Pre-Crime – vorhersagende Polizeiarbeit und Profile

Es klingt wie ein guter Plot aus einer Science-Fiction Geschichte.
Die Polizei verhindert Verbrechen, bevor sie verübt werden.
Was in der Kurzgeschichte von Philip K. Dick, welche gänsehaut-erregend gut von Steven Spielberg als Minority Report verfilmt wurde, noch durch die Vorhersagen von drei Mutanten ermöglicht wird, wird heutigentags dieser Zeit bereits durch die schnelle und weitreichende Analyse von riesigen Datenmengen angegangen, versucht zu erreichen.
Pre-Crime oder auch Predictive Policing wird seit Ende 2013 in unterschiedlichen Ausprägungen und verschiedenen Szenarien eingesetzt, um die Polizeiarbeit zu unterstützen.
Ich will heute einen Überblick über den Status Quo der vorhersagebasierten Polizeiarbeit geben.
Und ich will mir heute Gedanken darüber machen, welche Möglichkeiten sich durch durch den Einsatz von Predictive Policing ergeben und welche Gefahren ich darin sehe.

Wo stehen wir beim Predictive Policing?

Die Realität hat die Fiktion recht schnell eingeholt.
Nachdem Philip K. Dick seine Kurzgeschichte The Minority Report 1956 veröffentlich hat, wurde diese kaum ein halbes Jahrhundert später, 2002, von Steven Spielberg cineastisch im gleichnamigen Film verarbeitet.
Von da an ging die Umsetzung von Fiktion in die Realität sehr schnell.
2011 wurde das erste Predictive Policing Programm (PredPol) in verschiedenen Städten der USA eingeführt.
Diesem folgte 2013 Delaware mit dem Programm TAPS und in 2014 wurde das Programm Heat List in Chicago und erstmals auch in Europa in London eingesetzt.
Seit 2015 laufen mittlerweile auch Tests zur vorhersagenden Polizeiarbeit in verschiedenen Regionen in Deutschland mit dem Prognoseprogramm Precobs (Pre Crime Observation System).

Welche Ausprägungen bieten computerbasierte Prognosesysteme

Grundsätzlich sehen wir aktuell zwei unterschiedliche Entwicklungen bei den computerbasierten Vorhersageprogrammen zur Verbrechensverhinderung.
In Amerika zielen die Programme auf einzelne, als gefährlich eingestufte potentielle Täter ab.
Diese werden, so sehen wir dies in Chicago, in einer sogenannten Heat List erfasst. Bei dieser Prognosearbeit werden gezielt soziale Profile von bisher bekannten Tätern durchforstet und es wird ein Score ermittelt, mit welcher Wahrscheinlichkeit diese einzeln überwachten Personen wieder straffällig werden.
In Deutschland folgt die computerbasierte Prognosearbeit der Polizei einem grundlegend anderen Ansatz.
Hier werden keine Täterprofile aus sozialen Netzwerken erstellt.
Hier werden bereits aufgetretene und als mögliche Serie identifizierten Wohnungseinbrüche oder Autodiebstähle analysiert.
Daraus werden Wohngebiete als potenzielle zukünftige Tatorte ermittelt und innerhalb der auf die bereits stattgefundenen Straftaten folgenden 72 Stunden stärker durch die Polizei überwacht.

Positive Auswirkungen von Predictive Policing

Nun, zunächst setzte an dieser Stelle die virtuelle Form von betretenem Schweigen ein.
Abgesehen von den vollmundigen Versprechungen der Softwarehersteller und der Polizeibehörden, dass hier deutliche Vorteile zu verzeichnen sind, gibt es diese faktisch jedoch noch nicht.
Das Innenministerium in Bayern spricht zwar von einem Rückgang um 42 Prozent bei den Wohnungseinbrüchen in den durch Precobs beobachteten Gebieten.
Allerdings halte ich diese Zahlen für nicht haltbar.
Der Test mit Precobs startete in München erst im Oktober 2014 und lief bis September 2015.
Dieser Zeitraum reicht sicher nicht aus, um sagen zu können, dass allein aufgrund des Einsatzes von Precobs dieser Rückgang zu verzeichnen ist.
Hierbei werden schlicht andere Faktoren außer acht gelassen, wie Wetter, Änderungen im Verhalten von Bewohnern oder einfach eine Verlagerung auf andere Tatorte.
Als weitere positive Auswirkung von predictive Policing wird genannt, dass die Polizeiarbeit beschleunigt wird.
Gut, dies ist jetzt weniger eine positive Auswirkung der Arbeit mit Precobs als eher eine Notwendigkeit.
Denn die Prognose von weiteren Straftaten wie Wohnungseinbrüchen und Autodiebstählen in einem als Verbrechenstatort identifizierten Gebiet trifft maximal für die folgenden 72 Stunden zu.
Da hilft halt eine schnelle Reaktion auf die computerbasierte Prognose deutlich. Ansonsten stellt sich die Prognose als obsolet dar.
Aber als Auswirkung von Predictivice Policing zu behaupten, die Polizeiarbeit wird beschleunigt, stellt eine unzulässige Vereinfachung dar.

Negative Folgen von Predictive Policing

Nachdem ich jetzt gezeigt habe, dass selbst die vermeintlichen positiven Aspekte von computerbasierter Vorhersage in der Polizeiarbeit im Grunde negative Auswirkungen haben, bin ich gespannt, ob deren negativen Folgen noch düsterer sind.
Oder wir werden überrascht und die vermeintlichen Negativfolgen stellen sich als positiv heraus.
Betrachten wir zunächst die Täterprofil-basierten Programme.

  • Wir wissen nicht, wer den Algorithmus zur Berechnung des Scores eines möglichen Täters erstellt hat.
    Damit besteht schon die Gefahr, dass der Programmierer seine eigenen Vorurteile mit in die Software programmiert hat.
    Software ist aktuell noch von Menschen erstellt und Menschen haben Vorurteile.
    Diese fließen immer mit in die Algorithmen ein und können, wenn es sich um Closed Source handelt, nicht geprüft werden.
  • Das Ranking, welches bei der Täterprofil-basierten Vorgehensweise erstellt wird, kann dazu führen, kann zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Ein potenzieller Täter wird erst zum Täter dadurch, dass er auf dieser Liste steht.
    Der ungültige Zirkelbezug „Weil du auf der Liste stehst, gibt es einen Grund dafür, dass du auf der Liste stehst.“ kann bei den Polizeibehörden dazu führen, genau diese Menschen in ein Verbrechen zu treiben.
  • Wir wissen nicht, nach welchen Kriterien der Algorithmus soziale Profile durchsucht.
    An dieser Stelle können schon rassistische Diskriminierungen auftreten, dass ein Unbeteiligter als potenzieller Täter auf die Liste gesetzt wird, weil er den „falschen“ Namen hat, in der „falschen“ Gegend lebt oder einfach die „falschen“ Freunde hat.

Nun, das sieht alles schon deutlich negativ aus, aber wir haben noch die deutsche Ausprägung der Prognosesoftware als Lichtblick.
Hoffen wir auf bessere Ergebnisse.

  • Die Software Precobs wird von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen, dem Institut für musterbasierte Prognosetechnik (IfmPt) entwickelt.
    Mir gefällt es nicht, dass staatliche Aufgaben wie die Polizeiarbeit durch privatwirtschaftliche Software, die obendrein noch Closed Source ist, übernommen wird.
    Obendrein wird Precobs, zumindest in Baden-Württemberg auch von der Firma microm Consumer Marketing unterstützt.
    Die microm ist ein Unternehmen der Creditreform, eine Wirtschaftsauskunftei und Inkassodienstleister.
    An dieser Stelle läuft mir mehr als nur ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
    Ich halte es schon für äußerst gefährlich, wenn eine Wirtschaftsauskunftei in Personalunion auch Inkassodienstleister ist.
    Aber wenn ich dann sehe, dass diese über Tatortinformationen von begangenen Verbrechen verfügen und daraus Prognosen für die nächsten möglichen Tatorte erstellen, dann wird mir schon ein bissel schlecht.Zwar wird laut Aussage der Baden-Württembergischen Polizei strikt darauf geachtet, dass in Precobs keine personenbezogenen Daten gespeichert werden.
    Aber dies ist auch nicht notwendig, wenn bei dieser unheiligen Konstellation von Prognosesoftware und Wirtschaftsauskunftei die vorhandenen Metadaten miteinander korreliert werden.
  • Weiterhin kann die Prognose für zukünftige Tatorte als Grund genommen werden, dass nicht nur für die nächsten 72 Stunden mehr Streifen in die prognostizierten Gebiete geschickt werden, sondern dass zukünftig eine verstärkte dauerhafte Videoüberwachung dieser und weiterer Gegenden erfolgt.
    Somit kann der Einsatz von Predictive Policing zu mehr Überwachung führen.
  • Und letztlich kann es einfach dazu führen, dass die bisher in Region A aufgetretenen Serienstraftaten sich jetzt nach Gebiet B verlagern.
    Damit kann auch wundervoll auf mikroregionaler Ebene betrachtet ein Erfolg für Predictive Policing vermeldet werden.

TL;DR

  • Sci-Fi oder Realität: Wo kommt Pre-Crime her?
  • Stand der Dinge: Wo stehen wir beim Predictive Policing?
  • Täterprofile und zukünftige Tatorte: Ausprägungen von Predictive Policing
  • Gibt es etwas Gutes?: Positive Auswirkungen von Predictive Policing
  • Schlechte Laune: Negative Auswirkungen von Predictive Policing

Und jetzt?
Vielleicht ein bisschen inspirierende Gute-Laune-Musik hören 🙂