Was kann ich tun, innerer Schweinehund?

"The End is Nigh!"

Nachdem ich in den letzten beiden Folgen wie ein wütender Prophet des drohenden kulturellen und sozialen Untergangs auf die Bevormundung durch Bequemlichkeit fördernde Technologien und Verhaltensweisen eingeschimpft habe, will ich heute konstruktiver an die Kontroverse Bequemlichkeit vs. Privatsphäre herangehen.
Hier will ich einige Hinweise darauf geben, wie wir uns aus der einlullend-gemütlichen Umarmung der Bequemlichkeit lösen können und stattdessen frei und selbstverantwortlich unsere Privatheit fördern können.
Also anschnallen und los gehts.

Lokal ist das neue immer und überall

Bequem ist in erster Linie eine persönliche Entscheidung die wir treffen.
Es ist bequem, den neuesten Perry Rhodan Silberband online zu ordern und am nächsten Tag von fleißigen Paketboten geliefert zu bekommen.
Aber wir haben doch alle eine Buchhandlung in mittelbarer oder sogar unmittelbarer Umgebung.
Was vergeben wir uns, wenn wir den lokalen Buchhandlung unterstützen?
Nichts, will ich meinen.
Im Gegenteil – wir gewinnen sogar einiges:

  • es gibt weiterhin einen lokalen Buchhandel – und nicht noch einen weiteren 1-Euro-Shop
  • wir können tatsächlich sozial interagieren, indem wir mit dem Buchhändler unseres Vertrauens sprechen
  • wir reduzieren aktiv die Verstopfung unserer Innenstädte durch Paketdienste

Und obendrein bekommen wir unser neues Buch genauso schnell auf diesem Weg.
Also, nichts verloren, nur gewonnen durch Verzicht auf etwas Bequemlichkeit.
Wir gegen unseren inneren Schweinehund: 1 – 0

Dein Staubsauger muss keinen Plan haben

Ist es nicht schon ausreichend, wenn dein automatischer Putzteufel ohne dein Zutun deine heiligen Hallen saugt?
Es ist nicht notwendig, dass er dabei auch noch einen detaillierten Plan derselben erstellt – und an seine Kollegen von der industriellen Hausüberwachung, äh… -automatisierung, verkauft.
Es ist gut genug, wenn das Ding seine stupiden Bahnen zieht.
Es muss dabei nicht einem algorithmisch hochoptimierten Plan folgen, der den Parkettboden gleichmäßig abnutzt.
Das ist ein Holzboden.
Der hält, wenn es gut läuft, die nächsten tausend Jahre.
Da verursachen die 500 Gramm Roboter, die regelmäßig darüber hinweg saugen, keinen wesentlichen Abrieb.
Und falls wir uns Sorgen darüber machen, was der Saug-Robbie mit unserer Sammlung Ming-Vasen macht, dann ist so ein Ding sowieso die falsche Anschaffung – dann sollten wir uns lieber eine menschliche Reinigungskraft engagieren.
Damit tun wir dann auch noch etwas Gutes für den darbenden Arbeitsmarkt.

Selbst kochen macht glücklich

Der konstante Weg zu einer immer höheren Ebene der Bequemlichkeit macht auch vor der Küche nicht halt.
Convenience-Produkte waren hier nur der Anfang des bequemen Elends.
Küchenautomatisierungsassistenten, die uns auf unseren Smartphones darüber auf dem Laufenden halten, wie wohl sich unser Niedertemperatur-gegarter Dry-Aged Rinderwahnsinn fühlt.
Oder auch der Kühlschrank, der sich bitterlich beklagt, dass demnächst die Milch alle ist.
Bequem – sicherlich.
Hilfreich – fraglich.
Bevormundend – ganz sicher.
Kochen ist eine Kunst – keine Wissenschaft.
Ein Tee ist fertig, wenn Farbe und Aroma stimmen – nicht wenn der ans Internet der Undinge angeschlossene, vollkommen überteuerte high-sophisticated Tea-Dispenser in Abstimmung mit der Online-Community dies sagt.
Und gleiches gilt für den Rinderschmorbraten, die Spätzle und sogar für die Wald- und Wiesentiefkühlpizza.
Bei steigendem Einsatz von bequemlichkeitsfördernden Spielzeugen und Technologien setzen wir uns der Gefahr aus, unser natürliches Gespür dafür zu verlieren, wann etwas fertig und bereit ist.

Streaming spart weder Zeit noch Nerven

Bequemlichkeit hält gern in Bereichen der Luxusversorgung Einzug.
Ich vermute, dies liegt daran, dass wir gerade beim Luxus gern bereit sind, mehr Bequemlichkeit im Tausch gegen unsere Daten anzunehmen.
Diese Bequemlichkeit erkaufen wir uns jedoch nicht nur mit unseren Daten und Profilen, die wir hierfür herausgeben.
Nein, wir geben auch die freie Wahl auf.
Denn es ist doch gerade bei Streaming-Diensten so unglaublich bequem, dass wir immer etwas “passendes” vorgeschlagen bekommen.
Wir brauchen uns gar nicht selbst entscheiden, was wir als nächstes sehen oder hören wollen – der Vorschlag-Algorithmus nimmt uns diese schwierige Entscheidung willfährig ab.
Vielleicht sollten wir diese Form von Bequemlichkeit auch in der Politik zum Einsatz bringen:

  • Wenn du diesem Hohlphrasendrescher glaubst, dann wähle silber-türkis-gepunktet.

Ach, welche Wohltat – endlich nicht mehr aktiv entscheiden müssen…
Ich schweife ab.
Wollte ich doch konstruktiv schreiben heute.
Daher meine Empfehlung:
Greifen wir wieder zu offline verfügbaren Medien.
Wir können gezielt einen Film (oder auch – Wunder der Informationstechnik – ganze Serien) von Datenträgern schauen.
Ich rufe hier nicht zum Totalverzicht auf Filme, Serien, Musik und sonstige Lustbarkeiten auf.
Ich rufe zur bewussten und gezielten Auswahl auf.
Die Tyrannei der Auswahl – ich habe es hier bereits angesprochen, ist ein Faktor, der deutlich zur Unzufriedenheit beiträgt – ganz im Gegenteil zu dem, was uns die Streaming-Industrie wohlklingend in ihren Werbeversprechen anpreist.

Kontinuität glättet das Unbequeme

Bequemlichkeit gewinnt so immens an Charme, da es viele Schritte schlicht vor uns verbirgt.
Wenn wir hingegen die minder bequeme Variante wählen, sehen wir zum einen die bisher vor uns verborgenen Einzelschritte – und zum anderen wird uns die vermeintlich unbequeme Variante durch regelmäßigen und kontinuierlichen Einsatz als gar nicht so unbequem in Fleisch und Blut übergehen.
Unbequem sind letztlich nur Tätigkeiten, die wir ungern tun.
Beginnen wir doch, die kleinen Einzelschritte als Teil des Zieles zu betrachten und zelebrieren diese, anstatt sie als notwendiges Übel zu verdammen.

Askese ist keine Lösung

…und Selbstkasteiung tut auch bloß weh.
Wir sollten daher nicht zu hart zu uns (und vor allem zu anderen) sein.
Bequemlichkeit ist halt – bequem.
Ein furchtbarer Zirkelschluß – und so schlüssig in sich selbst.
Aber treten wir einen Schritt zurück und betrachten kurz die Auswirkungen von Bequemlichlichkeit.
Bequemlichkeit reduziert die Komplexität von Tätigkeiten.
Dies geht zugunsten der Zeit, die wir vermeintlich gewinnen.
Bequemlichkeit raubt uns auf der anderen Seite jedoch auch den Einblick in die Dinge, die wir durchführen.
Wir verlieren den Bezug zu dem, was wir tun.
Und wir geben auch stets einen Teil unserer Freiheit auf.
Sei es die Freiheit der freien Auswahl.
Oder sei es der Schutz unserer Privatsphäre, weil wir dem Bequemlichkeitsanbieter Einblicke in unserer Innerstes gewähren.
Und dennoch, wir sollten im Kampf um unser Selbst, unsere Privatsphäre, nicht dogmatisch werden.
Wir haben die Wahl – gerade darum geht es mir.
Und wir haben auch die Wahl, uns bewusst für Bequemlichkeit zu entscheiden.
Wir sollten lernen, dass wir immer zwischen Bequemlichkeit und Privatsphäre abwägen müssen.
Wir bekommen nicht beides in gleichem Maße.
Wollen wir mehr von dem einen, erhalten wir von dem anderen weniger.
Es ist ein Balanceakt und wir können – und sollten – frei entscheiden, was wir wollen.
Nur eines sollten wir vermeiden:

Uns diese Entscheidung aus den Händen nehmen lassen, indem wir kritiklos jede Bequemlichkeit versprechende Neuerung akzeptieren.

TL;DR

  • Lieber hier und gleich als überall und immer: Lokal ist das neue immer und überall
  • Bequemlichkeit ist grenzenlos: Dein Staubsauger muss keinen Plan haben
  • Kochen ist können – nicht automatisieren: Selbst kochen macht glücklich
  • Unendliche Auswahl ist ein Fluch: Streaming spart weder Zeit noch Nerven
  • Übung schafft Meisterschaft: Kontinuität glättet das Unbequeme
  • Dogmatisch sein macht einsam: Askese ist keine Lösung

So, innerer Schweinehund, hier ist der Plan – am Wochenende bekommst du die Leine, Wochentags bin ich am Ruder

Der Microblog – das neue Format aus der Manufaktur

Ah, es gibt so viel zu lesen – und so wenig Zeit.
In unserer informationsüberflutenden Zeit – das sieht Eric Schmidt ja ganz anders:

"Mobile is the future, and there's no such thing as communication overload."

– fühlen wir uns oft durch lange Texte überfordert.
Leider.
Und meine Blogs haben eine Tendenz zu mehr Länge.
Zum Glück.
Aber auch ich will meine warnende Botschaft, den rügend erhobenen Zeigefinger und die gute – wenngleich seltene – positive Neuigkeit an meine informationsüberfluteten Leser bringen.
Daher habe ich jetzt mein neues Format gestartet:
Die Gedankenblitze aus der Manufaktur – Der Microblog.
Hier stelle ich in kürzerer Form und in schnellerer Folge Neuigkeiten für den interessierten Leser bereit.
Viel Spaß bei der Lektüre und – ich bin auf eure Rückmeldungen gespannt.

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Geislinger rät zur digitalen Selbstverteidigung

Heute hat die Geislinger Zeitung einen Artikel von Ruben Wolff über meine Arbeit als Data Detox Berater und die hier beheimatete Manufaktur für digitale Selbstverteidigung veröffentlicht.
Dieser Artikel war das Ergebnis eines einstündigen, sehr spannenden Gesprächs mit Ruben Wolff über Themen wie Digitalisierung sich auf die Entwicklung der Arbeitswelt auswirkt und welchen Einfluss die Daten, die wir von uns preisgeben, haben.

Wie gefährdet Bequemlichkeit unsere Privatsphäre

Dann betrachten wir heute einmal die bequemen Helferlein, die danach trachten, unser Leben zu vereinfachen – und dabei leider unsere Privatsphäre auflösen.
Die Bequemlichkeit von uns Nutzern ist der Hauptgrund für die Gefährdung unserer Privatsphäre.
Wenn wir den Zustand unserer zunehmend eingeschränkten Freiheit beklagen und dabei die Schuld bei den “bösen” Geheimdiensten oder den “unfairen” Internetkonzernen suchen, dann ist das deutlich zu kurz gesprungen.
Es ist einfach, die Schuld stets außerhalb unseres eigenen Verantwortungsbereiches zu suchen.
Erst wenn wir die Verantwortung für unser Handeln selbst übernehmen, haben wir Einfluss darauf, wie unsere Privatsphäre aussieht.
Unsere Privatsphäre ist nun mal unsere private Angelegenheit – also nehmen wir dieses Thema am besten auch in unsere eigenen Hände.

Wenn unser Entertainment-Center uns belauscht

Ich bin technologischen Entwicklungen gegenüber doch deutlich aufgeschlossen und plädiere ja auch nicht dafür, dass wir uns nur noch am Lagerfeuer Geschichten erzählen sollten.
Deswegen finde ich Entwicklungen wie Netflix und andere Streaming-Dienste ja echt toll.
Schauen wann ich will.
Das macht einem das Leben deutlich einfacher.
Das Abendessen muss nun nicht mehr vor der 20-Uhr-Tagesschau fertig sein, damit wir den neuen Tatort oder den Blockbuster auf Kanal 832 um viertel nach acht in aller Ruhe schauen können.
Ne, jetzt können wir den Feierabend-Krimi starten wann wir wollen!
Freiheit, ich nenne dich Internet!
Also gut, einen internetfähigen Fernseher find ich klasse.
Aber wieso um George Orwells Willen muss der mir immer zuhören?
Schaffe ich es wirklich nicht mehr, eine Hand vom kühlen Bier zu lösen oder aus der Chipstüte zu ziehen, um einen Knopf auf der Fernbedienung zu drücken?
Muss ich meinen Kanalwechselwunsch wirklich akustisch verbalisieren?
Leute, wenn ich das Gerät mit einem gesprochenen Befehl einschalten will, dann muss es mir zwangsläufig immer zuhören.
Und es hört alles was ich sage.
Also keine vertraulichen Gespräche mehr in der guten Stube.
Das Ding hört was ich sage.
Und wir wissen nicht, was es mit dem Gesagten so alles anstellt.
Mir kommen da die Worte von General Keith Alexander in den Sinn:

"Warum können wir nicht eigentlich alle Signale immer abfangen."

Tja, lieber Herr General – können wir doch.
Und machen wir.
Und es beschränkt sich ja nicht nur auf den ans Internet angeklemmten televisionären Lauschangriff.
Alexa und wie die anderen hardware gewordenen feuchten Stasiträume auch heißen – sie belauschen uns in jedem Raum.
Weil – wir wollen ja ganz praktisch per Sprachbefehl aus der Küche heraus das Licht im Schlafzimmer dimmen, die Waschmaschine starten und schon einmal zehn Liter … bestellen.
Weil – is ja alles so schön bequem.
Ich frage mich immer öfter, ob wir eigentlich noch alle Latten am Zaun haben.
Vielleicht frage ich mal Alexa…

KeylessGo, oder besser: CarlessNoGo

Zunächst einmal ist mir bei diesem sicherheitstechnischen Rohrkrepierer das Einsatzszenario nicht ganz klar.
Ist das was für Menschen, die permant Hände, Arme, Füße und bionische Erweiterungen mit Smartphones, Bierflaschen und zehn Tüten voller Shoppingtrophäen vollgepackt haben?
Wo bitte liegt der Sinn vergraben, dass ich den Schlüssel nur in meiner Nähe haben muss, um mein Auto zu öffnen und zu starten?
Es macht trotzdem noch nicht mal die Tür für mich auf!
Das muss ich nach wie vor mit der Hand tun!!
Und wenn ich so besoffen bin, dass ich den Schlüssel nicht mehr ins Zündschloss bekomme, dann treffe ich den Start/Stop Knopf auch nicht mehr!!!
Dafür riskiere ich, dass jeder Hempel, der einen Range-Extender bauen kann – und das Zeug dafür bekommt man für wenige Euros – mir meine Karre quasi unter dem Hintern wegklauen kann.
Sind wir ernsthaft schon so naiv oder von der Industrie schon so weichgekocht, dass wir auf einen derartigen Schwachsinn reinfallen?
Falls ja … haben wir es vielleicht wirklich verdient, bevormundet, manipuliert und ausgeraubt zu werden.
Falls nein … dann bitte ich inständig darum, von unserem Verstand Gebrauch zu machen und kritisch zu prüfen, ob wir wirklich jede uns vor die Füße geworfene Technologie brauchen.

Ich würd meinen Finger für meine Bequemlichkeit hergeben…

Schon lange aus dem Bereich der Science-Fiction herausgetreten sind sie:
Die biometrischen Zugangskontrollen.
Nicht mehr nur Superagenten, Superschurken und superkrass geheime Forscher im Regierungsauftrag dürfen Türen, Panzerschränke und Kaffeemaschinen mit ihren Fingerabdrücken, Iris-Scans oder Speichelproben öffnen.
Nein, das kann mittlerweile jeder technik-affine und – wiederum – sicherheitstechnisch schlecht beratene Häusle-Bauer.
Egal, ob es die Freischaltung unseres Smartphones oder die Öffnung unserer Haustür ist – inzwischen können wir biometrisch nahezu alles öffnen.
Sogar Überweisungen mittels unserer allzeit präsenten Wanze lassen sich mit einem Druck auf den Fingerabdrucksensor bestätigen.
Und ewig locken die Versprechungen der Industrie.
So bequem, so sicher, so schnell…
Nun, leider unterlassen es die Anbieter und Hersteller dieser Bequemlichkeiten stets, auf die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen – am besten in Form eines Beipackzettels – hinzuweisen.
Allerdings erführe dieser digitale Beipackzettel dieselbe Aufmerksamkeit wie seine papiernen Verwandten und AGBs, nämlich: keine.
Es fängt doch schon damit an, dass wir nur zehn Finger und zwei Augen haben.
Da ist jetzt nicht besonders viel Spielraum für Ausweichmöglichkeiten.
Ist ein Fingerabdruck weg, dann habe ich noch neun verbliebene Alternativen.
Aber moment mal – wenn der Fingerabdruck weg ist, ist der Fingerabdruck weg … bleibt jedoch leider mit meiner Identität verknüpft.
Dilemma, dilemma.
Wird mir ein Passwort gestohlen, kann ich dies wenigstens ändern.
Wird mir allerdings ein biometrisches Merkmal gestohlen, bleibt dieses trotzdem dauerhaft mit meiner Person verbunden.
Erbeutet ein Dieb eines meiner biometrischen Merkmale, egal ob Fingerabdruck, Iris-Scan oder was auch immer die Industrie an dieser Stelle noch als “eindeutiges” Merkmal findet, dann kann sich dieser Dieb als ich ausgeben.
Für immer.

Die Wanze in unserer Tasche

Was früher die Stasi noch in mühevoller Geheimarbeit unter Einsatz unlauterer und illegaler Mittel machen musste, das übernehmen wir heuer selbst – ganz freiwillig.
Nämlich die Verwanzung unseres Lebens.
Wir tragen sie ständig mit uns herum, die Wanze, die unser ganzes Leben – fast sogar schon unsere Gedanken – überwacht und manipuliert.
Es ist wirklich sehr praktisch, seine(n) KalenderRatgeberLexikonMessengerSpielhalle dabei zu haben.
Allerdings geben wir damit nicht nur einen Teil unserer kognitiven Fähigkeiten auf – wie jüngst eine Studie der University of Chicago gezeigt hat.
Sondern wir machen uns schlicht überwachbar.
Smartphones verfügen über mannigfaltige Möglichkeiten des Machtmissbrauchs.
Egal ob SIM-Karte, WLAN, Bluetooth oder GPS – jedes für sich allein genommen schon eine wundervolle Wanze der weltweiten Verfolgung.
Aber zusammen stellen diese Technologien eine Wirksamkeit an Überwachung dar, die sich George Orwell und Jeremy Bentham gemeinsam nicht hätten vorstellen können.
Und das machen wir freiwillig.
Niemand zwingt uns.
Niemand bricht in unsere Wohnung ein und installiert diese Wanzen in aller Heimlichkeit.
Wir kaufen sie.
Freiwillig.

Ich zahle mit meinen guten Daten

Es ist so einfach, so bequem, mit Kreditkarte zu bezahlen.
Wir geben einmal unsere Kartendaten preis, ab diesem Zeitpunkt können wir sofort mit nur einem Klick all das kaufen, was uns vor die manipulierten Augen geworfen wird.
Ganz bequem.
Und ganz bequem für all die Überwacher und Manipulatoren liegt unser Konsumverhalten parat.
Jede Finanztransaktion über Kreditkarten wird von der NSA gespeichert und überwacht.
Jede Zahlung mit einer Kreditkarte – nicht nur online, so der Wunsch und sicher auch bald Wirklichkeit – wird von Google, Amazon und ähnlichen Datenkraken ausgewertet.
Warum geben wir so leichtfertig unsere Freiheit und unsere Privatsphäre auf?
Weil es bequem ist.
Weil uns nicht klar ist, was dieses Machtgefälle zwischen denen, die Daten horten, und uns, die wir Daten liefern, bedeutet.
Weil so ein Regimewechsel wie in der Türkei bei uns nicht passieren kann.
Nein? Weil wir alle ja so darauf bedacht sind, dass es nicht passiert?
Weil wir alle so vernünftig und vorsichtig mit unseren Daten – und dem, was damit gemacht wird, umgehen?

Hold back and don’t Payback

Punkte, Punkte, Punkte.
Überall sammeln wir Punkte.
Ist uns eigentlich klar, was wir dafür hergeben?
Wir bekommen im Leben nichts geschenkt.
Ganz besonders nicht in einer marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaft wie der unsrigen.
Und ganz besonders nicht von gewinnorientierten Unternehmen.
Denn wenn diese nicht gewinnorientiert und marktwirtschaftlich denken und handeln werden sie mittelfristig gar nicht mehr handeln.
Die Punkte, die wir so eifrig sammeln, sind sehr genau in die Preise der Produkte und Dienstleistungen mit einkalkuliert.
Für jeden Punkt, den wir erhalten, geben wir dem Punkteverteiler etwas viel wertvolleres zurück:
Unsere Daten.
Durch unsere emsige Punktesammlung wird ein klares und umfassendes Profil von uns erzeugt.
Und mit diesem Profil wird sehr viel Geld verdient.
Einerseits kann uns damit personalisierte Werbung angeboten werden.
Diese Form der Werbung reduziert die “Streuverluste” drastisch und erzielt so eine wesentlich höhere Konversionsrate von Werbung zu Verkauf.
Das wirklich wundervolle an Profilen ist, dass sie noch dazu weiter verkauft werden können.
So kann schon allein mit unseren Daten Geld verdient werden (ganz ohne dass wir einen Einkauf tätigen).
Unsere Profile können mit weiteren Daten über uns und gleichartigen Daten von ähnlichen Profilen korrelliert werden und neue, detaillierte Profile können dann sehr einfach erzeugt werden.
Und auch dies machen wir freiwillig (bzw. lassen wir zu)
Ohne Zwang.
Weil es es bequem ist.

TL;DR

  • Schlüssellos – Schlüssel los: KeylessGo, oder besser: CarlessNoGo
  • SmartTV und Alexa-artiges: Wenn unser Entertainment-Center uns belauscht
  • Biometrie: Ich würd meinen Finger für meine Bequemlichkeit hergeben…
  • Smartphones: Die Wanze in unserer Tasche
  • Kreditkarten: Ich zahle mit meinen guten Daten
  • Der Datenteufel Kundenkarte: Hold back and don’t Payback

Hinterfragen wir die augenscheinlich so angenehmen Erfindungen und denken ein wenig hinter den Linien unserer Bequemlichkeit – für unsere Privatsphäre.

Warum wir so leichtfertig unsere Privatsphäre aufgeben

Die Liste der Gegensätze ist lang und wird mit jedem neuen Thema, dem wir uns gegenüber sehen, um mindestens einen Punkt länger.

  • Sekt oder Selters?
  • Lackschuh oder Leguano?
  • Aufzug oder Treppe?
  • Batman vs. Superman

Und in diesem illustren Reigen wollte ich mit meinem Thema natürlich auch einen Beitrag leisten:

Bequemlichkeit vs. Privatsphäre

In diesem und den folgenden Artikeln mache ich mir Gedanken darüber, wie diese beiden Fixsterne – schwarze Löcher gar – miteinander konkurrieren und gegenseitig um unsere Aufmerksamkeit buhlen.
Ich werfe zunächst einen kritischen Blick darauf, was uns dazu treibt, unsere Privatsphäre zu leichtfertig aufzugeben.
Anschließend beleuchte ich das Thema, wie Bequemlichkeit unsere Privatsphäre gefährdet.
Gefolgt von einem aufmunternden und mutmachenden Aufruf, was wir tun können – zum einen um unseren inneren bequemen Schweinehund zu überwinden und zum anderen, um unsere Privatsphäre zu schützen.
Als Abschluss dieser Reihe mache ich mir dann noch einige unbequeme Gedanken (für mich und die anderen) über die Bequemlichkeit.
Dann fangen wir mal.
Oder, um es mit dem Joker zu sagen:

"And here we go."

Es ist halt so verdammt bequem

Nun, die Industrie arbeitet halt mit Hochdruck, Sahnetorten und allem möglichen anderen Lockmittelkram daran, uns um unsere Privatsphäre – im Tausch gegen ein Plus an Bequemlichkeit – zu bringen.
Und allein die Verlockung, ein Mehr an Bequemlichkeit zu erhalten, reicht für den durchschnittlichen Wald-und-Wiesen-Privatsphärengefährder aus, um seine Privatsphäre den Bach runter gehen zu lassen.

  • Den SmartTV bequatschen, damit dieser das Programm wechselt?
    Klar, her damit!
    Ach, dabei werde ich dauerhaft in meinen eigenen heiligen Hallen überwacht? Egal!
  • Das Auto starten, ohne aufwändig den Zündschlüssel anzufassen?
    Da mach ich mit!
    Oh, mein Auto kann mir deswegen geklaut werden, weil der Dieb ja gar nicht den Schlüssel in Händen halten muss?
    Achwas, passiert ja nur anderen.
  • Das Smartphone mit meinem Fingerabdruck entsperren?
    Ja, super – dann brauch ich mir gar kein Passwort mehr merken!
    Kann ja gar nix dabei passieren, weil den Fingerabruck hab ich ja immer bei mir und der kann ja gar nicht geklaut werden…
    Oder wie war das noch mit dem Chaos Computer Club und Wolfgang Schäuble?

Bequemlichkeit ist einer der größten Feinde der Privatsphäre.
Weil es halt so bequem ist.
Andersrum wird vielleicht eher ein Schuh der Erkenntnis daraus:
Es bedeutet eben einen gewissen Aufwand, seine Privatsphäre zu schützen.
Das ist halt unbequem.

  • Wir müssen für jeden Online-Dienst, den wir nutzen, ein eigenes, sicheres Passwort anlegen (und am besten eine eigene E-Mail Adresse).
    Das ist unbequemer, als überall das eingespielte Passwort (“geheim“) einzusetzen.
  • Es ist unbequemer, mit Bargeld zu bezahlen, als jeden Kaugummi durch einen nonchalanten Wisch mit der EC-Karte über das Bezahlterminal zu begleichen.
  • Ein physisch vorhandener Schlüssel schließt manuell langsamer (aber sicherer!) als ein cooles, biometrisch mit Fingerabdruck und Iris-Scan gesichertes Türschloß.

Privatsphäre und Bequemlichkeit sind schlicht zwei Wünsche, die sich diametral gegenüber stehen.
Da wird es schwer bis unmöglich, diese in Einklang miteinander zu bringen.
Wenn wir das Eine wollen, müssen wir Abstriche beim Anderen hinnehmen.

Unwissenheit essen Privatsphäre auf

Ich habe es bereits im Zusammenhang mit sicherem Surfen erwähnt, unsere Gegner sind zahlreicher als wir – und besser ausgebildet.
Wir müssen Wissen darüber auf- und ausbauen, wie wir unsere Privatpshäre schützen können, ansonsten werden wir immer weiter zurückgedrängt.
Unsere Freiheit wird Schritt für Schritt eingeschränkt.
Der Freiraum unserer Privatsphäre wird kleiner und kleiner.
Was wir dagegen tun können?

  • Wir können uns weiterbilden.
  • Wir können unsere selbstverschuldete digitale Unmündigkeit aufgeben.
  • Wir müssen unsere Unwissenheit aufgeben.

Es interessiert unsere Kontrahenten nicht, ob wir unsere Privatsphäre verlieren, weil wir unwissend sind.

"Ignorantia legis non excusat"

ist uns allen ein Begriff.
Uns ist klar, dass Unwissenheit uns nicht vor Strafe schützt.
Warum – so frage ich – verhalten wir uns dann hinsichtlich unserer Privatsphäre gerade so, als würde uns Unwissenheit vor Strafe schützen?
Wir gehen so fahrlässig mit unseren persönlichen Daten um, als gäbe es kein Morgen.
Wäre ein schuldhafter – und wir sind schuld daran, wenn wir unsere Daten verlieren (oder verschenken!) – Datenverlust ein Verbrechen, die Gefängnisse wären übervoll mit Datenverlustschuldigen!
Ich wiederhole mich – gern und mit inbrunst – wir müssen lernen, lernen, lernen!

Was geht mich meine Privatsphäre an?

Desinteresse ist ein weiterer Punkt auf der Liste der Risikofaktoren unserer Privatsphäre.
Mir ist klar, dass in unserer Zeit ein starker Fokus darauf liegt, möglichst an allem Interesse zu haben und auch zu allem eine Meinung zu haben.
Weiterhin ist mir auch klar, dass jeder der sein Thema nach vorn bringen will, sein Thema als das allerwichtigste Thema überhaupt (mit Abstand und Sternchen) ansieht.
Kein Waffenhändler argumentiert – neben den wundervollen Vorzügen der neuesten Tarnkappendrohne mit lasergesteuerten Präzisionsbomben – für die Rettung des einohrigen Sumpfdotterhuhns.
Das ist unproduktiv und lenkt einfach vom Thema ab.
Aber eine lasergesteuerte Präzisionsbombe von einer Tarnkappendrohne – das is halt wirklich wichtig.
Musste verstehn, ne?
Ja, da bin ich auch nicht anders.
Ich halte mein Thema auch für das wichtigste Thema überhaupt.
Aber meine Argumentation ist besser als die des Tarnkappendrohnen-liefernden Waffenhändlers:

Mir liegt die Freiheit am Herzen.

Ohne, dass ich dafür jemand anderen (der auf der falschen Seite der präzisionsgesteuerten Laserbombe steht) dafür in ein kleines Häufchen rauchende Asche verwandeln muss.
Nein, wir müssen uns nicht für alles interessieren.
Aber wir sollten uns dringend für das interessieren, was uns wirklich betrifft.
Und das ist nun mal unsere Privatsphäre.
Die geht halt uns etwas an.
Genau genommen geht sie nur uns etwas an.
Und um zu verhindern, dass sich jemand anderes um unsere Privatsphäre kümmert, müssen wir uns halt verdammt noch mal selbst darum kümmern.
Desinteresse ist keine Lösung.
Wenn wir uns nicht interessieren, dann löst sich das Problem über kurz oder lang von ganz allein.
Dann gibt es einfach kein “uns” mehr.
Dann wird der letzte Rest von Individualität, eigener Meinung, Freiheit – schlicht von Privatsphäre – einfach ausgelöscht.
Weil wir uns nicht gekümmert haben.

Komm auf die bequeme Seite – wir haben Kekse

Die Verlockungen der bequemen Seite sind halt sehr stark.

  • Es ist einfach bequem, sich mit einem Facebook-Account in jedem anderen Online-Account anzumelden.
  • Es ist halt so viel leichter, mit “ja” auf die Frage “Haben Sie payback?” (wenn die Frage in dieser nahezu grammatikalisch vollständigen Form gestellt wird) zu antworten, als zu sagen “Nein, habe ich nicht und mit diesem datensaugenden Überwachungssystem will ich nichts zu tun haben!“.
  • Es ist so viel praktischer, irgendwo in der Wohnung zu rufen:
    Hey Alexa (Siri, Cortana oder wie auch immer die nächste Überallwanze auch verniedlichend genannt wird), wie ist das Wetter heute?” anstatt einfach das Fenster aufzumachen und den Regen aufs Gesicht tanzen zu lassen.

Der Mensch (und da schließe ich mich mit ein) tendiert konstant zu einem höheren Maß an Bequemlichkeit.
Mit dieser Erkenntnis haben wir jetzt die Wahl (wir haben immer eine Wahl).

  • Entweder können wir diesem konstanten Sog nachgeben und uns stets auf eine neue Ebene der Bequemlichkeit heben lassen.
    (is nämlich voll bequem: für mehr Bequemlichkeit müssen wir aktiv gar nichts tun)
  • Oder wir kämpfen gegen unseren inneren Schweinehund (die bequeme Socke!) und verzichten auf die eine oder andere Bequemlichkeit und stärken damit unsere Privatsphäre.

Denn eines muss uns klar sein:
Mehr Bequemlichkeit geht immer mit weniger Privatsphäre einher.
Wenn wir den Schutz unserer Privatsphäre als Ziel haben, verzichten wir damit auf ein gewisses Maß an Bequemlichkeit.
Aber seien wir doch ehrlich:
Wie viel mehr Bequemlichkeit brauchen wir?

  • Ist eine manuell bediente Fernbedienung für unseren Fernseher nicht ausreichend?
  • Reicht uns nicht vielleicht doch eine funkgesteuerte Zentralverriegelung unseres Autos ?
  • Ist eine klassische Schließanlage an der Haustür – so eine mit einem echten Schlüssel – nicht vielleicht doch ausreichend?

Hip und der-neueste-heiße-Scheiß bedeutet nicht direkt “besser als etabliert und ausgereift“.

“Ich habe doch nichts zu verbergen”

Ehrlich, liebe Leser, ich könnt jedes Mal im Strahl spucken, wenn ich diesen Hohlphrasenschwachsinn höre.
Edward Snowden bringt es wirklich gut auf den Punkt, wenn er sagt:

„Zu behaupten, das Recht auf Privatsphäre sei nicht so wichtig, weil man nichts zu verbergen hat, ist, wie zu sagen; Das Recht auf freie Meinungsäußerung sei nicht so wichtig, weil man nichts zu sagen hat.“

Dieser alberne Dummfug, zu behaupten, man habe nichts zu verbergen, ist meiner Ansicht nach entweder vollkommen unreflektiert oder aus der falschen Annahme heraus, nur schlechte Menschen hätten Geheimnisse, entstanden.
Leute!
Wer ist denn bereit, die PIN seiner EC-Karte ans schwarze Brett zu hängen oder seine sexuellen Fantasien beim nächsten Familienfest auszubreiten?
Also, sind wir doch mal ganz ehrlich, atmen locker durch die Füße und sagen:

"Ja, ich habe etwas zu verbergen."

Geht doch.
Fühlt sich gut an, oder?
Weil wir jetzt an einem Punkt angelagt sind, von dem aus wir etwas für den Schutz unserer Privatsphäre tun können.

TL;DR

  • Die Katze beisst sich in den Schwanz: Es ist halt so verdammt bequem
  • Nix wissen hilft nix: Unwissenheit essen Privatsphäre auf
  • Mir egal: Was geht mich meine Privatsphäre an?
  • Die dunkle Seite: Komm auf die bequeme Seite – wir haben Kekse
  • Achtung, Brechreiz: “Ich habe doch nichts zu verbergen”

Wir müssen nicht zurück in die digitale Steinzeit – aber wir müssen uns klar machen, was uns erwartet, wenn wir nichts tun.
Also tun wir etwas.
Anmerkungen? Fragen?

Was kann mir jetzt noch helfen

Was bleibt jetzt noch zu tun?
Wir haben unsere Flotte zusammengestellt:

  • die Tarnkappen-Korvette zur unerkannten Aufklärung: den Tor Browser
  • unseren hochseetauglich aufgerüsteten Brot-und-Butter Fischkutter: den Firefox
  • unser Rettungsboot: den Vivaldi oder auch den Safari (sofern wir unter macOS die digitalen Weltmeere durchsegeln

Wir sind uns der Gefahren im virtuellen Ozean bewusst:

  • wir kennen Scylla und Charibdis mit Vor- und Zunamen (Theresa und Angela – was uns Homer verschweigen wollte).
  • wir haben gelernt, wie wir uns vor Datenpiraten, -kraken und informatorischen Saugrobotern schützen können.
  • wir erkennen die digitalen Untiefen, auch wenn sie nur mit ihren manipulatorischen Sirenengesängen locken.

Wir haben unseren Datenkutter kalfatert und mit Schwimmflügeln ausgerüstet.
Unnötigen Ballast haben wir über Bord geworfen und wir wissen, dass wir auch sonst sparsam mit unseren Datenrationen umgehen müssen – ansonsten werden wir bis auf unser letztes Seehemd ausgezogen – oder sogar noch weiter.

Also was bleibt jetzt noch zu tun?

Die Crew schulen.

Ich komme mir ein wenig wie eine Schallplatte vor, die hängen geblieben ist, weil ich in jedem Artikel zum Thema sicheres surfen immer wieder auf der Tatsache herum reite, dass Lernen essenziell wichtig für den Schutz unserer Privatsphäre ist.
Wir leben in einer Zeit der Machtasymmetrie und dieses Gefälle dürfen wir nicht noch mehr zu unseren Ungunsten verschieben.
Die dunkle Seite der Macht ist besser ausgestattet als wir:
personell, technisch und auch finanziell.
Daher ist es für die Verteidigung unserer Privatsphäre und unserer Freiheit so unerlässlich wichtig, dass wir unsere virtuellen Seemannsbeine trainieren und immer wieder trainieren.
Wenn wir Gefahren nicht kennen, kommen wir darin um – oder zumindest unsere Daten.
Der Gefahr ist es egal, ob wir sie kennen oder nicht – sie ist da.
Ignorance is bliss – aber nur bei Dingen, die uns nicht betreffen.
Wenn wir uns im digitalen Ozean den Luxus von Ignoranz leisten wollen, dann dürfen wir nicht surfen.
Sollte jemand dies hinkriegen, hat er meinen tief empfundenden Respekt.
Mein Ziel ist jedoch, meine Leser zu erfahrenen und mit allen virtuellen Wassern gewaschenen Digitalseebären zu schulen – und nicht zu technophoben Landratten zu ängstigen.
Darum mein Aufruf:

Lernt, Leute, lernt! - und lasst euch nicht verschrecken.

Regelmäßig Rettungsmanöver durchführen

So wie wir unser Hausboot regelmäßig ins Trockendock zur Wartung schippern müssen, so müssen wir für unsere virtuelle Flotte regelmäßig Sicherungen durchführen.
Ähnlich wie es im Rahmen einer Schifffahrt vollkommen fahrlässig ist, ohne Rettungsboote in See zu stechen, so ist es für uns Digitalmatrosen vollkommen unverantwortlich, ohne Backup zu arbeiten.
Mir gefällt der Spruch aus der Systemadministratoren-Riege:

Kein Backup - kein Mitleid.

Allerdings reicht es nicht, Rettungsboote an Bord zu haben.
Wir müssen auch regelmäßig Manöver durchführen.
Ach, wie schön sind doch diese Drills auf den Kreuzfahrtschiffen, wenn alle Passagiere mit ihren orangefarbenen Rettungswesten an Deck stehen und darauf warten, in die ihnen zugeteilten Rettungsboote verfrachtet zu werden.
Frauen, Kinder und Einhörner zuerst!
Drachen und Faulpelze erst später.
Und danach gibt’s dann für alle einen Aquavit zum aufwärmen.
Und genau dies sollten wir als versierte virtuelle Seefahrer auch machen.
Also – nicht mit dem Aquavit anfangen – den gibt’s erst hinterher.
Nein, regelmäßige Manöver durchführen.
Das beste Backup hilft uns nicht, wenn der Restore nicht klappt.
Wär ja auch echt blöd, wenn wir feststellen (sobald wir auf den Eisberg aufgelaufen sind) dass die Rettungsboote leck geschlagen, keine Riemen vorhanden und die Rettungswesten aufgrund von Sparmaßnahmen aus Pappmaché sind.
Schön blöd.
Darum prüfen wir regelmäßig die Tauglichkeit unserer Backups.
Nicht jedes Mal, aber ein ums andere Mal schon.
Weil nix blöderes, als im Katastrophenfall festzustellen, dass wir zwar ein Backup angelegt haben – sich dieses aber nicht wieder einspielen lässt.

Auf virtueller Schleichfahrt

Wir können auch ab und zu unsere Segelyacht im Hafen lassen und ein U-Boot nehmen.
Mit einem U-Boot sind wir – zunächst einmal – weg von der Oberfläche.
Die Entsprechung eines U-Bootes im virtuellen Weltmeer ist ein VPN-Tunnel.
Ein VPN – ein Virtual Private Network – errichtet gewissermaßen einen Tunnel, der unsere Kommunikation verschlüsselt, so dass kein Dritter diese auf dem Übertragungsweg mitlesen kann.
Darüber hinaus verschleiert ein VPN auch unsere geografische Position im digitalen Ozean – ganz so, als würden wir die Kompasse, Sonars und Echolote der Datenpiraten verwirren.
Der Einsatz eines VPNs lohnt sich immer dann, wenn wir einfach mal weniger Spuren als üblich hinterlassen wollen.

Unterwegs mit der eigenen Nebelbank

Eine weitere Möglichkeit, unsere wahren Interessen vor den neugierigen Augen der Datenkraten zu verbergen, ist der Einsatz von Obfuscation – Verschleierung.
In meinem letzten Artikel habe ich bereits das Add-on Adnauseam angesprochen.
Dieses nutzt die Technik der Obfuscation bereits, indem es wahllos auf jede Werbeanzeige klickt.
Ein Wort zur Beruhigung: Durch dieses wahllose Herumklicken fangen wir uns keine Schadsoftware ein, denn der Klick auf die Werbefläche wird nur simuliert, nicht wirklich durchgeführt.
Die technischen Details dazu sind hier erklärt.
Durch dieses All-you-can-click Verhalten von Adnauseam wird unser wahres Interesse an Produkten und Dienstleistungen vollkommen verschleiert – kein Datenauswerter kann jetzt noch etwas sinnvolles mit unseren Daten anfangen.
Und in genau diesem Gewand kommt ein weiteres Add-on daher:
TrackMeNot
Dieses Add-on zur Verschleierung unseres Surfverhaltens wurde von Helen Nissenbaum und Daniel C. Howe entwickelt und erzeugt einen Datennebel aus zufälligen Suchmaschinenanfragen, in welchem unsere wirklichen Interessen untergehen – das ist eine Form von Obfuscation.
Diese “Waffe der Schwachen” ist in meinen Augen ein legitimes Mittel, welches wir zur Verteidigung unserer Privatsphäre einsetzen können, dürfen und auch sollten.

Landgang!

Als weiteres – letztes – Mittel in unserem Kampf um unsere datentechnische Souveränität haben wir natürlich immer noch den Landgang.
Wir können – ganz im Geiste Robinson Crusoes – unser Seegefährt recyclen und eine gemütliche Hütte auf einer einsamen Insel daraus bauen.
Das ist ein drastischer Schritt, denn eine einsame Insel ist vor allem eines:
Einsam.
Und ganz so, wie es Robinson Crusoe erging, werden wir nicht dauerhaft allein bleiben.
Die (Daten-)Piraten finden uns auch auf unserer vom digitalen Ozean umgebenen einsamen Insel und dringen dort – an Land – in unsere Privatsphäre ein.
Das geschieht auch schon jetzt.
Google will seine digital korrelierten Ergebnisse zukünftig auch mit Daten aus der echten Welt verknüpfen.
Damit ist auch der Rückzug aus der virtuellen Welt keine Option mehr, um seine Privatsphäre zu retten.
Es ist aber auf jeden Fall ein Baustein in der Verteidigungslinie für unsere Privatsphäre.
Ein temporärer digitaler Landgang entzieht uns für eine gewisse Zeit dem allsehenden digitalen Auge und beschert uns Zeiten von Ruhe und nimmt uns aus der digitalen Hektik raus.
Jede Aktion, die uns unberechenbarer macht, hilft uns dabei, unsere Eigentümlichkeit, unsere Individualität und unsere Privatsphäre zu erhalten.
Daher mein Rat:

Nehmt euch ab und zu eine Auszeit und geht mal wieder an Land!

TL;DR

  • Surfer müssen lernen. Lernen. Lernen! – Die Crew schulen.
  • Alle Mann an Deck: Regelmäßig Rettungsmanöver durchführen
  • U-Boote im digitalen Weltmeer: Auf virtueller Schleichfahrt
  • Obfuscation: Unterwegs mit der eigenen Nebelbank
  • Der letzte Ausweg, Robinson: Landgang!

Ihr habt euch euer virtuelles Offizierspatent redlich verdient.
Genießt euren Erfolg.
Sonnt euch auf dem Deck eurer 12-m-Yacht. Ich wünsche euch immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel – und Augen offen halten – die Gefahren bleiben bestehen, es gibt noch viel unentdecktes Meer dort draußen.
Fragen? Anmerkungen?