Kann isch WhatsApp – bin isch Internet

“It’s no longer OK not to understand how the Internet works.”

Aaron Swartz

Über die Problematik einer pragmatischen digitalen Kompetenz.

Vermutlich wird dieser Artikel ein wüster Rant über die vermeintliche Medienkompetenz der hochgelobten Digital Natives (und solcher, die es qua Selbstverordnung sein wollen).
Aber was solls, lieber raus als rein.
Es geht mir von unterschiedlicher Seite schon seit geraumer Zeit auf den Keks, dass allerorten breit von Medienkompetenz geschwafelt wird, aber weder konkret benannt wird, was darunter zu verstehen ist, noch wie dies vermittelt werden soll.
Daher werfe ich hier auch meine zwei Gedanken zu diesem Thema in den Raum und wappne mich der Gegenrede.

TL;DR;

  • Anwendungskompetenz reicht nicht
  • Wir brauchen mehr Hacker und weniger User
  • Ein Datenleak, sie alle zu erschrecken

Anwendungskompetenz reicht nicht

Ich stelle fest, dass oftmals schnelles Bedienen von Anwendungen schon ausreicht, um in Begeisterungsstürme ob der hohen Medienkompetenz von Digital Natives zu verfallen.
Das lässt sich sicherlich aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Da ist einerseits der Arthur-C-Clarke-Blickwinkel: Jede Technologie, wenn sie ausreichend weit fortgeschritten ist, erscheint einem Uneingeweihten wie Magie. Da solche Aussagen oft von Uneingeweihten (Menschen mit geringer technischer Kompetenz oder Politiker) kommen, ist diesen Aussagen bestenfalls eine geringe Aussgekraft beizumessen. Nichtsdestotrotz haben diese Uneingeweihten oftmals eine hohe Entscheidungskompetenz.
Das kann einerseits dazu führen, dass entweder diese zu unrecht hochgelobten Anwendungskompetenzwunder eine vollkommen falsch ausgerichtete Einschätzung ihrer (Anwendungs-)Fähigkeiten bekommen, eben “Kann isch WhatsApp, bin isch Internet!”. Andererseits wird in eine vollkommen falsche Richtung politisch entschieden: Nämlich hin zum schnellen Anwender und weg vom gebildeten Nutzer, der die Hintergründe versteht.
Das bringt mich zu einem weiteren Punkt:
Vielleicht will die Politik und die Industrie einfach nur schnelle Anwender, also dressierte Affen.
Was die Industrie anbelangt, bin ich mir sehr sicher, dass dem so ist. Denn ein unkritischer Konsument ist das, was die Industrie sich wünscht: ein Kunde, der einfach kauft, was ihm die Konzerne vorsetzen.
Was die Politik angeht, habe ich doch noch Hoffnung in die Grundannahme unserer Demokratie: die Beteiligung eines aufgeklärten Volkes, nicht einer rückenmarksgesteuerten Masse.
Aber da ist möglicherweise die Lobby die treibende Kraft – und diese kommt letztlich doch wieder aus der Industrie.
Doch zurück. Ich bin der festen Überzeugung, dass es heutzutage nicht ausreicht, ein versierter Anwender zu sein. Die Zusammenhänge und die Auswirkungen, die die Digitaltechnik auf unser Leben und unsere Gesellschaft haben, sind zu groß, um dies durch reines anwenden-können zu bewältigen.
Wir müssen zumindest die grundlegenden Zusammenhänge verstehen, wenn wir die Digitalisierung als gesellschaftlich durchdringendes Element nutzen wollen. Ansonsten sind wir nicht besser als Menschen, die Gewitter als die Laune eines Gottes ansehen.

Wir brauchen mehr Hacker und weniger User

Betrachten wir die Situation aus einem anderen Blickwinkel.
Vor kurzem, zwei Kurse in digitaler Selbstverteidigung in Klassenstufe 10 eines allgemeinbildenden Gymnasiums.
Ein Bild des digitalen Elends.
Ehrlich, wenn das die Erwartungshaltung an Digital Natives ist, dann sehe ich schwarz für die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Zappenduster.
Da ist überhaupt kein Interesse an einer Weiterbildung zu Themen rund um alles Digitale.
Geschweige denn Kenntnis über Alternativen zu vorhandenen Anwendungen oder Problemlösungsstrategien, wenn es – oh Wunder! – doch mal zu Fehlern kommen sollte.
Was ja in der IT quasi nie vorkommt.
Natürlich sind knapp über 40 Schüler keine repräsentative Menge, aber dass darunter nur einer ist, der überhaupt mal eine Alternative zu WhatsApp kennt, ist erschreckend. Niemand kannte einen alternativen Browser (neben den vorinstallierten) und der Unterschied zwischen Browser und Suchmaschine war ebenfalls nicht bekannt. Da wird mir dann wirklich ganz anders.
Wo ist denn der Pioniergeist, der jugendliche Forscherdrang, die Neugier und die Lust auf Rebellion geblieben?
Wenn wir uns eine Generation von Lämmern heranziehen, müssen wir uns nicht wundern, wenn diese von den industriellen Wölfen gerissen oder auf der Schlachtbank der Digitalisierung geopfert werden.
Anstatt unseren digitalen Neubürgern das Erstellen von Filmchen fürs Internet beizubringen, müssen wir ihnen (und den senioreren digitalen Teilnehmern auch) digitale Selbstverteidung mit auf den virtuellen Weg geben.
Sogar unsere Kanzlerin hat erkannt, dass hier dringend Handlungsbedarf für jeden einzelnen besteht:

“Das Heft des Handelns in die eigene Hand nehmen.”

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Wir müssen jungen Menschen eine Resilienz gegen Manipulation und ein Bewusstsein gegen Überwachung mitgeben.
Von selbst entsteht weder das eine noch das andere.

Ein Datenleak, sie alle zu erschrecken

Da haben wir mal wieder ein Datenleck. Noch nicht mal besonders groß, aber gleich wird der Untergang der digitalisierten Welt prognostiziert.
Es werden politische Konsequenzen gefordert: Vom Hack-Back über staatlich verordnete Zwei-Faktor-Authentifizierung (nicht zu vergessen die Ordnungswidrigkeit beim Einsatz schlechter Passwörter) bis zur finanziellen Aufrüstung unserer diversen Cyber-Sicherheits-Organe.
Was allerdings generell übersehen wird, ist die Notwendigkeit der Schulung der Anwender.
Mir fällt an dieser Stelle wieder Aaron Swartz ein:

“It’s no longer OK not to understand how the internet works.”.

Aaron Swartz

Der breit gestreute Leak persönlicher Daten kann diesmal nicht (nur) der technischen Schwäche eines Systems in die Schuhe geschoben werden. Dafür waren schlicht zu viele Systeme betroffen.
Ganz klare Mitschuld tragen die Betroffenen.
Sie sind zu unbedarft mit ihren Daten umgegangen.
Egal ob es die privaten Chats mit der Familie über Facebook sind (man chattet einfach nicht privat auf einer öffentlichen Plattform).
Oder die Scans von Ausweisdokumenten (die gehören nicht in die “Cloud”).
Ebensowenig wie Zeugnisse auf den Rechnern anderer Leute gespeichert werden.
Und dann Passwörter. Wir werden einfach immer weiter Daten verlieren, wenn wir nicht endlich lernen, sichere Passwörter einzusetzen.
Und zwar viele davon. Für jeden Account ein eigenes Passwort.
Das ist auch nicht schwer. Wir müssen einfach nur umlernen.

“You have to unlearn what you have learned.”

Yoda

Es ist falsch nur ein Passwort zu haben. Zumal das dann auch noch zumeist extrem schwach ist.
Wir müssen lernen, dass ein Passwort-Manager der beste Schutz für unsere Passwörter ist.
Hier hilft uns kein Post-It am Bildschirm oder unter der Tastatur.
Wir müssen uns darum kümmern, welche Sicherungsmaßnahme dieser oder jener Dienst anbietet.

  • Wie lang und wie komplex können die Passwörter dort sein?
  • Unterstützt der Dienst 2FA?
  • Akzeptiert dieser Dienst einen Benutzernamen, der nicht gleich die E-Mail-Adresse des Nutzers ist?

Wir müssen das lernen. Oder wir hören auf, diese Dienste zu nutzen. Aber das halte ich für eine sehr gewagte Alternative.


Begleitetes surfen

TL;DR

  • Je früher, desto besser: Ab wann sollten Kinder digitalisiert werden?
  • There is something between black and white: Vernunft liegt immer zwischen Verbot und Freigabe
  • Lernen hört niemals auf: Begleitetes surfen brauchen wir in jedem Alter

Ich bin ein Freund klarer Richtlinien.
Ah, nee, ich bin ein Freund klarer und sinnvoller Richtlinien.
Pauschale Verbote empfinde ich genauso wie einen Affront wie die vollkommen unregulierte Freigabe von Allem und Jedem.
Aus diesem Grund halte ich das Vorgehen in Frankreich, Smartphones an Schulen generell zu verbieten, für schwierig.
Andererseits zeigt dieses Verbot, dass die Situation großräumig aus dem Ruder gelaufen ist.
Die Verfügbarkeit mobiler Endgeräte ist für alle Altersstufen und Schichten durchgängig sichergestellt.
Aber so sehr die Verfügbarkeit sichergestellt ist – so gering ist die Kenntnis über den Umgang und die Auswirkung digitalen Lebens.
Aus diesem Grund sammle ich hier meine Gedanken zum begleitetes digitales Leben.

Ab wann sollten Kinder digitalisiert werden?

Ähnlich unerträglich, wie ich das kategorische Ablehnen oder Befürworten von Überzeugungen finde, so schwierig halte ich die absolute Festlegung auf einen allgemein gültigen Zeitpunkt.
Prinzipiell tendiere ich zu einer Aussage zwischen
Wenn es unbedingt notwendig ist
bis
Wenn sie intellektuell (und vor allem emotional) in der Lage sind, der digitalen Reizüberflutung ohne längerfristigen Schäden zu begegnen.

Echt jetzt, wir müssen nicht mit vermeintlich alternativloser Vehemenz die Digitalisierung der gesamten Gesellschaft als einzigen Rettungsanker der Menschheit im Großen und Ganzen betrachten.
Ist es nicht.
Der Mensch besteht aus mehr als zwei Daumen, mit denen er liebkosend über ein berührendssensitives Display streichen kann, um mit seiner Umwelt in Kontakt zu bleiben.
Bevor wir unseren Nachwuchs an die virtuelle Welt verlieren, sollten wir ihnen Gelegenheit geben, in der realen Welt Fuß (und Hand) zu fassen.
Wir wollen ja schließlich keine hirn- und kritiklosen dressierten Touchscreen-Zombies züchten sondern selbstständig denkende und frei entscheidende Gesellschaftsgestalter aufziehen.
So, damit hätten wir doch schon bereits eine Grundlage geschaffen, auf der wir aufbauen können.
Ja, ja, ja, aber ohne Kenntnisse in Digitalisierungstechnologien werden die zukünftigen Generationen vollkommen abgehängt und total chancenlos.
Bla, bla, bla. Immer derselbe, vollkommen grundlose Blödsinn.
Ich wiederhole mich hier gerne nochmals:
Wir müssen lernen lernen – nicht Anwender werden. Grundlagen müssen gelegt werden.
Das geht auch ganz ohne digitalen Zauberkram.
Generationen von Menschen haben ohne digitales Hintergrundrauschen, ohne „dritte Gehirnhälfte“, gelernt zu denken.
Die ganze aufmerksamkeitsheischende digitale Bedrohung zerrüttet unsere Aufmerksamkeit anstatt diese zu konzentrieren.
Also, damit nähern wir uns langsam einer Antwort auf die Frage, ab welchem Alter wir unseren Kindern den Zugriff auf digitale Endgeräte zumuten sollten.
Wenn sie bereit dafür sind.
Und wann sind sie bereit dafür?
Wenn sie gefestigt in unserer Realität sind und wenn sie Grundlagen des Lernens verinnerlicht haben.

Vernunft liegt immer zwischen Verbot und Freigabe

Ich bin dieser ganzen Rhetorik zwischen Totalverbot und bedingungslose Freigabe mittlerweile vollkommen (ha, ha) überdrüssig.
Der sinnvolle Weg liegt dazwischen.
Das Problem dabei ist, dass sich dieses dazwischen so unkomfortabel in kurze Worte kleiden lässt.
Gesetze sind an sich schon gänzlich unlesbar, wenn wir da noch (Gesetzgeber bewahre!) gesunden Menschenverstand mit einfließen lassen wird es nicht einfacher.
Ja, damit wird es richtig schwierig – und zukünftig nahezu unmöglich, wenn wir nur noch schnelle Anwender züchten -, denn gesunder Menschenverstand scheint eine eher selten genutzte und wenig geschätzte Eigenschaft in unserer Gesellschaft zu sein.
Wir sind furchtbar gefangen zwischen so vielen unterschiedlichen Interessen:
wir wollen Anerkennung für unsere Leistungen (als schnelle Smartphone-Anwender)
wir sollen möglichst ohne größere Blessuren für unsere Persönlichkeit durchs Leben kommen
wir bekommen Druck von außen, wenn wir nicht der Norm entsprechen (auch wenn wir diese Norm* vielleicht gar nicht mittragen)

Es ist immer schwieriger, den eigenen Weg zu gehen, als den ausgetrampelten Pfaden der Menge hinterher zu laufen.
Aber es lohnt sich. Oh, es lohnt sich so sehr!
Besinnen wir uns doch wieder auf Kant, der uns zumurmelt:

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Ja, wir sollten wieder mehr Mut zeigen.
Ein wenig Auflehnung steht uns allen ganz formidabel zu Gesicht.
Was leite ich jetzt daraus ab?
Wir sollten uns mehr unseres eigenen Verstandes bedienen. Dazu haben wir ihn ja schließlich.
Ein unreflektiertes und unkritisches Hinter-der-Masse-herlaufen hat noch nie etwas Positives zutage gefördert.
Nur weil große Teile der Gesellschaft dem Digitalisierungswahn huldigen, müssen wir diesem Trend nicht notwendigerweise nacheifern.
Vor allem – und ich erhebe hier sowohl Stimme als auch Argument – vor allem müssen wir begleiten, mitlernen und verstehen.
Wie sollen wir denn der nachfolgenden Generation Vorbild und Hilfe sein, wenn wir selbst nur mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen vor den Wundern der Digitaltechnik stehen und die Digital Natives als Wunderkinder der Computertechnologie betrachten – lediglich weil sie sich fehlerfrei per Selfie an das digitale schwarze Brett des aktuell gehypten unsozialen Netzwerkes hängen.
Lernen, lernen, lernen – das fordert die Digitalisierung von uns allen.
Die Weiterentwicklung der Technik bringt uns einige Vorteile, doch alles hat seinen Preis.
Und ein Teil dieses Preises ist unsere eigene Weiterbildung.
Wir sollten uns nicht von der Technik leiten lassen sondern diese als Werkzeug nutzen.

Begleitetes Surfen brauchen wir in jedem Alter

Mein Aufruf zum lebenslangen Lernen betrifft nicht allein die Begleiter der Jungen und (digital) Naiven Generation, wir müssen auch unsere Vorgängergeneration, die Silver Surfer, mit unterstützen.
Die Digitalisierung ist schlussendlich nicht nur für zukünftige Generationen aus der Taufe gehoben worden sondern kann uns allen das Leben erleichtern.
Wir sollten Angebote bereit halten, um alle Teilnehmer einer digitalisierten Gesellschaft quasi von der Wiege bis zur Bahre zu unterstützen.
Nebenbei hat Lernen auch den erfreulichen Nebeneffekt, den Geist frisch und agil zu halten.