Schwarze Datenlöcher

Heute betrachte ich den Zusammenhang zwischen Online-Konten und Datenhandel.
Mir kommt es mitunter so vor, als ob Daten, die wir online preisgeben – egal ob über uns selbst oder über andere – in einem schwarzen Loch verschwinden.

Nun da ich diese These schriftlich formuliert lese, offenbart sich der Mangel der Analogie:
Ein schwarzes Loch ist es nur für den Datenlieferanten.
Der Datensammler hingegen scheint nicht an die physikalischen Gesetze der Schwerkraft in einem schwarzen Loch gebunden zu sein – er kann nach Belieben über die gravitativ angezogenen Daten verfügen (wohlgemerkt, Datendiebe übrigens auch).

Das ist kein Mond!

Das tückische im Zusammenhang mit Online-Plattformen ist, dass wir weder sehen noch ahnen, welche Daten über uns gesammelt werden – und in welchem Umfang dies geschieht.

Vielleicht lernen wir zukünftig, ein für unsere Privatsphäre gesundes Misstrauen gegenüber diesen Diensten zu entwickeln – aber momentan haben wir derlei Fähigkeit noch nicht ausreichend ausgeprägt.
Es ist erschreckend, wie groß das Ausmaß der Datensammelgier in den virtuellen Welten ist, in denen wir uns bewegen.
Aktuell kann man das wieder bei der Dating-Plattform Tinder beobachten.
Hier hat der Anbieter nicht nur diejenigen Daten gehortet, welche der Nutzer bei Tinder offengelegt hat; Interessantes aus Profilen von Facebook oder Google+ wurde ebenfalls gesammelt und alles miteinander korelliert.
Und schon hat Tinder ein aussagekräftiges und umfassendes Profil über seine Nutzer zusammengestellt.

Uns sind oftmals die Möglichkeiten der Betreiber von Online-Portalen nicht bekannt und die daraus abzuleitenden Szenarien sind uns zumeist nicht bewusst. Häufig ist uns gar nicht klar, auf welche Datenquellen die Betreiber Zugriff haben (aus denen diese sich bedienen können, um ein umfangreiches Profil über uns zu erstellen).
Dies alles geschieht natürlich nur, um uns “besser kennenzulernen” oder um mit uns als Kunde “eine klarere Kundenbeziehung” aufbauen zu können.
Wie wir bei genauer Betrachtung dieser Gründe sehen, verdrehe ich die Fakten ganz unfair zu Ungunsten der Datenkraken – entschuldigung, wieder so ein snowdenscher Versprecher – der Innovatoren natürlich.
Aber was geschieht denn nun mit unseren Daten ?
Verdichten sie sich immer mehr im Schwerkraftfeld des informatorischen Schwarzen Lochs?
Oder nutzen die kundenfreundlichen Innovatoren diese verdichteten Daten vielleicht doch für dunkle Zwecke weiter?

Datenschürfen im schwarzen Loch

Wie kommt nun dieser Zusammenhang zwischen Online-Konten und Datenhandel zustande?
Schwarze Löcher dürfen wir uns nicht wie Staubsauger vorstellen.
Sie ziehen nicht aktiv Dinge wie Raumschiffe, kleinere und größere Planeten, Sterne und unvorsichtige Astronauten in ihr extremes Schwerkraftfeld.
Schwarze Löcher haben – ganz in Abhängigkeit ihrer Größe – immer nur die Masse ihrer Sonnen, aus denen sie entstanden sind.
Das reicht jetzt vom mikroskopisch kleinen Schwarzen Loch bis zum supermassereichen Schwarzen Loch im Zentrum einer Galaxie.

Das bedeutet, erst wenn unsere Daten den Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs – also quasi den Point of no Return – überschritten haben, erst dann werden sie unwiderbringlich von der Schwerkraft des Schwarzen Loches angezogen.
Und erst dann tragen diese Daten zur Zunahme der Masse dieses speziellen Schwarzen Datenloches bei.

Allerdings übertreten unsere Daten den Ereignishorizont bereits, sobald wir sie preisgeben.
Egal ob es sich um Daten handelt, die wir in einem Online-Formular eingeben.
Oder um Informationen, die wir auf sozialen Plattformen posten.
Oder ganz einfach um die Lokationsdaten, die unsere Smartphones übermitteln, wenn wir unterwegs sind.
Alle unsere Daten überqueren den Ereignishorizont und erhöhen somit die Masse des Schwarzen Datenlochs.

Schön wäre es, wenn unsere Daten wirklich in einem Schwarzen Datenloch verschwänden und eben dort unwiderbringlich festgehalten würden.
Leider ist dem nicht so.
Wenn ich Datenkraken mit Schwarzen Löchern gleichsetze und die Preisgabe unserer Daten mit dem Überschreiten des Ereignishorizonts vergleiche, dann beginnt meine Analogie stark zu hinken.
Denn der Weg in ein Schwarzes Loch ist unumkehrbar.
Aber ich gestatte mir an dieser Stelle die künstlerische Freiheit des Autoren.
Und um meiner Analogie gerecht zu werden, gebe ich den Datenkraken die technische Möglichkeit, Daten aus dem Schwarzen Datenloch zu schürfen.
Vielleicht stellen wir uns das ungefähr so vor, wie wir es von den Guardians of the Galaxy kennen – in der Minenkolonie von Knowhere.

Stellen wir uns weiter vor – und an dieser Stelle folgen wir wieder der physikalischen Theorie von Stephen Hawking – dass die Schwarzen Datenlöcher die in Ihnen gesammelten Informationen wieder freigeben, wenn sie das Zeitliche segnen.
Damit stehen die gesammelten Daten wieder zur Verfügung und können für die weitere Verarbeitung genutzt werden.

Worauf ich hinaus will ist folgendes:
Wir verlieren die Kontrolle über unsere Daten, sobald wir diese aus unserem Einflussbereich lassen.
Und das geschieht in dem Moment, in dem wir wissentlich oder unwissentlich Informationen erzeugen.

  • eine Kurznachricht versenden,
  • einen Post bei Facebook liken
  • oder uns einfach irgendwo mitsamt unseres Fitness-Trackers bewegen.

Datenkraken und -händler profitieren davon.
Diese können und werden auf unsere Daten zugreifen.
Sie werden sie schürfen, korellieren und weiter verkaufen.

Dunkle Datenmaterie

Dunkle Materie ist ein weiteres physikalisches Postulat, um das Universum und überhaupt alles darin (und wahrscheinlich darum herum auch) zu erklären.
Das Vertrackte an dunkler Materie ist, dass sie nicht direkt sichtbar ist – aber trotzdem rein rechnerisch vorhanden sein muss.
Das kommt mir verdächtig bekannt vor, wenn ich über unsere Daten nachdenke.
Die Auswirkungen der Daten, die wir erzeugen (und die über uns gesammelt werden) sind auch nicht direkt sichtbar – aber sie sind da.

Wir sollten im Auge behalten (und in unserem Bewusstsein), dass alles, was wir digital und speicherbar von uns geben, auch dauerhaft verfügbar ist – und im Zweifel gegen uns verwendet wird.
Auch wenn wir dies nicht direkt mitkriegen und die Auswirkungen nicht sofort sehen.
Genau wie Dunkle Materie im Universum überall um uns herum vorhanden ist, so sind auch Daten, die wir erzeugen und die uns betreffen, allgegenwärtig.
Beides nehmen wir nicht unmittelbar wahr, aber beides beeinflusst unser Leben.

Der Vorteil von Daten gegenüber Dunkler Materie ist jedoch, dass wir Einfluss darauf haben.

Wir haben es im Griff, welche und wie viele Daten wir in Umlauf bringen.

Und in dem Maße, in dem wir Daten einsparen, reduzieren wir auch den gravitativen Einfluss der Schwarzen Datenlöcher auf unsere digitale Identität.

Astrophysiker sind keine Raketenwissenschaftler

“Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor.”

Ähnlich wie Goethes’ Faust geht es wohl nun auch dir, lieber Leser, nach diesem astrophysikalischen Ausflug.
Dir schwirrt der Kopf nun wie einst Sputnik um die Erde und du fragst – zu Recht! – was aber nun tue ich?
Bin ich doch kein Raketenwissenschaftler, Astrophysiker noch weniger!
Aber sei beruhigt – wir müssen weder das Eine noch das Andere sein, um unsere Privatsphäre vor dem gravitativen Zugriff der Schwarzen Datenlöcher zu bewahren.
Daher heute eine universelle Handreichung zum einfachen Datenschutz:

  • Drum prüfe, was ich ewig speichere:
    sei Datensparsam – sei dir bewusst, dass alles, was du digital von dir gibst, dauerhaft gespeichert wird
  • Don’t feed the Black Holes:
    nochmals – sei Datensparsam – je weniger du über dich preisgibst, desto besser für deine Privatsphäre
  • Datenwurmlöcher zwischen Schwarzen Datenlöchern sind dein Untergang:
    verknüpfe keine Online-Konten miteinander – halte deine digitalen Identitäten strikt getrennt
  • Setze nicht alles auf eine Weltraumkarte:
    Diversifiziere deine Online-Aktivitäten – dein Kurznachrichtendienst in dieser Galaxie, deine soziale Plattform in jener, dein E-Mail-Anbieter in einer anderen.

TL;DR

  • Houston, we have a Problem: Astrophysiker sind keine Raketenwissenschaftler
  • Wir sehen sie nicht und doch ist sie vorhanden: Dunkle Datenmaterie
  • Minenarbeiter im Himmlischen Wesen: Datenschürfen im schwarzen Loch
  • Genau so tückisch wie der Todesstern – Datenkraken: Das ist kein Mond!

Unsere datenkosmische Reise soll weder von datenhungrigen Schwarzen Löchern noch von konsumhungrigen Ferengiflotten oder imperialen Datenstürmern aufgehalten werden – daher lasst uns zu erfahrenen Datanauten werden und die immensen Vorteile einer modernen Datenzukunft lernen.
Sicher, datensparsam und informatorisch selbstbewusst.
Datenschilde hoch, Energie!