Der Weg auf der hellen Seite ist steiniger

Ah, ein Plädoyer.
Ein Plädoyer für die gute Sache.
(hmm, denkt nicht ein jeder, seine Sache sei die gute Sache?
Oder hat sich Darth Vader eines schönen Tages beim Frühstück gedacht:
“Hey, heute ist toller Tag, ich versau der Galaxie mal so richtig alles, bau einen Todesstern und mach eine echt schlechte Sache.”)
Also, ein Plädoyer für die gute Sache – Digitalisierung auf der hellen Seite der Macht.
Ja, das geht.
Digitalisierung ist nicht per se schlecht, wir können es auch gut und richtig machen, unsere Privatsphäre behalten und nicht alle zu echten Arschlöchern mutieren.

TL;DR

But what if I want to track myself?

Ich habe es schon anklingen lassen, die Digitalisierung bringt nicht nur Jammern und Wehklagen.
Es sind ein paar Entwicklungen dabei, die echt gut sind und uns wirklich weiter bringen können.
Mein Kumpel Mitch von der Datenwache, dem Podcast für Datenschutz und Privatsphäre, hat mich darauf gebracht.
So ein bissel Self-Quantifikation kann den einen oder anderen motivieren, etwas sorgsamer mit dem eigenen Körper umzugehen.
Ein paar mehr Schritte hier und ein bissel mehr Schlaf dort schadet jetzt nicht wirklich.
Eine echt bescheuerte Idee ist es allerdings, das zu einem Wettbewerb aufzublasen, indem man beständig seine Werte in die breite Öffentlichkeit der allwissenden Müllhalde pustet.
Das geht da draußen niemanden etwas an.
Und es interessiert sich auch wirklich niemand ernsthaft dafür.
Maximal wird es zum Anlass genommen, den Selbstvermesser selbstvergessen zu erniedrigen.
Wir alle verkommen langsam aber sicher (oder auch schnell und unsicher) zu Trollen und Arschlöschern in der widerlichen Welt des virtuellen Wirkens.
Daher: gerne selbstvermessen, aber die Daten schön bei uns selbst behalten.
Mitch hat einige gute Geräte getestet, welche die Vorteile der Digitalisierung nutzbar machen, ohne den Besitzer zum Produkt zu machen.

Komm auf die dunkle Seite, wir haben die coolen Sachen – und Kekse

Man muss vielleicht ein bissel speziell sein, um neben dem Strom zu schwimmen.
Mir geht es heute gar nicht darum, mit meinem “Dagegen”-Schild durch die Gegend zu rennen.
Ich will stattdessen Bewusstsein schaffen, dass es auch einen Weg abseits des Mainstream gibt.
Und dieser Weg führt tendenziell in die gleiche Richtung wie der Mainstream – nur eben selbstbestimmter.
Dennoch wiegen die Verlockungen der dunklen Seite schwer:

  • Sie hat die cooleren Gadgets.
  • Die Oberflächen sind immer schnieke (oder es liegt daran, dass die dunkle Seite mit ihrer Marketing-Macht uns suggeriert, dass diese Oberflächen gefälligst gefällig zu sein haben!).
  • Es ist einfach verdammt bequem, die Anwendungen der dunklen Seite zu nutzen.
  • und sie haben Kekse (aber nur die ungesunden mit viel Zucker und sowieso in die falsche Richtung drehenden Milchsäuren!)

Ne, echt jetzt.
Es ist verdammt schwer, sich der dunklen Seite zu entziehen – schon vor allem deswegen, weil die Meisten gar nicht wissen, dass es eine helle Seite gibt!
Verrückt, oder?
Aus diesem Grund promote ich den Einsatz alternativer Technologien.
Keine Sorge – wir müssen nicht zurück zu Steintafel und Steampunk (obwohl Steampunk echt cool wäre!) – wir müssen lediglich lernen, uns ein bissel umzusehen und nicht gleich der Stampede der Herde hinter dem neuesten heißen Marketingscheiß der Mainstream-Masse herhecheln.
(ich stell mir das grad großartig vor: die Stampede der Herde – Induktionsherde, Ceranherde, Gasherde – und hinterher ein alter Herd mit Holzbefeuerung 🙂 ).

„Selbstdenken ist der höchste Mut. Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln.“

Bettina von Arnim

Recht hat sie, die gute Bettina von A.
Nicht hinterherrennen sondern selbst prüfen und nachforschen, was man wirklich braucht – dann findet man erstaunliche, tolle und innovative Dienste und Produkte.
Zugeben will ich jedoch, dass die Non-Mainstream-Dingsies manchmal ein wenig, naja, prototypisch aussehen.
Mir hat zugegebenermaßen der verratzte Millenium Falcon immer besser gefallen als das eklig glattgebügelte und gänzlich Ecken-und-Kanten-freie Design der Raumschiffe der jämmerlichen Episoden I bis III.

Das Gewissen ist leichter auf der hellen Seite – und der Wissenszuwachs größer

Jetzt geb ich nochmal richtig Stoff in Sachen Kampf für die helle Seite:
Was wir hier drüben nämlich voll zu unseren Gunsten verbuchen können ist unsere moralische Überlegenheit:
Bei uns werden keine Daten verhökert!
Ha! In your face, dunkle Seite!

Auf der hellen Seite bist du wirklich der Kunde – und nicht das Produkt, denn hier musst du mit deinem schwer verdienten Geld bezahlen und nicht mit deinen unsterblichen Daten!

Was darüber hinaus für die helle Seite spricht, ist die Tatsache, dass du wirklich begreifst, wie die Produkte und Dienste funktionieren.
Du musst dich ernsthaft mit der Funktionsweise der Dienste und Produkte auseinandersetzen, um sie zu verstehen und richtig verwenden zu können. Also nicht nur die Features bedienen können.
Du bist folglich nicht mehr nur ein geübter (und schneller) Anwender (das kann jeder halbwegs trainierte Affe) – sondern ein Wissender.
Das wollen die Manipulatoren der dunklen Seite natürlich mit allen (bequemen) Mitteln verhindern!

“It’s no longer OK not to understand how the Internet works.”

Aaron Swartz

so hat es Aaron Swartz auf den Punkt gebracht.
Wir müssen verstehen wie die Dienste und Produkte interagieren.
wir müssen durchschauen wie die Manipulation der dunklen Seite funktioniert.
Erst dann können wir uns dagegen wehren.

Zum Ende meines Plädoyers noch ein Wort der Warnung:
Der Weg der hellen Seite ist ein steiniger, vielfach gewundender Weg.
Er ist nicht von Rosen gesäumt und mit Gummibärchen gebettet.
Fragen wir Gandhi, Gandalf und Groot.
Die hätten es alle leichter haben können, wenn sie sich der dunkle Seite angeschlossen hätten.
Aber nein, die mussten ja ihren Stiefel durchziehen.
Und was haben sie davon gehabt? Unterwegs Leid und Steine auf dem Weg – am Ende aber ein Imperium in die Knie gewzungen, Sauron vermöbelt und die Galaxie gerettet.
Na also. Lohnt doch.
Also, die groben Bergschuhe anziehen und den steinigen Weg beschreiten.

Es geht nicht ohne!

TL;DR

In jüngster Zeit begegnet mir zunehmend das Argument der Alternativlosigkeit, wenn es um den Einsatz digitaler Technologien geht.
Das erscheint mir jedoch sehr merkwürdig, suggeriert Digitalisierung doch eine größere Bandbreite an zur Verfügung stehenden Möglichkeiten.
Ist es nicht eine seltsame Beschränkung unseres Horizonts, wenn wir uns in einer digitalen Welt der unbegrenzten Auswahl größtenteils auf die schlechteste Wahl stürzen, weil wir diese für schlicht alternativlos halten?
Es erinnert mich stark an Cousin Balki aus Perfect Strangers. Seine vollkommen alternativlose Suche nach einem neuen Leben im gelobten Land wurde für ihn mit seinem Plakat “America or Burst!” zum treibenden Moment, welches alle anderen Möglichkeiten und Chancen als quasi nicht existent definierte.
Ich betrachte hier nun drei Ausprägungen, in denen mir das “Es-geht-nicht-ohne!“-Argument begegnet ist.
Meiner Betrachtung der jeweiligen Beispiele stelle ich anschließend Alternativen gegenüber, um das Argument der Alternativlosigkeit zu entkräften – hoffentlich!
So denn, ohne weitere Umschweife – es geht los (als Alternative kann ich anbieten, an dieser Stelle mit dem Lesen aufzuhören…)

WhatsApp or Burst!

Es geht nicht ohne WhatsApp!
Das ist stets die erste Reaktion, wenn ich als DSB meine Kunden darauf hinweise, dass WhatsApp die nicht-private Nutzung nicht gestattet:

Rechtmäßige und zulässige Nutzung. Du darfst auf unsere Dienste nur für rechtmäßige, berechtigte und zulässige Zwecke zugreifen bzw. sie für solche nutzen. Du wirst unsere Dienste nicht auf eine Art und Weise nutzen (bzw. anderen bei der Nutzung helfen), die: […] oder (f) eine nicht-private Nutzung unserer Dienste beinhaltet, es sei denn, dies wurde von uns genehmigt.

Auszug aus den AGB von WhatsApp

Das liegt nicht nur daran, dass es WhatsApp in seinen AGB schlicht nicht erlaubt. Vielmehr liegt es eben daran, dass ein WhatsApp-Nutzer sein gesamtes Adressbuch auf die Server von WhatsApp hochlädt – (vermutlich) ganz ohne die Zustimmung seiner Kontakte im Adressbuch zu dieser schändlichen Tat.
Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass die Kontakte, die wir in unserem Adressbuch speichern, nicht uns gehören – sondern dem Kontakt!
Uns wurden diese Daten nur treuhänderisch zur Verfügung gestellt.
Gehen wir nun missbräuchlich mit diesen Daten um, so veruntreuen wir Daten und missbrauchen das Vertrauen unserer Kontakte.
Ein weiterer Punkt, der mir in diesem Kontext häufig wütend entgegengeschleudert wird, ist die Angst, ohne WhatsApp den Kontakt zur Jugend zu verlieren.
Lieber Himmel, Leute!
Jetzt hört euch doch mal selbt zu:
Ihr verliert jetzt plötzlich den Kontakt zur Jugend, weil eine Firma, die es vor zehn Jahren nicht einmal als feuchten Traum ihrer Gründer gab, angeblich das einzige Verbindungsglied zwischen den Generationen sein soll?
Kriege, Kulturrevolutionen und nicht einmal Rock’n’Roll waren in der Lage, die Generationen zu trennen, da wird es ein solch schwindsüchtiges Internetunternehmen auch nicht verursachen.
Habt ihr ein derartig großes Misstrauen in das menschliche Miteinander, dass ihr ernsthaft befürchtet, den Kontakt zur Jugend zu verlieren, bloß weil ihr WhatsApp nicht nutzt?
Ich schüttele mein Haupt voll Ungläubigkeit.
Ja, aber ist es alternativlos?
Nein, ist es nicht!
Ich sage ja nicht, zurück zu Steintafel und Brieftaube, wenn ich darauf hinweise, daß WhatsApp der letzte datensaugende Dreck ist.
Kurznachrichtendienste sind sinnvoll, hilfreich und ein echt praktisches Werkzeug.
Aber – oh Wunder – es gibt bessere, sicherere und coolere Alternativen.
Bloß weil es Mainstream ist, ist es nicht automatisch gut.
War bei VHS auch nicht so.
Testet doch mal Threema, Wire oder Signal.
Funktional alle drei gleichwertig – in schwarz, grau oder blau.
Verticken alle aber deine Daten nicht und saugen auch dein Adressbuch nicht leer.
Und als Sahnehäubchen obendrauf: Die Nutzung ist auch für Kinder gestattet – bei WhatsApp nicht:

Mindestalter. Um WhatsApp benutzen zu dürfen, musst du mindestens 16 Jahre alt sein.

Auszug aus den AGB von WhatsApp (nochmal…)

Sterben in Einsamkeit

“Du musst bei Facebook sein!”.
Noch so eine Hohlphrase, wenn ich mich über die Sichtbarkeit meines Unternehmens unterhalte.
Nein, muss ich einfach nicht.
Nicht nur, dass ich mich damit vollkommen und total unglaubwürdig machen würde, aber es stimmt einfach nicht.
Ich erreiche Menschen in der analogen Welt.
Hier helfe ich meinen Kunden, mit den Widrigkeiten der Digitalisierung fertig zu werden.
Dabei hilft mir keine algorithmisch gestrickte Timeline, in der ich vielleicht für den einen oder anderen auftauche – je nachdem, wieviel Kleingeld ich Facebook dafür in den datengierigen Rachen schmeisse.
Auch an dieser Stelle gilt Gleiches, was ich bereits für Messenger postuliert habe:
Wir müssen nicht zurück zu den Aushängen am Schwarzen Brett, wenn wir uns mitteilen wollen.
Aber dennoch ist auch Facebook nicht alternativlos.

  • Nutze einen RSS-Reader, um deine für dich relevanten Feeds zu abonnieren.
  • Betreibe einen eigenen Blog, um deine Gedanken der Welt mitzuteilen
  • Melde dich bei diaspora* an, der föderierten und nicht werbebasierten offenen Alternative zu Facebook an.
    Ein wirklich guter Schritt ist: melde dich bei Facebook ab!

Lost in the Supermarket

Alternativlos scheint auch der Einsatz der zivilen Heimüberwachungswanzen wie Alexa und Co. zu sein.
Zumindest solange, bis die digitalen Bevormunder und Klugscheißer nach zwei Wochen deaktiviert oder ins Gäste-Klo verbannt werden.
Werden in diesen beiden initialen Wochen des verbal-akustischen digitalen Glücks noch die effizienzsteigernen Vorteile der Heim- und Selbstüberwachung gelobt, so wandelt sich dieses Gefühl recht bald in eines des Unbehagens und der Fremdbestimmung.
Mir geht wirklich jegliches Verständnis dafür ab, warum ich von Mallorca aus meine Klospülung aktvieren können sollte.
Selbst die Überwachung meiner Außenüberwachung per Video aus dem aus dem Kurztrip in den Harz geht über meinen Verständnishorizont.
Mit diesen ganzen IoT-Spielereien schaffen wir uns nicht mehr Sicherheit und auch keinen zusätzlichen Freiraum.
Ganz im Gegenteil.
Neben den Ängsten (“Ich hab da auf dem Video jemandem im Garten gesehen.”), die uns den lang ersehnten Urlaubstrip verhageln, reißen wir klaffende Lücken in die (bislang) sichere digitale Infrastruktur.
Die IoT-Geräte sind durch die Bank irrsinnig unsicher:

  • Standardpasswörter, die nicht geändert werden können
  • offene Erreichbarkeit über das Internet
  • Zugangsdaten festverdrahtet und öffentlich bekannt
  • Firmware, die nicht mehr updatefähig ist und schon beim Kauf veraltet war

Eine größere Nutzungsfläche führt zwangsläufig auch zu einer größeren Angriffsfläche.
Wenn wir mehr digitale Geräte nutzen, müssen wir ebenfalls mehr Zeit in deren Wartung und Instandhaltung investieren.
Andernfalls kontrollieren nicht wir die Geräte, sondern werden durch diese kontrolliert (und kompromittiert).
Im IoT-Bereich wird es allerdings erheblich anspruchsvoller, privatsphären-affine Alternativen zu finden.
Der internetkommerzielle Komplex hat besonders in diesem Marktsequenz hohe Bequemlichkeitshürden aufgebaut, um seine Kunden mit digitalem Komfort an seine virtuellen Dienste zu leimen.
Dennoch gibt es auch hier Alternativen.
Aber wie gesagt, der Aufwand für den geneigten Privatsphärenverteidiger ist höher.
Wir können uns unsere Heimautomatisierung beispielsweise basierend auf einem (oder mehreren) Raspberry Pi aufbauen – ganz lokal und ohne automatischen Datenabzug in die Wolken des internetkommerziellen Komplexes.

So, jetzt hoffe ich, euch einen Überblick über die Möglichkeiten jenseits des Alternativlosen gegeben zu haben.
Denkt daran: immer wenn jemand behauptet, es gäbe keine Alternative, will er nur nicht, dass ihr über diese nachdenkt.
Denn dann bewegt ihr euch außerhalb dessen Kontrollbereichs und habt euer Glück in den eigenen Händen!

Ein paar unbequeme Gedanken zur Bequemlichkeit

Als bequemen Abschluss meiner Reihe über den Widerspruch, den uns der Drang nach Bequemlichkeit und die Notwendigkeit von Privatsphäre auferlegen, mache ich mir heute noch einige unbequeme Gedanken zur Bequemlichkeit.
Ich will noch einmal eindrücklich darauf hinweisen, dass wir stets in einem Spannungsfeld zwischen Bequemlichkeit und Privatsphäre leben.
Wenn wir mehr von dem Einen haben, geben wir zwangsläufig etwas von dem Anderen auf.
So ist das im Leben – wir können nicht alles haben.
Und ich bin überzeugt davon, dass dies auch gut ist.
Wir werden uns bewusster, dass wir uns gezielt für etwas – und auch am besten gezielt gegen etwas – entscheiden.
Einen guten ersten Schritt haben wir schon getan, wenn wir uns bewusst machen, wofür wir uns entscheiden.
Wenn wir bewusst sagen, ja ich gebe einen Teil meiner Privatsphäre auf, um dafür etwas mehr Bequemlichkeit zu erhalten.
Und die Erkenntnis, dass wir uns bewusst für die eine Seite und damit ebenfalls bewusst gegen die andere Seite entscheiden, ist entscheidend.
Erst dann sind wir nicht mehr von außen gesteuert.
Erst dann haben wir die Möglichkeit, eine echte Entscheidung zu treffen.
Bewusst für eine Stärkung unserer Privatsphäre einzutreten.

Bequemlichkeit schafft Trägheit

Ich hatte bereits im ersten Teil meiner Bequemlichkeitsserie geschrieben, dass wir aktiv gar nichts tun müssen, um eine höhere Ebene der Beuquemlichkeit zu erreichen.
Dorthin werden wir automatisch von Bequemlichkeit schaffenden Errungenschaften befördert.
Die damit einhergehende Aufgabe der Privatsphäre (wobei es paradoxerweise die Aufgabe der Privatsphäre ist, diese Aufgabe zu verhindern) nehmen wir im Rahmen der bequemen trägheitssteigernden Bequemlichkeitszunahme gern in Kauf.
Andererseits erfordert es von uns Aktivität und Bereitschaft, sich dem von außen verordneteten Zuwachs an Bequemlichkeit zu widersetzen.
Mir kommen die Borg in den Sinn, wenn ich hier über den konstanten und von externen Seiten verordneten Zuwachs von Bequemlichkeit in unserer Gesellschaft nachdenke:

"Widerstand ist zwecklos!"

Was im übrigen überhaupt nicht stimmt.
Widerstand ist selten zwecklos (also nur, wenn man den Widerstand beispielsweise überbrücken kann).
Widerstand ist erstmal das Verhältnis zwischen elektrischer Spannung und der Stärke des durchfließenden Stroms:

R = U/I

Also – um es für uns und unsere Betrachtung des Verhältnisses von Bequemlichkeit und Privatsphäre zu verdeutlichen, müssen wir anerkennen, dass es Kraft kostet, aktiv zu werden.
Aufwand, Bewusstheit oder was auch immer ist der Preis, den wir bezahlen müssen, wenn wir uns der zunehmenden Bequemlichkeit widersetzen wollen.
Es ist also gewissermassen ein Luxus, Privatsphäre zu hegen und zu pflegen.
Nur die wenigsten leisten ihn sich.
Aber der Aufwand lohnt sich!
Ehrlich.
Stellen wir uns vor, wir sind ein Widerstand.
Einer von den ganz großen.
Und von außen strömt immer mehr Bequemlichkeitsgedränge auf unsere Privatsphäre ein.
Also müssen wir dem unseren inneren Widerstand dagegenhalten.
Ansonsten wird unsere Privatsphäre immer weiter vom Bequemlichkeitsstrom zurückgedrängt.
Und das wollen wir nicht.

Am anderen Ende der Bequemlichkeit

Richten wir unsere Gedanken auf das andere Ende der Bequemlichkeit.
Was ist dort, auf der jenseitigen Seite eines bequemen Lebens.
Also dort, wo wir uns gänzlich der Bequemlichkeit anheim geworfen haben und jegliche Privatsphäre einem mehr und immer mehr an Bequemlichkeit geopfert haben.
Dort, im Schlaraffenland der Trägheit – manche würden es wohl Hölle nennen – wird etwas Neues aus unserer Bequemlichkeit.
Nämlich Notwendigkeit.
Es ist nicht mehr reine Bequemlichkeit, die uns drängt und zieht, immer bequemer zu werden.
Der Drang zur Bequemlichkeit wird zur Notwendigkeit.
Wir werden alles tun, jeglichen Rest unserer Persönlichkeit aufgeben, um der Notwendigkeit zu immer mehr Bequemlichkeit nachzukommen.
Wenn wir schon jetzt für ein kleines bisschen mehr Streaming, für ein wenig mehr Kaufempfehlungen oder ein bisschen weniger Tipparbeit beim Ausfüllen eines Formulars bereit sind, Teile unserer Privatsphäre zu opfern … wie weit sind wir dann noch davon entfernt, etwas mehr Privates, Intimes für das bisschen mehr Bequemlichkeit herzugeben?
Je mehr wir uns der wachsenden Bequemlichkeit in den gierigen Schlund werfen, desto schwieriger wird der Weg zurück zu einer starken Privatsphäre.
Er wird schwieriger – aber nicht unmöglich.
Darum an dieser Stelle mein dringender Aufruf:
Niemals aufgeben.
Oder wie Gordon Shumway es paraphrasiert:

"Es ist selten zu früh und niemals zu spät."

Es könnte aber auch anders funktionieren…

Ein hehres Ziel beim Schreiben meiner Artikel ist es, auf einer positiven Note zu enden.
Andernfalls beschleicht mich das Gefühl, wie ein Weltuntergangsverschwörungstheoretiker zu klingen.
Und das will ich ja auch nicht.
So klingen.
Nein, ganz ohne Ernst.
Ich bin auch ein Mensch und ich hab es gerne bequem.
Schließlich meißle ich diese Artikel nicht auf Steintafeln, sondern nutze bequeme Onlinedienste, um meine Gedanken in alle Welt zu verteilen.
Von diesem Standpunkt ausgehend habe ich einige Ideen gesammelt, wie Bequemlichkeit und Privatsphäre vielleicht an der einen oder anderen Stelle zusammenkommen können.

  • Ein Intranet der Dinge
    Also, gerne die ganze Heimautomatisierung, aber eben nur lokal.
    Wenn man denn unbedingt das Licht in der Speisekammer direkt aus dem Fernsehzimmer drei Etagen weiter oben dimmen will.
    Oder eben zentral alle Rolläden gleichzeitig runterlassen will – das wirkt dann wirklich ein bissel wie Zombie-Apokalypse (oder wenn die krummbucklige Verwandtschaft anrückt…).
    Ist alles prima bequem – und muss definitiv nicht im Internet hängen.
    Es ist wirklich kein sinnvoller Anwendungsfall, das Licht im Gästeklo per Smartphone vom Strand auf Ko Samui aus zu steuern.
    Isses nicht.
    Egal, was euch die Werbung einzuimpfen versucht.
  • Ein Fitness-Tracker, der nur meine Fitness trackt und nicht meine Privatsphäre
    Es ist doch erstmal technologisch gesehen das einfachste Ding, die Daten nur dort zu erfassen und zu verarbeiten, wo sie entstehen.
    Der ganze Müll mit der Auswertung auf den Servern der Hersteller – und der Korrelation auf den Servern der 23 weiteren Datenkraken – trägt für den Nutzer nicht zur Verbesserung des ursprünglichen Zweckes des Fitness-Trackers bei.
    Jajaja, Wettkampf als Motivation und globale Vergleichswerte zur besseren Erfolgskontrolle, bla, bla, bla … und weitere Hohlphrasen der Marketingabteilungen der Datenkraken.
    Ist alles nur leeres Gewäsch.
    Das Einzige, was wir aus diesen geschliffenen pseudo-wissenschaftlichen Behauptungen für uns herausziehen können ist die Erkenntnis, dass wir nicht der Kunde sind – sondern das Produkt.
    Und somit den Datenkraken als Datenmine, die geschürft wird, dienen sollen.
    Ein trauriges Beispiel dafür hat letztes Jahr der Kauf von Pebble durch fitbit gezeigt.
    Ich bin davon überzeugt, dass Pebble nicht aufgrund seiner innovativen Fitness-Trackern gekauft wurde, sondern um einen privatsphären-affinen Konkurrenten aus dem Rennen zu grätschen.
    Traurig, denn Pebble kam schon recht nah an die Idee vom lokalen Fitness-Tracker heran.

Was in diesem Kontext gar nicht geht, sind die “Wir lernen von den Verhaltensweisen der anderen Nutzer” Dystopien.
Ich kann dann meine Deep-Learning-Wanze Alexa nicht um Rat fragen und erwarten, eine Antwort zu bekommen, die für mein Profil (basierend auf 7385 ähnlichen Anfragen aus meinem Freundeskreis) eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 87,34 % hat.
Aber auch an dieser Stelle frage ich wieder:
Wer braucht das schon?
Ich konnte mich auch früher ganz ohne Fashion-Tipps einer künstlichen Unintelligenz für die Klamotten entscheiden, die mir gefallen haben – und sonst keinem.
Schade, mein hehres Ziel wieder verfehlt…

TL;DR

  • Resistance is futile: Bequemlichkeit schafft Trägheit
  • In der Hölle gibt es keine Regenbögen: Am anderen Ende der Bequemlichkeit
  • Wenn ich mir etwas wünschen dürfte: Es könnte aber auch anders funktionieren…

Darum, liebe Leser, gebt euren Widerstand nicht auf – oder beginnt damit, ihn zu entwickeln.
Es gibt etwas da draußen, für das es sich lohnt, die Bequemlichkeit einzuschränken.
Wir wollen doch nicht alle aussehen und handeln wie die traurig daherschlurfenden und zentral gesteuerten Borg.

Resistance is not futile!

Wehren wir uns.

Was kann ich tun, innerer Schweinehund?

"The End is Nigh!"

Nachdem ich in den letzten beiden Folgen wie ein wütender Prophet des drohenden kulturellen und sozialen Untergangs auf die Bevormundung durch Bequemlichkeit fördernde Technologien und Verhaltensweisen eingeschimpft habe, will ich heute konstruktiver an die Kontroverse Bequemlichkeit vs. Privatsphäre herangehen.
Hier will ich einige Hinweise darauf geben, wie wir uns aus der einlullend-gemütlichen Umarmung der Bequemlichkeit lösen können und stattdessen frei und selbstverantwortlich unsere Privatheit fördern können.
Also anschnallen und los gehts.

Lokal ist das neue immer und überall

Bequem ist in erster Linie eine persönliche Entscheidung die wir treffen.
Es ist bequem, den neuesten Perry Rhodan Silberband online zu ordern und am nächsten Tag von fleißigen Paketboten geliefert zu bekommen.
Aber wir haben doch alle eine Buchhandlung in mittelbarer oder sogar unmittelbarer Umgebung.
Was vergeben wir uns, wenn wir den lokalen Buchhandlung unterstützen?
Nichts, will ich meinen.
Im Gegenteil – wir gewinnen sogar einiges:

  • es gibt weiterhin einen lokalen Buchhandel – und nicht noch einen weiteren 1-Euro-Shop
  • wir können tatsächlich sozial interagieren, indem wir mit dem Buchhändler unseres Vertrauens sprechen
  • wir reduzieren aktiv die Verstopfung unserer Innenstädte durch Paketdienste

Und obendrein bekommen wir unser neues Buch genauso schnell auf diesem Weg.
Also, nichts verloren, nur gewonnen durch Verzicht auf etwas Bequemlichkeit.
Wir gegen unseren inneren Schweinehund: 1 – 0

Dein Staubsauger muss keinen Plan haben

Ist es nicht schon ausreichend, wenn dein automatischer Putzteufel ohne dein Zutun deine heiligen Hallen saugt?
Es ist nicht notwendig, dass er dabei auch noch einen detaillierten Plan derselben erstellt – und an seine Kollegen von der industriellen Hausüberwachung, äh… -automatisierung, verkauft.
Es ist gut genug, wenn das Ding seine stupiden Bahnen zieht.
Es muss dabei nicht einem algorithmisch hochoptimierten Plan folgen, der den Parkettboden gleichmäßig abnutzt.
Das ist ein Holzboden.
Der hält, wenn es gut läuft, die nächsten tausend Jahre.
Da verursachen die 500 Gramm Roboter, die regelmäßig darüber hinweg saugen, keinen wesentlichen Abrieb.
Und falls wir uns Sorgen darüber machen, was der Saug-Robbie mit unserer Sammlung Ming-Vasen macht, dann ist so ein Ding sowieso die falsche Anschaffung – dann sollten wir uns lieber eine menschliche Reinigungskraft engagieren.
Damit tun wir dann auch noch etwas Gutes für den darbenden Arbeitsmarkt.

Selbst kochen macht glücklich

Der konstante Weg zu einer immer höheren Ebene der Bequemlichkeit macht auch vor der Küche nicht halt.
Convenience-Produkte waren hier nur der Anfang des bequemen Elends.
Küchenautomatisierungsassistenten, die uns auf unseren Smartphones darüber auf dem Laufenden halten, wie wohl sich unser Niedertemperatur-gegarter Dry-Aged Rinderwahnsinn fühlt.
Oder auch der Kühlschrank, der sich bitterlich beklagt, dass demnächst die Milch alle ist.
Bequem – sicherlich.
Hilfreich – fraglich.
Bevormundend – ganz sicher.
Kochen ist eine Kunst – keine Wissenschaft.
Ein Tee ist fertig, wenn Farbe und Aroma stimmen – nicht wenn der ans Internet der Undinge angeschlossene, vollkommen überteuerte high-sophisticated Tea-Dispenser in Abstimmung mit der Online-Community dies sagt.
Und gleiches gilt für den Rinderschmorbraten, die Spätzle und sogar für die Wald- und Wiesentiefkühlpizza.
Bei steigendem Einsatz von bequemlichkeitsfördernden Spielzeugen und Technologien setzen wir uns der Gefahr aus, unser natürliches Gespür dafür zu verlieren, wann etwas fertig und bereit ist.

Streaming spart weder Zeit noch Nerven

Bequemlichkeit hält gern in Bereichen der Luxusversorgung Einzug.
Ich vermute, dies liegt daran, dass wir gerade beim Luxus gern bereit sind, mehr Bequemlichkeit im Tausch gegen unsere Daten anzunehmen.
Diese Bequemlichkeit erkaufen wir uns jedoch nicht nur mit unseren Daten und Profilen, die wir hierfür herausgeben.
Nein, wir geben auch die freie Wahl auf.
Denn es ist doch gerade bei Streaming-Diensten so unglaublich bequem, dass wir immer etwas “passendes” vorgeschlagen bekommen.
Wir brauchen uns gar nicht selbst entscheiden, was wir als nächstes sehen oder hören wollen – der Vorschlag-Algorithmus nimmt uns diese schwierige Entscheidung willfährig ab.
Vielleicht sollten wir diese Form von Bequemlichkeit auch in der Politik zum Einsatz bringen:

  • Wenn du diesem Hohlphrasendrescher glaubst, dann wähle silber-türkis-gepunktet.

Ach, welche Wohltat – endlich nicht mehr aktiv entscheiden müssen…
Ich schweife ab.
Wollte ich doch konstruktiv schreiben heute.
Daher meine Empfehlung:
Greifen wir wieder zu offline verfügbaren Medien.
Wir können gezielt einen Film (oder auch – Wunder der Informationstechnik – ganze Serien) von Datenträgern schauen.
Ich rufe hier nicht zum Totalverzicht auf Filme, Serien, Musik und sonstige Lustbarkeiten auf.
Ich rufe zur bewussten und gezielten Auswahl auf.
Die Tyrannei der Auswahl – ich habe es hier bereits angesprochen, ist ein Faktor, der deutlich zur Unzufriedenheit beiträgt – ganz im Gegenteil zu dem, was uns die Streaming-Industrie wohlklingend in ihren Werbeversprechen anpreist.

Kontinuität glättet das Unbequeme

Bequemlichkeit gewinnt so immens an Charme, da es viele Schritte schlicht vor uns verbirgt.
Wenn wir hingegen die minder bequeme Variante wählen, sehen wir zum einen die bisher vor uns verborgenen Einzelschritte – und zum anderen wird uns die vermeintlich unbequeme Variante durch regelmäßigen und kontinuierlichen Einsatz als gar nicht so unbequem in Fleisch und Blut übergehen.
Unbequem sind letztlich nur Tätigkeiten, die wir ungern tun.
Beginnen wir doch, die kleinen Einzelschritte als Teil des Zieles zu betrachten und zelebrieren diese, anstatt sie als notwendiges Übel zu verdammen.

Askese ist keine Lösung

…und Selbstkasteiung tut auch bloß weh.
Wir sollten daher nicht zu hart zu uns (und vor allem zu anderen) sein.
Bequemlichkeit ist halt – bequem.
Ein furchtbarer Zirkelschluß – und so schlüssig in sich selbst.
Aber treten wir einen Schritt zurück und betrachten kurz die Auswirkungen von Bequemlichlichkeit.
Bequemlichkeit reduziert die Komplexität von Tätigkeiten.
Dies geht zugunsten der Zeit, die wir vermeintlich gewinnen.
Bequemlichkeit raubt uns auf der anderen Seite jedoch auch den Einblick in die Dinge, die wir durchführen.
Wir verlieren den Bezug zu dem, was wir tun.
Und wir geben auch stets einen Teil unserer Freiheit auf.
Sei es die Freiheit der freien Auswahl.
Oder sei es der Schutz unserer Privatsphäre, weil wir dem Bequemlichkeitsanbieter Einblicke in unserer Innerstes gewähren.
Und dennoch, wir sollten im Kampf um unser Selbst, unsere Privatsphäre, nicht dogmatisch werden.
Wir haben die Wahl – gerade darum geht es mir.
Und wir haben auch die Wahl, uns bewusst für Bequemlichkeit zu entscheiden.
Wir sollten lernen, dass wir immer zwischen Bequemlichkeit und Privatsphäre abwägen müssen.
Wir bekommen nicht beides in gleichem Maße.
Wollen wir mehr von dem einen, erhalten wir von dem anderen weniger.
Es ist ein Balanceakt und wir können – und sollten – frei entscheiden, was wir wollen.
Nur eines sollten wir vermeiden:

Uns diese Entscheidung aus den Händen nehmen lassen, indem wir kritiklos jede Bequemlichkeit versprechende Neuerung akzeptieren.

TL;DR

  • Lieber hier und gleich als überall und immer: Lokal ist das neue immer und überall
  • Bequemlichkeit ist grenzenlos: Dein Staubsauger muss keinen Plan haben
  • Kochen ist können – nicht automatisieren: Selbst kochen macht glücklich
  • Unendliche Auswahl ist ein Fluch: Streaming spart weder Zeit noch Nerven
  • Übung schafft Meisterschaft: Kontinuität glättet das Unbequeme
  • Dogmatisch sein macht einsam: Askese ist keine Lösung

So, innerer Schweinehund, hier ist der Plan – am Wochenende bekommst du die Leine, Wochentags bin ich am Ruder

Wie gefährdet Bequemlichkeit unsere Privatsphäre

Dann betrachten wir heute einmal die bequemen Helferlein, die danach trachten, unser Leben zu vereinfachen – und dabei leider unsere Privatsphäre auflösen.
Die Bequemlichkeit von uns Nutzern ist der Hauptgrund für die Gefährdung unserer Privatsphäre.
Wenn wir den Zustand unserer zunehmend eingeschränkten Freiheit beklagen und dabei die Schuld bei den “bösen” Geheimdiensten oder den “unfairen” Internetkonzernen suchen, dann ist das deutlich zu kurz gesprungen.
Es ist einfach, die Schuld stets außerhalb unseres eigenen Verantwortungsbereiches zu suchen.
Erst wenn wir die Verantwortung für unser Handeln selbst übernehmen, haben wir Einfluss darauf, wie unsere Privatsphäre aussieht.
Unsere Privatsphäre ist nun mal unsere private Angelegenheit – also nehmen wir dieses Thema am besten auch in unsere eigenen Hände.

Wenn unser Entertainment-Center uns belauscht

Ich bin technologischen Entwicklungen gegenüber doch deutlich aufgeschlossen und plädiere ja auch nicht dafür, dass wir uns nur noch am Lagerfeuer Geschichten erzählen sollten.
Deswegen finde ich Entwicklungen wie Netflix und andere Streaming-Dienste ja echt toll.
Schauen wann ich will.
Das macht einem das Leben deutlich einfacher.
Das Abendessen muss nun nicht mehr vor der 20-Uhr-Tagesschau fertig sein, damit wir den neuen Tatort oder den Blockbuster auf Kanal 832 um viertel nach acht in aller Ruhe schauen können.
Ne, jetzt können wir den Feierabend-Krimi starten wann wir wollen!
Freiheit, ich nenne dich Internet!
Also gut, einen internetfähigen Fernseher find ich klasse.
Aber wieso um George Orwells Willen muss der mir immer zuhören?
Schaffe ich es wirklich nicht mehr, eine Hand vom kühlen Bier zu lösen oder aus der Chipstüte zu ziehen, um einen Knopf auf der Fernbedienung zu drücken?
Muss ich meinen Kanalwechselwunsch wirklich akustisch verbalisieren?
Leute, wenn ich das Gerät mit einem gesprochenen Befehl einschalten will, dann muss es mir zwangsläufig immer zuhören.
Und es hört alles was ich sage.
Also keine vertraulichen Gespräche mehr in der guten Stube.
Das Ding hört was ich sage.
Und wir wissen nicht, was es mit dem Gesagten so alles anstellt.
Mir kommen da die Worte von General Keith Alexander in den Sinn:

"Warum können wir nicht eigentlich alle Signale immer abfangen."

Tja, lieber Herr General – können wir doch.
Und machen wir.
Und es beschränkt sich ja nicht nur auf den ans Internet angeklemmten televisionären Lauschangriff.
Alexa und wie die anderen hardware gewordenen feuchten Stasiträume auch heißen – sie belauschen uns in jedem Raum.
Weil – wir wollen ja ganz praktisch per Sprachbefehl aus der Küche heraus das Licht im Schlafzimmer dimmen, die Waschmaschine starten und schon einmal zehn Liter … bestellen.
Weil – is ja alles so schön bequem.
Ich frage mich immer öfter, ob wir eigentlich noch alle Latten am Zaun haben.
Vielleicht frage ich mal Alexa…

KeylessGo, oder besser: CarlessNoGo

Zunächst einmal ist mir bei diesem sicherheitstechnischen Rohrkrepierer das Einsatzszenario nicht ganz klar.
Ist das was für Menschen, die permant Hände, Arme, Füße und bionische Erweiterungen mit Smartphones, Bierflaschen und zehn Tüten voller Shoppingtrophäen vollgepackt haben?
Wo bitte liegt der Sinn vergraben, dass ich den Schlüssel nur in meiner Nähe haben muss, um mein Auto zu öffnen und zu starten?
Es macht trotzdem noch nicht mal die Tür für mich auf!
Das muss ich nach wie vor mit der Hand tun!!
Und wenn ich so besoffen bin, dass ich den Schlüssel nicht mehr ins Zündschloss bekomme, dann treffe ich den Start/Stop Knopf auch nicht mehr!!!
Dafür riskiere ich, dass jeder Hempel, der einen Range-Extender bauen kann – und das Zeug dafür bekommt man für wenige Euros – mir meine Karre quasi unter dem Hintern wegklauen kann.
Sind wir ernsthaft schon so naiv oder von der Industrie schon so weichgekocht, dass wir auf einen derartigen Schwachsinn reinfallen?
Falls ja … haben wir es vielleicht wirklich verdient, bevormundet, manipuliert und ausgeraubt zu werden.
Falls nein … dann bitte ich inständig darum, von unserem Verstand Gebrauch zu machen und kritisch zu prüfen, ob wir wirklich jede uns vor die Füße geworfene Technologie brauchen.

Ich würd meinen Finger für meine Bequemlichkeit hergeben…

Schon lange aus dem Bereich der Science-Fiction herausgetreten sind sie:
Die biometrischen Zugangskontrollen.
Nicht mehr nur Superagenten, Superschurken und superkrass geheime Forscher im Regierungsauftrag dürfen Türen, Panzerschränke und Kaffeemaschinen mit ihren Fingerabdrücken, Iris-Scans oder Speichelproben öffnen.
Nein, das kann mittlerweile jeder technik-affine und – wiederum – sicherheitstechnisch schlecht beratene Häusle-Bauer.
Egal, ob es die Freischaltung unseres Smartphones oder die Öffnung unserer Haustür ist – inzwischen können wir biometrisch nahezu alles öffnen.
Sogar Überweisungen mittels unserer allzeit präsenten Wanze lassen sich mit einem Druck auf den Fingerabdrucksensor bestätigen.
Und ewig locken die Versprechungen der Industrie.
So bequem, so sicher, so schnell…
Nun, leider unterlassen es die Anbieter und Hersteller dieser Bequemlichkeiten stets, auf die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen – am besten in Form eines Beipackzettels – hinzuweisen.
Allerdings erführe dieser digitale Beipackzettel dieselbe Aufmerksamkeit wie seine papiernen Verwandten und AGBs, nämlich: keine.
Es fängt doch schon damit an, dass wir nur zehn Finger und zwei Augen haben.
Da ist jetzt nicht besonders viel Spielraum für Ausweichmöglichkeiten.
Ist ein Fingerabdruck weg, dann habe ich noch neun verbliebene Alternativen.
Aber moment mal – wenn der Fingerabdruck weg ist, ist der Fingerabdruck weg … bleibt jedoch leider mit meiner Identität verknüpft.
Dilemma, dilemma.
Wird mir ein Passwort gestohlen, kann ich dies wenigstens ändern.
Wird mir allerdings ein biometrisches Merkmal gestohlen, bleibt dieses trotzdem dauerhaft mit meiner Person verbunden.
Erbeutet ein Dieb eines meiner biometrischen Merkmale, egal ob Fingerabdruck, Iris-Scan oder was auch immer die Industrie an dieser Stelle noch als “eindeutiges” Merkmal findet, dann kann sich dieser Dieb als ich ausgeben.
Für immer.

Die Wanze in unserer Tasche

Was früher die Stasi noch in mühevoller Geheimarbeit unter Einsatz unlauterer und illegaler Mittel machen musste, das übernehmen wir heuer selbst – ganz freiwillig.
Nämlich die Verwanzung unseres Lebens.
Wir tragen sie ständig mit uns herum, die Wanze, die unser ganzes Leben – fast sogar schon unsere Gedanken – überwacht und manipuliert.
Es ist wirklich sehr praktisch, seine(n) KalenderRatgeberLexikonMessengerSpielhalle dabei zu haben.
Allerdings geben wir damit nicht nur einen Teil unserer kognitiven Fähigkeiten auf – wie jüngst eine Studie der University of Chicago gezeigt hat.
Sondern wir machen uns schlicht überwachbar.
Smartphones verfügen über mannigfaltige Möglichkeiten des Machtmissbrauchs.
Egal ob SIM-Karte, WLAN, Bluetooth oder GPS – jedes für sich allein genommen schon eine wundervolle Wanze der weltweiten Verfolgung.
Aber zusammen stellen diese Technologien eine Wirksamkeit an Überwachung dar, die sich George Orwell und Jeremy Bentham gemeinsam nicht hätten vorstellen können.
Und das machen wir freiwillig.
Niemand zwingt uns.
Niemand bricht in unsere Wohnung ein und installiert diese Wanzen in aller Heimlichkeit.
Wir kaufen sie.
Freiwillig.

Ich zahle mit meinen guten Daten

Es ist so einfach, so bequem, mit Kreditkarte zu bezahlen.
Wir geben einmal unsere Kartendaten preis, ab diesem Zeitpunkt können wir sofort mit nur einem Klick all das kaufen, was uns vor die manipulierten Augen geworfen wird.
Ganz bequem.
Und ganz bequem für all die Überwacher und Manipulatoren liegt unser Konsumverhalten parat.
Jede Finanztransaktion über Kreditkarten wird von der NSA gespeichert und überwacht.
Jede Zahlung mit einer Kreditkarte – nicht nur online, so der Wunsch und sicher auch bald Wirklichkeit – wird von Google, Amazon und ähnlichen Datenkraken ausgewertet.
Warum geben wir so leichtfertig unsere Freiheit und unsere Privatsphäre auf?
Weil es bequem ist.
Weil uns nicht klar ist, was dieses Machtgefälle zwischen denen, die Daten horten, und uns, die wir Daten liefern, bedeutet.
Weil so ein Regimewechsel wie in der Türkei bei uns nicht passieren kann.
Nein? Weil wir alle ja so darauf bedacht sind, dass es nicht passiert?
Weil wir alle so vernünftig und vorsichtig mit unseren Daten – und dem, was damit gemacht wird, umgehen?

Hold back and don’t Payback

Punkte, Punkte, Punkte.
Überall sammeln wir Punkte.
Ist uns eigentlich klar, was wir dafür hergeben?
Wir bekommen im Leben nichts geschenkt.
Ganz besonders nicht in einer marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaft wie der unsrigen.
Und ganz besonders nicht von gewinnorientierten Unternehmen.
Denn wenn diese nicht gewinnorientiert und marktwirtschaftlich denken und handeln werden sie mittelfristig gar nicht mehr handeln.
Die Punkte, die wir so eifrig sammeln, sind sehr genau in die Preise der Produkte und Dienstleistungen mit einkalkuliert.
Für jeden Punkt, den wir erhalten, geben wir dem Punkteverteiler etwas viel wertvolleres zurück:
Unsere Daten.
Durch unsere emsige Punktesammlung wird ein klares und umfassendes Profil von uns erzeugt.
Und mit diesem Profil wird sehr viel Geld verdient.
Einerseits kann uns damit personalisierte Werbung angeboten werden.
Diese Form der Werbung reduziert die “Streuverluste” drastisch und erzielt so eine wesentlich höhere Konversionsrate von Werbung zu Verkauf.
Das wirklich wundervolle an Profilen ist, dass sie noch dazu weiter verkauft werden können.
So kann schon allein mit unseren Daten Geld verdient werden (ganz ohne dass wir einen Einkauf tätigen).
Unsere Profile können mit weiteren Daten über uns und gleichartigen Daten von ähnlichen Profilen korrelliert werden und neue, detaillierte Profile können dann sehr einfach erzeugt werden.
Und auch dies machen wir freiwillig (bzw. lassen wir zu)
Ohne Zwang.
Weil es es bequem ist.

TL;DR

  • Schlüssellos – Schlüssel los: KeylessGo, oder besser: CarlessNoGo
  • SmartTV und Alexa-artiges: Wenn unser Entertainment-Center uns belauscht
  • Biometrie: Ich würd meinen Finger für meine Bequemlichkeit hergeben…
  • Smartphones: Die Wanze in unserer Tasche
  • Kreditkarten: Ich zahle mit meinen guten Daten
  • Der Datenteufel Kundenkarte: Hold back and don’t Payback

Hinterfragen wir die augenscheinlich so angenehmen Erfindungen und denken ein wenig hinter den Linien unserer Bequemlichkeit – für unsere Privatsphäre.

Warum wir so leichtfertig unsere Privatsphäre aufgeben

Die Liste der Gegensätze ist lang und wird mit jedem neuen Thema, dem wir uns gegenüber sehen, um mindestens einen Punkt länger.

  • Sekt oder Selters?
  • Lackschuh oder Leguano?
  • Aufzug oder Treppe?
  • Batman vs. Superman

Und in diesem illustren Reigen wollte ich mit meinem Thema natürlich auch einen Beitrag leisten:

Bequemlichkeit vs. Privatsphäre

In diesem und den folgenden Artikeln mache ich mir Gedanken darüber, wie diese beiden Fixsterne – schwarze Löcher gar – miteinander konkurrieren und gegenseitig um unsere Aufmerksamkeit buhlen.
Ich werfe zunächst einen kritischen Blick darauf, was uns dazu treibt, unsere Privatsphäre zu leichtfertig aufzugeben.
Anschließend beleuchte ich das Thema, wie Bequemlichkeit unsere Privatsphäre gefährdet.
Gefolgt von einem aufmunternden und mutmachenden Aufruf, was wir tun können – zum einen um unseren inneren bequemen Schweinehund zu überwinden und zum anderen, um unsere Privatsphäre zu schützen.
Als Abschluss dieser Reihe mache ich mir dann noch einige unbequeme Gedanken (für mich und die anderen) über die Bequemlichkeit.
Dann fangen wir mal.
Oder, um es mit dem Joker zu sagen:

"And here we go."

Es ist halt so verdammt bequem

Nun, die Industrie arbeitet halt mit Hochdruck, Sahnetorten und allem möglichen anderen Lockmittelkram daran, uns um unsere Privatsphäre – im Tausch gegen ein Plus an Bequemlichkeit – zu bringen.
Und allein die Verlockung, ein Mehr an Bequemlichkeit zu erhalten, reicht für den durchschnittlichen Wald-und-Wiesen-Privatsphärengefährder aus, um seine Privatsphäre den Bach runter gehen zu lassen.

  • Den SmartTV bequatschen, damit dieser das Programm wechselt?
    Klar, her damit!
    Ach, dabei werde ich dauerhaft in meinen eigenen heiligen Hallen überwacht? Egal!
  • Das Auto starten, ohne aufwändig den Zündschlüssel anzufassen?
    Da mach ich mit!
    Oh, mein Auto kann mir deswegen geklaut werden, weil der Dieb ja gar nicht den Schlüssel in Händen halten muss?
    Achwas, passiert ja nur anderen.
  • Das Smartphone mit meinem Fingerabdruck entsperren?
    Ja, super – dann brauch ich mir gar kein Passwort mehr merken!
    Kann ja gar nix dabei passieren, weil den Fingerabruck hab ich ja immer bei mir und der kann ja gar nicht geklaut werden…
    Oder wie war das noch mit dem Chaos Computer Club und Wolfgang Schäuble?

Bequemlichkeit ist einer der größten Feinde der Privatsphäre.
Weil es halt so bequem ist.
Andersrum wird vielleicht eher ein Schuh der Erkenntnis daraus:
Es bedeutet eben einen gewissen Aufwand, seine Privatsphäre zu schützen.
Das ist halt unbequem.

  • Wir müssen für jeden Online-Dienst, den wir nutzen, ein eigenes, sicheres Passwort anlegen (und am besten eine eigene E-Mail Adresse).
    Das ist unbequemer, als überall das eingespielte Passwort (“geheim“) einzusetzen.
  • Es ist unbequemer, mit Bargeld zu bezahlen, als jeden Kaugummi durch einen nonchalanten Wisch mit der EC-Karte über das Bezahlterminal zu begleichen.
  • Ein physisch vorhandener Schlüssel schließt manuell langsamer (aber sicherer!) als ein cooles, biometrisch mit Fingerabdruck und Iris-Scan gesichertes Türschloß.

Privatsphäre und Bequemlichkeit sind schlicht zwei Wünsche, die sich diametral gegenüber stehen.
Da wird es schwer bis unmöglich, diese in Einklang miteinander zu bringen.
Wenn wir das Eine wollen, müssen wir Abstriche beim Anderen hinnehmen.

Unwissenheit essen Privatsphäre auf

Ich habe es bereits im Zusammenhang mit sicherem Surfen erwähnt, unsere Gegner sind zahlreicher als wir – und besser ausgebildet.
Wir müssen Wissen darüber auf- und ausbauen, wie wir unsere Privatpshäre schützen können, ansonsten werden wir immer weiter zurückgedrängt.
Unsere Freiheit wird Schritt für Schritt eingeschränkt.
Der Freiraum unserer Privatsphäre wird kleiner und kleiner.
Was wir dagegen tun können?

  • Wir können uns weiterbilden.
  • Wir können unsere selbstverschuldete digitale Unmündigkeit aufgeben.
  • Wir müssen unsere Unwissenheit aufgeben.

Es interessiert unsere Kontrahenten nicht, ob wir unsere Privatsphäre verlieren, weil wir unwissend sind.

"Ignorantia legis non excusat"

ist uns allen ein Begriff.
Uns ist klar, dass Unwissenheit uns nicht vor Strafe schützt.
Warum – so frage ich – verhalten wir uns dann hinsichtlich unserer Privatsphäre gerade so, als würde uns Unwissenheit vor Strafe schützen?
Wir gehen so fahrlässig mit unseren persönlichen Daten um, als gäbe es kein Morgen.
Wäre ein schuldhafter – und wir sind schuld daran, wenn wir unsere Daten verlieren (oder verschenken!) – Datenverlust ein Verbrechen, die Gefängnisse wären übervoll mit Datenverlustschuldigen!
Ich wiederhole mich – gern und mit inbrunst – wir müssen lernen, lernen, lernen!

Was geht mich meine Privatsphäre an?

Desinteresse ist ein weiterer Punkt auf der Liste der Risikofaktoren unserer Privatsphäre.
Mir ist klar, dass in unserer Zeit ein starker Fokus darauf liegt, möglichst an allem Interesse zu haben und auch zu allem eine Meinung zu haben.
Weiterhin ist mir auch klar, dass jeder der sein Thema nach vorn bringen will, sein Thema als das allerwichtigste Thema überhaupt (mit Abstand und Sternchen) ansieht.
Kein Waffenhändler argumentiert – neben den wundervollen Vorzügen der neuesten Tarnkappendrohne mit lasergesteuerten Präzisionsbomben – für die Rettung des einohrigen Sumpfdotterhuhns.
Das ist unproduktiv und lenkt einfach vom Thema ab.
Aber eine lasergesteuerte Präzisionsbombe von einer Tarnkappendrohne – das is halt wirklich wichtig.
Musste verstehn, ne?
Ja, da bin ich auch nicht anders.
Ich halte mein Thema auch für das wichtigste Thema überhaupt.
Aber meine Argumentation ist besser als die des Tarnkappendrohnen-liefernden Waffenhändlers:

Mir liegt die Freiheit am Herzen.

Ohne, dass ich dafür jemand anderen (der auf der falschen Seite der präzisionsgesteuerten Laserbombe steht) dafür in ein kleines Häufchen rauchende Asche verwandeln muss.
Nein, wir müssen uns nicht für alles interessieren.
Aber wir sollten uns dringend für das interessieren, was uns wirklich betrifft.
Und das ist nun mal unsere Privatsphäre.
Die geht halt uns etwas an.
Genau genommen geht sie nur uns etwas an.
Und um zu verhindern, dass sich jemand anderes um unsere Privatsphäre kümmert, müssen wir uns halt verdammt noch mal selbst darum kümmern.
Desinteresse ist keine Lösung.
Wenn wir uns nicht interessieren, dann löst sich das Problem über kurz oder lang von ganz allein.
Dann gibt es einfach kein “uns” mehr.
Dann wird der letzte Rest von Individualität, eigener Meinung, Freiheit – schlicht von Privatsphäre – einfach ausgelöscht.
Weil wir uns nicht gekümmert haben.

Komm auf die bequeme Seite – wir haben Kekse

Die Verlockungen der bequemen Seite sind halt sehr stark.

  • Es ist einfach bequem, sich mit einem Facebook-Account in jedem anderen Online-Account anzumelden.
  • Es ist halt so viel leichter, mit “ja” auf die Frage “Haben Sie payback?” (wenn die Frage in dieser nahezu grammatikalisch vollständigen Form gestellt wird) zu antworten, als zu sagen “Nein, habe ich nicht und mit diesem datensaugenden Überwachungssystem will ich nichts zu tun haben!“.
  • Es ist so viel praktischer, irgendwo in der Wohnung zu rufen:
    Hey Alexa (Siri, Cortana oder wie auch immer die nächste Überallwanze auch verniedlichend genannt wird), wie ist das Wetter heute?” anstatt einfach das Fenster aufzumachen und den Regen aufs Gesicht tanzen zu lassen.

Der Mensch (und da schließe ich mich mit ein) tendiert konstant zu einem höheren Maß an Bequemlichkeit.
Mit dieser Erkenntnis haben wir jetzt die Wahl (wir haben immer eine Wahl).

  • Entweder können wir diesem konstanten Sog nachgeben und uns stets auf eine neue Ebene der Bequemlichkeit heben lassen.
    (is nämlich voll bequem: für mehr Bequemlichkeit müssen wir aktiv gar nichts tun)
  • Oder wir kämpfen gegen unseren inneren Schweinehund (die bequeme Socke!) und verzichten auf die eine oder andere Bequemlichkeit und stärken damit unsere Privatsphäre.

Denn eines muss uns klar sein:
Mehr Bequemlichkeit geht immer mit weniger Privatsphäre einher.
Wenn wir den Schutz unserer Privatsphäre als Ziel haben, verzichten wir damit auf ein gewisses Maß an Bequemlichkeit.
Aber seien wir doch ehrlich:
Wie viel mehr Bequemlichkeit brauchen wir?

  • Ist eine manuell bediente Fernbedienung für unseren Fernseher nicht ausreichend?
  • Reicht uns nicht vielleicht doch eine funkgesteuerte Zentralverriegelung unseres Autos ?
  • Ist eine klassische Schließanlage an der Haustür – so eine mit einem echten Schlüssel – nicht vielleicht doch ausreichend?

Hip und der-neueste-heiße-Scheiß bedeutet nicht direkt “besser als etabliert und ausgereift“.

“Ich habe doch nichts zu verbergen”

Ehrlich, liebe Leser, ich könnt jedes Mal im Strahl spucken, wenn ich diesen Hohlphrasenschwachsinn höre.
Edward Snowden bringt es wirklich gut auf den Punkt, wenn er sagt:

„Zu behaupten, das Recht auf Privatsphäre sei nicht so wichtig, weil man nichts zu verbergen hat, ist, wie zu sagen; Das Recht auf freie Meinungsäußerung sei nicht so wichtig, weil man nichts zu sagen hat.“

Dieser alberne Dummfug, zu behaupten, man habe nichts zu verbergen, ist meiner Ansicht nach entweder vollkommen unreflektiert oder aus der falschen Annahme heraus, nur schlechte Menschen hätten Geheimnisse, entstanden.
Leute!
Wer ist denn bereit, die PIN seiner EC-Karte ans schwarze Brett zu hängen oder seine sexuellen Fantasien beim nächsten Familienfest auszubreiten?
Also, sind wir doch mal ganz ehrlich, atmen locker durch die Füße und sagen:

"Ja, ich habe etwas zu verbergen."

Geht doch.
Fühlt sich gut an, oder?
Weil wir jetzt an einem Punkt angelagt sind, von dem aus wir etwas für den Schutz unserer Privatsphäre tun können.

TL;DR

  • Die Katze beisst sich in den Schwanz: Es ist halt so verdammt bequem
  • Nix wissen hilft nix: Unwissenheit essen Privatsphäre auf
  • Mir egal: Was geht mich meine Privatsphäre an?
  • Die dunkle Seite: Komm auf die bequeme Seite – wir haben Kekse
  • Achtung, Brechreiz: “Ich habe doch nichts zu verbergen”

Wir müssen nicht zurück in die digitale Steinzeit – aber wir müssen uns klar machen, was uns erwartet, wenn wir nichts tun.
Also tun wir etwas.
Anmerkungen? Fragen?