Digital Native oder Digital Naive?

Zum Abschluss meiner Reihe über die Digital Natives will ich mir nochmals Gedanken über die Nomenklatur dieser Gruppe machen.
Am Anfang der Reihe habe ich meine Gründe genannt, warum ich denke, dass es Digital Natives überhaupt nicht gibt.
Heute will ich dies aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Vielleicht hat sich ja im betrachteten Begriff nur ein zusätzlicher Buchstabe eingeschlichen?
Streichen wir das “t” aus dem Native und wir erhalten einen Naive.
Schauen wir uns die Wortbedeutung von naiv an:
Da heißt es:

"Im Allgemeinen werden Menschen als naiv bezeichnet, die Umstände und Handlungen nicht angemessen bewerten können."

Darüber hinaus gibt es noch einen sprachlichen Back-Link zu nativ…also, alles gut!
Von daher ist es also gar nichts abwertendes, wenn ich unsere aufstrebenden Digitalkommunizierer als naiv bezeichne.
Sie können eben die Umstände und ihre Handlungen nicht angemessen bewerten.
Das ist auch einfach kein Wunder.
Wer kann das schon?
Wer nimmt sich die Zeit, technisch auf dem Laufenden zu bleiben und zusätzlich die Hintergründe zu beleuchten, wie ein neuer Messenger arbeitet oder worin die Tücke im Tracking steckt?
Wenige haben den technischen Hintergrund, um dies zu verstehen
Und noch weniger nehmen sich diese Zeit.
Von daher ist auch keine Schande ein Digital Naiv zu sein.
Wir sollten als Digital Na(t)ive nur nicht den Fehler begehen, versiertes Anwenden mit Verständis zu verwechseln.

Naiv – weil uninformiert

Ein großes Problem sehe ich der schieren Überforderung mit der sich der Digital Naive gegenüber sieht.
Plötzlich und ganz ohne Präzendenz stürzen neue Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion auf den jungen Menschen ein.
Dazu kommt auch noch der immense Druck der Peer Group hinzu, die schon mit Vehemenz die wundervollen neuen Technologien in allem Detailgrad (aber in erschreckender Unkenntnis) nutzt.
Obenauf kommt noch der unglückliche Zustand, dass augenscheinlich jegliche Kommunikation nur noch über den neuesten gehypten Kanal läuft.
Plötzlich scheinen alle bisher vorhandenen und etablierten Kanäle wie Telefon, E-Mail oder persönliche Gespräche in Vergessenheit geraten sind.
In diese undurchsichtige Situation taucht nun der aspirierende Digital Naive ein und versucht sich in der Gruppe zurechtzufinden.
Wohl verständlich, dass wenig Zeit und Energie aufgebracht werden kann, um die geforderten Technologien zu durchdringen – abgesehen davon, dass es gar nicht notwendig ist, um ein wohl dressierter Anwender der Technologie zu werden.
Ganz zu schweigen davon, dass die Risiken und Nebenwirkungen bewertet und endsprechende Alternativen gesucht werden.
Deswegen habe ich durchaus Mitgefühl mit den Digital Naives.
Sie sind schlicht überfordert von der hohen Geschwindigkeit mit der wir mit neuen Technologien geradezu überflutet werden.
Eine große Schuld an dieser Situation sehe ich bei den Internetkonzernen und Herstellern dieser Anwendungen.
Hier besteht aus guten Gründen der besseren Datensammelei profitgemäß kein gesteigertes Interesse daran, die Nutzer über die Hinter- und datentechnischen Abgründe der vermarkteten Technologie aufzuklären.
Welche Wege stehen dem Digital Naive in dieser Lage nun offen?

  • Er kann in seiner Naivität aufgehen und seine Freiheit und Privatsphäre auf dem Altar der nächsten gehypten Technologie opfern.
  • Oder er kann sich aus seiner selbstverschuldeten Naivität erheben und sich aufschlauen.

Ich halte diesen letzteren Weg für den besseren und deutlich nachhaltigeren.
Es ist auch nicht schwierig.
Es bedeutet nicht ein voll ausgebildeter Informatiker zu werden.
Ganz im Gegenteil – ein bisschen gesunder Menschenverstand, einige betriebswirtschaftliche Einblicke und vor allem ein starkes Rückgrat welches einen davor bewahrt unreflektiert jedem Hype hinterher zu renen – dies reicht, um von den neuen Technologien zu profitieren ohne davon ausgenommen zu werden.
Schon wird aus dem Digital Naiv ein Digital Dissident – informiert und selbstbewusst.

Naiv – weil uninteressiert

Schlimmer noch als uninformiert zu sein ist meiner Ansicht nach Desinteresse.
Wo Uninformiertheit durch neue Erkenntnisse überwunden werden kann, bedarf es bei Desinteresse eines klaren Einstellungswechsels des Digital Naive.
Desinteresse zeigt sich in zwei Ausprägungen:
Zum einen in der Einstellung
“Mir ist es egal was alle anderen über mich wissen.”
Dieser eklatante Mangel an Bewusstsein über die Wichtigkeit der Privatsphäre führt jedoch sehr schnell zu sehr großen Angriffsflächen für Manipulation über personalisierte Werbung.
Darüber hinaus vernachlässigen wir durch diese Sichtweise die Wichtigkeit unserer Privatsphäre hinsichtlich der Ausbildung unserer Persönlichkeit und der Abgrenzung zu anderen.
Abgrenzung bedeutet hierbei jedoch nicht, dass wir uns nicht mit der Gesellschaft in der wir leben auseinandersetzen.
Abgrenzung ist gerade dafür eine essentielle Grundlage. Denn wenn wir nicht wissen, wer wir sind können wir auch kein Leben in Gesellschaft führen.
Ansonsten ist nämlich alles ein undifferenzierter Brei.
Die andere Ausprägung ist mein liebstes Un-Argument:
“Ich habe ja nichts zu verbergen.”
Diese Aussage kommt meiner Ansicht nach immer stets reflexartig und vollkommen unreflektiert.
Möglicherweise zeugt diese Aussage auch von dem sicheren Gefühl in einem freien und toleranten Land zu leben – das würde mich freuen.
Allerdings basiert gerade unsere freie und tolerante Gesellschaft auf eben dieser Geheimhaltung ganz privater Dinge.
So etwas banales wie geheime Wahlen beispielsweise.
Ohne geheime Wahlen würden wir in einem totalitären Regime leben.
Grundlegender geht es meiner Meinung nach nicht, was den Schutz der Privatsphäre angeht.
Und von unseren anderen unbedeutenden Geheimnissen wie der PIN unserer EC-Karte oder dem Passwort zu unserem Facebook-Account mal ganz abgesehen.
Desinteresse hat noch einen weiteren dunklen Punkt.
Warum werden denn die ganzen gehypten Apps und Dienste nicht wenigstens ein wenig hinterfragt?
Macht sich denn wirklich keiner der Digital Naives auch nur einen Gedanken darüber, was die Anbieter all dieser tollen, “kostenlosen” Dienste denn von uns wollen?
Woran liegt es, dass solche Hypes wie z.B. Pokemon Go entstehen und der unbedarfte Digital Naive diesen Datenkraken seine Daten hinterher wirft?
Ich kann mir dies nur so erklären, dass der Nutzer einfach kein Interesse daran hat, wenigstens minimal die Hintergründe von solchen Angeboten zu beleuchten.

  • All diese Dienste kosten Geld.
  • Sie müssen entwickelt werden (von Menschen die Geld für ihre Arbeit bekommen wollen).
  • Die Dienste müssen auf teuren, leistungsfähigen Servern gehostet werden.
    Schon allein die Hardware dafür kostet viel Geld.
  • Diese Server brauchen Strom.
    Das kostet Geld.

Leider wurde mit dem irreführenden Begriff der “Cloud” hier ein fantastischer Marketing-Trick genutzt.
Es kommt alles aus den Wolken.
Es klingt leicht, unbeschwert und frei.
Dass die “Cloud” einfach nur aus den Servern anderer Leute besteht, kann man daher getrost vernachlässigen.
Aber das ist eben Desinteresse.
Machen wir uns diesen Zusammenhang mit folgendem Merksatz bewusst:

"There is no free lunch."

TL;DR

  • Nicht-Wissen schützt nicht: Naiv – weil uninformiert
  • Mir egal ist auch nicht gut: Naiv – weil desinteressiert

So, jetzt liebe Digital Na(t)ives, erhebt euch aus eurer selbstverschuldeten Unmündigkeit und schwingt euch auf in eine selbstbewusste digitale Mündigkeit.