Bequemlichkeit ist der Feind der menschlichen Zukunft

Dieser Rant pardon Artikel hat nur am Rande mit dem Schutz unser digitalen Identität oder Digitalisierung als solcher zu tun.

Aber wie Hagrid es so schön formuliert:

“Besser raus als rein.”

Rubeus Hagrid

TL;DR

  • Ausschalten – Hardware und Umwelt werden es dir danken
  • Läuft – Kraftstoff ist noch viel zu günstig
  • Mehr Klima – gegen das Klima
  • I believe I can fly – das andere heiß ist ja viel besser

Immerhin kommt die Idee zu diesem Artikel aus dem direkten IT-Umfeld. Habe ich doch festgestellt, dass sich einige Probleme unserer liebsten elektronischen Helferlein durch einen beherzten Neustart beheben lassen.

Ausschalten – für Sicherheit, Material und Umwelt

Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass ich als linksgrünversiffter Spaßverderber wahrgenommen werde. Naja, was solls, ist der Ruf erst ruiniert, rantet es sich ganz ungeniert. Mir isses gleich, Hauptsache, ich erreiche außerhalb meiner eigenen Echokammer auch nur einen Verhaltensänderungswilligen.

Jetzt ist es ja nicht nur so, dass regelmäßiges Herunterfahren (und damit zwangsläufig auch der Neustart) der Rechnergesundheit zuträglich ist. Denn es werden genau in diesem Prozess wichtige Updates eingespielt. Nein, die Umwelt dankt es dem Digitalnutzer obendrein. Standby verbraucht mehr Strom als ausgeschaltet. Alles andere wäre auch wider die Physik.

Leider ist damit ein gewisser Bequemlichkeit reduzierender Aufwand verbunden: Drucker ausschalten, Rechner runterfahren und dann womöglich noch eine schaltbare Steckerleiste ausschalten – das kommt im Aufwand schon fast einem Marathon gleich. Echt wahr.

Da sollten wir dankbar genau dieses neue Verhalten als Trainingsraum für unser zukünftiges Verhalten ansehen. Denn in diesem Licht erscheint uns diese Unbequemlichkeit als ein Ponyhof, verglichen mit dem was uns im Rahmen des menschengemachten Klimawandels noch alles an Unbequemlichkeiten bevorsteht.

Lass laufen, Alter!

Der gönnt einem aber auch gar nichts, der Schreiberling. Ne, heute gibt es so richtig auf die (umweltverachtende) Fresse.

Ich will hier gar nicht darauf hinaus, dass wir alle unsere Autos an jeder Ampel motortechnisch stilllegen sollten – was ja grundsätzlich in modernen Kfz die Start-Stopp-Automatik übernehmen sollte (wenn sie denn funktioniert…). Nein, was ich hier anprangere, ist das vollkommen sinnfreie, hirnamputierte Verhalten, welches ich zunehmend beobachte: minutenlang den Motor laufen lassen. Selbst wenn die Karre völlig unbeteiligt (und fahrerlos) in der Gegend herumsteht. Was soll das denn bitte? Haben die alle ihre Autos kurzgeschlossen und es ist den Fahrern zu aufwändig, das gleiche Spiel nach ihrem Café-Besuch wieder zu veranstalten? Oder sind das alles professionelle Fluchtwagenfahrer, die ständig mit einem Fuß auf dem Gas leben?

Frustriert möchte ich schreien: “Denkt denn niemand an die Kinder!?”. Aber so scheint es wohl zu sein. Mir als Kinderfreiem kann die Zukunft jenseits von 2060 reichlich egal sein – die meisten dieser Ausschaltunwilligen scheinen mir jedoch Eltern zu sein – und die sollten ein Interesse an der Umwelt über ihre eigene Restlaufzeit hinaus haben.

Möglicherweise ist Kraftstoff doch noch viel zu billig.

“Und kost’ Benzin auch Drei Mark Zehn.
Scheiß egal, es wird schon geh’n!”

Markus

Oder es ist doch noch viel mehr im Boden, als uns diese ganzen wissenschaftlichen Untersuchungen glauben machen wollen. Ist ja wahrscheinlich alles gelogen. Himmel, könnt ich mich aufregen. Ist aber auch nicht gesund.

An dieser Stelle stehen wir vor der Entscheidung zwischen Bequemlichkeit und klimafreundlichem Handeln. Naja, das wäre dann eher die Wahl zwischen Auto oder zu Fuß gehen. Aber richten wir nur den Blick auf die Wahl zwischen Motor laufen lassen und Motor abstellen.

Was kann denn so schwierig daran sein, den Motor abzustellen? Wenn ich aus dem Auto aussteige?? Hallo?!? Das ist doch ein Automatismus, den wir Führerscheininhaber schon mit der ersten Fahrstunde eingeatmet haben. Das kann doch wirklich nicht so schwer sein, oder? Und an dieser Stelle frage ich mich wieder, was machen diese Menschen, wenn zukünftig Trinkwasser oder Strom rationiert wird? Leute, lernt jetzt Schritt für Schritt mit einem langsam steigenden Maß an Unbequemlichkeit zu leben, anstatt in acht Jahren voll von der klimabedingten Unbequemlichkeitskeule darnieder gestreckt zu werden.

Mehr Klima!

Da schwitz ich nun, ich armer Tor, mir ist viel heißer als je zuvor.

Nun, ein Goethe wird nicht mehr aus mir, aber was solls. Vielleicht ein einsamer Rufer in der Wüste – und dazu muss ich noch nicht einmal mehr das Land verlassen. Ja, es wird zunehmend heißer. Und was macht der erfindungsreiche Mensch? Er zimmert sich eine Klimaanlage an seine Heimstatt. Ein Klimadepp dank Technik. Auch hier wiederhole ich mich: mir kann es egal sein. Sozusagen, nach mir die Sintflut – oder noch während meiner Lebenszeit, die Chancen dafür stehen gut. Ich bräuchte mich vor niemandem zu rechtfertigen, wenn ich durch mein klimaschädliches Verhalten dem Klimawandel Vorschub leiste. Aber ich habe keine Klimaanlage. Was soll mir auch diese Illusion künstlicher Kälte bringen? Kaum trete ich einen Schritt aus meinen klimatisierten vier Wänden heraus, trifft mich der klimagewandelte Schlag. Prima. Da schalte ich doch lieber zwei Gänge runter, lerne von unseren südlichen Nachbarn und gewöhne mich daran, dass die Heide verwüstet und die Stauseen austrocknen.

Aber auch an dieser Stelle wird der Bequemlichkeit Vorrang gegenüber dem nachhaltigen Handeln gegeben. Es ist bequemer, die Temperatur über eine Klimaanlage zu regeln anstatt dafür zu sorgen, dass die Bude nicht aufheizt.

I believe I can fly

Mir ist bewusst, dass ich mich fortschreitend von meinem Kerngebiet entferne. Aber was solls, es gibt schließlich noch wichtigere Themen als Privatsphäre.

Urlaub zum Beispiel.

Und das ist jetzt mal ein Thema, bei dem der deutsche Arbeitnehmer so gar keinen Spaß versteht. Auf die Flugreise in den Urlaub verzichten? Um einmal im Jahr so richtig in die Sonne zu reisen? Keinesfalls! Also nicht ganz keinesfalls. Immerhin ein Viertel der Befragten sind bereit weniger zu fliegen. In den Urlaub. Oder mindestens bewusster. Ist ja schon schlimm, wenn man unbewusst fliegt. Oh, ups, bin ich wieder ganz aus Versehen in den Flieger gestiegen, dabei wollte ich doch nur ins Schwimmbad. Und überhaupt – warum noch verreisen, um in die Sonne zu kommen? Hier sind es 35°C. Ende Juni. Wie heiß wollt ihr es denn haben? Ihr braucht doch schon bei diesen Temperaturen eine Klimaanlage. Was macht ihr dann bei 50°C?

Auch hier gilt wieder: wir müssen uns umstellen. Es geht nicht anders. Es sei denn wir, wir stehen auf einen 60 Meter höheren Meerwasserspiegel, weniger Biodiversität und höhere Temperaturen. Andernfalls müssen wir ganz schnell nach Alternativen suchen. Aber mal richtig schnell. Also quasi sofort. Und radikal.

Umweltirrsinnige Softwareobsoleszenz

TL;DR

  • Hardware, die noch laufen kann, aber nicht mehr darf – Herstellern ist die Nutzbarkeit alter Hardware egal
  • Wo liegt das Problem? – Less support – more sales
  • Was tun, wenn’s abläuft? – Vorschläge für die Weiterverwendung hersteller-forcierter Obsoleszenz
  • Denkt denn niemand an die Umwelt? – Ressourcen sind nicht unbegrenzt
  • Stattdessen – Einige Ideen zum nachhaltigen Digitalisieren

Über den ökologischen Wahnsinn, alte Hardware nicht weiter zu unterstützen.

In diesem Artikel kann ich endlich zwei Gebiete miteinander verbinden, die mich momentan umtreiben:

Umwelt und IT.

Passt so gut zusammen wie Krieg und Frieden, umgibt uns jedoch allumfänglich.

Das eine dürfen wir nicht vernachlässigen, auf das andere können wir getrost verzichten. Und dennoch verhalten wir uns so, als sei die Zuordnung genau anders herum: Wir behandeln unsere Umwelt so, als könnten wir getrost auf sie verzichten – bei unseren digitalen Spielzeugen agieren wir, als ob wir diese keinesfalls vernachlässigen dürfen.

Puh.

Hardware, die noch laufen kann, aber nicht mehr darf

Mir ist dieser Zusammenhang wieder klar geworden, als ich die neue Obsoleszenzliste, äh Kompatibilitätsliste von Apple bei der Ankündigung von iOS 13 gesehen habe.

Mir ist bewusst, dass ältere Hardware nicht bis in alle Zeit vom Hersteller weiter versorgt wird. Hirnverbrannt im Hinblick auf den Zustand unserer Umwelt ist das dennoch.

Hersteller wollen schließlich neue Produkte verkaufen. Damit verdienen sie ihr Geld. Apple verdient nichts an einem Kunden, der vor sieben Jahren ein iPad gekauft hat und das heute immer noch benutzt. Dem muss man von Herstellerseite einen Softwareriegel vorschieben. Wo kommen wir denn hin, wenn hier jeder eine Hardware so pfleglich behandelt, dass diese nach sieben Jahren immer noch wie frisch aus der Verpackung gepflückt aussieht!?

Tja, da tut sich eine ganz neue Welt an Irrsinn auf. Jetzt stellt Apple wirklich hochwertige und robuste Hardware her – und dann geht die auch einfach nicht kaputt! Ist doch eine Frechheit! Dann wird eben der Support für die Software eingestellt.

Die Einstellung des Software-Supports wäre auch kein Problem – wenn Apple zulassen würde, dass auf die nicht mehr unterstützten (aber immer noch voll funktionsfähigen) Geräte ein alternatives Betriebssystem aufgespielt werden kann.

Aber Apple lässt ja nicht einmal die Fremdreparatur der Hardware zu. Geschweige denn die Nutzung der Hardware (zumindest für iOS-Geräte) mit Apple-fremder Software. Apple ist einer der schärfsten Gegner des Right to Repair, also dem Recht auf Reparatur (durch den Anwender selbst oder durch einen freien Dienstleister). Das allein ist in unserer Zeit, wo Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung im Mainstream angekommen sind, ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die noch Wege in eine lebenswerte Umwelt suchen.

Wo liegt das Problem?

Die alte Hardware weiter zu betreiben ist – technisch – kein Problem. Es funktioniert noch alles. Aber es funktioniert in einem potenziell unsicheren Umfeld. Die größten Bedrohungen im digitalen Bereich gehen von bisher unbekannten Sicherheitslücken aus. Und diese können nur durch den Hersteller geschlossen werden. Wird eine alte Hardware nicht weiter mit Sicherheitsupdates versorgt, bleibt die Sicherheitslücke offen, kann daher von Angreifern ausgenutzt werden und gefährdet den Anwender.

Ganz blöde Sache.

Und der Anwender weiß davon noch nicht einmal. Er bekommt auch keinen Hinweis darauf, wie lang die Hardware unterstützt wird, die er vor Jahren gekauft hat. Es fehlt so etwas wie ein digitales Mindesthaltbarkeitsdatum. Da regen wir uns auf, dass Lebensmittel weggeworfen werden, wenn diese das MHD überschreiten. Aber eine Hardware, die noch taufrisch ist, können wir ohne weitere Sicherheitsupdates ebenso aus unserem digitalen Kühlschrank werfen. Gefährdet zwar nicht unsere Gesundheit aber unsere digitale Unversehrtheit.

Ich wiederhole es nochmal: Es ist ein Irrsinn, ein technisch einwandfreies Produkt nicht weiter mit Sicherheitsupdates zu versorgen!

Wir haben an dieser Stelle als Nutzer zwei Möglichkeiten:

  1. Wir nutzen das Gerät weiter und gefährden unsere digitale Identität, wenn wir damit ungeschützt ins Netz gehen.
  2. Oder wir basteln einen hübschen Briefbeschwerer daraus.

Beide Möglichkeiten sind total doof. Das eine ist gefährlich und das andere ist irrsinnige Ressourcenverschwendung.

Was tun, wenn’s abläuft?

Genug des Gejammers, ans Werk. Es hilft ja nur bedingt, wenn wir wehklagen und zähneknirschen. Wir müssen uns der Situation stellen. Jetzt sind wir (nicht mehr ganz so stolzer) Besitzer eines immer noch technisch vollkommen intakten digitalen Endgeräts. Aber was können wir noch damit anfangen? Und was sollten wir vermeiden?

Betrachten wir zunächst die – mehr oder minder – sinnvollen Anwendungsfälle:

  • einen digitalen Bilderrahmen daraus machen. Funktioniert immer noch.
  • als eBook-Reader einsetzen. Taugt ebenfalls.
  • ein handlicher Fotoapparat. Nun ja.
  • ein formschöner Briefbeschwerer. Für den analog Kommunizierenden.

Was wir mit dem software-obsoleten digitalen Wunderwerk nicht mehr tun sollten, ist folgendes:

  • in unser Netzwerk gehen und damit im Internet surfen. Sicherheitslücken sind da. Die nehmen keine Rücksicht auf uninformierte Nutzer.
  • es einfach wegwerfen. Da stecken so viele Rohstoffe drin. Die werden immer knapper.

Denkt denn niemand an die Umwelt?

Was also tun mit der ganzen alten Hardware, die in Schubladen verstaubt oder unsere digitale Identität gefährdet?

Angebote wie PC-Spende.de sind ein guter Ansatz – laufen im Fall obsoleter Software aber auch ins Leere. Denn welcher (Schul-)Admin lässt schon eine Hardware ohne Chance auf Sicherheitsupdates in sein Netzwerk?

Dann gibt es noch Angebote wie etwa die AfB-Group, die als gemeinnütziges Unternehmen IT-Hardware wieder aufbereitet und als Second-Hand-Gerät verkauft. Großartiges Angebot, gleiches Problem. Niemand kauft eine Hardware, die softwareseitig nicht weiter gepflegt wird.

Zum Glück gibt es noch die Möglichkeit, die wertvollen Ressourcen aus dem digitalen Briefbeschwerer herauszuholen. Dazu kann man sein softwareschwaches Stück digitaler Schaffenskunst in einem Recycling-Hof abgeben. Oder Dienste wie Mobile-Box in Anspruch nehmen, die alte Smartphones (und sicherlich auch Tablets) sammeln und den darin enthaltenen Rohstoffen neues Leben einhauchen.

Stattdessen

Das ganze Drama und die damit verbundene Gleichgültigkeit der Hardware-Konzerne führt für mich nur zu einer Erkenntnis:

Nachhaltige Hardware. Wir können einfach nicht mehr so tun, als hätten wir unendliche Ressourcen. Wir können uns einfach nicht mehr jedes Jahr einen Tech-Refresh leisten. Das geht nicht mehr. Punkt.

Wenn wir auch nur am Rande die Idee haben, als Menschheit diesen Planeten noch länger als die nächsten fünf Jahre ohne Schwimmflossen, Atemmaske und Sonnenschutz-Creme mit Faktor 5000 zu erleben, dann müssen wir umdenken. Und das betrifft auch unsere Hardware:

  • Hardware so lange gebrauchen, bis sie von selbst zu Staub zerfällt. Und das bedeutet, darauf eine Software zu verwenden, die das auch mitmacht (Linux!).
  • Hardware kaufen, die repariert werden kann und lange mit Ersatzteilen und Software versorgt wird (Fairphone oder Shiftphones). Und nur mal kleiner Preisvergleich: Ein Fairphone 2 (refurbished) kostet 299 €. Ein Shiftphone Shift5me kostet 444 €. Ein iPhone 7 (das ist die Vor-Vor-Vorgänger-Version (also n-3!) kostet ab 519 €. Ein aktuelles iPhone kostet 1649 €. Ist doch mal ein valides Argument, wie ich denke.

Alles andere ist Müll. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Wahlen und Social Bots

Dem großen politischen Schreckgespenst der Wahlen (spätestens seit der Wahl des US-Präsidenten 2016) will ich heute meine Aufmerksamkeit widmen: Social Bots. Sind sie wirklich der digitale Untergang der Demokratie – oder vielleicht doch eher ein überbewerteter Hype?

TL;DR

  • Social Bot – was ist das überhaupt?
  • Social Bot – Untergang der eigenen Meinung?
  • Social Bot – integrieren oder kriminialisieren?
  • Fazit

Social Bot – was ist das überhaupt?

An dieser Stelle wünsche ich mir die gute analoge Zeit zurück. Da waren – zumindest in meiner Wahrnehmung – Dinge noch klar erkennbar und gut differenziert.

Wat is´ne Dampfmaschin´? Da stelle ma uns mal janz dumm, und sagen, en Dampfmaschin´ iss ne jroße, runde, schwarze Raum mit zwei Löchern. Durch das eine kommt der Dampf rein, un das andere krieje ma späta …

Professor Bömmel, Die Feuerzangenbowle

In der analogen Zeit waren Begriffe noch klar definiert und vorstellbar. In unserer zunehmend virtualisierten Welt wird dies jedoch immer schwieriger greifbar (ist ja eben virtuell). Und damit werden Begriffe auch zunehmend un(be)greifbarer. Ein Social Bot ist hier keine Ausnahme.

Aber fragen wir uns zunächst: “Wat is’ ne Social Bot?”

Ein Bot ist ein Stück Software, welches eine automatisier- und wiederholbare Tätigkeit durchführt. Die spezielle Ausprägung Social Bot ist ein solches Stück Software, welches in sozialen Medien (z.B. bei Facebook oder Twitter) eingesetzt wird und automatisch auf bestimmte Eingaben – z.B. bestimmte Hashtags oder Stichworte – reagiert. Im Fall eines Social Bots ist die Reaktion dann zumeist eine Antwort auf diese Eingabe. Das hauptsächliche Ziel solcher Bots ist es, den Eindruck von großer Relevanz und hoher Beteiligung an einem Thema zu erwecken. Oberflächlich von außen betrachtet sind Social Bots nur schwer von “echten” Teilnehmern am virtuellen Diskurs zu unterscheiden – denn genau dazu wurden die Bots programmiert.

Social Bots – Untergang der eigenen Meinung?

Was konkret sehen Kritiker nun als Gefahr dieser digitalen Dampfplauderer? Menschliche Papageien plappern doch ebenfalls vollkommen unreflektiert jede Meinung nach, die ihnen in die Ohren gespült wird.

Und eben hierin besteht die Gefahr: Ein Mensch kann nur einer sehr eng begrenzten Gruppe seine unmaßgebliche Meinung nahe bringen – ein Bot kann einem unverhältnismäßig größeren Publikum seine programmierte Propaganda unterjubeln.

Bots sind in der Lage, Trends zu verstärken und somit manipulativ zu wirken. Das bedeutet, sie vermögen ein Stimmungsbild in eine gewünschte Richtung zu verschieben. Dies wiederum liegt an der schieren Menge von Nachrichten, welche Bots verbreiten können. Und diese Manipulation in eine programmierte Richtung stellt eine Gefahr für die Meinungsfreiheit dar.

Eine weitere Gefahr, welche von Social Bots ausgeht, erwächst aus dieser Trend-Manipulation: Bots sind durchaus in der Lage, die Meinung in einer Gruppe zu beeinflussen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Bot eine Meinung erzeugen kann, aber durch die emotional aufgeheizte Stimmung der Nachrichten, welche Bots verbreiten, kann ein bereits latent vorhandenes Vorurteil verstärkt und sogar radikalisiert werden.

Social Bots – integrieren oder kriminalisieren?

Erst jetzt – mit einem Basiswissen über die Arbeitsweise von Social Bots – sollten wir beginnen, darüber nachzudenken, was gegen diese digitalen Meinungsmacher getan werden muss (und kann).

Nun gibt es von Seiten der Politik einige Ideen, wie mit Social Bots umgegangen werden sollte.

Allerdings rangieren diese Ideen aktuell eher im gravitätischen Leerraum zwischen politischer Hohlphrase und überwachungstotalitärer Propaganda. Wenig Sinnvolles dabei.

So war eine dieser Schnellschusslösungen die Kennzeichnungspflicht von Bots und deren Beiträgen. Und mehr kam dann auch nicht. Es wurde weder dargestellt, was gekennzeichnet werden sollte (der Bot oder der Tweet). Noch wurde konkretisiert, durch wen eine solche Kennzeichnung vergeben werden sollte (geschweige denn, wie diese aussehen sollte).

Ein weiterer Vorschlag, nämlich die Selbstverpflichtung gegen den Einsatz von Social Bots im Vorfeld von Wahlen – quasi ein Social-Bot-Sperrvertrag – wurde zumindest bei der vergangenen Bundestagswahl 2017 von einigen Parteien (z.B. Bündnis 90/Die Grünen) umgesetzt.

Eine weitere politische Idee zum Schutz der breiten Masse vor unkontrolliert manipulativ agierenden Bots ist die Einführung einer Klarnamenpflicht. Gut, kennen wir von Facebook schon, ist dort allerdings eher Kosmetik, die überdies gegen das Telemediengesetz verstößt und meiner Ansicht nach nicht ernst zu nehmen ist. Aber dennoch für den geneigten pseudonym handelnden Facebook-Used zu einer ärgerlichen Sperrung seines Accounts führen kann, wenn hier “Freunde” mit einer Neigung zum Denunziantum unterwegs sind. Nein, eine politisch gewünschte und juristisch durchgesetzte Klarnamenpflicht, wie wir sie jetzt in Österreich sehen (wo diese eher als digitales Vermummungsverbot propagiert wird), erhöht den Druck auf die Plattformbetreiber. Hier sollen also nur Accounts zugelassen werden, die eindeutig identifiziert sind und mit einem “echten” Menschen im Hintergrund mittels sozialen Medium interagieren. Damit würden dann auch Social Bots einem “echten” Menschen zuordenbar sein und “kontrolliert” werden können. Diese Klarnamenpflicht wünscht sich mittlerweile unser Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ebenfalls. Schlechte Ideen verbreiten sich schnell.

Fazit

Zu welchem Ergebnis führt uns dies nun?

Ja, es gibt Dampfplaudermaschinen – aber mal ehrlich, so etwas hatten wir auch schon vor Social Bots, nur nannten wir sie damals anders: Politiker.

Die Angst, die vor den meinungsmachenden virtuellen Monstern gemacht wird, ist vor allem eines: überzogen.

Die Wirkung auf die Meinung der Social-Media-Teilnehmer durch Social Bots konnte bisher in keiner Studie nachgewiesen werden. Im Gegenteil stellten sich viele als Bot bezeichnete Accounts als menschengesteuerte Sockenpuppen heraus.

Von daher bin ich der Ansicht, dass wir an dieser Front Entwarnung geben können. Wir werden – zumindest in absehbarer Zeit – nicht durch manipulierende Social Bots fremdgesteuert werden. Was wir jedoch kritisch im Blick behalten müssen sind menschlich gesteuerte Troll-Fabriken und Sockenpuppen-Armeen.

Deswegen gilt: Kritisch bleiben, Kopf einschalten und – don’t feed the Trolls!

Wahlen und Fake News

Im zweiten Teil meiner Reihe zu Wahlen beschäftige ich mit Fake News. Zunächst ein kurzer Blick darauf, was Fake News sind. Anschließend betrachte ich die Auswirkung von Fake News auf Wahlen. Abschließend schauen wir uns Mittel und Wege an, um Fake News zu erkennen und damit möglichst deren manipulative Wirkung zu zerstreuen.

TL;DR

  • Fake News – alles Lüge, oder was?
  • Fake News – da muss man doch was tun!
  • Fake News – worauf wirken sie?
  • Fake News erkennen – Wissen ist Macht

Fake News – alles Lüge, oder was?

Damit wir richtig mit Fake News umgehen können, müssen wir verstehen, was Fake News sind.

Systematische Falsch-Informationen zum Zweck der Desinformation bringt den Begriff Fake News meiner Überzeugung nach am besten auf den Punkt. Aufgrund der hohen gesellschaftlichen Durchdringung finden wir genau deswegen im Internet (auf sozialen Plattformen) die stärkste Verbreitung dieser systematischen Fehlinformationen.

Fake News zeichnen sich weiterhin häufig dadurch aus, dass sie echten journalistischen Inhalten nachempfunden werden, inhaltlich jedoch frei erfunden sind.

Nun können wir verschiedene Ausprägungen von Fake News unterscheiden:

  • völlig frei erfundene Informationen
    Für diese Form von Fake News finden sich neben den üblichen Geschichten wie “Aliens haben die Haut meines Mannes gestohlen!” auch Nachrichten, die realistischer klingen, allerdings ebenso erlogen sind:
    “Papst schockiert die Welt! Er unterstützt Präsidentschaftskandidat Donald Trump”. Für beide Beispiele gilt: frei erfunden.
  • manipulierte Inhalte
    Dazu zählen hauptsächlich gefälschte Fotos oder Videos, die in einen falschen Kontext gestellt werden. Oder wesentliche Informationen verfälschen oder ganz weglassen.
  • falsch zugeordnete Inhalte
    Unter diese Kategorie fallen aufmerksamkeitsheischende Überschriften wie diese: “Weil Muslime im Bad sind – Papa darf mit Tochter (2) nicht mehr zum schwimmen”. Das war alles, was der geneigte Leser vor der Paywall zu lesen bekam. Hinter der Paywall entwickelte sich die Story in eine gänzlich andere Richtung; es handelte sich um einen Mutter-Kind-Schwimmkurs.

Um richtig mit Fake News umzugehen, ist es enorm wichtig, zu verstehen, welche Ziele Fake News verfolgen:

  • Aufmerksamkeit erregen
  • Emotionen schüren
  • Verweildauer erhöhen
  • Leser/Zuschauer manipulieren

Grundsätzlich sind Fake News demzufolge eine ganz billige Masche, die keine Informationen teilen will, sondern lediglich die Sensationslust befriedigen soll. Wenn wir einmal von den finanziellen Interessen der Website-Betreiber (höhere Verweildauer == höhere Einnahmen) absehen, ist das hauptsächliche Interesse hinter Fake News sicherlich die Manipulation der Fake News-Konsumenten. Dieser in Bits und Bytes gegossene Müll, der zumeist über soziale Medien verbreitet wird, ist sicherlich nicht in der Lage, eine bestehende, gefestigte kontroverse Meinung vollständig ins Gegenteil zu verkehren. Doch sicherlich kann durch die emotional aufgeheizte Manipulation ein latent vorhandenes Vorurteil verstärkt werden.

Fake News – da muss man doch was tun!

Typischerweise ist das in unserer Gesellschaft der erste Ruf, wenn ein (vermeintlicher) Missstand zutage tritt.

Auch bei Fake News werden an dieser Stelle die scheinbar Verantwortlichen identifiziert – also zumindest laut einer Umfrage der Europäischen Komission aus dem Jahr 2018. Hier ergab sich grob die folgende Verantwortlichkeit (in absteigender Reihenfolge):

  1. Journalisten
  2. Die Politik/Behörden
  3. Bürger
  4. Soziale Plattformen

Lustig. Es wird gleich wieder zum Lieblingskonzept gegriffen: Outsourcing von Verantwortlichkeiten. Mich wundert ja, dass die Erkenntnis einer Selbstverantwortlichkeit doch noch höher rangiert als die Idee, die Verantwortung an die Sozialen Plattformen abzudrücken.

Liebe Leute, wann lernt ihr endlich, dass jeder einzelne dafür verantwortlich ist, was in der Welt geschieht. Ganz besonders wenn es um soziale Medien geht. Das sind Mitmachplattformen, keine für-mich-wird-gemacht-Plattformen!

Fake News – worauf sie wirken

Ihre Wirksamkeit entwickeln Fake News dabei in zweierlei Hinsicht bzw. auf zwei Wegen:

  • Filterblase
    Die Desinformationen bestärken unser bestehendes Weltbild und halten uns in unserer Filterblase gefangen. Dabei verstärken die Mechanismen der Aufmerksamkeits-Ökonomie (Suche wird vorgefiltert auf Basis unserer bisherigen Such-Historie) diesen Effekt.
  • Echokammer
    Die Echokammer, der Verstärker für die eigene – und zwar für jede noch so grenzdebile – Meinung, ist der zweite Ort, an dem Desinformation seine Wirkung entwickelt. Erschreckender Weise bewegt sich dieses Verstärkerfeld zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung (offene soziale Plattformen wie z.B. Facebook) heraus und formiert sich verstärkt in geschlossenen Gruppen – zumeist bei Messengern wie WhatsApp – als sogenannte Dark Social Plattform neu. Da diese Gruppen bewusst geschlossen sind und aufgrund der sicheren Kommunikation (Ende-zu-Ende-Verschlüsselung) von außen nicht einsehbar sind, findet hier eine Radikalisierung in besonders stark ausgeprägter Form statt.

Fake News erkennen – Wissen ist macht

Was tun jetzt mit diesem Wissen? Immerhin ist es Ziel von Fake News, nicht gleich als solche erkannt zu werden, andernfalls hätten sie ihre Zielkette (Aufmerksamkeit erregen > Emotionen schüren > Manipulation ermöglichen > Verweildauer erhöhen) verfehlt.

Das Wichtigste zu Beginn:
Wir Nachrichtenkonsumenten müssen handeln.

Es hilft nicht, die Verantwortung bei Journalisten, Politikern oder Plattformbetreibern zu suchen. Das Out-Sourcing von Verantwortung führt nur zu einem Out-Sourcing von Freiheit. Und das wollen wir nicht.

Wir sind in der Pflicht, uns weiterzubilden, kritischer zu werden, Aussagen zu hinterfragen (und an dieser Stelle gilt: je plakativer die Aussage, desto kritischer müssen wir diese hinterfragen).

Um es wieder auf den Punkt zu bringen:

Kinder müssen lernen, lernen, lernen!

Frau Mahlzahn

Und da bleibt es zum Glück nicht bei den Kindern. Wir alle müssen lernen. Immer.

Aber was Fake News angeht, gibt es eine knackige Checkliste, die uns dabei hilft, diese zu erkennen:

  1. Beachte die Quelle
    Wer steckt hinter dieser Quelle? Wer ist Herausgeber der Website?
  2. Lies weiter
    Eine Schlagzeile kann dich in die Irre führen. Lies weiter.
  3. Prüfe den Autor
    Ist der Autor glaubwürdig? Gibt es diese Person überhaupt?
  4. Bewerte die Quellen
    Gibt es mehrere Quellen zu dieser Nachricht? Es ist oftmals ein verdächtiges Zeichen, wenn es nur eine Quelle zu einer Nachricht gibt.
  5. Prüfe das Datum
    Passt das Datum zu der Nachricht? Oder entstand der Artikel schon vor der Nachricht? Bei Fotos gilt: Liegt der Zeitstempel des Fotos vor oder nach der Nachricht?
  6. Ist es ein Witz?
    Ist die Nachricht ernst gemeint? Oder vielleicht Satire? Ist es ein Aprilscherz? Oder ein Hoax?
  7. Was denkst du?
    Wie denkst du über diese Nachricht? Wie bewertest du diese Information?
  8. Tausche dich mit Menschen aus
    Befrage jemanden zu diesem Thema, der sich damit bereits beschäftigt hat.
  9. Recherchiere
    Das Internet ist auch eine Quelle glaubwürdiger Informationen. Recherchiere zu dieser Nachricht. Nutze unterschiedliche Suchmaschinen dazu. Z.B. DuckDuckGo oder startpage.

Neben diesen Fragen, die wir uns bei zweifelhaften Nachrichten stellen sollten, gibt es inzwischen auch Online-Dienste die uns bei der Quellen-Prüfung unterstützen:

Unsere stärkste Waffe gegen Fake News ist und bleibt jedoch ein kritischer, offener Geist. Nachdenken, überlegen, reflektieren hilft uns am besten gegen die Manipulationsversuche durch Fake News. Leichtgläubigkeit, stille Akzeptanz und unkritisches Ja-sagen führt zu Fremdbestimmung und Unfreiheit.

Wahl und Digital

Sind wir doch momentan auf der Zielgeraden zur Europawahl am 26. Mai 2019 und werden hier allerorten mit den analogen Segnungen der Wahlwerbung beglückt. Will ich folglich die Gelegenheit wahrnehmen und mir jetzt Gedanken über den Zusammenhang von Wahl und Digital machen.

TL;DR

  • Wahl – worauf kommt es eigentlich an?
  • Digitale Wahl – was sind die Vorteile?
  • Digitale Wahl – was sind die Nachteile?
  • Fazit

Natürlich ist der Ruf nach mehr Digitalisierung dieser Tage als Basso continuo ständig präsent – also warum nicht auch bei Wahlen? Aber bevor wir uns dem Für und Wider der Digitalisierung dieses gesellschaftlich grundlegenden Themas widmen, betrachten wir zunächst, worauf es bei Wahlen überhaupt ankommt.

Wahl – worauf kommt es eigentlich an?

Damit eine Wahl wirklich demokratisch ist, sollte sie einige Bedingungen erfüllen:

  • Allgemeinheit
    Jeder Bürger im wahlfähigen Alter darf an einer Wahl teilnehmen.
  • Freiheit
    Eine Wahl gilt als frei, wenn keinerlei Einflussnahme – weder auf die Wahlwerbung noch die Kandidatenauswahl noch die Stimmabgabe – ausgeübt wird.
  • Gleichheit
    Jeder Wähler hat nur eine Stimme. Und diese Stimme hat bei allen das gleiche Gewicht.
  • Privatheit
    Niemand außer mir darf wissen, wen ich gewählt habe – schnöde auch als Wahlgeheimnis bezeichnet.
  • Transparenz
    Eine Wahl sollte fälschungssicher und überprüfbar sein. Und zwar so, dass auch ein Grundschüler das Verfahren nachvollziehen (und zumindest ein Hauptschüler das Verfahren auch erklären) kann.

Das ist doch schon eine beeindruckende Liste an Punkten. Diese muss eine Wahl erfüllen, um demokratisch legitimierend zu sein. Ist ja schließlich auch ein wichtiges Instrument, so eine Wahl. Grundsätzlich das mächtigste Schwert, welches wir Bürger in freiheitlich-demokratischen Gesellschaften führen dürfen. Breitschwerter und Krummsäbel sind ja eher ungern gesehen. Und diese Punkte werden bereits recht gut umgesetzt – oder lassen sich durch die Wunderversprechungen der Digitalisierung auch nicht weiter verbessern. So geht es auch mit digitaler Unterstützung nicht allgemeiner, freier, gleicher, geheimer oder transparenter zu als bei einer analog durchgeführten Wahl. Deshalb betrachten wir nun die prognostizierten Vorteile, welche eine Digitalisierung der Wahl bringen soll.

Digitale Wahl – die Vorteile

Glücklicherweise steht beim Thema digitale Wahl das Wunderversprechen Digitalisierung nicht solitär im Raum sondern die folgenden Argumente:

  • Einfachere Zugänglichkeit
    Die Digitalisierung von Wahlen soll Menschen einen einfacheren und schnelleren Zugang zum Wahlprozess gewähren. Im Fokus stehen dabei unter anderem Menschen mit Behinderungen, die momentan nur mit (menschlicher) Unterstützung ihrem Wahlrecht nachgehen können – z.B. blinde Menschen, die die Wahlunterlagen schlicht nicht lesen können. Ein weiterer Punkt der einfacheren Zugänglichkeit ist auch die Unabhängigkeit vom Wahlort – bei einer digitalen Wahl muss der Wähler nicht an einem zuvor festgelegten Wahllokal sein.
  • Höhere Motivation jüngerer Wähler
    Die Digitalisierung verspricht sich (und den jüngeren Wählern) ein besseres (weil hippes, modernes, buntes, klickbares) Wahlerlebnis.
  • Erhöhung der Wahlbeteiligung
    Im Sog der zunehmenden Digitalisierung hofft (wer auch immer) ebenfalls mit einer Zunahme der Wahlbeteiligung. Letztlich doch nur damit begründet, weil es eben digital (und damit hip, modern, bunt, klickbar) ist.
  • Senkung der Kosten
    Das Argument schlechthin. Senkung der Kosten. Weil Digitalisierung ja bereits überall zu einer Senkung der Kosten geführt hat. Wird sicherlich auch hier klappen. Ganz sicher.

Nun, das klingt alles sehr vielversprechend. Aber geben wir auch der anderen Seite eine Gelegenheit, sich darzustellen.

Digitale Wahl – die Nachteile

Als Amateur-Pessimist ist es mir ein Fest, auf die Nachteile jeder gehypten Trend-Idee hinzuweisen (und dabei gerne auch auf den vermeintlichen Vorteilen herumzutrampeln):

  • Intransparenz
    Ein großes Problem digitaler Wahlen. Niemand (außer einigen wenigen Experten) kann in diese Black Box hineinschauen. Geschweige denn erklären, was darin vor sich geht. Und das widerspricht vollkommen der Anforderung an Wahlen, transparent sein zu müssen. Und erklärbar. Für jeden. So, dass es ein Fünfjähriger versteht.
  • fehlende Sicherheit
    Ein komplexes System hat das inhärente Problem, dass es komplex ist. Und mit steigender Komplexität steigt die Angriffsfläche auf dieses System. Und mit steigender Angriffsfläche sinkt die Sicherheit des Systems. Ein komplexes System ist schwieriger abzusichern als ein einfaches.
  • Digitale Spaltung
    Die Digitalisierung nimmt nicht jeden Menschen mit. Sie erreicht zwar die meisten Bürger – aber ein Teil der Bevölkerung wird schlicht abgehängt. Und diesem Problem begegnen wir bei digitalen Wahlen.
  • Family Voting
    Die Möglichkeit des Überall-Wählens hat die Schattenseite, dass der Wähler überall beeinflusst werden kann. Es gibt bei digitalen Wahlen keine Wahlkabine mehr, in der wir mit unserem Gewissen allein sind. Jetzt besteht die Gefahr der direkten Einflussnahme auf unsere Wahlentscheidung durch Familie, Freunde, Kollegen.
  • Junk Voting
    Digitales Überall-Wählen steigert die Einfachheit einer Ich-werde-es-den-Mächtigen-mal-zeigen-Wahl. Eine analoge Protestwahl kostet mehr Überwindung als eine digitale Protestwahl. Eine Wahlstimme analog ungültig zu machen geht weniger leicht von der Hand als ein Klick auf einem virtuellen Stimmzettel. Klicken geht schneller als ankreuzen.
  • Steigerung der Kosten
    Digitale Wahlsysteme kosten Geld. Viel Geld. Wir brauchen uns nicht der Illusion hinzugeben, dass wir mit einer digitalen Wahl Geld sparen. Wenn wir eine digitale Wahl wollen, welche den Anforderungen an Wahlen genügt, kostet so ein System viel Geld. Eine digitale Wahl ist komplexer als eine analoge Wahl. Und ein komplexes System sicher und transparent zu gestalten kostet Geld. Viel, viel Geld.

Fazit

Was von den Argumenten für eine digitale Wahl übrig bleibt:

  • Einfachere Zugänglichkeit
    Nun ja, wir haben bereits Briefwahl – damit ist das Argument der Unabhängigkeit vom Wahlort hinfällig.
    Schnellere Wahlmöglichkeit – ich halte höhere Geschwindigkeit keinesfalls für ein gutes Argument. Eine langsamere, bedachtere Entscheidung ist oftmals eine bessere Entscheidung.
  • Höhere Motivation jüngerer Wähler
    Die Motivation sollte nicht durch die eingesetzte Technik erhöht werden, sondern – insbesondere bei Wahlen – durch eine bessere Politik. Und wenn ich noch mal – in welchem Kontext auch immer – von einem besseren xxx Erlebnis höre, muss ich spucken!
  • Erhöhung der Wahlbeteiligung
    Technik als Motivation für eine regere Wahlbeteiligung herzunehmen ist ein Armutszeugnis. Das Zeichen einer mittlerweile vollkommen kopflos agierenden Politik. Nicht die Digitalisierung muss die Wähler zu mehr Bürgerbeteiligung bringen. Eine gute, sinnvolle und auf den Bürger ausgerichtete Politik reduziert Politikverdrossenheit und motiviert.
  • Senkung der Kosten
    Hmja, genau. Weil nirgendwo so gut Geld eingespart wird wie in der Digitalisierung. Meiner Ansicht nach wird nirgends so effektiv Geld verbrannt wie in der IT-Industrie. Aber ich mag mich ja gerne eines Besseren belehren lassen. Allerdings kann bei der Digitalisierung nur dann Geld eingespart werden, wenn auf so Nebensächlichkeiten wie Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre kein Wert gelegt wird. Aber das sind ja Punkte, die bei einer Wahl vollkommen unbedeutend sind.

Meiner Ansicht nach zeigt die Betrachtung beider Seiten ein klares Bild zugunsten der analogen Wahl.

Man könnte auch sagen:

Never change a running system.

Analoge Wahlen basieren auf nachvollziehbaren Prozessen und liefern nachvollziehbare Ergebnisse. Das System bietet allen Zugang, es gibt ausreichend Unterstützung auch für Menschen mit Einschränkungen. Wahlen sind gut überprüfbar (dank Paper-Trail – das benötigen wir in einem digitalen System sowieso auch noch!). Sie sind ausreichend fälschungs- und manipulationssicher – und obendrein schützen sie Freiheit und Privatsphäre eines jeden Wählers – viel besser als es ein digitales Verfahren in absehbarer Zeit wird realisieren können.

Digitale Selbstverteidigung muss sein

Mit Glück und schreiberischem Talent wird das hier ein Pladoyer für die Notwendigkeit digitaler Selbstverteidigung.
Zunehmend stelle ich fest, dass es sich nicht nur auf die Notwendigkeit beschränkt, sondern dass wir als digital handlungswillige Bürger geradezu eine Verpflichtung zu digitaler Selbstverteidigung haben – denn wer sonst soll es für uns richten?
Schauen wir uns einfach mal die üblichen Verdächtigen an, die uns an dieser Stelle helfen sollten…

TL;DR

  • Aber wir haben doch eine starke Digital-Politik
  • Für meine Sicherheit sorgen doch die Konzerne
  • Aber ich mach doch gar nichts im Internet
  • Fazit

Aber wir haben doch eine starke Digital-Politik

Grundsätzlich könnte ich bereits an dieser Stelle dieses Kapitel lachend beenden.
Aber das bringt uns ja nicht weiter. Deswegen kurz die Lachtränen wegwischen, tief durchatmen und dann schauen wir der Digital-Politk tief in die Augen.
Wo fangen wir an? Ein wenig in der Vergangenheit. 2018. Im Dezember 2018, um konkreter zu werden.
Am 31.12.2018 hätte Deutschland flächen- und bevölkerungsdeckend breitbandig ausgebaut sein sollen.
So zumindest das Versprechen der Politik (und das war der Koalitionsvertrag der 18. Legislaturperiode – wir schreiben aktuell die 19.).
Leider hat das nicht geklappt und in Aussicht (wir schreiben mittlerweile das erste Quartal 2019 ab) steht dieses hehre (he, he) Ziel auch noch in den Sternen – aber nicht in den Kabeln der digitalwütigen Bürger.
Es ist ja nach Auffassung unserer Digitalministerin Dorothee Bär sowieso kleinlich, so etwas wie stabiles und schnelles Internet (flächendeckend!) zu fordern – wir müssen da visionärer nach vorn schauen: zu den Flugtaxis!

Also gut, was gibt es denn noch als digital-politisches Schutzschild, um unsere virtuelle Jungfräulichkeit zu schützen?
Richtig, das NetzDG!
Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz bewahrt uns alle vor Hass, Gewalt, Beleidigung und sonstigem digitalen Ungemach in den unregulierten Weiten des World Wide Web.
Äh…oder auch nicht, denn nicht nur war dieses Gesetz ein totaler Rohrkrepierer, was die Eindämmung von virtueller Gewalt angeht und Hass betrifft.
Was das NetzDG aber durchaus gebracht hat, ist mehr Zensur.
Und es ist ein toller internationaler Verkaufsschlager! Deutschland ist wieder Exportweltmeister – was Zensurgesetze angeht!
Haben doch so lupenreine Demokratien wie Russland, die Philippinen, Venezuela oder Großbritannien dieses Gesetz dankbar als Vorlage für ihre eigenen digitalen Unterdrückungsgesetze herangezogen.

Aber geben wir die Hoffnung nicht auf!
Wir haben den Koalitionsvertrag (diesmal 19. Legislaturperiode). Und darin geloben die beiden Regierungsparteien, dass sie bei der europäischen Urheberrechtsreform keinesfalls Uploadfilter akzeptieren werden. Gar nicht. Großes Politikerehrenwort! Lassen wir nicht zu!
Tja, und dann geht unsere Justizministerin Katarina Barley (SPD) hin und stimmt für die Uploadfilter.
Jo, das ist doch mal ein Vorbild für Worttreue und Glaubwürdigkeit. Vielen Dank Frau Barley.

Jetzt aber nicht jammern! Es gibt ja immer noch den Digitalpakt!
Der wird die Rettung unserer digital naiven Jugendgeneration sein.
Mmmh, ich denke, eher nicht.
Was sind schon 5,5 Milliarden Euro? Ein Tropfen auf den hardware- und bildungstechnisch ausgetrockneten Lehrbetrieb.
Meine Sorge ist, dass die mühsam erkämpften Milliarden von den fleißigen Hard- und Software-Lobbyisten für neue Tablets, proprietäre Betriebssysteme und ebenfalls proprietäre Büro-Anwendungen verballert werden.
Anstatt das Geld in die Ausbildung der Ausbilder oder externe Wissensvermittler zu investieren.
Bis das letzte Geld aus diesem Topf die Schulen erreicht hat, sind die Hardware-Anschaffungen schon wieder outdated.
Glückwunsch.

Ne, ne, die Digital-Politik wird uns nicht retten.
Höchstens wenn ein an-die-Wand-gefahrenes und zu-Tode-zensiertes Internet die Vorstellung der Politik von “Rettung” ist.
Deswegen kann uns selbst nur digitale Selbstverteidigung retten.
Wir müssen uns selbst darum kümmern.
Wir müssen lernen, wie wir unsere Privatsphäre selbst verteidigen können.

Für meine Sicherheit sorgen doch die Konzerne

Bwahahaha!
Das Argument ist ja noch besser als das erste.
Die Konzerne? Die Konzerne, die mit jeder neuen Geschäftsidee mindestens fünf neue Möglichkeiten schaffen, uns noch mehr Daten aus den Fingern zu saugen.
Die sollen für unseren digitalen Schutz verantwortlich sein? Ich lach mich platt.
Alles, was die Konzerne uns andrehen wollen, dient in erster Linie deren Interesse, nicht unserem.
Unsere digitale Sicherheit ist maximal Beifang.
Allerdings fallen dabei stets Daten an (nämlich unsere) und diese für Datenkraken ab.
Wir müssen an dieser Stelle zunächst lernen, dass Konzerne (überraschenderweise) Geld verdienen mit unseren Daten.
Die haben kein Interesse daran, uns zu schützen.
Das würde doch deren Gewinnmarge reduzieren!
Nein, was erwarten wir uns denn davon, wenn wir hoffen, dass die größten Datenhändler uns vor dem digitalen Ausbluten bewahren?
Da ist doch dann der überstrapazierte Bock zum Gärtner gemacht, oder um es mit Meat Loaf zu sagen:

“In the Land of the Pigs, the Butcher is King.”

Meat Loaf

Daher ist auch nach diesem Kapitel mein Fazit und Aufruf:
Auf zur digitalen Selbstverteidigung – die Konzerne werden uns nicht retten.

Aber ich mach doch gar nichts im Internet

Echt? Wie liest du dann diesen Blog?
Nein, es ist weder mein Ziel noch überhaupt möglich in unserer Zeit, vollkommen ohne Internet zu leben.
Ob wir es wollen oder nicht – wir müssen uns mit dem Internet auseinandersetzen.

“It’s no longer OK not to understand how the Internet works.”

Aaron Swartz

Nicht alle wollen mit den Segnungen der Digitalisierung konfrontiert werden, aber mitunter ist es inzwischen nicht mehr oder nur mit extrem hohen Hürden möglich, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, ohne sich dem Internet anzuvertrauen.
Wir hängen mit dieser politisch-industriell induzierten Zwangs-Digitalisierung einen Großteil der Bevölkerung ab:

  • Menschen, die freiwillig nicht digitalisiert werden wollen.
  • Menschen, denen die technischen Vorkenntnisse fehlen, um souverän am digitalen Leben teilzunehmen.
  • Menschen, die Angst vor negativen Auswirkungen von Datensammlung, Profilbildung und Manipulation haben.

Wollen wir diese Menschen einfach zurücklassen? Oder sollen wir sie zwingen, teil einer digitalisierten Gesellschaft zu werden? Teilweise tun wir das schon. Werden analoge Angebote doch kontinuierlich zurückgefahren oder mit immer höheren Hürden versehen.

Wenn es das Ziel ist, die Gesellschaft in der Breite mit den Vorzügen der digitalen Entwicklung zu versöhnen, dann müssen auch Angebote für diese große “Randgruppe” geschaffen werden:

  • Es muss immer eine analoge Alternative geben – es kann ja schließlich auch mal sein, dass die absolut unfehlbare IT einmal ausfällt. Soll schon mal passiert sein. Hab ich gehört. So ganz weit weg.
  • Wir müssen die Gesellschaft ausbilden. Niemand wird als Informatiker geboren. Aber es ist unerlässlich, zu wissen, wie das Internet funktioniert. Ich will mir nicht so einen unausgegorenen IoT-Scheiß eintreten und dann noch nicht mal den Hauch einer Ahnung haben, ob und wie der Schrott funktioniert

Es kann doch nicht angehen, dass Menschen keine Ahnung haben, wie sie etwas bedienen müssen, wie sie etwas organisieren müssen, noch nicht einmal wissen, was sie benötigen – und hierbei auch keine Unterstützung erhalten!
Ich halte es für skandalös, dass Menschen absolut hilflos bleiben und ohne Anleitung in ein digitales Leben gezwungen werden, welches sie nicht gewählt haben – ist ja fast wie geboren werden.
Also, was hilft?
Aussteigen? Schwierig. Vielleicht als Selbstversorger im kanadischen Hinterland. Reizvoll, aber einsam (naja, das klingt doch sehr reizvoll!).
Aufgeben? Ohne Ahnung über Hintergründe und Auswirkungen total in der Digitalisierung aufgehen? Gefährlich. Da ist man seine digitale Identität schneller los als man “biometrisches Merkmal” sagen kann.
Was bleibt dann übrig? Richtig: Digitale Selbstverteidigung.
Um ein erträgliches Leben im digitalen Wahnsinn leben zu können, müssen wir lernen, wo die Gefahren lauern. Wir müssen zumindest die Grundlagen verstehen, wie die angepriesenen Dienste und Produkte funktionieren – und was deren Einsatz für uns bedeutet.
Dann können wir eine informierte Entscheidung treffen, wie wir verfahren wollen – ohne uns selbst zu verlieren.

Fazit

Was von den Argumenten übrig bleibt.
Rauchende Trümmer, Heulen und Zähneknirschen.
Auf die Punkte, auf die wir unsere Hoffnung gestützt haben, dürfen wir uns nicht verlassen.
Weder die Politik, noch die Industrie haben die Möglichkeiten und Interessen, unsere Privatsphäre zu schützen.
Beide gründen ihre Vorgehensweise auf unterschiedlichen Zielannahmen: die einen haben die Sicherheit, die anderen nur ihren Gewinn im Blick – da stört der individuelle Wunsch nach Freiheit und Privatsphäre.
Und die Kritiker, die Randgruppen, die Verunsicherten – auch sie können weder von Politik noch Industrie Hilfe erwarten.
Es hilft alles nichts – es verdichtet sich auf meinen Aufruf zur digitalen Selbstverteidigung.
Leute, erhebt euch aus eurer selbst- und fremdverschuldeten Unkenntnis und schlaut euch auf!
Wir müssen mehr wissen, wir müssen mehr lernen – es soll nicht unser Schaden sein. Den hätten wir nur, wenn wir alle Aufgaben externalisieren.
Es geht schließlich um unsere Privatsphäre – die dürfen wir nicht outsourcen.

Kann isch WhatsApp – bin isch Internet

“It’s no longer OK not to understand how the Internet works.”

Aaron Swartz

Über die Problematik einer pragmatischen digitalen Kompetenz.

Vermutlich wird dieser Artikel ein wüster Rant über die vermeintliche Medienkompetenz der hochgelobten Digital Natives (und solcher, die es qua Selbstverordnung sein wollen).
Aber was solls, lieber raus als rein.
Es geht mir von unterschiedlicher Seite schon seit geraumer Zeit auf den Keks, dass allerorten breit von Medienkompetenz geschwafelt wird, aber weder konkret benannt wird, was darunter zu verstehen ist, noch wie dies vermittelt werden soll.
Daher werfe ich hier auch meine zwei Gedanken zu diesem Thema in den Raum und wappne mich der Gegenrede.

TL;DR;

  • Anwendungskompetenz reicht nicht
  • Wir brauchen mehr Hacker und weniger User
  • Ein Datenleak, sie alle zu erschrecken

Anwendungskompetenz reicht nicht

Ich stelle fest, dass oftmals schnelles Bedienen von Anwendungen schon ausreicht, um in Begeisterungsstürme ob der hohen Medienkompetenz von Digital Natives zu verfallen.
Das lässt sich sicherlich aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Da ist einerseits der Arthur-C-Clarke-Blickwinkel: Jede Technologie, wenn sie ausreichend weit fortgeschritten ist, erscheint einem Uneingeweihten wie Magie. Da solche Aussagen oft von Uneingeweihten (Menschen mit geringer technischer Kompetenz oder Politiker) kommen, ist diesen Aussagen bestenfalls eine geringe Aussgekraft beizumessen. Nichtsdestotrotz haben diese Uneingeweihten oftmals eine hohe Entscheidungskompetenz.
Das kann einerseits dazu führen, dass entweder diese zu unrecht hochgelobten Anwendungskompetenzwunder eine vollkommen falsch ausgerichtete Einschätzung ihrer (Anwendungs-)Fähigkeiten bekommen, eben “Kann isch WhatsApp, bin isch Internet!”. Andererseits wird in eine vollkommen falsche Richtung politisch entschieden: Nämlich hin zum schnellen Anwender und weg vom gebildeten Nutzer, der die Hintergründe versteht.
Das bringt mich zu einem weiteren Punkt:
Vielleicht will die Politik und die Industrie einfach nur schnelle Anwender, also dressierte Affen.
Was die Industrie anbelangt, bin ich mir sehr sicher, dass dem so ist. Denn ein unkritischer Konsument ist das, was die Industrie sich wünscht: ein Kunde, der einfach kauft, was ihm die Konzerne vorsetzen.
Was die Politik angeht, habe ich doch noch Hoffnung in die Grundannahme unserer Demokratie: die Beteiligung eines aufgeklärten Volkes, nicht einer rückenmarksgesteuerten Masse.
Aber da ist möglicherweise die Lobby die treibende Kraft – und diese kommt letztlich doch wieder aus der Industrie.
Doch zurück. Ich bin der festen Überzeugung, dass es heutzutage nicht ausreicht, ein versierter Anwender zu sein. Die Zusammenhänge und die Auswirkungen, die die Digitaltechnik auf unser Leben und unsere Gesellschaft haben, sind zu groß, um dies durch reines anwenden-können zu bewältigen.
Wir müssen zumindest die grundlegenden Zusammenhänge verstehen, wenn wir die Digitalisierung als gesellschaftlich durchdringendes Element nutzen wollen. Ansonsten sind wir nicht besser als Menschen, die Gewitter als die Laune eines Gottes ansehen.

Wir brauchen mehr Hacker und weniger User

Betrachten wir die Situation aus einem anderen Blickwinkel.
Vor kurzem, zwei Kurse in digitaler Selbstverteidigung in Klassenstufe 10 eines allgemeinbildenden Gymnasiums.
Ein Bild des digitalen Elends.
Ehrlich, wenn das die Erwartungshaltung an Digital Natives ist, dann sehe ich schwarz für die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Zappenduster.
Da ist überhaupt kein Interesse an einer Weiterbildung zu Themen rund um alles Digitale.
Geschweige denn Kenntnis über Alternativen zu vorhandenen Anwendungen oder Problemlösungsstrategien, wenn es – oh Wunder! – doch mal zu Fehlern kommen sollte.
Was ja in der IT quasi nie vorkommt.
Natürlich sind knapp über 40 Schüler keine repräsentative Menge, aber dass darunter nur einer ist, der überhaupt mal eine Alternative zu WhatsApp kennt, ist erschreckend. Niemand kannte einen alternativen Browser (neben den vorinstallierten) und der Unterschied zwischen Browser und Suchmaschine war ebenfalls nicht bekannt. Da wird mir dann wirklich ganz anders.
Wo ist denn der Pioniergeist, der jugendliche Forscherdrang, die Neugier und die Lust auf Rebellion geblieben?
Wenn wir uns eine Generation von Lämmern heranziehen, müssen wir uns nicht wundern, wenn diese von den industriellen Wölfen gerissen oder auf der Schlachtbank der Digitalisierung geopfert werden.
Anstatt unseren digitalen Neubürgern das Erstellen von Filmchen fürs Internet beizubringen, müssen wir ihnen (und den senioreren digitalen Teilnehmern auch) digitale Selbstverteidung mit auf den virtuellen Weg geben.
Sogar unsere Kanzlerin hat erkannt, dass hier dringend Handlungsbedarf für jeden einzelnen besteht:

“Das Heft des Handelns in die eigene Hand nehmen.”

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Wir müssen jungen Menschen eine Resilienz gegen Manipulation und ein Bewusstsein gegen Überwachung mitgeben.
Von selbst entsteht weder das eine noch das andere.

Ein Datenleak, sie alle zu erschrecken

Da haben wir mal wieder ein Datenleck. Noch nicht mal besonders groß, aber gleich wird der Untergang der digitalisierten Welt prognostiziert.
Es werden politische Konsequenzen gefordert: Vom Hack-Back über staatlich verordnete Zwei-Faktor-Authentifizierung (nicht zu vergessen die Ordnungswidrigkeit beim Einsatz schlechter Passwörter) bis zur finanziellen Aufrüstung unserer diversen Cyber-Sicherheits-Organe.
Was allerdings generell übersehen wird, ist die Notwendigkeit der Schulung der Anwender.
Mir fällt an dieser Stelle wieder Aaron Swartz ein:

“It’s no longer OK not to understand how the internet works.”.

Aaron Swartz

Der breit gestreute Leak persönlicher Daten kann diesmal nicht (nur) der technischen Schwäche eines Systems in die Schuhe geschoben werden. Dafür waren schlicht zu viele Systeme betroffen.
Ganz klare Mitschuld tragen die Betroffenen.
Sie sind zu unbedarft mit ihren Daten umgegangen.
Egal ob es die privaten Chats mit der Familie über Facebook sind (man chattet einfach nicht privat auf einer öffentlichen Plattform).
Oder die Scans von Ausweisdokumenten (die gehören nicht in die “Cloud”).
Ebensowenig wie Zeugnisse auf den Rechnern anderer Leute gespeichert werden.
Und dann Passwörter. Wir werden einfach immer weiter Daten verlieren, wenn wir nicht endlich lernen, sichere Passwörter einzusetzen.
Und zwar viele davon. Für jeden Account ein eigenes Passwort.
Das ist auch nicht schwer. Wir müssen einfach nur umlernen.

“You have to unlearn what you have learned.”

Yoda

Es ist falsch nur ein Passwort zu haben. Zumal das dann auch noch zumeist extrem schwach ist.
Wir müssen lernen, dass ein Passwort-Manager der beste Schutz für unsere Passwörter ist.
Hier hilft uns kein Post-It am Bildschirm oder unter der Tastatur.
Wir müssen uns darum kümmern, welche Sicherungsmaßnahme dieser oder jener Dienst anbietet.

  • Wie lang und wie komplex können die Passwörter dort sein?
  • Unterstützt der Dienst 2FA?
  • Akzeptiert dieser Dienst einen Benutzernamen, der nicht gleich die E-Mail-Adresse des Nutzers ist?

Wir müssen das lernen. Oder wir hören auf, diese Dienste zu nutzen. Aber das halte ich für eine sehr gewagte Alternative.


Biometrischer Blödsinn

Die Industrie versucht uns mit immer neuen, die Bequemlichkeit fördernden vermeintlichen “Sicherungsmaßnahmen” unsere biometrischen Daten aus den Rippen zu leiern. Dass es den Internetkonzernen dabei beileibe nicht um den Schutz unserer Daten, sondern vielmehr um die Akkumulation weiterer Daten für deren Profile geht, sollte mittlerweile grundlegend klar sein.
Schauen wir uns im Einzelnen an, was uns die Konzerne mit welchem biometrischen “Sicherungsmerkmal” versprechen und inwiefern sie dieses Versprechen auch halten – oder das bisherige System im Laufe ihrer eigenen Weiterentwicklung als unsicher abtun.

TL;DR

  • Mein Fingerabdruck gehört mir
  • Mein Gesicht ist nicht mein Schlüssel
  • Das Venenmuster zum Glück
  • Fazit

Mein Fingerabdruck gehört mir

Der Fingerabdruck war (und ist teilweise) noch das vermeintliche Schutzelement, welches auch schon Ethan Hunt Zugang zu seinen Geheimnissen verschafft hat. Nun, liebe Freunde spannender Agenten-Action, was euch die Konzerne dabei nicht eröffnet haben, ist die Tatsache, dass für die Erkennung eines Fingerabdrucks deutlich weniger Datenpunkte verwendet werden als Scotland Yard für die Zuordnung mittels Graphitstaub am Tatort gesicherten Fingerabdrucks zum gesuchten Täter einsetzt.
Ja, ein Fingerabdruck ist nach aktuellem Wissensstand eindeutig – wenn man die gesamte zur Verfügung stehende Datentiefe verwendet.
Das macht aber so ein Smartphone mit Fingerabdruckerkennung nicht.
Wäre viel zu aufwendig.
Es werden für einen gespeicherten Fingerabdruck deutlich weniger Datenpunkte zur Identifikation eingesetzt. So wenige, dass einer von 60.000 Fingerabdrücken für die erfolgreiche Entsperrung passt.
Miserables Verhältnis, wie ich finde.
Und dabei habe ich noch gar nicht an die spannenden Entwicklungen im Bereich maschinelles Lernen (in Neusprech gerne “KI” genannt) gedacht, mit dessen Hilfe es Forschern der New York University gelungen ist, einen biometrischen “Generalschlüssel”-Fingerabdruck zu erzeugen.
Daher mein Rat: Finger(abdruck) weg!

Mein Gesicht ist nicht mein Schlüssel

Der Weg der biometrischen Sicherheit führt vom Finger zum Gesicht.
Denn, was könnte noch bequemer sein, als seinen Finger auf das digitale Spielzeug der Begierde zu pressen, um es zu bedienen?
Richtig – wir müssen es nur anschauen, damit es uns seine Gunst gewährt.
Außerdem war dies der nächste logische Schritt der Datensammler, uns allgegenwärtig identifizieren zu können.
Fingerabdrücke benötigen ja noch eine wirkliche taktile Interaktion, aber Gesichtserkennung, damit können wir überall im Vorbeigehen maschinell erkannt werden (“Hallo John Anderton!”).
Dem Siegeszug der Gesichtserkennung hat geholfen, dass Phil Schiller die bisher eingesetzte und auch hochgelobte TouchID als unsicher und veraltet abgetan hat.
Nun ja, die staatliche Überwachungsindustrie dankt es ihm, macht dies doch allgegenwärtige Videoüberwachung noch viel interessanter!
Mit einer allbehördlich zugreifbaren Datenbank von Gesichtern (mit einer zehnjährigen Aktualitäts-Garantie, denn wir müssen ja alle zehn Jahre unsere Personalausweise erneuern) und einer allgegenwärtigen Videoüberwachung (Berlin Südkreuz war nur der Anfang!), können wir alle und überall automatisiert erkannt werden.
Aber auch diese Technologie ist fehlbar.
Schon wenige Tage nach der Markteinführung der “unbrechbaren” FaceID konnten Kinder die iPhones ihrer Mütter entsperren. Tja, der Kleine ist seiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten – findet das iPhoneX auch. Auch Geschwister und Filmschaffende haben das “unknackbare” System mit Masken geschlagen.
Tja, Gesichter können eben doch lügen.

Das Venenmuster zum Glück

Der nächste heiße Scheiß biometrischer Wundermittel sind Venenmuster.
Alles ganz schön zufällig – nun ja, ausreichend zufällig, um eine Person zu identifizieren (allerdings eben auch genetisch so vorbestimmt, dass dadurch auch ein klarer Hinweis auf die Abstammung nachzuweisen ist, aber das nur am Rande).
Jedenfalls werden die Venenmuster von Handfläche oder Finger gerne zur Authentifizierung verwendet, z.B. von Geldautomaten oder auch bei Behörden – wie dem Bundesnachrichtendienst.
Dummerweise sind die Scanner für die Venenmuster erschreckend leicht zu täuschen. Eine Handatrappe (aus Bienenwachs und dem Ausdruck eines Venenmusters) reicht aus, um die vermeintlich sichere biometrische Zugangskontrolle zu überwinden.
Aber wie kommt man als Angreifer an ein Venenmuster? Dieses ist ja nicht so ersichtlich verfügbar wie ein Fingerabdruck oder ein Gesicht, schließlich liegen ja mehr oder weniger dicke Hautschichten zwischen der Außenwelt und dem eindeutigen Venengeflecht.
Nunja, eine gute Spiegelreflexkamera und ein Teleobjektiv ohne Infrarotfilter reicht.
Was wir brauchen, ist eine ausreichend starke Lichtquelle (ein Blitz) und ein gutes Teleobjektiv und schon können wir aus gut fünf Metern Entfernung ein schönes Venenmuster fotografieren.
Aber es muss gar nicht so weit sein. Wir brauchen nur ein klares Bild einer gespreizten Handfläche, dann muss es nocht nicht mal eine Spiegelreflex sein. Bei kurzem Abstand reicht auch eine kleine Raspberry-Kamera.
Und helles Licht. Sowas in der Art wie es in diesen modernen Handtrocknern zum Einsatz kommt, die uns ein so wohliges Gefühl von Hygiene geben…
Tja, also ich nutze diese Handtrockner nicht mehr.

Fazit

Ja, diese ganze Bequemlichkeit wird halt irgendwann noch unser Untergang sein. Wir müssen uns endlich eingestehen, dass wir nur eines steigern können: Entweder die Bequemlichkeit oder den Schutz unserer privaten Daten. Beides zusammen geht nicht.

Das zugrunde liegende Problem beim Einsatz von biometrischen Merkmalen zur Authentifikation ist die Tatsache, dass wir diese Merkmale nicht – oder nur mit erheblichem Aufwand – ändern können.

Wird uns ein Passwort gestohlen, vergeben wir ein neues und alles ist wieder sicher.

Wird uns jedoch ein biometrisches Merkmal – egal ob Fingerabdruck, Gesicht, Venenmuster oder was da noch so alles kommen mag (mir fällt mal so spontan unsere DNA ein) entwendet, dann sind immer noch wir mit diesem Merkmal verknüpft. Denn gestohlen heißt in diesem Fall nicht, dass wir es nicht mehr haben (das ist immer noch das große Mißverständnis, wenn es um digitale Werte geht). Nein, wir haben es zwar noch, aber jemand anderes (oder ganz viele andere) haben es eben auch. Und solange wir noch unseren Fingerabdruck mit uns herumtragen, sind eben wir damit verknüpft.

Daher mein Aufruf: Nutzt keine biometrischen Merkmale, um euch zu authentifizieren. Egal ob am iPhone, am Geldautomaten oder beim Zugang zum BND.

Was aber stattdessen tun?

Das ist alles gar nicht so schwierig – wir müssen es nur tun. Und wir müssen uns klar machen, dass wir selbst für unsere Geheimnisse verantwortlich sind!

Der Weg auf der hellen Seite ist steiniger

Ah, ein Plädoyer.
Ein Plädoyer für die gute Sache.
(hmm, denkt nicht ein jeder, seine Sache sei die gute Sache?
Oder hat sich Darth Vader eines schönen Tages beim Frühstück gedacht:
“Hey, heute ist toller Tag, ich versau der Galaxie mal so richtig alles, bau einen Todesstern und mach eine echt schlechte Sache.”)
Also, ein Plädoyer für die gute Sache – Digitalisierung auf der hellen Seite der Macht.
Ja, das geht.
Digitalisierung ist nicht per se schlecht, wir können es auch gut und richtig machen, unsere Privatsphäre behalten und nicht alle zu echten Arschlöchern mutieren.

TL;DR

But what if I want to track myself?

Ich habe es schon anklingen lassen, die Digitalisierung bringt nicht nur Jammern und Wehklagen.
Es sind ein paar Entwicklungen dabei, die echt gut sind und uns wirklich weiter bringen können.
Mein Kumpel Mitch von der Datenwache, dem Podcast für Datenschutz und Privatsphäre, hat mich darauf gebracht.
So ein bissel Self-Quantifikation kann den einen oder anderen motivieren, etwas sorgsamer mit dem eigenen Körper umzugehen.
Ein paar mehr Schritte hier und ein bissel mehr Schlaf dort schadet jetzt nicht wirklich.
Eine echt bescheuerte Idee ist es allerdings, das zu einem Wettbewerb aufzublasen, indem man beständig seine Werte in die breite Öffentlichkeit der allwissenden Müllhalde pustet.
Das geht da draußen niemanden etwas an.
Und es interessiert sich auch wirklich niemand ernsthaft dafür.
Maximal wird es zum Anlass genommen, den Selbstvermesser selbstvergessen zu erniedrigen.
Wir alle verkommen langsam aber sicher (oder auch schnell und unsicher) zu Trollen und Arschlöschern in der widerlichen Welt des virtuellen Wirkens.
Daher: gerne selbstvermessen, aber die Daten schön bei uns selbst behalten.
Mitch hat einige gute Geräte getestet, welche die Vorteile der Digitalisierung nutzbar machen, ohne den Besitzer zum Produkt zu machen.

Komm auf die dunkle Seite, wir haben die coolen Sachen – und Kekse

Man muss vielleicht ein bissel speziell sein, um neben dem Strom zu schwimmen.
Mir geht es heute gar nicht darum, mit meinem “Dagegen”-Schild durch die Gegend zu rennen.
Ich will stattdessen Bewusstsein schaffen, dass es auch einen Weg abseits des Mainstream gibt.
Und dieser Weg führt tendenziell in die gleiche Richtung wie der Mainstream – nur eben selbstbestimmter.
Dennoch wiegen die Verlockungen der dunklen Seite schwer:

  • Sie hat die cooleren Gadgets.
  • Die Oberflächen sind immer schnieke (oder es liegt daran, dass die dunkle Seite mit ihrer Marketing-Macht uns suggeriert, dass diese Oberflächen gefälligst gefällig zu sein haben!).
  • Es ist einfach verdammt bequem, die Anwendungen der dunklen Seite zu nutzen.
  • und sie haben Kekse (aber nur die ungesunden mit viel Zucker und sowieso in die falsche Richtung drehenden Milchsäuren!)

Ne, echt jetzt.
Es ist verdammt schwer, sich der dunklen Seite zu entziehen – schon vor allem deswegen, weil die Meisten gar nicht wissen, dass es eine helle Seite gibt!
Verrückt, oder?
Aus diesem Grund promote ich den Einsatz alternativer Technologien.
Keine Sorge – wir müssen nicht zurück zu Steintafel und Steampunk (obwohl Steampunk echt cool wäre!) – wir müssen lediglich lernen, uns ein bissel umzusehen und nicht gleich der Stampede der Herde hinter dem neuesten heißen Marketingscheiß der Mainstream-Masse herhecheln.
(ich stell mir das grad großartig vor: die Stampede der Herde – Induktionsherde, Ceranherde, Gasherde – und hinterher ein alter Herd mit Holzbefeuerung 🙂 ).

„Selbstdenken ist der höchste Mut. Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln.“

Bettina von Arnim

Recht hat sie, die gute Bettina von A.
Nicht hinterherrennen sondern selbst prüfen und nachforschen, was man wirklich braucht – dann findet man erstaunliche, tolle und innovative Dienste und Produkte.
Zugeben will ich jedoch, dass die Non-Mainstream-Dingsies manchmal ein wenig, naja, prototypisch aussehen.
Mir hat zugegebenermaßen der verratzte Millenium Falcon immer besser gefallen als das eklig glattgebügelte und gänzlich Ecken-und-Kanten-freie Design der Raumschiffe der jämmerlichen Episoden I bis III.

Das Gewissen ist leichter auf der hellen Seite – und der Wissenszuwachs größer

Jetzt geb ich nochmal richtig Stoff in Sachen Kampf für die helle Seite:
Was wir hier drüben nämlich voll zu unseren Gunsten verbuchen können ist unsere moralische Überlegenheit:
Bei uns werden keine Daten verhökert!
Ha! In your face, dunkle Seite!

Auf der hellen Seite bist du wirklich der Kunde – und nicht das Produkt, denn hier musst du mit deinem schwer verdienten Geld bezahlen und nicht mit deinen unsterblichen Daten!

Was darüber hinaus für die helle Seite spricht, ist die Tatsache, dass du wirklich begreifst, wie die Produkte und Dienste funktionieren.
Du musst dich ernsthaft mit der Funktionsweise der Dienste und Produkte auseinandersetzen, um sie zu verstehen und richtig verwenden zu können. Also nicht nur die Features bedienen können.
Du bist folglich nicht mehr nur ein geübter (und schneller) Anwender (das kann jeder halbwegs trainierte Affe) – sondern ein Wissender.
Das wollen die Manipulatoren der dunklen Seite natürlich mit allen (bequemen) Mitteln verhindern!

“It’s no longer OK not to understand how the Internet works.”

Aaron Swartz

so hat es Aaron Swartz auf den Punkt gebracht.
Wir müssen verstehen wie die Dienste und Produkte interagieren.
wir müssen durchschauen wie die Manipulation der dunklen Seite funktioniert.
Erst dann können wir uns dagegen wehren.

Zum Ende meines Plädoyers noch ein Wort der Warnung:
Der Weg der hellen Seite ist ein steiniger, vielfach gewundender Weg.
Er ist nicht von Rosen gesäumt und mit Gummibärchen gebettet.
Fragen wir Gandhi, Gandalf und Groot.
Die hätten es alle leichter haben können, wenn sie sich der dunkle Seite angeschlossen hätten.
Aber nein, die mussten ja ihren Stiefel durchziehen.
Und was haben sie davon gehabt? Unterwegs Leid und Steine auf dem Weg – am Ende aber ein Imperium in die Knie gewzungen, Sauron vermöbelt und die Galaxie gerettet.
Na also. Lohnt doch.
Also, die groben Bergschuhe anziehen und den steinigen Weg beschreiten.

Das ganze Digitale hilft nicht, wenns analog klemmt

Der Zug – die kreative Muse unserer Zeit.
Hier komme ich zum Schreiben, hier kann ich ungestört denken.
Manchmal mit mehr Zeit, als mir lieb ist.
So wie heute.

TL;DR

Digitale Versprechen

Ist mein Reiseplan doch minutiös digital durchgeplant:
Zuerst: Geislingen – Stuttgart.
Dann weiter nach Zürich, zum Flieger nach Monaco.
Alles mit ordentlich Puffer, so kann nix schiefgehen.
Sagt die digitale Planung.
In Stuggi gemütliche 30 Minuten Aufenthalt.
Das reicht locker. Ist ja nur eine Fahrt von 30 Minuten.
Also was soll da schon schief gehen.

Alles, wie sich herausstellt.
Die digital angezeigten fünf Minuten Verspätung in Geislingen bauen sich durch durch irrsinnige analoge Defekte in den Türsteuerungen (digital!) zu einer katastrophalen Verspätung von 40 Minuten auf.
Fazit bis jetzt:

  • Digitale Anzeige hat gelogen.
  • Anschlusszug nach Zürich verpasst
  • Flug nach Monaco in Gefahr (das hier ist quasi ein eingefrorener Live-Feed aus dem Alternativzug in Richtung Zürich)

Also, was bringen mir jetzt die ganzen digitalen Versprechungen?
Ich bekomme Verspätungen angzeigt und werde in Echtzeit informiert.
Himmel, Arsch und Zwirn! Nix bringt mir das!
Der verdammte Zug ist trotzdem weg.
Ich kann mich höchstens bestens informiert darüber aufregen, dass ich jetzt in Echtzeit miterleben kann, wie mein Anschlusszug ohne mich abfährt.
Prima. Ist bestimmt grandios gut für die Gesundheit:
Man bekommt Bluthochdruck.
Mir drängt sich der Verdacht auf, dass diese unangenehmen Nebenwirkungen bei der Umsetzung von digitalen Versprechen in eine analoge Realität von den Erdenkern digitaler Utopien schlicht ausgeblendet werden.

Digitale Illusion

Ah, ein weiterer Aspekt sind enttäuschte digitale Illusionen.
Ich sitze hier in einem niegelnagelneuen IC2 der Deutschen Bahn.
Und was gibt es hier nicht?
WLAN.
Nicht das ich der glühende Verfechter dauerhafter Online-Verfügbarkeit bin, aber jetzt, wo ich es mal brauchen könnte, gibts keins!
Wo bitte ist da die Umsetzung der vollmundigen Versprechungen einer flächendeckenden Digitalisierung?
Mensch echt, wenn so großspurig die Digitalisierung als das alternativlose Must-Have Rettungsinstrument unser Gesellschaft, ach was, des gesamten Universums, dargestellt wird, dann muss halt auch irgendwann mal geliefert werden!
Das bei all diesen Plänen ein gerüttelt Maß an Marketingversprechen abgezogen werden muss, ist mir schon klar.
Aber so gar keine Umsetzung?
Das enttäuscht sogar mich als praktizierender Pessimist.

Digitaler Ausbau

Alles soll digital laufen heutigen Tags.
Kost halt alles Geld.
Jetzt sitze ich immer noch in Zürich am Flughafen.
Analoge Freundlichkeit hat mir übrigens die Umbuchung eines Unumbuchbaren (klingt wie der Unbrechbare Schwur) beschert!
Fluges, meine ich.
Das wäre digital nicht gegangen – Maschinen haben kein Herz.
Allerdings bringt mich meine Situation auf einen weiteren Punkt des Digital-Analog-Dilemmas:
Es hängt halt Geld dran.
Im Mobilfunk-befreundeten Ausland – aktuell in der Schweiz – werden Gebühren fällig, wenn ich einen Anruf annehme!
Lieber Himmel, wie soll das denn funktionieren, mit der digitalpolitisch gewünschten Totalerreichbarkeit (oh, da fällt mir eine andere, historisch und politisch vollkommen inkorrekte Frage ein: “Wollt ihr die totale Digitalisierung?” – ich so: “Nein!”), wenn schon so marktwirtschaftliche Geiferspuren uns ständig gegen die wirtschaftlichen Hürden laufen lassen?
Ja, ich weiß, es ist vollkommen meine Schuld, dass ich keinen All-Net-All-Flat-Vertrag habe, mit dem ich sogar vom Mond ohne Zusatzkosten telefonieren kann.
Hab ich halt nicht!
Ach, das ist doch alles totaler Schrott. Lug und Trug und schöner Schein.
Hört sich wundervoll glitzernd und modern an, aber wenn man mal in ein Problem läuft, dann zeigt sich der vergammelte und vollkommen brüchige Unterbau der ganzen Digitalscheiße.

Ein wesentliches Problem der Digitalisierung ist die Herangehensweise.
Würden Häuser so gebaut werden wie Software, wären wir alle bestenfalls obdachlos und im Worst Case tot und begraben unter den zusammengestürzten Trümmern unserer Häuser.
Warum wird nicht langsam – dafür von Grund auf – losdigitalisiert, anstatt immer den fünften Schritt vor dem ersten machen zu wollen.
Das klappt nicht.
Wir haben in absehbarer Zeit keine Flugtaxis zu erwarten, wenn wir nicht einmal flächendeckend Glasfaser verbuddelt (und auch angebunden!) bekommen.
Liebe Digitalsekretärin Bär und alle weiteren (politisch von der digitalen Rundumversorgung träumenden) Politiker:
Es kann kein stabiles Haus vom Dach abwärts gebaut werden.
Wir brauchen ein Fundament.
Und dieses Fundament muss auch gut ausgetrocknet sein, ansonsten haben wir ruck-zuck Schimmel in den Wänden und die gesamte Elektrik muss wieder rausgerissen werden.
Echt mal jetzt, habt ihr nie mit Lego gespielt?
Sobald das Ding fertig war konnte man super damit spielen.
Aber es muss erstmal gebaut werden. Aus einzelnen Steinen.
Wenn ein Stein fehlte, konnte das vorgestellte (oder vorgegebene) Ding nicht fertig gebaut werden.