Wahlen und Social Bots

Dem großen politischen Schreckgespenst der Wahlen (spätestens seit der Wahl des US-Präsidenten 2016) will ich heute meine Aufmerksamkeit widmen: Social Bots. Sind sie wirklich der digitale Untergang der Demokratie – oder vielleicht doch eher ein überbewerteter Hype?

TL;DR

  • Social Bot – was ist das überhaupt?
  • Social Bot – Untergang der eigenen Meinung?
  • Social Bot – integrieren oder kriminialisieren?
  • Fazit

Social Bot – was ist das überhaupt?

An dieser Stelle wünsche ich mir die gute analoge Zeit zurück. Da waren – zumindest in meiner Wahrnehmung – Dinge noch klar erkennbar und gut differenziert.

Wat is´ne Dampfmaschin´? Da stelle ma uns mal janz dumm, und sagen, en Dampfmaschin´ iss ne jroße, runde, schwarze Raum mit zwei Löchern. Durch das eine kommt der Dampf rein, un das andere krieje ma späta …

Professor Bömmel, Die Feuerzangenbowle

In der analogen Zeit waren Begriffe noch klar definiert und vorstellbar. In unserer zunehmend virtualisierten Welt wird dies jedoch immer schwieriger greifbar (ist ja eben virtuell). Und damit werden Begriffe auch zunehmend un(be)greifbarer. Ein Social Bot ist hier keine Ausnahme.

Aber fragen wir uns zunächst: “Wat is’ ne Social Bot?”

Ein Bot ist ein Stück Software, welches eine automatisier- und wiederholbare Tätigkeit durchführt. Die spezielle Ausprägung Social Bot ist ein solches Stück Software, welches in sozialen Medien (z.B. bei Facebook oder Twitter) eingesetzt wird und automatisch auf bestimmte Eingaben – z.B. bestimmte Hashtags oder Stichworte – reagiert. Im Fall eines Social Bots ist die Reaktion dann zumeist eine Antwort auf diese Eingabe. Das hauptsächliche Ziel solcher Bots ist es, den Eindruck von großer Relevanz und hoher Beteiligung an einem Thema zu erwecken. Oberflächlich von außen betrachtet sind Social Bots nur schwer von “echten” Teilnehmern am virtuellen Diskurs zu unterscheiden – denn genau dazu wurden die Bots programmiert.

Social Bots – Untergang der eigenen Meinung?

Was konkret sehen Kritiker nun als Gefahr dieser digitalen Dampfplauderer? Menschliche Papageien plappern doch ebenfalls vollkommen unreflektiert jede Meinung nach, die ihnen in die Ohren gespült wird.

Und eben hierin besteht die Gefahr: Ein Mensch kann nur einer sehr eng begrenzten Gruppe seine unmaßgebliche Meinung nahe bringen – ein Bot kann einem unverhältnismäßig größeren Publikum seine programmierte Propaganda unterjubeln.

Bots sind in der Lage, Trends zu verstärken und somit manipulativ zu wirken. Das bedeutet, sie vermögen ein Stimmungsbild in eine gewünschte Richtung zu verschieben. Dies wiederum liegt an der schieren Menge von Nachrichten, welche Bots verbreiten können. Und diese Manipulation in eine programmierte Richtung stellt eine Gefahr für die Meinungsfreiheit dar.

Eine weitere Gefahr, welche von Social Bots ausgeht, erwächst aus dieser Trend-Manipulation: Bots sind durchaus in der Lage, die Meinung in einer Gruppe zu beeinflussen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Bot eine Meinung erzeugen kann, aber durch die emotional aufgeheizte Stimmung der Nachrichten, welche Bots verbreiten, kann ein bereits latent vorhandenes Vorurteil verstärkt und sogar radikalisiert werden.

Social Bots – integrieren oder kriminalisieren?

Erst jetzt – mit einem Basiswissen über die Arbeitsweise von Social Bots – sollten wir beginnen, darüber nachzudenken, was gegen diese digitalen Meinungsmacher getan werden muss (und kann).

Nun gibt es von Seiten der Politik einige Ideen, wie mit Social Bots umgegangen werden sollte.

Allerdings rangieren diese Ideen aktuell eher im gravitätischen Leerraum zwischen politischer Hohlphrase und überwachungstotalitärer Propaganda. Wenig Sinnvolles dabei.

So war eine dieser Schnellschusslösungen die Kennzeichnungspflicht von Bots und deren Beiträgen. Und mehr kam dann auch nicht. Es wurde weder dargestellt, was gekennzeichnet werden sollte (der Bot oder der Tweet). Noch wurde konkretisiert, durch wen eine solche Kennzeichnung vergeben werden sollte (geschweige denn, wie diese aussehen sollte).

Ein weiterer Vorschlag, nämlich die Selbstverpflichtung gegen den Einsatz von Social Bots im Vorfeld von Wahlen – quasi ein Social-Bot-Sperrvertrag – wurde zumindest bei der vergangenen Bundestagswahl 2017 von einigen Parteien (z.B. Bündnis 90/Die Grünen) umgesetzt.

Eine weitere politische Idee zum Schutz der breiten Masse vor unkontrolliert manipulativ agierenden Bots ist die Einführung einer Klarnamenpflicht. Gut, kennen wir von Facebook schon, ist dort allerdings eher Kosmetik, die überdies gegen das Telemediengesetz verstößt und meiner Ansicht nach nicht ernst zu nehmen ist. Aber dennoch für den geneigten pseudonym handelnden Facebook-Used zu einer ärgerlichen Sperrung seines Accounts führen kann, wenn hier “Freunde” mit einer Neigung zum Denunziantum unterwegs sind. Nein, eine politisch gewünschte und juristisch durchgesetzte Klarnamenpflicht, wie wir sie jetzt in Österreich sehen (wo diese eher als digitales Vermummungsverbot propagiert wird), erhöht den Druck auf die Plattformbetreiber. Hier sollen also nur Accounts zugelassen werden, die eindeutig identifiziert sind und mit einem “echten” Menschen im Hintergrund mittels sozialen Medium interagieren. Damit würden dann auch Social Bots einem “echten” Menschen zuordenbar sein und “kontrolliert” werden können. Diese Klarnamenpflicht wünscht sich mittlerweile unser Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ebenfalls. Schlechte Ideen verbreiten sich schnell.

Fazit

Zu welchem Ergebnis führt uns dies nun?

Ja, es gibt Dampfplaudermaschinen – aber mal ehrlich, so etwas hatten wir auch schon vor Social Bots, nur nannten wir sie damals anders: Politiker.

Die Angst, die vor den meinungsmachenden virtuellen Monstern gemacht wird, ist vor allem eines: überzogen.

Die Wirkung auf die Meinung der Social-Media-Teilnehmer durch Social Bots konnte bisher in keiner Studie nachgewiesen werden. Im Gegenteil stellten sich viele als Bot bezeichnete Accounts als menschengesteuerte Sockenpuppen heraus.

Von daher bin ich der Ansicht, dass wir an dieser Front Entwarnung geben können. Wir werden – zumindest in absehbarer Zeit – nicht durch manipulierende Social Bots fremdgesteuert werden. Was wir jedoch kritisch im Blick behalten müssen sind menschlich gesteuerte Troll-Fabriken und Sockenpuppen-Armeen.

Deswegen gilt: Kritisch bleiben, Kopf einschalten und – don’t feed the Trolls!

Wahlen und Fake News

Im zweiten Teil meiner Reihe zu Wahlen beschäftige ich mit Fake News. Zunächst ein kurzer Blick darauf, was Fake News sind. Anschließend betrachte ich die Auswirkung von Fake News auf Wahlen. Abschließend schauen wir uns Mittel und Wege an, um Fake News zu erkennen und damit möglichst deren manipulative Wirkung zu zerstreuen.

TL;DR

  • Fake News – alles Lüge, oder was?
  • Fake News – da muss man doch was tun!
  • Fake News – worauf wirken sie?
  • Fake News erkennen – Wissen ist Macht

Fake News – alles Lüge, oder was?

Damit wir richtig mit Fake News umgehen können, müssen wir verstehen, was Fake News sind.

Systematische Falsch-Informationen zum Zweck der Desinformation bringt den Begriff Fake News meiner Überzeugung nach am besten auf den Punkt. Aufgrund der hohen gesellschaftlichen Durchdringung finden wir genau deswegen im Internet (auf sozialen Plattformen) die stärkste Verbreitung dieser systematischen Fehlinformationen.

Fake News zeichnen sich weiterhin häufig dadurch aus, dass sie echten journalistischen Inhalten nachempfunden werden, inhaltlich jedoch frei erfunden sind.

Nun können wir verschiedene Ausprägungen von Fake News unterscheiden:

  • völlig frei erfundene Informationen
    Für diese Form von Fake News finden sich neben den üblichen Geschichten wie “Aliens haben die Haut meines Mannes gestohlen!” auch Nachrichten, die realistischer klingen, allerdings ebenso erlogen sind:
    “Papst schockiert die Welt! Er unterstützt Präsidentschaftskandidat Donald Trump”. Für beide Beispiele gilt: frei erfunden.
  • manipulierte Inhalte
    Dazu zählen hauptsächlich gefälschte Fotos oder Videos, die in einen falschen Kontext gestellt werden. Oder wesentliche Informationen verfälschen oder ganz weglassen.
  • falsch zugeordnete Inhalte
    Unter diese Kategorie fallen aufmerksamkeitsheischende Überschriften wie diese: “Weil Muslime im Bad sind – Papa darf mit Tochter (2) nicht mehr zum schwimmen”. Das war alles, was der geneigte Leser vor der Paywall zu lesen bekam. Hinter der Paywall entwickelte sich die Story in eine gänzlich andere Richtung; es handelte sich um einen Mutter-Kind-Schwimmkurs.

Um richtig mit Fake News umzugehen, ist es enorm wichtig, zu verstehen, welche Ziele Fake News verfolgen:

  • Aufmerksamkeit erregen
  • Emotionen schüren
  • Verweildauer erhöhen
  • Leser/Zuschauer manipulieren

Grundsätzlich sind Fake News demzufolge eine ganz billige Masche, die keine Informationen teilen will, sondern lediglich die Sensationslust befriedigen soll. Wenn wir einmal von den finanziellen Interessen der Website-Betreiber (höhere Verweildauer == höhere Einnahmen) absehen, ist das hauptsächliche Interesse hinter Fake News sicherlich die Manipulation der Fake News-Konsumenten. Dieser in Bits und Bytes gegossene Müll, der zumeist über soziale Medien verbreitet wird, ist sicherlich nicht in der Lage, eine bestehende, gefestigte kontroverse Meinung vollständig ins Gegenteil zu verkehren. Doch sicherlich kann durch die emotional aufgeheizte Manipulation ein latent vorhandenes Vorurteil verstärkt werden.

Fake News – da muss man doch was tun!

Typischerweise ist das in unserer Gesellschaft der erste Ruf, wenn ein (vermeintlicher) Missstand zutage tritt.

Auch bei Fake News werden an dieser Stelle die scheinbar Verantwortlichen identifiziert – also zumindest laut einer Umfrage der Europäischen Komission aus dem Jahr 2018. Hier ergab sich grob die folgende Verantwortlichkeit (in absteigender Reihenfolge):

  1. Journalisten
  2. Die Politik/Behörden
  3. Bürger
  4. Soziale Plattformen

Lustig. Es wird gleich wieder zum Lieblingskonzept gegriffen: Outsourcing von Verantwortlichkeiten. Mich wundert ja, dass die Erkenntnis einer Selbstverantwortlichkeit doch noch höher rangiert als die Idee, die Verantwortung an die Sozialen Plattformen abzudrücken.

Liebe Leute, wann lernt ihr endlich, dass jeder einzelne dafür verantwortlich ist, was in der Welt geschieht. Ganz besonders wenn es um soziale Medien geht. Das sind Mitmachplattformen, keine für-mich-wird-gemacht-Plattformen!

Fake News – worauf sie wirken

Ihre Wirksamkeit entwickeln Fake News dabei in zweierlei Hinsicht bzw. auf zwei Wegen:

  • Filterblase
    Die Desinformationen bestärken unser bestehendes Weltbild und halten uns in unserer Filterblase gefangen. Dabei verstärken die Mechanismen der Aufmerksamkeits-Ökonomie (Suche wird vorgefiltert auf Basis unserer bisherigen Such-Historie) diesen Effekt.
  • Echokammer
    Die Echokammer, der Verstärker für die eigene – und zwar für jede noch so grenzdebile – Meinung, ist der zweite Ort, an dem Desinformation seine Wirkung entwickelt. Erschreckender Weise bewegt sich dieses Verstärkerfeld zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung (offene soziale Plattformen wie z.B. Facebook) heraus und formiert sich verstärkt in geschlossenen Gruppen – zumeist bei Messengern wie WhatsApp – als sogenannte Dark Social Plattform neu. Da diese Gruppen bewusst geschlossen sind und aufgrund der sicheren Kommunikation (Ende-zu-Ende-Verschlüsselung) von außen nicht einsehbar sind, findet hier eine Radikalisierung in besonders stark ausgeprägter Form statt.

Fake News erkennen – Wissen ist macht

Was tun jetzt mit diesem Wissen? Immerhin ist es Ziel von Fake News, nicht gleich als solche erkannt zu werden, andernfalls hätten sie ihre Zielkette (Aufmerksamkeit erregen > Emotionen schüren > Manipulation ermöglichen > Verweildauer erhöhen) verfehlt.

Das Wichtigste zu Beginn:
Wir Nachrichtenkonsumenten müssen handeln.

Es hilft nicht, die Verantwortung bei Journalisten, Politikern oder Plattformbetreibern zu suchen. Das Out-Sourcing von Verantwortung führt nur zu einem Out-Sourcing von Freiheit. Und das wollen wir nicht.

Wir sind in der Pflicht, uns weiterzubilden, kritischer zu werden, Aussagen zu hinterfragen (und an dieser Stelle gilt: je plakativer die Aussage, desto kritischer müssen wir diese hinterfragen).

Um es wieder auf den Punkt zu bringen:

Kinder müssen lernen, lernen, lernen!

Frau Mahlzahn

Und da bleibt es zum Glück nicht bei den Kindern. Wir alle müssen lernen. Immer.

Aber was Fake News angeht, gibt es eine knackige Checkliste, die uns dabei hilft, diese zu erkennen:

  1. Beachte die Quelle
    Wer steckt hinter dieser Quelle? Wer ist Herausgeber der Website?
  2. Lies weiter
    Eine Schlagzeile kann dich in die Irre führen. Lies weiter.
  3. Prüfe den Autor
    Ist der Autor glaubwürdig? Gibt es diese Person überhaupt?
  4. Bewerte die Quellen
    Gibt es mehrere Quellen zu dieser Nachricht? Es ist oftmals ein verdächtiges Zeichen, wenn es nur eine Quelle zu einer Nachricht gibt.
  5. Prüfe das Datum
    Passt das Datum zu der Nachricht? Oder entstand der Artikel schon vor der Nachricht? Bei Fotos gilt: Liegt der Zeitstempel des Fotos vor oder nach der Nachricht?
  6. Ist es ein Witz?
    Ist die Nachricht ernst gemeint? Oder vielleicht Satire? Ist es ein Aprilscherz? Oder ein Hoax?
  7. Was denkst du?
    Wie denkst du über diese Nachricht? Wie bewertest du diese Information?
  8. Tausche dich mit Menschen aus
    Befrage jemanden zu diesem Thema, der sich damit bereits beschäftigt hat.
  9. Recherchiere
    Das Internet ist auch eine Quelle glaubwürdiger Informationen. Recherchiere zu dieser Nachricht. Nutze unterschiedliche Suchmaschinen dazu. Z.B. DuckDuckGo oder startpage.

Neben diesen Fragen, die wir uns bei zweifelhaften Nachrichten stellen sollten, gibt es inzwischen auch Online-Dienste die uns bei der Quellen-Prüfung unterstützen:

Unsere stärkste Waffe gegen Fake News ist und bleibt jedoch ein kritischer, offener Geist. Nachdenken, überlegen, reflektieren hilft uns am besten gegen die Manipulationsversuche durch Fake News. Leichtgläubigkeit, stille Akzeptanz und unkritisches Ja-sagen führt zu Fremdbestimmung und Unfreiheit.

Wahl und Digital

Sind wir doch momentan auf der Zielgeraden zur Europawahl am 26. Mai 2019 und werden hier allerorten mit den analogen Segnungen der Wahlwerbung beglückt. Will ich folglich die Gelegenheit wahrnehmen und mir jetzt Gedanken über den Zusammenhang von Wahl und Digital machen.

TL;DR

  • Wahl – worauf kommt es eigentlich an?
  • Digitale Wahl – was sind die Vorteile?
  • Digitale Wahl – was sind die Nachteile?
  • Fazit

Natürlich ist der Ruf nach mehr Digitalisierung dieser Tage als Basso continuo ständig präsent – also warum nicht auch bei Wahlen? Aber bevor wir uns dem Für und Wider der Digitalisierung dieses gesellschaftlich grundlegenden Themas widmen, betrachten wir zunächst, worauf es bei Wahlen überhaupt ankommt.

Wahl – worauf kommt es eigentlich an?

Damit eine Wahl wirklich demokratisch ist, sollte sie einige Bedingungen erfüllen:

  • Allgemeinheit
    Jeder Bürger im wahlfähigen Alter darf an einer Wahl teilnehmen.
  • Freiheit
    Eine Wahl gilt als frei, wenn keinerlei Einflussnahme – weder auf die Wahlwerbung noch die Kandidatenauswahl noch die Stimmabgabe – ausgeübt wird.
  • Gleichheit
    Jeder Wähler hat nur eine Stimme. Und diese Stimme hat bei allen das gleiche Gewicht.
  • Privatheit
    Niemand außer mir darf wissen, wen ich gewählt habe – schnöde auch als Wahlgeheimnis bezeichnet.
  • Transparenz
    Eine Wahl sollte fälschungssicher und überprüfbar sein. Und zwar so, dass auch ein Grundschüler das Verfahren nachvollziehen (und zumindest ein Hauptschüler das Verfahren auch erklären) kann.

Das ist doch schon eine beeindruckende Liste an Punkten. Diese muss eine Wahl erfüllen, um demokratisch legitimierend zu sein. Ist ja schließlich auch ein wichtiges Instrument, so eine Wahl. Grundsätzlich das mächtigste Schwert, welches wir Bürger in freiheitlich-demokratischen Gesellschaften führen dürfen. Breitschwerter und Krummsäbel sind ja eher ungern gesehen. Und diese Punkte werden bereits recht gut umgesetzt – oder lassen sich durch die Wunderversprechungen der Digitalisierung auch nicht weiter verbessern. So geht es auch mit digitaler Unterstützung nicht allgemeiner, freier, gleicher, geheimer oder transparenter zu als bei einer analog durchgeführten Wahl. Deshalb betrachten wir nun die prognostizierten Vorteile, welche eine Digitalisierung der Wahl bringen soll.

Digitale Wahl – die Vorteile

Glücklicherweise steht beim Thema digitale Wahl das Wunderversprechen Digitalisierung nicht solitär im Raum sondern die folgenden Argumente:

  • Einfachere Zugänglichkeit
    Die Digitalisierung von Wahlen soll Menschen einen einfacheren und schnelleren Zugang zum Wahlprozess gewähren. Im Fokus stehen dabei unter anderem Menschen mit Behinderungen, die momentan nur mit (menschlicher) Unterstützung ihrem Wahlrecht nachgehen können – z.B. blinde Menschen, die die Wahlunterlagen schlicht nicht lesen können. Ein weiterer Punkt der einfacheren Zugänglichkeit ist auch die Unabhängigkeit vom Wahlort – bei einer digitalen Wahl muss der Wähler nicht an einem zuvor festgelegten Wahllokal sein.
  • Höhere Motivation jüngerer Wähler
    Die Digitalisierung verspricht sich (und den jüngeren Wählern) ein besseres (weil hippes, modernes, buntes, klickbares) Wahlerlebnis.
  • Erhöhung der Wahlbeteiligung
    Im Sog der zunehmenden Digitalisierung hofft (wer auch immer) ebenfalls mit einer Zunahme der Wahlbeteiligung. Letztlich doch nur damit begründet, weil es eben digital (und damit hip, modern, bunt, klickbar) ist.
  • Senkung der Kosten
    Das Argument schlechthin. Senkung der Kosten. Weil Digitalisierung ja bereits überall zu einer Senkung der Kosten geführt hat. Wird sicherlich auch hier klappen. Ganz sicher.

Nun, das klingt alles sehr vielversprechend. Aber geben wir auch der anderen Seite eine Gelegenheit, sich darzustellen.

Digitale Wahl – die Nachteile

Als Amateur-Pessimist ist es mir ein Fest, auf die Nachteile jeder gehypten Trend-Idee hinzuweisen (und dabei gerne auch auf den vermeintlichen Vorteilen herumzutrampeln):

  • Intransparenz
    Ein großes Problem digitaler Wahlen. Niemand (außer einigen wenigen Experten) kann in diese Black Box hineinschauen. Geschweige denn erklären, was darin vor sich geht. Und das widerspricht vollkommen der Anforderung an Wahlen, transparent sein zu müssen. Und erklärbar. Für jeden. So, dass es ein Fünfjähriger versteht.
  • fehlende Sicherheit
    Ein komplexes System hat das inhärente Problem, dass es komplex ist. Und mit steigender Komplexität steigt die Angriffsfläche auf dieses System. Und mit steigender Angriffsfläche sinkt die Sicherheit des Systems. Ein komplexes System ist schwieriger abzusichern als ein einfaches.
  • Digitale Spaltung
    Die Digitalisierung nimmt nicht jeden Menschen mit. Sie erreicht zwar die meisten Bürger – aber ein Teil der Bevölkerung wird schlicht abgehängt. Und diesem Problem begegnen wir bei digitalen Wahlen.
  • Family Voting
    Die Möglichkeit des Überall-Wählens hat die Schattenseite, dass der Wähler überall beeinflusst werden kann. Es gibt bei digitalen Wahlen keine Wahlkabine mehr, in der wir mit unserem Gewissen allein sind. Jetzt besteht die Gefahr der direkten Einflussnahme auf unsere Wahlentscheidung durch Familie, Freunde, Kollegen.
  • Junk Voting
    Digitales Überall-Wählen steigert die Einfachheit einer Ich-werde-es-den-Mächtigen-mal-zeigen-Wahl. Eine analoge Protestwahl kostet mehr Überwindung als eine digitale Protestwahl. Eine Wahlstimme analog ungültig zu machen geht weniger leicht von der Hand als ein Klick auf einem virtuellen Stimmzettel. Klicken geht schneller als ankreuzen.
  • Steigerung der Kosten
    Digitale Wahlsysteme kosten Geld. Viel Geld. Wir brauchen uns nicht der Illusion hinzugeben, dass wir mit einer digitalen Wahl Geld sparen. Wenn wir eine digitale Wahl wollen, welche den Anforderungen an Wahlen genügt, kostet so ein System viel Geld. Eine digitale Wahl ist komplexer als eine analoge Wahl. Und ein komplexes System sicher und transparent zu gestalten kostet Geld. Viel, viel Geld.

Fazit

Was von den Argumenten für eine digitale Wahl übrig bleibt:

  • Einfachere Zugänglichkeit
    Nun ja, wir haben bereits Briefwahl – damit ist das Argument der Unabhängigkeit vom Wahlort hinfällig.
    Schnellere Wahlmöglichkeit – ich halte höhere Geschwindigkeit keinesfalls für ein gutes Argument. Eine langsamere, bedachtere Entscheidung ist oftmals eine bessere Entscheidung.
  • Höhere Motivation jüngerer Wähler
    Die Motivation sollte nicht durch die eingesetzte Technik erhöht werden, sondern – insbesondere bei Wahlen – durch eine bessere Politik. Und wenn ich noch mal – in welchem Kontext auch immer – von einem besseren xxx Erlebnis höre, muss ich spucken!
  • Erhöhung der Wahlbeteiligung
    Technik als Motivation für eine regere Wahlbeteiligung herzunehmen ist ein Armutszeugnis. Das Zeichen einer mittlerweile vollkommen kopflos agierenden Politik. Nicht die Digitalisierung muss die Wähler zu mehr Bürgerbeteiligung bringen. Eine gute, sinnvolle und auf den Bürger ausgerichtete Politik reduziert Politikverdrossenheit und motiviert.
  • Senkung der Kosten
    Hmja, genau. Weil nirgendwo so gut Geld eingespart wird wie in der Digitalisierung. Meiner Ansicht nach wird nirgends so effektiv Geld verbrannt wie in der IT-Industrie. Aber ich mag mich ja gerne eines Besseren belehren lassen. Allerdings kann bei der Digitalisierung nur dann Geld eingespart werden, wenn auf so Nebensächlichkeiten wie Sicherheit, Datenschutz und Privatsphäre kein Wert gelegt wird. Aber das sind ja Punkte, die bei einer Wahl vollkommen unbedeutend sind.

Meiner Ansicht nach zeigt die Betrachtung beider Seiten ein klares Bild zugunsten der analogen Wahl.

Man könnte auch sagen:

Never change a running system.

Analoge Wahlen basieren auf nachvollziehbaren Prozessen und liefern nachvollziehbare Ergebnisse. Das System bietet allen Zugang, es gibt ausreichend Unterstützung auch für Menschen mit Einschränkungen. Wahlen sind gut überprüfbar (dank Paper-Trail – das benötigen wir in einem digitalen System sowieso auch noch!). Sie sind ausreichend fälschungs- und manipulationssicher – und obendrein schützen sie Freiheit und Privatsphäre eines jeden Wählers – viel besser als es ein digitales Verfahren in absehbarer Zeit wird realisieren können.