Wahlen und Social Bots

Dem großen politischen Schreckgespenst der Wahlen (spätestens seit der Wahl des US-Präsidenten 2016) will ich heute meine Aufmerksamkeit widmen: Social Bots. Sind sie wirklich der digitale Untergang der Demokratie – oder vielleicht doch eher ein überbewerteter Hype?

TL;DR

  • Social Bot – was ist das überhaupt?
  • Social Bot – Untergang der eigenen Meinung?
  • Social Bot – integrieren oder kriminialisieren?
  • Fazit

Social Bot – was ist das überhaupt?

An dieser Stelle wünsche ich mir die gute analoge Zeit zurück. Da waren – zumindest in meiner Wahrnehmung – Dinge noch klar erkennbar und gut differenziert.

Wat is´ne Dampfmaschin´? Da stelle ma uns mal janz dumm, und sagen, en Dampfmaschin´ iss ne jroße, runde, schwarze Raum mit zwei Löchern. Durch das eine kommt der Dampf rein, un das andere krieje ma späta …

Professor Bömmel, Die Feuerzangenbowle

In der analogen Zeit waren Begriffe noch klar definiert und vorstellbar. In unserer zunehmend virtualisierten Welt wird dies jedoch immer schwieriger greifbar (ist ja eben virtuell). Und damit werden Begriffe auch zunehmend un(be)greifbarer. Ein Social Bot ist hier keine Ausnahme.

Aber fragen wir uns zunächst: “Wat is’ ne Social Bot?”

Ein Bot ist ein Stück Software, welches eine automatisier- und wiederholbare Tätigkeit durchführt. Die spezielle Ausprägung Social Bot ist ein solches Stück Software, welches in sozialen Medien (z.B. bei Facebook oder Twitter) eingesetzt wird und automatisch auf bestimmte Eingaben – z.B. bestimmte Hashtags oder Stichworte – reagiert. Im Fall eines Social Bots ist die Reaktion dann zumeist eine Antwort auf diese Eingabe. Das hauptsächliche Ziel solcher Bots ist es, den Eindruck von großer Relevanz und hoher Beteiligung an einem Thema zu erwecken. Oberflächlich von außen betrachtet sind Social Bots nur schwer von “echten” Teilnehmern am virtuellen Diskurs zu unterscheiden – denn genau dazu wurden die Bots programmiert.

Social Bots – Untergang der eigenen Meinung?

Was konkret sehen Kritiker nun als Gefahr dieser digitalen Dampfplauderer? Menschliche Papageien plappern doch ebenfalls vollkommen unreflektiert jede Meinung nach, die ihnen in die Ohren gespült wird.

Und eben hierin besteht die Gefahr: Ein Mensch kann nur einer sehr eng begrenzten Gruppe seine unmaßgebliche Meinung nahe bringen – ein Bot kann einem unverhältnismäßig größeren Publikum seine programmierte Propaganda unterjubeln.

Bots sind in der Lage, Trends zu verstärken und somit manipulativ zu wirken. Das bedeutet, sie vermögen ein Stimmungsbild in eine gewünschte Richtung zu verschieben. Dies wiederum liegt an der schieren Menge von Nachrichten, welche Bots verbreiten können. Und diese Manipulation in eine programmierte Richtung stellt eine Gefahr für die Meinungsfreiheit dar.

Eine weitere Gefahr, welche von Social Bots ausgeht, erwächst aus dieser Trend-Manipulation: Bots sind durchaus in der Lage, die Meinung in einer Gruppe zu beeinflussen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Bot eine Meinung erzeugen kann, aber durch die emotional aufgeheizte Stimmung der Nachrichten, welche Bots verbreiten, kann ein bereits latent vorhandenes Vorurteil verstärkt und sogar radikalisiert werden.

Social Bots – integrieren oder kriminalisieren?

Erst jetzt – mit einem Basiswissen über die Arbeitsweise von Social Bots – sollten wir beginnen, darüber nachzudenken, was gegen diese digitalen Meinungsmacher getan werden muss (und kann).

Nun gibt es von Seiten der Politik einige Ideen, wie mit Social Bots umgegangen werden sollte.

Allerdings rangieren diese Ideen aktuell eher im gravitätischen Leerraum zwischen politischer Hohlphrase und überwachungstotalitärer Propaganda. Wenig Sinnvolles dabei.

So war eine dieser Schnellschusslösungen die Kennzeichnungspflicht von Bots und deren Beiträgen. Und mehr kam dann auch nicht. Es wurde weder dargestellt, was gekennzeichnet werden sollte (der Bot oder der Tweet). Noch wurde konkretisiert, durch wen eine solche Kennzeichnung vergeben werden sollte (geschweige denn, wie diese aussehen sollte).

Ein weiterer Vorschlag, nämlich die Selbstverpflichtung gegen den Einsatz von Social Bots im Vorfeld von Wahlen – quasi ein Social-Bot-Sperrvertrag – wurde zumindest bei der vergangenen Bundestagswahl 2017 von einigen Parteien (z.B. Bündnis 90/Die Grünen) umgesetzt.

Eine weitere politische Idee zum Schutz der breiten Masse vor unkontrolliert manipulativ agierenden Bots ist die Einführung einer Klarnamenpflicht. Gut, kennen wir von Facebook schon, ist dort allerdings eher Kosmetik, die überdies gegen das Telemediengesetz verstößt und meiner Ansicht nach nicht ernst zu nehmen ist. Aber dennoch für den geneigten pseudonym handelnden Facebook-Used zu einer ärgerlichen Sperrung seines Accounts führen kann, wenn hier “Freunde” mit einer Neigung zum Denunziantum unterwegs sind. Nein, eine politisch gewünschte und juristisch durchgesetzte Klarnamenpflicht, wie wir sie jetzt in Österreich sehen (wo diese eher als digitales Vermummungsverbot propagiert wird), erhöht den Druck auf die Plattformbetreiber. Hier sollen also nur Accounts zugelassen werden, die eindeutig identifiziert sind und mit einem “echten” Menschen im Hintergrund mittels sozialen Medium interagieren. Damit würden dann auch Social Bots einem “echten” Menschen zuordenbar sein und “kontrolliert” werden können. Diese Klarnamenpflicht wünscht sich mittlerweile unser Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ebenfalls. Schlechte Ideen verbreiten sich schnell.

Fazit

Zu welchem Ergebnis führt uns dies nun?

Ja, es gibt Dampfplaudermaschinen – aber mal ehrlich, so etwas hatten wir auch schon vor Social Bots, nur nannten wir sie damals anders: Politiker.

Die Angst, die vor den meinungsmachenden virtuellen Monstern gemacht wird, ist vor allem eines: überzogen.

Die Wirkung auf die Meinung der Social-Media-Teilnehmer durch Social Bots konnte bisher in keiner Studie nachgewiesen werden. Im Gegenteil stellten sich viele als Bot bezeichnete Accounts als menschengesteuerte Sockenpuppen heraus.

Von daher bin ich der Ansicht, dass wir an dieser Front Entwarnung geben können. Wir werden – zumindest in absehbarer Zeit – nicht durch manipulierende Social Bots fremdgesteuert werden. Was wir jedoch kritisch im Blick behalten müssen sind menschlich gesteuerte Troll-Fabriken und Sockenpuppen-Armeen.

Deswegen gilt: Kritisch bleiben, Kopf einschalten und – don’t feed the Trolls!