Es geht nicht ohne!

TL;DR

In jüngster Zeit begegnet mir zunehmend das Argument der Alternativlosigkeit, wenn es um den Einsatz digitaler Technologien geht.
Das erscheint mir jedoch sehr merkwürdig, suggeriert Digitalisierung doch eine größere Bandbreite an zur Verfügung stehenden Möglichkeiten.
Ist es nicht eine seltsame Beschränkung unseres Horizonts, wenn wir uns in einer digitalen Welt der unbegrenzten Auswahl größtenteils auf die schlechteste Wahl stürzen, weil wir diese für schlicht alternativlos halten?
Es erinnert mich stark an Cousin Balki aus Perfect Strangers. Seine vollkommen alternativlose Suche nach einem neuen Leben im gelobten Land wurde für ihn mit seinem Plakat “America or Burst!” zum treibenden Moment, welches alle anderen Möglichkeiten und Chancen als quasi nicht existent definierte.
Ich betrachte hier nun drei Ausprägungen, in denen mir das “Es-geht-nicht-ohne!“-Argument begegnet ist.
Meiner Betrachtung der jeweiligen Beispiele stelle ich anschließend Alternativen gegenüber, um das Argument der Alternativlosigkeit zu entkräften – hoffentlich!
So denn, ohne weitere Umschweife – es geht los (als Alternative kann ich anbieten, an dieser Stelle mit dem Lesen aufzuhören…)

WhatsApp or Burst!

Es geht nicht ohne WhatsApp!
Das ist stets die erste Reaktion, wenn ich als DSB meine Kunden darauf hinweise, dass WhatsApp die nicht-private Nutzung nicht gestattet:

Rechtmäßige und zulässige Nutzung. Du darfst auf unsere Dienste nur für rechtmäßige, berechtigte und zulässige Zwecke zugreifen bzw. sie für solche nutzen. Du wirst unsere Dienste nicht auf eine Art und Weise nutzen (bzw. anderen bei der Nutzung helfen), die: […] oder (f) eine nicht-private Nutzung unserer Dienste beinhaltet, es sei denn, dies wurde von uns genehmigt.

Auszug aus den AGB von WhatsApp

Das liegt nicht nur daran, dass es WhatsApp in seinen AGB schlicht nicht erlaubt. Vielmehr liegt es eben daran, dass ein WhatsApp-Nutzer sein gesamtes Adressbuch auf die Server von WhatsApp hochlädt – (vermutlich) ganz ohne die Zustimmung seiner Kontakte im Adressbuch zu dieser schändlichen Tat.
Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass die Kontakte, die wir in unserem Adressbuch speichern, nicht uns gehören – sondern dem Kontakt!
Uns wurden diese Daten nur treuhänderisch zur Verfügung gestellt.
Gehen wir nun missbräuchlich mit diesen Daten um, so veruntreuen wir Daten und missbrauchen das Vertrauen unserer Kontakte.
Ein weiterer Punkt, der mir in diesem Kontext häufig wütend entgegengeschleudert wird, ist die Angst, ohne WhatsApp den Kontakt zur Jugend zu verlieren.
Lieber Himmel, Leute!
Jetzt hört euch doch mal selbt zu:
Ihr verliert jetzt plötzlich den Kontakt zur Jugend, weil eine Firma, die es vor zehn Jahren nicht einmal als feuchten Traum ihrer Gründer gab, angeblich das einzige Verbindungsglied zwischen den Generationen sein soll?
Kriege, Kulturrevolutionen und nicht einmal Rock’n’Roll waren in der Lage, die Generationen zu trennen, da wird es ein solch schwindsüchtiges Internetunternehmen auch nicht verursachen.
Habt ihr ein derartig großes Misstrauen in das menschliche Miteinander, dass ihr ernsthaft befürchtet, den Kontakt zur Jugend zu verlieren, bloß weil ihr WhatsApp nicht nutzt?
Ich schüttele mein Haupt voll Ungläubigkeit.
Ja, aber ist es alternativlos?
Nein, ist es nicht!
Ich sage ja nicht, zurück zu Steintafel und Brieftaube, wenn ich darauf hinweise, daß WhatsApp der letzte datensaugende Dreck ist.
Kurznachrichtendienste sind sinnvoll, hilfreich und ein echt praktisches Werkzeug.
Aber – oh Wunder – es gibt bessere, sicherere und coolere Alternativen.
Bloß weil es Mainstream ist, ist es nicht automatisch gut.
War bei VHS auch nicht so.
Testet doch mal Threema, Wire oder Signal.
Funktional alle drei gleichwertig – in schwarz, grau oder blau.
Verticken alle aber deine Daten nicht und saugen auch dein Adressbuch nicht leer.
Und als Sahnehäubchen obendrauf: Die Nutzung ist auch für Kinder gestattet – bei WhatsApp nicht:

Mindestalter. Um WhatsApp benutzen zu dürfen, musst du mindestens 16 Jahre alt sein.

Auszug aus den AGB von WhatsApp (nochmal…)

Sterben in Einsamkeit

“Du musst bei Facebook sein!”.
Noch so eine Hohlphrase, wenn ich mich über die Sichtbarkeit meines Unternehmens unterhalte.
Nein, muss ich einfach nicht.
Nicht nur, dass ich mich damit vollkommen und total unglaubwürdig machen würde, aber es stimmt einfach nicht.
Ich erreiche Menschen in der analogen Welt.
Hier helfe ich meinen Kunden, mit den Widrigkeiten der Digitalisierung fertig zu werden.
Dabei hilft mir keine algorithmisch gestrickte Timeline, in der ich vielleicht für den einen oder anderen auftauche – je nachdem, wieviel Kleingeld ich Facebook dafür in den datengierigen Rachen schmeisse.
Auch an dieser Stelle gilt Gleiches, was ich bereits für Messenger postuliert habe:
Wir müssen nicht zurück zu den Aushängen am Schwarzen Brett, wenn wir uns mitteilen wollen.
Aber dennoch ist auch Facebook nicht alternativlos.

  • Nutze einen RSS-Reader, um deine für dich relevanten Feeds zu abonnieren.
  • Betreibe einen eigenen Blog, um deine Gedanken der Welt mitzuteilen
  • Melde dich bei diaspora* an, der föderierten und nicht werbebasierten offenen Alternative zu Facebook an.
    Ein wirklich guter Schritt ist: melde dich bei Facebook ab!

Lost in the Supermarket

Alternativlos scheint auch der Einsatz der zivilen Heimüberwachungswanzen wie Alexa und Co. zu sein.
Zumindest solange, bis die digitalen Bevormunder und Klugscheißer nach zwei Wochen deaktiviert oder ins Gäste-Klo verbannt werden.
Werden in diesen beiden initialen Wochen des verbal-akustischen digitalen Glücks noch die effizienzsteigernen Vorteile der Heim- und Selbstüberwachung gelobt, so wandelt sich dieses Gefühl recht bald in eines des Unbehagens und der Fremdbestimmung.
Mir geht wirklich jegliches Verständnis dafür ab, warum ich von Mallorca aus meine Klospülung aktvieren können sollte.
Selbst die Überwachung meiner Außenüberwachung per Video aus dem aus dem Kurztrip in den Harz geht über meinen Verständnishorizont.
Mit diesen ganzen IoT-Spielereien schaffen wir uns nicht mehr Sicherheit und auch keinen zusätzlichen Freiraum.
Ganz im Gegenteil.
Neben den Ängsten (“Ich hab da auf dem Video jemandem im Garten gesehen.”), die uns den lang ersehnten Urlaubstrip verhageln, reißen wir klaffende Lücken in die (bislang) sichere digitale Infrastruktur.
Die IoT-Geräte sind durch die Bank irrsinnig unsicher:

  • Standardpasswörter, die nicht geändert werden können
  • offene Erreichbarkeit über das Internet
  • Zugangsdaten festverdrahtet und öffentlich bekannt
  • Firmware, die nicht mehr updatefähig ist und schon beim Kauf veraltet war

Eine größere Nutzungsfläche führt zwangsläufig auch zu einer größeren Angriffsfläche.
Wenn wir mehr digitale Geräte nutzen, müssen wir ebenfalls mehr Zeit in deren Wartung und Instandhaltung investieren.
Andernfalls kontrollieren nicht wir die Geräte, sondern werden durch diese kontrolliert (und kompromittiert).
Im IoT-Bereich wird es allerdings erheblich anspruchsvoller, privatsphären-affine Alternativen zu finden.
Der internetkommerzielle Komplex hat besonders in diesem Marktsequenz hohe Bequemlichkeitshürden aufgebaut, um seine Kunden mit digitalem Komfort an seine virtuellen Dienste zu leimen.
Dennoch gibt es auch hier Alternativen.
Aber wie gesagt, der Aufwand für den geneigten Privatsphärenverteidiger ist höher.
Wir können uns unsere Heimautomatisierung beispielsweise basierend auf einem (oder mehreren) Raspberry Pi aufbauen – ganz lokal und ohne automatischen Datenabzug in die Wolken des internetkommerziellen Komplexes.

So, jetzt hoffe ich, euch einen Überblick über die Möglichkeiten jenseits des Alternativlosen gegeben zu haben.
Denkt daran: immer wenn jemand behauptet, es gäbe keine Alternative, will er nur nicht, dass ihr über diese nachdenkt.
Denn dann bewegt ihr euch außerhalb dessen Kontrollbereichs und habt euer Glück in den eigenen Händen!