Digitale Selbstverteidigung muss sein

Mit Glück und schreiberischem Talent wird das hier ein Pladoyer für die Notwendigkeit digitaler Selbstverteidigung.
Zunehmend stelle ich fest, dass es sich nicht nur auf die Notwendigkeit beschränkt, sondern dass wir als digital handlungswillige Bürger geradezu eine Verpflichtung zu digitaler Selbstverteidigung haben – denn wer sonst soll es für uns richten?
Schauen wir uns einfach mal die üblichen Verdächtigen an, die uns an dieser Stelle helfen sollten…

TL;DR

  • Aber wir haben doch eine starke Digital-Politik
  • Für meine Sicherheit sorgen doch die Konzerne
  • Aber ich mach doch gar nichts im Internet
  • Fazit

Aber wir haben doch eine starke Digital-Politik

Grundsätzlich könnte ich bereits an dieser Stelle dieses Kapitel lachend beenden.
Aber das bringt uns ja nicht weiter. Deswegen kurz die Lachtränen wegwischen, tief durchatmen und dann schauen wir der Digital-Politk tief in die Augen.
Wo fangen wir an? Ein wenig in der Vergangenheit. 2018. Im Dezember 2018, um konkreter zu werden.
Am 31.12.2018 hätte Deutschland flächen- und bevölkerungsdeckend breitbandig ausgebaut sein sollen.
So zumindest das Versprechen der Politik (und das war der Koalitionsvertrag der 18. Legislaturperiode – wir schreiben aktuell die 19.).
Leider hat das nicht geklappt und in Aussicht (wir schreiben mittlerweile das erste Quartal 2019 ab) steht dieses hehre (he, he) Ziel auch noch in den Sternen – aber nicht in den Kabeln der digitalwütigen Bürger.
Es ist ja nach Auffassung unserer Digitalministerin Dorothee Bär sowieso kleinlich, so etwas wie stabiles und schnelles Internet (flächendeckend!) zu fordern – wir müssen da visionärer nach vorn schauen: zu den Flugtaxis!

Also gut, was gibt es denn noch als digital-politisches Schutzschild, um unsere virtuelle Jungfräulichkeit zu schützen?
Richtig, das NetzDG!
Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz bewahrt uns alle vor Hass, Gewalt, Beleidigung und sonstigem digitalen Ungemach in den unregulierten Weiten des World Wide Web.
Äh…oder auch nicht, denn nicht nur war dieses Gesetz ein totaler Rohrkrepierer, was die Eindämmung von virtueller Gewalt angeht und Hass betrifft.
Was das NetzDG aber durchaus gebracht hat, ist mehr Zensur.
Und es ist ein toller internationaler Verkaufsschlager! Deutschland ist wieder Exportweltmeister – was Zensurgesetze angeht!
Haben doch so lupenreine Demokratien wie Russland, die Philippinen, Venezuela oder Großbritannien dieses Gesetz dankbar als Vorlage für ihre eigenen digitalen Unterdrückungsgesetze herangezogen.

Aber geben wir die Hoffnung nicht auf!
Wir haben den Koalitionsvertrag (diesmal 19. Legislaturperiode). Und darin geloben die beiden Regierungsparteien, dass sie bei der europäischen Urheberrechtsreform keinesfalls Uploadfilter akzeptieren werden. Gar nicht. Großes Politikerehrenwort! Lassen wir nicht zu!
Tja, und dann geht unsere Justizministerin Katarina Barley (SPD) hin und stimmt für die Uploadfilter.
Jo, das ist doch mal ein Vorbild für Worttreue und Glaubwürdigkeit. Vielen Dank Frau Barley.

Jetzt aber nicht jammern! Es gibt ja immer noch den Digitalpakt!
Der wird die Rettung unserer digital naiven Jugendgeneration sein.
Mmmh, ich denke, eher nicht.
Was sind schon 5,5 Milliarden Euro? Ein Tropfen auf den hardware- und bildungstechnisch ausgetrockneten Lehrbetrieb.
Meine Sorge ist, dass die mühsam erkämpften Milliarden von den fleißigen Hard- und Software-Lobbyisten für neue Tablets, proprietäre Betriebssysteme und ebenfalls proprietäre Büro-Anwendungen verballert werden.
Anstatt das Geld in die Ausbildung der Ausbilder oder externe Wissensvermittler zu investieren.
Bis das letzte Geld aus diesem Topf die Schulen erreicht hat, sind die Hardware-Anschaffungen schon wieder outdated.
Glückwunsch.

Ne, ne, die Digital-Politik wird uns nicht retten.
Höchstens wenn ein an-die-Wand-gefahrenes und zu-Tode-zensiertes Internet die Vorstellung der Politik von “Rettung” ist.
Deswegen kann uns selbst nur digitale Selbstverteidigung retten.
Wir müssen uns selbst darum kümmern.
Wir müssen lernen, wie wir unsere Privatsphäre selbst verteidigen können.

Für meine Sicherheit sorgen doch die Konzerne

Bwahahaha!
Das Argument ist ja noch besser als das erste.
Die Konzerne? Die Konzerne, die mit jeder neuen Geschäftsidee mindestens fünf neue Möglichkeiten schaffen, uns noch mehr Daten aus den Fingern zu saugen.
Die sollen für unseren digitalen Schutz verantwortlich sein? Ich lach mich platt.
Alles, was die Konzerne uns andrehen wollen, dient in erster Linie deren Interesse, nicht unserem.
Unsere digitale Sicherheit ist maximal Beifang.
Allerdings fallen dabei stets Daten an (nämlich unsere) und diese für Datenkraken ab.
Wir müssen an dieser Stelle zunächst lernen, dass Konzerne (überraschenderweise) Geld verdienen mit unseren Daten.
Die haben kein Interesse daran, uns zu schützen.
Das würde doch deren Gewinnmarge reduzieren!
Nein, was erwarten wir uns denn davon, wenn wir hoffen, dass die größten Datenhändler uns vor dem digitalen Ausbluten bewahren?
Da ist doch dann der überstrapazierte Bock zum Gärtner gemacht, oder um es mit Meat Loaf zu sagen:

“In the Land of the Pigs, the Butcher is King.”

Meat Loaf

Daher ist auch nach diesem Kapitel mein Fazit und Aufruf:
Auf zur digitalen Selbstverteidigung – die Konzerne werden uns nicht retten.

Aber ich mach doch gar nichts im Internet

Echt? Wie liest du dann diesen Blog?
Nein, es ist weder mein Ziel noch überhaupt möglich in unserer Zeit, vollkommen ohne Internet zu leben.
Ob wir es wollen oder nicht – wir müssen uns mit dem Internet auseinandersetzen.

“It’s no longer OK not to understand how the Internet works.”

Aaron Swartz

Nicht alle wollen mit den Segnungen der Digitalisierung konfrontiert werden, aber mitunter ist es inzwischen nicht mehr oder nur mit extrem hohen Hürden möglich, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, ohne sich dem Internet anzuvertrauen.
Wir hängen mit dieser politisch-industriell induzierten Zwangs-Digitalisierung einen Großteil der Bevölkerung ab:

  • Menschen, die freiwillig nicht digitalisiert werden wollen.
  • Menschen, denen die technischen Vorkenntnisse fehlen, um souverän am digitalen Leben teilzunehmen.
  • Menschen, die Angst vor negativen Auswirkungen von Datensammlung, Profilbildung und Manipulation haben.

Wollen wir diese Menschen einfach zurücklassen? Oder sollen wir sie zwingen, teil einer digitalisierten Gesellschaft zu werden? Teilweise tun wir das schon. Werden analoge Angebote doch kontinuierlich zurückgefahren oder mit immer höheren Hürden versehen.

Wenn es das Ziel ist, die Gesellschaft in der Breite mit den Vorzügen der digitalen Entwicklung zu versöhnen, dann müssen auch Angebote für diese große “Randgruppe” geschaffen werden:

  • Es muss immer eine analoge Alternative geben – es kann ja schließlich auch mal sein, dass die absolut unfehlbare IT einmal ausfällt. Soll schon mal passiert sein. Hab ich gehört. So ganz weit weg.
  • Wir müssen die Gesellschaft ausbilden. Niemand wird als Informatiker geboren. Aber es ist unerlässlich, zu wissen, wie das Internet funktioniert. Ich will mir nicht so einen unausgegorenen IoT-Scheiß eintreten und dann noch nicht mal den Hauch einer Ahnung haben, ob und wie der Schrott funktioniert

Es kann doch nicht angehen, dass Menschen keine Ahnung haben, wie sie etwas bedienen müssen, wie sie etwas organisieren müssen, noch nicht einmal wissen, was sie benötigen – und hierbei auch keine Unterstützung erhalten!
Ich halte es für skandalös, dass Menschen absolut hilflos bleiben und ohne Anleitung in ein digitales Leben gezwungen werden, welches sie nicht gewählt haben – ist ja fast wie geboren werden.
Also, was hilft?
Aussteigen? Schwierig. Vielleicht als Selbstversorger im kanadischen Hinterland. Reizvoll, aber einsam (naja, das klingt doch sehr reizvoll!).
Aufgeben? Ohne Ahnung über Hintergründe und Auswirkungen total in der Digitalisierung aufgehen? Gefährlich. Da ist man seine digitale Identität schneller los als man “biometrisches Merkmal” sagen kann.
Was bleibt dann übrig? Richtig: Digitale Selbstverteidigung.
Um ein erträgliches Leben im digitalen Wahnsinn leben zu können, müssen wir lernen, wo die Gefahren lauern. Wir müssen zumindest die Grundlagen verstehen, wie die angepriesenen Dienste und Produkte funktionieren – und was deren Einsatz für uns bedeutet.
Dann können wir eine informierte Entscheidung treffen, wie wir verfahren wollen – ohne uns selbst zu verlieren.

Fazit

Was von den Argumenten übrig bleibt.
Rauchende Trümmer, Heulen und Zähneknirschen.
Auf die Punkte, auf die wir unsere Hoffnung gestützt haben, dürfen wir uns nicht verlassen.
Weder die Politik, noch die Industrie haben die Möglichkeiten und Interessen, unsere Privatsphäre zu schützen.
Beide gründen ihre Vorgehensweise auf unterschiedlichen Zielannahmen: die einen haben die Sicherheit, die anderen nur ihren Gewinn im Blick – da stört der individuelle Wunsch nach Freiheit und Privatsphäre.
Und die Kritiker, die Randgruppen, die Verunsicherten – auch sie können weder von Politik noch Industrie Hilfe erwarten.
Es hilft alles nichts – es verdichtet sich auf meinen Aufruf zur digitalen Selbstverteidigung.
Leute, erhebt euch aus eurer selbst- und fremdverschuldeten Unkenntnis und schlaut euch auf!
Wir müssen mehr wissen, wir müssen mehr lernen – es soll nicht unser Schaden sein. Den hätten wir nur, wenn wir alle Aufgaben externalisieren.
Es geht schließlich um unsere Privatsphäre – die dürfen wir nicht outsourcen.