Du kommst hier nicht raus!

Jetzt aber.
Ab heute erquicke ich euch, liebe Leser, mit einer neuen Artikelserie:
Online-Konten.

Haben wir alle.
Vielleicht ohne es zu wissen.
Vielleicht viel mehr als wir wirklich nutzen.
Und wahrscheinlich mehr als wir benötigen.
Es ist ja auch irrsinnig einfach und bequem, Bücher online zu bestellen.
Oder ein Auto zu mieten.
Eine Reise zu buchen.
Einige Dienste sind offline gar nicht verfügbar, aber das ist ein anderes Thema.

Mir geht es in dieser Artikelserie darum, die negativen Auswirkungen von Online-Konten auf unsere Privatsphäre und auf die Souveränität unserer Daten ins Bewusstsein zu rücken.
Daher betrachte ich in diesem Artikel gleich zu Beginn der Serie die Ausstiegsszenarien aus diesem selbstgewählten virtuellen Verwaltungswahnsinn.
Anschließend werfe ich einen dystopischen Blick auf Hintergründe, warum so viele Online-Dienste mit Kontoerstellungspflicht aus dem Boden schießen.
Im Anschluss schaue ich mir den Zusammenhang zwischen Online-Konten und Datenhandel an.
Abschließend richte ich mein skeptisches Auge auf die rechtliche Situation – und ob das die Anbieter dieser Dienste überhaupt tangiert.

Dann werfen wir uns jetzt in die wilde virtuelle Wirrnis der Online-Konten – anschnallen, Luft anhalten, es wird ein wilder Ritt.

Abmelden? Kannste knicken.

Bei vielen Diensten, so ist meine Erfahrung, reduziert sich das Abmeldeprozedere auf diese drei Worte.
Denn abmelden ist schlicht und ergreifend nicht vorgesehen.
Es geht uns bei diesen Diensten wie Mitch McDeere:
Wir können einsteigen und alles ist ganz großartig – wenn wir uns denn den Knebelverträgen der Dienstanbieter unterwerfen – aber wir können nicht mehr aussteigen.

Ein geschickter Schachzug der Profiteure der umgreifenden Digitalisierung unseres gesellschaftlichen Lebens.
Fast noch besser als das Vorgehen von Drogenhändlern.
Diese fixen neue Kunden auch mit Gratisproben an – aber hier hat man – so willens ist und gute Unterstützung erhält – die Möglichkeit wieder aufzuhören.
Wenn die Möglichkeit des Ausstiegs abgeschafft wird hat man jeden neuen Kunden dauerhaft an sich gebunden.
Hat ein bissel was von einem Teufelspakt – sollten wir mal bei Faust und Mephistopheles nachfragen, wie die das so sehen.

Nun, um euch einen Einblick in meine Erfahrungswelt zu geben und euch hoffentlich an der einen oder anderen Stellen dieselbe Erfahrung zu ersparen, schildere ich hier einige meiner Odyseen beim Kampf aus den Fängen diverser Online-Ungeheuer.
Denn eigene Erfahrung ist zwar die edelste Art zu lernen – aber auch die schmerzhafteste.
Nachahmung hingegen die einfachste.

  • eBay: Der Preis der Freiheit ist sehr hoch.
    Man sollte ja vermuten, dass ein Dienst, der schon so lange am Markt ist wie ebay, eine stabile Prozessstruktur etabliert hat.
    Und in der Tat, so ist es. Leider existiert jedoch kein Prozess, der einen abmeldewilligen (Noch-)Nutzer von ebay dabei unterstützt, auszusteigen.
    Weit gefehlt.
    Damit wir uns bei eBay abmelden können, fordert eBay die Preisgabe weiterer persönlicher Daten, die – und das ist mal ein Schlag ins Gesicht der informationellen Selbstbestimmung – an die Schufa übermittelt werden.
    Zur Prüfung.
    Dazu fällt mir wirklich nur ein:
    eBay, habt ihr noch alle Latten am Zaun?
    Mein Rat an Dich, lieber Leser, der du ebay verlassen willst:

    Lösche alle möglichen Daten über dich in deinem Profil.
    Gib möglichst kreativ unstimmige Daten an den Stellen an, die als Pflichtfelder markiert sind.
    Lege abschließend eine Burner-E-Mail-Adresse an und lass dieses nicht mehr zu nutzende eBay-Konto in Ruhe vor sich hin verwesen.

    Möge eBay in einem Sumpf aus nutzlosen Konten untergehen.
    Wer derart willkürlich die Datenhoheit seiner Kunden missachtet, der hat derartige Guerilla-Taktiken als Antwort verdient.
    Es ist grotesk, dass wir dazu gezwungen werden, mehr Daten über uns preiszugeben, um sicherzustellen, dass weniger Daten über uns im Umlauf sind.
    Aber es ist eben nicht das Ziel der Datenkraken, uns bei unserer Datenhygiene zu unterstützen.
    Möglicherweise ist dies jedoch auch ein Geschäftsmodell:
    Noch schnell Daten von einem abmeldewilligen Nutzer abgreifen, damit der zu datenhandelnde Umfang etwas größer und lukrativer wird.

  • eBay Kleinanzeigen: Wenn du gehen willst, dann bettle.
    eBay ist nicht gleich eBay.
    Das lernte ich bereits, als ich mich – fälschlicherweise – zunächst bei eBay angemeldet hatte.
    Wollte ich doch eine Kleinanzeige schalten – keine Auktion starten.
    Naja, kleiner Fehler meinerseits, kann ja mal passieren.
    Kann ich mich ja schnell wieder abmelden.
    Oh, ach, ich armer Tor – falsch gehofft.
    Doch zurück zu eBay Kleinanzeigen.
    Fehlanzeige, was die Anzeige von Abmeldeprozessen angeht.
    Hmm, sollten die doch eigentlich können, so als Kleinanzeigen-Portal?
    Nein, können sie nicht.
    Erst nach mehrmailiger Nachfrage beim Support wurde unwillig meinem Wunsch nach Abmeldung Folge geleistet.
    Auch für euch, eBay Kleinanzeigen:
    Schande über euch!
    Was für ein Armutszeugnis.
    Habt ihr so kleinliche Angst vor der Abwanderung eurer Kunden, dass ihr diese auf eine solch hinterlistige Art und Weise an euch binden müsst?
    Armselig.

Diese Art der kettenartigen Kundenbindung ist mir bei einigen Online-Diensten untergekommen:
mytaxi, LifeTrust, genialokal und andere sind weitere Negativbeispiele für diese Art der Kundenbindung.
Dabei – und das scheint diesen Anbietern nicht klar zu sein – verstoßen sie damit gegen §13 TMG, Absatz 4, Satz 1:

“Der Diensteanbieter hat durch technische und organisatorische Vorkehrungen sicherzustellen, dass
1. der Nutzer die Nutzung des Dienstes jederzeit beenden kann,”

Diese Beispiele haben mir ganz klar gezeigt, wie groß das Machtgefälle zwischen den Datenkraken auf der einen und den Nutzern dieser Dienste auf der anderen Seite ist.
Mir ist vollkommen klar, dass die Frustrationstoleranz der Nutzer komplett ausgereizt wird, wenn sie sich dauerhaft derartigen Beschränkungen, Bevormundungen gar, durch die Diensteanbieter ausgesetzt sehen.

Da ist es schlicht einfacher, aufzugeben und halt in Orwells Namen bei diesem Dienst zu bleiben.
Und wieder hat eine Datenkrake gewonnen.

Ich rufe euch zu, wechselwillige Leser, gebt nicht auf! 
Bleibt hartnäckig!
Ihr habt einen Anspruch auf eure informationelle Selbstbestimmung - und ihr habt das Recht auf eurer Seite!

Wir sollten uns dieses feudalherrschaftliche Vorgehen der Datenkraken nicht gefallen lassen.
Wir sollten diesen unmoralischen Datenhändlern, die sich wie autokratische Despoten aufführen, unseren Widerstand entgegenstellen.

Recht so!

Aber wir sind nicht hilflos – die Politik ist, man mag es kaum glauben, auf der Seite der Nutzer!
Mit der beschlossenen und im nächsten Jahr in Kraft tretenden europäischen Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) erhalten wir auch das Recht auf Löschung.
In Artikel 17 werden uns einige fundamentale Rechte zur informationellen Selbstbestimmung über unsere Daten zugesprochen.
Ich finde es zwar sehr unerfreulich, mit rechtlichen Schritten drohen zu müssen, um Forderungen durchzusetzen.
Aber bei derart eklatanten Verstößen gegen die Achtung unserer Privatsphäre halte ich diese Schritte für angemessen.
Wehren wir uns, es geht um unsere Freiheit.

Eine Idee – in den virtuellen Raum gestellt

Ja, so ist das eben, wenn man eine Idee in den Raum stellt.
Dann steht sie da.
Beansprucht Platz, steht einem möglicherweise im Weg rum.

Genau das soll diese Idee auch tun:

Wie wäre es denn mit einem Recht auf Obsoleszenz?

Mir geht es dabei auch um eine Art automatischer Obsoleszenz von ungenutzten Online-Konten.
Dies widerspricht allerdings meiner Kritik an Google hisichtlich ihres aktuellen Vorgehens beim Backup im Online-Speicher Google Drive.
Dort werden bereits  nach sehr kurzer Zeit (nämlich nach zwei Wochen Inaktivität des zugehörigen Google-Kontos) Backups gelöscht.
Meine Idee einer automatischen Löschung von Online-Konten muss an dieser Stelle zunächst eine mehrstufige Interaktion mit dem Kontoinhaber voraussetzen.
Aber, so meine Hoffnung, diese würde uns als Nutzer bei unserer Datenhygiene deutlich helfen.
Marktwirtschaftlich gesehen haben Datenkraken kein Interesse an einem solchen Vorgehen, denn dadurch würde ihnen ja – ganz automatisch – ein Teil ihrer Geld- äh, Datenquellen wegbrechen.
Und das wär ja blöd.

Gimme hope, Manufakturist!

Was können wir konkret tun, wenn wir einen Online-Dienst verlassen wollen – damit will ich heute enden.
Meine erste Empfehlung lautet:

  • Suchen, suchen, suchen!
    Nicht aufgeben.
    Trotz meiner unkenrufartigen Negativbeispiele finden wir doch bei vielen Diensten Hinweise darauf, wie wir uns von diesem auf Wunsch auch wieder abmelden können.
    Zugegebenermaßen oft sehr gut versteckt.
    Aber irgendwo – in den Untiefen im dritten Kellergeschoß, hinter der verschlossenen Tür, in dem Raum, in dem der Lichtschalter schon seit drei Jahren defekt ist.
    Dort – in dem Aktenschrank, der hinter einem Berg rostiger Fahrräder und Tonbandgeräte versteckt ist, dort finden wir eine kurze Anleitung (und einen Link) wie wir uns abmelden können.

Wenn wir nichts finden:

  • Löschung fordern.
    Schreibt eine Mail an den Support.
    Dann schreibt noch eine Mail.
    Droht, jammert, heult, knirscht mit den Zähnen.
    Pestet die Anbieter so lange, bis sie euch ziehen lassen.
    Ihr werdet gewinnen – denn es ist euer Recht, es sind eure Daten.

Was immer hilft:

  • Selbstauskunft fordern.
    §19 BDSG und §34 BDSG gewähren uns das Recht und den Dienstanbietern die Pflicht zur Auskunft über unsere Daten.
    Tut dies, es ist nicht nur sehr erkenntnisreich, was Datenkraken so über uns speichern.
    Sondern es generiert auch Mehraufwand bei den Datenkraken; und damit können wir das Machtgefälle zwischen Datenkraken und uns Nutzern ein wenig nivellieren.

Keine Online-Konten zu haben heißt nicht Totalverzicht:

  • Bestellt per Vorkasse
    Damit umgehen wir die Notwendigkeit eines weiteren Online-Kontos.
    Eine Möglichkeit, der Abmelde-Odysee komplett zu entgehen, ist es, keine Online-Konten anzulegen.
    Das funktioniert bei Online-Shops.
    Wenn wir Vorkasse als Zahlungsweg wählen, müssen wir keine weiteren Daten über uns preisgeben. Zumindest keine, die nicht für den Versand, die Lieferung und Zustellung der Ware notwendig sind.
    Datensparsamkeit ganz praktisch.

Den Kriegshammer auspacken:

  • Beschwerde beim Datenschutzbeauftragen einlegen.
    Das hilft vielleicht nicht Dir direkt – aber es ist eine Maßnahme, um die übrigen Nutzer eines solchen unkooperativen Dienstes zu unterstützen.

TL;DR

  • Eene, meene, Mift – raus bist du noch lange nicht: Abmelden? Kannste knicken.
  • Die Politik stärkt uns den Rücken: Recht so!
  • I have a Dream: Eine Idee – in den virtuellen Raum gestellt
  • Ans Werk, Leser: Gimme hope, Manufakturist!

Betreibt Datenhygiene, auch wenn es nervt und schwierig ist, aber es schützt eure Privatsphäre!

Fragen? Anmerkungen?

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One thought on “Du kommst hier nicht raus!”

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