Digital Natives kennen sich doch eh besser aus, oder?

Über die Digital Natives zu schreiben ist ein bisschen so, wie über die Steinlaus (Petrophaga lorioti) zu schreiben.
Beide gibt es nicht, dennoch sind sie in aller Munde.
Daher mache ich mir in diesem Artikel Gedanken darüber, ob sich Digital Natives jetzt in der wilden Welt der Virtualität besser auskennen als wir Muggel – oder ob dies nicht vielleicht ein Trugschluss ist.

Digital Natives sind schnelle Anwender

Das sind sie wirklich.
Da bekomme ich schon ein mentales Schleudertrauma, wenn ich in der Straßenbahn mal bei einem Digital Native shoulder surfe, der gerade sein nächstes Pokemon jagt oder in fingerbrecherischer Geschwindigkeit durch sein WhatsApp-Adressbuch durchchattet.
Aber ist Geschwindigkeit ein Maßstab für einen Einblick in die Materie, die mit der Digitalisierung einhergeht?
Ich glaube nicht.
Mir fällt dazu immer Josy, die freundliche Schildkröte von Sascha Grammel, ein.
Josy, die einen Nebenjob als biologischer Geldautomat hat und den Weltrekord im Schnellrechnen innehält.
Josy rechnet zwar unschlagbar schnell – aber falsch.
Und ähnlich scheinen mir Digital Natives an ihre digitalen Herausforderungen heranzugehen:
auf jeden Fall sehr schnell (und mitunter … unsicher)
Die Fingerfertigkeit der Digital Natives reicht an diejenige der nordfriesischen Jungfrauen beim krabbenpuhlen heran.
Allerdings erkenne ich bei Digital Natives weniger profundes Hintergrundwissen, was das Ziel der Fingerfertigkeit angeht.
Die nordfriesische Jungfrau kennt ihre Krabbe mit Vor- und Zunamen.
Der Digital Native kennt nur die App, die gerade Opfer seiner Fingerfertigkeit ist.
Ich gebe neidlos zu, Digital Natives sind bis in das letzte Fingerglied durchtrainierte Anwender und können die App sicher schneller und gekonnter bedienen als der Entwickler dieser Anwendung.
Aber das ist keine Fertigkeit, die den Digital Natives einen Vorteil vor uns Muggeln verschafft.
Auf die Anwendung eines Werkzeugs kann jeder aus dem Winterschlaf geweckte Ameisenbär geschult werden.
Werkzeuge bedienen konnten auch unsere Vorfahren aus der Jungsteinzeit schon, das ist kein großer evolutionärer Sprung.
Aber die Herstellung eines Faustkeils – oder das Wissen, warum wir unsere Daten schützen sollten – das sind die kleinen Vorteile, die uns vor Säbelzahntiger und Datenkrake schützen.

Digital Natives sind die Spitze der technologischen Entwicklung – für die nächsten fünf Jahre

Digital Natives wurden (bisher) noch nicht mit revolutionären Umwälzungen konfrontiert.
Für sie gab es schon immer Smartphones und das Internet.
Sie kennen keine Welt ohne diese technischen Spielereien.
Wir Muggel hingegen sind schon durch einige – zugegebenermaßen nicht so gesellschaftsdurchdringende – Täler der Tränen der neuen Entwicklungen gegangen.
Wir haben Leid und Lust neuer Erfindungen (das erste E-Netz Handy war auch Schock und Segen) schon mehrfach durchlebt.
Von daher sind wir langsam (aber sicher) an derartige  gesellschaftliche Auswirkungen technologischer Entwicklungen herangeführt worden.
Digital Natives erwischt diese technische Revolution gänzlich unvorbereitet.
Umwälzungen, Neuentwicklungen, der nächste heiße Scheiß kommen immer – und zusätzlich immer schneller.
Was sich bislang in Zeiträumen von Generationen oder Jahrzehnten abgespielt hat, erleben wir mittlerweile schon innerhalb von fünf Jahren – und zukünftig werden diese Sprünge noch schneller stattfinden.
Eine zusätzliche Auswirkung dieser engen Bindung, die ein Digital Native mit dem Smartphone seines Herzens eingeht, ist das erlebte Leid bei Entzug desselben.
Sei es durch den zunehmenden Energiehunger dieser unersättlichen Daten- und Zeitfresser.
Da ist das wachsende Angebot von Ladestationen in Elektronikmärkten oder Cafe-Ketten schon eher mit dem anfixen durch “kostenlose” Drogenproben zu vergleichen als mit einem kundenfreundlichen Servicegedanken.
Oder der als gewaltsam betrachteten Trennung eines Smartphone-Junkies von seinem Drogenbesteck durch Lehrer oder unverständige Chefs.
Da halte ich Auswüchse in der Form, dass Lehrer Verständnis für whatsAppende Schüler im Unterricht zeigen eher für unverständlich.
Ich hab zu meiner Zeit auch eine auf den Stecker bekommen, wenn ich im Unterricht gepennt habe oder Batman-Comics gelesen habe.

Was kümmerts den Digital Native schon

Unbekümmert und lebensfroh – oder doch eher desinteressiert und gleichgültig?
Meiner Erfahrung nach zeigt der Digital Native eher wenig Interesse für die Hintergründe seiner glücklich datenversorgten Lage.
Hier findet keine Reflexion statt, wie es denn möglich ist, dass ihm ein weltumspannendes, gesellschaftsdurchdringendes und gleichwohl -erschütterndes Netzwerk zur Verfügung gestellt wird – for free!
Hier steht kein Fragezeichen auf den Gesichtern gemalt, wer die tausenden Server, Datenbanken, Hochleistungsrechenzentren und Entwicklung dahinter bezahlt.
Keiner von den mir bekannten Digital Natives ist bereit, Geld für Wissen, Daten, Dienste im virtuellen Raum in die Hand zu nehmen.
Die Smartphones sind mit dem Handy-Vertrag bezahlt – da fallen auch keine offensichtlichen Kosten auf (aber an).
Welche Auswirkungen diese Kostenlos-Mentalität auf die Privatsphäre hat, auf soziale (Un-)Gerechtigkeit und die Umwelt – in dieser Hinsicht scheint der Geist der Digital Natives eher zen-artig zu sein:
ein leeres Blatt.
Ich habe inzwischen schon häufig erfahren, dass Themen wie Umweltverschmutzung (durch die schädliche Gewinnung Seltener Erden für die Produktion von Smartphones) oder die Ausbeutung durch Kinderarbeit (bei der Förderung von “unfairem”, weil konfliktbehaftetem Gold) überhaupt nicht auf dem sozialen Schirm auftauchen – obwohl die Digital Natives so social-media-versiert sind.
Auch was Privatsphäre angeht glänzen die Digital Natives eher mit einem post-privacy durchtränkten “Ich habe doch nichts zu verbergen!” – anstatt sich mit dem Gedanken zu beschäftigen, dass auch diese Generation sehr wohl etwas zu verbergen hat!
Aber Sting hat wohl recht, wenn er sein History Will Teach Us Nothing singt.
Da haben wir (also so gesellschaftlich gesprochen – denn, um es mit dem Immigration-Questionnaire unserer transatlantischen Freunde zu sagen, ich habe nicht am Holocaust teilgenommen) schon zwei totalitäre Regime überstanden und mit Heulen und Zähneknirschen geschworen, dass so etwas (ich ziele hier gerade auf den Überwachungsteil der Regime ab) nie wieder vorkommen darf.
Und was machen die Digital Natives?
Mit fröhlichem Fingerstreich geben sie auch noch das letzte Datum ihrer Privatsphäre den großen (und kleinen) Datenkraken preis.
Freiwillig.
Ihren Eltern würden sie höchstens unter Androhung von Foltermethoden (welche noch nicht einmal die CIA befürworten würde) erzählen, was sie in der Schule erlebt haben.
Aber auf Facebook posaunen sie alles freiwillig heraus!
Seufz.
Ich versteh sie nicht diese Digital Natives.

Und sonst noch?

Auch einen Überblick über Alternativen zu haben ist ein wesentliches Merkmal, eine Technologie durchdrungen zu haben.
Leider ist an dieser Stelle auch kein Blumentopf zu gewinnen für unsere digital nativen Power-User.
Sie kennen jeden neuen Hype.
Springen schneller auf den Pokemon Go-Zug auf, als Team Rocket “Das war ein Schuss in den Ofen!” brüllen kann.
Aber das einzige, was hier zählt, ist Mainstream zu sein.
Möglicherweise haben die DN an dieser Stelle einmal zu viel (und zu falsch!) auf Albert Einstein gehört:

"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.

Dabei war es – zumindest zu meiner Zeit als pubertierender Jugendlicher – noch ein herrausragendes Merkmal gerade nicht Mainstream zu sein.
Wir haben uns nach Kräften bemühlt, anders zu sein als alle.
Zugegeben, auch das ist nicht der Weisheit letzter Schluss.
Sind wir doch in unserem Drang nach Individualität “Wir sind alle Individuen“-brüllend (“Ich nicht!“) letztlich auch oft genug der heiligen Sandale hinterher gelatscht.
Andere Musik zu hören, andere Filme zu schauen, anders auszusehen.
Aber heute – so ist mei Empfinden – machen alle DN genau das Gleiche.
Alle sind bei Facebook.
Alle nutzen WhatsApp.
Oder SnapChat.
Keiner schaut sich nach Alternativen um.
Das ist ja alles sooo schwierig.
Bei Signal ist ja keiner.
Bei diaspora* ist man so allein.
Das macht das Leben spannend 🙂
Nicht ob ich 3873 “Freunde” bei Facebook oder in meinem WhatsApp-Adressbuch hab.
Ich will mit meinen fünf Kumpels quatschen, nicht mit der ganzen Welt.
Es ist nicht wichtig, es wie alle anderen zu machen. Es ist auch nicht wichtig, es anders als alle anderen zu machen. Das Mindset ist wichtig.
Es ist wichtig, es aus eigener Überzeugung zu tun. Darauf kommt es an.

TL;DR

  • schnell! aber falsch! – Digital Natives sind schnelle Anwender
  • langsam – aber sicher 🙂
  • Überrollt von der technischen Revolution – Digital Natives sind die Spitze der technologischen Entwicklung – für die nächsten fünf Jahre
  • The Generation of Indifference – Was kümmerts den Digital Native schon
  • Schafe blicken auf – Und sonst noch?

Und jetzt?
Macht was – anders!