Digital Natives haben es schwerer

In diesem Themenkomplex richte ich mein Augenmerk auf die unschuldigsten Opfer der Digitalisierung:
Digital Natives.
Von den konsum- und datengeilen Internetkonzernen als die wahren Zauberer und Hexen eines digitalen Miteinanders hochstilisiert, neben denen die Muggel der digitalen Moderne bestenfalls als kurzfristige Besucher geduldet sind.
Sind diese in meinen Augen doch eher die größten Verlierer dieser Entwicklung, die mit einem Break-Neck-Pace über uns hinwegrollt und uns – wenn wir nicht achtgeben – als Kollateralschaden auf dem Standstreifen des Digital Highways zurücklässt.
Aber betrachten wir doch heute näher, warum ich der Ansicht bin, dass es Digital Natives schwerer haben.

There Is No Such Thing as a Digital Native

Liebe vermeintlich digital Eingeborene – es tut mir leid, es gibt euch nicht.
Nun, wie komme ich auf diese unerhörte Aussage?
Zum einen ist es nicht meine Aussage.
Alexander Markowetz erläutert in seinem Buch Digitaler Burnout ausführlich, warum es keine Digital Natives gibt.
Es liegt zum einen daran, dass niemand mit den Fähigkeiten zu digitaler Kommunikation geboren wird.
Von daher ist der Begriff schon falsch gewählt.
Eingeboren beinhaltet eben wesentlich die Tatsache, dass man mit der so bezeichneten Eigenschaft bereits geboren wird.
Digitale Kommunikation ist eine erlernte Fähigkeit, keine angeborene.
Was die auf diese Weise falsch betitelten digitalen Eingeborenen aufweisen ist die Tatsache, dass sie sehr früh mit digitaler Kommunikation in Kontakt treten – nicht unbedingt zu ihrem Vorteil, wie ich finde.
Kinder lernen zunächst durch Imitation der Verhaltensweisen, die sie bei Älteren sehen.
Daher sollten wir mit unserer Kritik an den “unmöglichen” Verhaltensweisen unserer Kinder hinsichtlich ihrer Mediennutzung sehr zurückhaltend sein.
Denn die Grundlagen dieses “unmöglichen” Verhaltens haben sie von uns, ihren Vorbildern, gelernt.
Wenn jetzt dieser – teils selbstgewählten – Gruppe jetzt so ein Stempel von außen aufgedrückt wird, ist das schon per se schwierig.
Stellt sich dieser Stempel auch noch als ein solches Leergeschäft heraus, dann wird es noch deutlich bitterer.
Daher halte diesen Schwindel, der aus purer Profitgier der Datenkraken in die Welt gesetzt wurde, für einen der Gründe, warum es Digital Natives schwerer haben.

Das einzige, was Bestand hat, ist der Wandel

Ein weiterer Grund, warum es die Digital Natives (ich weiß, ich weiß – minutenlang hacke ich auf dem Begriff herum und belege, warum er falsch gewählt ist – und dann nutze ich ihn selber. Ja, jetzt bleiben wir mal die nächsten vier Wochen dabei, dann brauchen wir uns nicht auf ein neues Wording festbeißen) schwerer haben als wir Muggel der Digitalisierung, ist der beständige Wandel.
Nichts ist von Dauer, das Wissen seit dem zwölf Jahre dauernden tausendjährigen Reich und der Atomausstieg, der ewig währt.
Wir Muggel haben gelernt damit umzugehen.
Wir Muggel sind es gewohnt, vom Tempo zum Softie, von der Schallplatte zur Kassette zur CD und weiter zum holografischen Quantenspeicher zu wechseln.
Die Zauberer und Hexen der virtuellen Welt haben es nicht gelernt.
Aber sie werden es lernen.
Schmerzhaft.
Alvin Toffler hat bereits in den 1970er Jahren in seinem Buch Der Zukunftsschock einen beständigen revolutionären Wandel in der Computertechnologie prognostiziert.
Alexander Markowetz hat dies für die Digital Natives extrapoliert und gezeigt, dass ein Digital Native bis zu seinem 60. Geburtstag mindestens zwölf solcher Revolutionen durchleiden wird.
Dies liegt daran, dass wir etwa alle fünf Jahre eine technische Umwälzung erleben werden.
Diese Umwälzung wird alles, was wir uns mühsam an technologischen Fertigkeiten erarbeitet haben, ad obsoletum führen.
Wir Muggel sind darauf vorbereitet – die Zauberer und Hexen wird es vollkommen unvorbereitet treffen.
Ihr habt mein Mitgefühl, Digital Natives.

Eure Jobs hängen am seidenen social-Media-Faden

Algorithmen sind zum kotzen.
Auf jeden Fall dann, wenn sie uns die Karriere versauen.
Und das tun sie bereits, denn im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten werden Bewerber für einen Job schon im Vorfeld von Algorithmen vorselektiert, welche soziale Medien nach Stichworten (mir fällt in diesem Zusammenhang mit den “Selektoren” der Terrorhatz auf) durchsuchen, um die Hintergründe des hoffnungsfrohen Bewerbers zu durchleuchten.
Da diese Algorithmen sich immer stärker als “biased” und häufig rassistisch herausstellen, werden die informationsliefernden Medien zunehmend unsozialer.
Und Deutschland wird an dieser Stelle nachziehen.
Natürlich ist es vollkommen illegal, die Bewerber in Facebook oder Xing zu durchleuchten – aber wer soll es schon überprüfen, rügen und verhindern?
Ich finde es mehr als befremdlich, dass Menschen nicht einfach mehr machen können, was sie machen wollen, weil sie immer die Befürchtung haben müssen, dass es auf irgendeinem Weg in die unsozialen Medien wandert und dort dann von Algorithmen zur Bewerbervorauswahl herangezogen wird.

Lost in transit

Ähnlich verloren wie ich mich im Stuttgarter Nahverkehrs-Chaos fühle, muss sich ein Digital Native im Dschungel der digitalen Kommunikation vorkommen.
War Kommunikation in der guten alten Zeit noch klar strukturiert und unterteilt

  • Briefe für lange und langsame Gedankenaustausche
  • Postkarten für den bunten Urlaubsgruß
  • Eine klar strukturierte E-Mail (wenn es einmal eiliger ist)
  • Telefonate für die schnelle Abstimmung
  • persönliche Treffen für alles wirklich wichtige

So ist heutzutage eine technologische Verwirrung von geradezu babylonischem Ausmaß

  • Meld ich mich jetzt per WhatsApp?
  • Poste ich meinen Gruß aus dem Urlaub auf meiner Timeline oder auf derjenigen meines Kumpels, dem ich einen Urlaubsgruß schicken will?
  • Sammel ich meine Fotos bei Instagram oder lieber bei Pinterest?
  • Und sind meine Eltern jetzt auch schon bei SnapChat?
  • Und was überhaupt mach ich mit Pokemon-Go?

Ach, irgendwie geht jetzt bei allem alles und die etablierten Technologien sind ja auch noch da…
Die Multi-Options-Gesellschaft ist Fluch – nicht Segen. Diese Folgerung wiederhole ich nur – sie ist zwar meine eigene Erfahrung, aber nachgewiesen hat dies der Soziologe Peter Gross.
Zuviel Auswahl macht unglücklich und führt gewissermaßen zu einer Entscheidungsstarre.

Alles und noch viel mehr davon

Auch an anderer Stelle schenke ich den Digital Natives mein Mitgefühl.
Wir Muggel mussten unsere Musik noch händisch aussuchen.
Für unterwegs gab es bestenfalls ein Mix-Tape mit unseren Lieblingsliedern.
Filme haben wir im Fernsehen gesehen, sind in die Videothek oder ins Kino gegangen.
Bücher haben wir gekauft oder uns aus der Bibliothek ausgeliehen.
Alles in begrenztem und überschaubaren Umfang.
Und dann kamen Streaming-Dienste mit ihren Flatrate-Angeboten…
Plötzlich war alles und noch viel mehr immer und im Überfluss vorhanden.
Sozusagen das multimediale Schlaraffenland!
Ein Traum!
Oder vielleicht eher Alptraum?
Zuviel Auswahl führt oft zum genauen Gegenteil von Glück und Zufriedenheit.
Anstatt glücklich über die schier endlose Auswahl zu sein, werden wir mit zunehmender Anzahl an Möglichkeiten immer unzufriedener.
Denn wir erkennen nicht mehr positiv an, was wir gesehen haben. Sondern wir registrieren nur noch negativ, was wir alles verpasst haben.
Der amerikanische Psychologe Barry Schwarz belegt dies in seinem Essay The Tyranny of Choice.
Deswegen, lasst ab von den Infinity-Apps und beschränkt euch auf wirklich persönliche Empfehlungen und Erfahrungen.

TL;DR

  • Digital Native – das unmögliche Wesen: There is no such thing as a Digital Native
  • Ch-ch-ch-changes: Das Einzige was Bestand hat, ist der Wandel
  • Wir wissen, was du vor zehn Jahren gemacht hast: Eure Jobs hängen am seidenen social-Media-Faden
  • Womit sag ich’s meinem Kumpel: Lost in transit
  • Ich will alles: Alles, sofort und noch viel mehr davon

Puh, ein schwerer Brocken – aber nicht verzagen, sondern frohlocken!
Was uns rettet ist weniger von allem.
Fangen wir an – machen wir mal wieder einfach weniger.

Ein Gedanke zu „Digital Natives haben es schwerer“

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