Begleitetes surfen

TL;DR

  • Je früher, desto besser: Ab wann sollten Kinder digitalisiert werden?
  • There is something between black and white: Vernunft liegt immer zwischen Verbot und Freigabe
  • Lernen hört niemals auf: Begleitetes surfen brauchen wir in jedem Alter

Ich bin ein Freund klarer Richtlinien.
Ah, nee, ich bin ein Freund klarer und sinnvoller Richtlinien.
Pauschale Verbote empfinde ich genauso wie einen Affront wie die vollkommen unregulierte Freigabe von Allem und Jedem.
Aus diesem Grund halte ich das Vorgehen in Frankreich, Smartphones an Schulen generell zu verbieten, für schwierig.
Andererseits zeigt dieses Verbot, dass die Situation großräumig aus dem Ruder gelaufen ist.
Die Verfügbarkeit mobiler Endgeräte ist für alle Altersstufen und Schichten durchgängig sichergestellt.
Aber so sehr die Verfügbarkeit sichergestellt ist – so gering ist die Kenntnis über den Umgang und die Auswirkung digitalen Lebens.
Aus diesem Grund sammle ich hier meine Gedanken zum begleitetes digitales Leben.

Ab wann sollten Kinder digitalisiert werden?

Ähnlich unerträglich, wie ich das kategorische Ablehnen oder Befürworten von Überzeugungen finde, so schwierig halte ich die absolute Festlegung auf einen allgemein gültigen Zeitpunkt.
Prinzipiell tendiere ich zu einer Aussage zwischen
Wenn es unbedingt notwendig ist
bis
Wenn sie intellektuell (und vor allem emotional) in der Lage sind, der digitalen Reizüberflutung ohne längerfristigen Schäden zu begegnen.

Echt jetzt, wir müssen nicht mit vermeintlich alternativloser Vehemenz die Digitalisierung der gesamten Gesellschaft als einzigen Rettungsanker der Menschheit im Großen und Ganzen betrachten.
Ist es nicht.
Der Mensch besteht aus mehr als zwei Daumen, mit denen er liebkosend über ein berührendssensitives Display streichen kann, um mit seiner Umwelt in Kontakt zu bleiben.
Bevor wir unseren Nachwuchs an die virtuelle Welt verlieren, sollten wir ihnen Gelegenheit geben, in der realen Welt Fuß (und Hand) zu fassen.
Wir wollen ja schließlich keine hirn- und kritiklosen dressierten Touchscreen-Zombies züchten sondern selbstständig denkende und frei entscheidende Gesellschaftsgestalter aufziehen.
So, damit hätten wir doch schon bereits eine Grundlage geschaffen, auf der wir aufbauen können.
Ja, ja, ja, aber ohne Kenntnisse in Digitalisierungstechnologien werden die zukünftigen Generationen vollkommen abgehängt und total chancenlos.
Bla, bla, bla. Immer derselbe, vollkommen grundlose Blödsinn.
Ich wiederhole mich hier gerne nochmals:
Wir müssen lernen lernen – nicht Anwender werden. Grundlagen müssen gelegt werden.
Das geht auch ganz ohne digitalen Zauberkram.
Generationen von Menschen haben ohne digitales Hintergrundrauschen, ohne „dritte Gehirnhälfte“, gelernt zu denken.
Die ganze aufmerksamkeitsheischende digitale Bedrohung zerrüttet unsere Aufmerksamkeit anstatt diese zu konzentrieren.
Also, damit nähern wir uns langsam einer Antwort auf die Frage, ab welchem Alter wir unseren Kindern den Zugriff auf digitale Endgeräte zumuten sollten.
Wenn sie bereit dafür sind.
Und wann sind sie bereit dafür?
Wenn sie gefestigt in unserer Realität sind und wenn sie Grundlagen des Lernens verinnerlicht haben.

Vernunft liegt immer zwischen Verbot und Freigabe

Ich bin dieser ganzen Rhetorik zwischen Totalverbot und bedingungslose Freigabe mittlerweile vollkommen (ha, ha) überdrüssig.
Der sinnvolle Weg liegt dazwischen.
Das Problem dabei ist, dass sich dieses dazwischen so unkomfortabel in kurze Worte kleiden lässt.
Gesetze sind an sich schon gänzlich unlesbar, wenn wir da noch (Gesetzgeber bewahre!) gesunden Menschenverstand mit einfließen lassen wird es nicht einfacher.
Ja, damit wird es richtig schwierig – und zukünftig nahezu unmöglich, wenn wir nur noch schnelle Anwender züchten -, denn gesunder Menschenverstand scheint eine eher selten genutzte und wenig geschätzte Eigenschaft in unserer Gesellschaft zu sein.
Wir sind furchtbar gefangen zwischen so vielen unterschiedlichen Interessen:
wir wollen Anerkennung für unsere Leistungen (als schnelle Smartphone-Anwender)
wir sollen möglichst ohne größere Blessuren für unsere Persönlichkeit durchs Leben kommen
wir bekommen Druck von außen, wenn wir nicht der Norm entsprechen (auch wenn wir diese Norm* vielleicht gar nicht mittragen)

Es ist immer schwieriger, den eigenen Weg zu gehen, als den ausgetrampelten Pfaden der Menge hinterher zu laufen.
Aber es lohnt sich. Oh, es lohnt sich so sehr!
Besinnen wir uns doch wieder auf Kant, der uns zumurmelt:

Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Ja, wir sollten wieder mehr Mut zeigen.
Ein wenig Auflehnung steht uns allen ganz formidabel zu Gesicht.
Was leite ich jetzt daraus ab?
Wir sollten uns mehr unseres eigenen Verstandes bedienen. Dazu haben wir ihn ja schließlich.
Ein unreflektiertes und unkritisches Hinter-der-Masse-herlaufen hat noch nie etwas Positives zutage gefördert.
Nur weil große Teile der Gesellschaft dem Digitalisierungswahn huldigen, müssen wir diesem Trend nicht notwendigerweise nacheifern.
Vor allem – und ich erhebe hier sowohl Stimme als auch Argument – vor allem müssen wir begleiten, mitlernen und verstehen.
Wie sollen wir denn der nachfolgenden Generation Vorbild und Hilfe sein, wenn wir selbst nur mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen vor den Wundern der Digitaltechnik stehen und die Digital Natives als Wunderkinder der Computertechnologie betrachten – lediglich weil sie sich fehlerfrei per Selfie an das digitale schwarze Brett des aktuell gehypten unsozialen Netzwerkes hängen.
Lernen, lernen, lernen – das fordert die Digitalisierung von uns allen.
Die Weiterentwicklung der Technik bringt uns einige Vorteile, doch alles hat seinen Preis.
Und ein Teil dieses Preises ist unsere eigene Weiterbildung.
Wir sollten uns nicht von der Technik leiten lassen sondern diese als Werkzeug nutzen.

Begleitetes Surfen brauchen wir in jedem Alter

Mein Aufruf zum lebenslangen Lernen betrifft nicht allein die Begleiter der Jungen und (digital) Naiven Generation, wir müssen auch unsere Vorgängergeneration, die Silver Surfer, mit unterstützen.
Die Digitalisierung ist schlussendlich nicht nur für zukünftige Generationen aus der Taufe gehoben worden sondern kann uns allen das Leben erleichtern.
Wir sollten Angebote bereit halten, um alle Teilnehmer einer digitalisierten Gesellschaft quasi von der Wiege bis zur Bahre zu unterstützen.
Nebenbei hat Lernen auch den erfreulichen Nebeneffekt, den Geist frisch und agil zu halten.