Wie uns Geld überwacht

Heather Jones - NSA: Listening in

TL;DR

  • Digitale Finanzströme: Online sind wir nackt
  • In the name of money: Wir zahlen mit unserem guten Namen – Kreditkarten
  • Bringing it all together: Hybride Überwachung – online meets offline
  • The Future: Daten sind Ge|old

“Money makes the world go round”
“Pecunia non olet”
“Nur Bares ist Wahres”

Diese Weisheiten stimmen uns auf meine Artikelserie zum Thema Geld und Privatsphäre ein.
Geld als abstraktes Tauschmittel und äußere, vergleichbare Form von materiellem Reichtum ist ein Thema, das unsere Gesellschaft bewegt – manch einen sogar treibt.
Bemaß sich der Wert eines Unternehmens früher noch an greifbaren Werten wie Gold, Immobilien oder Rohstoffen wie Öl – so kommt heute ein neuer Rohstoff ins Geldspiel:
Daten

In den kommenden fünf Artikeln will ich daher auf den Zusammenhang zwischen Geld (in welcher Form auch immer) und unserer Privatsphäre eingehen.
Beginnen werde ich heute mit der Tatsache, dass Geld uns überwachen kann.
Im folgenden Artikel betrachte ich neue Gefahrenpotenziale durch Funktechnologien in diversen Geldkarten.
Anschließend werfe ich einen Blick auf Online-Banking in seinen unterschiedlichen Ausprägungen.
Einen Schwenk zu den schwer überwachbaren Alternativen zu elektronischen Finanztransaktionen mache ich im darauf folgenden Artikel.
Den Abschluss der Reihe bildet ein Ausblick auf neue Geldformen und ihren Einsatz.

Aber beginnen wir zunächst mit den Überwachungsmöglichkeiten, die Geld bietet.

Online sind wir nackt

Bringe ich es doch einfach gleich auf den Punkt:
Unsere elektronisch ausgeführten Finanztransaktionen werden von der NSA gelesen.
Weltweit.
Fast alle.
Für diese Geldschnüffelei betreibt die NSA laut Edward Snowden sogar eine eigene Abteilung: Follow the Money.
Die Erkenntnisse aus dieser globalen Überwachungsaktion fließen in die NSA-eigene Finanzdatenbank Tracfin.
Bereits 2011 umfasste diese Datenbank ungefähr 180 Millionen Datensätze (und davon waren etwa 84% Kreditkartendaten).
Aber es ist ja alles “for the greater good”.

Ich bin immer wieder fassungslos, mit welch bescheuerten Argumenten der größte Überwachungsirrsinn immer wieder gerechtfertigt wird.
Mir gibt es ein schlechtes Gefühl, wenn ich weiß, dass alle meine Finanztransaktionen gesammelt und bewertet werden.
Ich halte es für entsetzlich, dass wir alle unter Generalverdacht stehen, wenn wir online etwas einkaufen. Oder noch schlimmer: bar bezahlen :)
Es geht verdammt noch mal niemanden etwas an, was ich mir für mein hart verdientes Geld beschaffe.
Und kommt mir bloß nicht mit der Argumentation, dass die Daten ja nur bei der NSA liegen.
Wie Edward Snowden 2013 gezeigt hat, ist es durchaus möglich, auch aus diesem Geheimclub Arme voll Daten rauszutragen.
Warum sollte das nicht auch einem Datenhändler, Cyber-Kriminellen oder sonstigem Schmutzbuckel gelingen?
Dann nämlich stehen wir noch ein wenig nackter im digitalen Wind der Online-Erpressbarkeit.

Wir zahlen mit unserem guten Namen – Kreditkarten

Kommt jetzt bitte nicht auf die Idee, eure Kreditkarten-gestützten Käufe offline zu tätigen, um euren guten Namen zu retten.
Das wird uns leider nicht retten.
Bloß weil wir unsere Daten offline zur Verfügung stellen, heißt das nicht, dass diese Daten nicht trotzdem in der Tracfin-Datenbank landen.
Mittlerweile werden spätestens am Kreditkartenterminal unsere Daten elektronisch weiterverarbeitet und landen dann mit hoher Wahrscheinlichkeit bei Follow the Money.
Damit sichergestellt werden kann, dass wir wirklich nur Gummibärchen online ordern und kein Hexamethylentriperoxiddiamin für unseren nächsten Sprengkörper kaufen wollen.
Puh, wirklich, als ob ich sowas kaufen würde.
Online.
Das hole ich mir schließlich bei meinem vertrauenswürdigen Schwarzhändler um die Ecke.

Dass Kreditkarten eine vertrauenswürdige und sichere Form der Bezahlung seien ist eine Illusion.
Das sollte sich inzwischen überall herumgesprochen haben.
Immer wieder decken Sicherheitsforscher, unter anderem Brian Krebs, Kreditkartendiebstähle in ungeheurem Umfang auf.
Es ist pure Bequemlichkeit, die Kreditkarte zu zücken, anstatt das Bargeld aus der Geldbörse heraus zu zählen.
Zugegeben, es gibt einige Dienstleistungen, da wird eine Kreditkarte zwingend vorausgesetzt.
Mir fallen da Autovermietungen oder Hotelreservierungen mit garantierten Zimmern ein.
Naja, seufz, legen wir uns für diese Zwecke eine Kreditkarte mit geringem Limit zu – dann ist der finanzielle Schaden wenigstens eng begrenzt.
Unsere Daten und unsere finanziellen Bewegsdaten sind wir dann allerdings immer noch los.

Hybride Überwachung – online meets offline

Seit kurzem ist die auch die Argumentation
“Aber mit Kreditkarten werden wir ja nur online, respektive offline, überwacht”
dahin.
Zuerst Google und jetzt auch Facebook haben eine Möglichkeit für ihre werbetreibenden Datenkrakenkunden geschaffen, Einkäufe, die offline durch Kreditkarten bezahlt werden, jetzt auch online weiter zur Komplettierung von Profilen heranzuzuiehen.
Schöne neue hybride Überwachungswelt.
Damit wird die Kreditkarte neben dem Smartphone zur nächsten Überwachungswanze, die wir freiwillig mit uns herumtragen.
Das perfide bei der Überwachung unserer Kreditkartenzahlungen, die wir offline durchführen, ist, dass wir hier gar nicht die Möglichkeit haben, dieser Überwachung zu widersprechen.
Im Online-Bereich sprechen wir von zwei Möglichkeiten der Zustimmung zu Diensten, in die wir einwilligen.
Es gibt die datenschutztechnisch positive Sichtweise des Opt-In.
Dies bedeutet, ich muss mich aktiv für die Nutzung eines Dienstes oder einer Dienstleistung entscheiden.
Erst wenn ich zugestimmt habe, fließen meine Daten in Richtung eines Datensammlers ab.
Die negative, aber in der breiten Masse der Angebote gängigere Variante ist die des Opt-Out.
Hier bin ich als Standard bereits in der Situation, dass meine Daten abgezogen werden.
Erst wenn ich mich aktiv gegen diese Weiterverarbeitung entscheide, kann ich aus diesem System aussteigen.
Da diese Möglichkeit zum einen eine aktive Handlung eines Dienstleistungsnehmers erfordert – und weil die Möglichkeit zum Opt-Out oft nur sehr schwierig zu finden ist – nehmen viele Nutzer diese Möglichkeit gar nicht erst wahr.

Und bei der Kreditkartennutzung im Offline-Bereich ist uns oft schlicht keine Möglichkeit gegeben, uns gegen die Weiterverarbeitung der von uns gesammelten Kreditkartendaten durch Facebook, Google und andere wehren zu können.

Daten sind Ge|old

Letztendlich sind Daten Geld.
Nur leider nicht unseres.
Wir sind nur die Geldquelle, die Datenmine, aus der die Datensammler und -händler fleißig schürfen.
Wir werden weder gerecht entlohnt für die Daten – also das Geld – welche wir den Datenkraken zur weiteren Veredelung und zum Handel geben.
Noch erfahren wir den (Geld-)Wert, den unsere Daten haben.
Durch diese Wissensasymmetrie sind wir als Datenlieferanten gegenüber den Datenhändlern in einer massiv schwächeren Position.
Wenn ich nicht weiß, über welche Werte ich verfüge, kann ich nicht angemessen handeln.
Wir sind wie die Lenape, die Manhattan 1626 an Peter Minuit für 60 Gulden verkauft haben.
Lernen wir den Wert unserer Daten schätzen!
Unsere Daten sind unser Gold.
Daten sind bereits Teil einer neuen Währung – achten wir darauf, dass wir nicht das Manhattan unserer digitalen Identität für eine Handvoll Glasperlen an die digitalen Imperialisten verschleudern.
Lernen wir, unser digitales Manhattan zu schützen und zu verteidigen.
Es ist das Kernland unseres digitalen Ichs.
Es geht um unsere Freiheit.

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