkeit durchs Leben kommen
wir bekommen Druck von außen, wenn wir nicht der Norm entsprechen (auch wenn wir diese Norm* vielleicht gar nicht mittragen)

Es ist immer schwieriger, den eigenen Weg zu gehen, als den ausgetrampelten Pfaden der Menge hinterher zu laufen.
Aber es lohnt sich. Oh, es lohnt sich so sehr!
Besinnen wir uns doch wieder auf Kant, der uns zumurmelt:

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Ja, wir sollten wieder mehr Mut zeigen.
Ein wenig Auflehnung steht uns allen ganz formidabel zu Gesicht.
Was leite ich jetzt daraus ab?
Wir sollten uns mehr unseres eigenen Verstandes bedienen. Dazu haben wir ihn ja schließlich.
Ein unreflektiertes und unkritisches Hinter-der-Masse-herlaufen hat noch nie etwas Positives zutage gefördert.
Nur weil große Teile der Gesellschaft dem Digitalisierungswahn huldigen, müssen wir diesem Trend nicht notwendigerweise nacheifern.
Vor allem – und ich erhebe hier sowohl Stimme als auch Argument – vor allem müssen wir begleiten, mitlernen und verstehen.
Wie sollen wir denn der nachfolgenden Generation Vorbild und Hilfe sein, wenn wir selbst nur mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen vor den Wundern der Digitaltechnik stehen und die Digital Natives als Wunderkinder der Computertechnologie betrachten – lediglich weil sie sich fehlerfrei per Selfie an das digitale schwarze Brett des aktuell gehypten unsozialen Netzwerkes hängen.
Lernen, lernen, lernen – das fordert die Digitalisierung von uns allen.
Die Weiterentwicklung der Technik bringt uns einige Vorteile, doch alles hat seinen Preis.
Und ein Teil dieses Preises ist unsere eigene Weiterbildung.
Wir sollten uns nicht von der Technik leiten lassen sondern diese als Werkzeug nutzen.

Begleitetes Surfen brauchen wir in jedem Alter

Mein Aufruf zum lebenslangen Lernen betrifft nicht allein die Begleiter der Jungen und (digital) Naiven Generation, wir müssen auch unsere Vorgängergeneration, die Silver Surfer, mit unterstützen.
Die Digitalisierung ist schlussendlich nicht nur für zukünftige Generationen aus der Taufe gehoben worden sondern kann uns allen das Leben erleichtern.
Wir sollten Angebote bereit halten, um alle Teilnehmer einer digitalisierten Gesellschaft quasi von der Wiege bis zur Bahre zu unterstützen.
Nebenbei hat Lernen auch den erfreulichen Nebeneffekt, den Geist frisch und agil zu halten.