Ich weiß, was du willst, weil ich weiß, wer deine Freunde sind – Persönlichkeitsprofile

In der letzten Woche habe ich die Erstellung und Auswirkung von Bewegungsprofilen auf unsere Privatsphäre betrachtet.
War dies noch ein Thema, welches wir gut beobachten und mitverfolgen können – z.B. durch die nicht unmaßgebliche Anzahl an Überwachungskameras auf den Straßen – so ist mein Thema in dieser Woche doch deutlich virtueller:
Persönlichkeitsprofile
Ich stelle oft fest, dass beim Thema Erstellung von Persönlichkeitsprofilen das Spektrum zwischen „Ach, mich kann man nicht manipulieren!“ bis „Oh, ich finde es schön, wenn ich auf mich passende Angebote erhalte.“ schwankt.
Allerdings geht das Bilden und Auswerten von Profilen im Internet mittlerweile weit über das Anbieten von „passenden“ Angeboten hinaus.
In welche Richtung das Profiling mittlerweile geht, will ich heute zeigen.

No Profile – no Credit

Dass Facebook Profile über uns erstellt, haben wir mittlerweile – mehr oder weniger – schulterzuckend hingenommen.
Aber dass mittlerweile unsere Freunde und sogar unsere eigenen Postings unsere Kreditwürdigkeit untergraben können, halte ich für alptraumhaft.
Noch schlimmer wird dieser Alptraum jedoch, wenn wir den Überlegungen von Marc Elsberg in seinem Roman Zero folgen:
Schlimmer als ein schlechtes Profil oder ein schlechtes Ranking ist es, gar kein Profil zu haben.
Diese Situationen – die tatsächliche bei Facebook-Profilen und die (noch) fiktionale bei Freemee – bedeuten für einen Facebook-Verweigerer wie mich eine harte – weil kreditunwürdige – Zukunft.

In deiner Echokammer hörst du dich nur selbst schreien

Persönlichkeitsprofile wirken sich jedoch auch noch an anderer Stelle auf ganz andere Art und Weise aus.
Durch die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen wird unsere gesamte Wahrnehmung angepasst.
Positiv formuliert kann diese Anpassung als „Verbesserung“ dargestellt werden, realistisch gesehen ist es jedoch Manipulation.
Aber wovon spreche ich?
Die Filterblase – auch Echokammer genannt – in die uns Google einbettet aufgrund derer Erkenntnisse über uns.
Grundsätzlich will uns Google mit der Vorauswahl von Dingen, die uns scheinbar interessieren – weil durch unser bisheriges Suchverhalten bestätigt – zunächst helfen. Was jedoch dabei geschieht, hat schon Adolph Freiherr Knigge trefflich formuliert:
Man glaubt es gar nicht, welch ein eintöniges Wesen man wird, wenn man sich immer in dem Zirkel der eigenen Lieblingsbegriffe herumdreht, und wie man dann alles wegwirft, was nicht unser Siegel an der Stirne trägt.
Da diese Vorauswahl ohne unsere Kenntnis stattfindet, tritt neben der Eintönigkeit, die sich einstellt, noch ein weiterer Effekt ein:
Wir glauben, dass wir einen umfassenden und objektiven Blick auf die Welt haben. Es wird nach und nach alles ausgeblendet, was der Algorithmus als für uns uninteressant ausblendet.
Wir kreisen immer enger und immer schneller um unsere immer fester zementierten etablierten Gedanken und Meinungen – gemeinsam mit den Menschen, die uns als ähnlich denkend empfohlen wurden.

Die Empfehlungsmaschine

In eine ähnliche Kerbe wie Google schlägt auch Amazon.
Allerdings nicht, um uns durch eine Vorauswahl in der schier unbewältigbaren Informationsflut einen digitalen Rettungsring zuzuwerfen.
Sondern hier stehen klar identifizierbare monetäre Interessen im Vordergrund.
Ein Mensch ist einfach eher bereit, etwas Bekanntes zu kaufen als etwas vollkommen Neues.
Auch reagiert ein Mensch schneller auf – vermeintlich – persönliche Empfehlungen als auf eine nüchtern-neutrale Bewertung eines Produktes.
Diese beiden Faktoren macht sich Amazon (und auch andere Internetkonzerne) zu Nutze und empfiehlt uns das Blaue vom Himmel herunter – wenn Amazon dies denn in seinem schier unüberschaubaren Warenangebot listen würde.
Die Trefferrate bei den Empfehlungen dieser Empfehlungsmaschine ist so hoch, dass an dieser Stelle mittlerweile „Fehler“ eingebaut werden, um den Creepiness-Effekt abzumildern.
Dieser Creepiness-Effekt tritt ein, wenn potentielle Kunden das Gefühl haben, die Empfehlungen treffen zu genau auf ihre Persönlichkeit zu.
Für mich ist dies ein Beleg dafür, dass die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen schon erschreckend gut ist. Internetkonzerne verkaufen offensichtlich lieber etwas weniger, als einen Kunden durch den Creepiness-Effekt vollständig zu verlieren. Creepy.

Tracker und Trader

Bisher habe ich von einzelnen Effekten bei verschiedenen Datensammlern gesprochen.
Was passiert jedoch, wenn dies alles zusammenläuft?
Undenkbar, höre ich mich sagen!
Und doch, das ist die Realität. Facebook, Google und Amazon treten weder allein noch isoliert im Internet auf.
Diese – und andere – Konzerne verfolgen zwar eigene – und auch gewiss konkurrierende – Ziele, aber hinsichtlich der Erstellung von Persönlichkeitsprofilen ziehen sie doch gern (und erfolgreich) an einem Strang.
Und dieser Strang beinhaltet unterschiedliche Tracking-Mechanismen wie der Allerseiten verachtete Like-Button, Beacons und Fingerprinting.
Allesamt Mittel, um uns über sämtliche besuchten Seiten hinweg eindeutig identifizier-, verfolg- und manipulierbar zu machen.
Dieses Tracking – egal mittels welcher Technologien es durchgeführt wird – liefert den Internetkonzernen (entweder durch Drittanbieter, welche diese Daten sammeln oder durch eigene Sammelmaßnahmen) das notwendige Rüstzeug, um Profile über uns zu erstellen.
Und je mehr Rüstzeug die Datenkraken anhäufen, desto nackter und schutzloser werden wir.

Wenn wir zur Ware werden

Die Erstellung von Persönlichkeitsprofilen in Reinform liefern Datenkraken wie acxiom, Schober, arvato infoscore und die Schufa.
Diese Unternehmen sind in unserer Wahrnehmung im Internet eher unsichtbar.
Aus gutem Grund:
Kämen die ungeheuerliche Sammelwut und die unanständig-invasiven Datenkorrelationsmöglichkeiten dieser informatorischen Aasgeier ans Licht, wäre der Unmut der unbedarften Persönlichkeitsprofil-Träger vermutlich größer.
Diese Datenhändler liefern die Grundlage dafür, warum derjenige keinen Kredit bekommt, der in der „falschen“ Gegend lebt.
Auch wenn wir keinen Handyvertrag abschließen oder keine Wohnung mieten können (weil wir das „falsche“ Alter, Geschlecht oder die „falsche“ Ausbildung haben, geht auf die Rechnung dieser Datenhändler.
Ich halte es für verwerflich, welche Datenmengen diese nahezu unsichtbar operierenden Unternehmen ansammeln, zu erschreckenden Persönlichkeitsprofilen korrelieren und gegen Einwurf kleiner Münzen (oder großer Scheine) an den Zahlungswilligen verkaufen.
Bäh!

Was tun? Was hilft?

George_Cruikshank_Oliver_Twist
By George Cruikshank – Oliver Twist by Charles Dickens via www.foliosoc.co.uk, Public Domain

Stehen wir dieser Profilbildung hilflos wie Charles Dickens‘ Titelheld aus Oliver Twist gegenüber und bitten unterwürfig:
Bitte, Herr, ich möchte noch etwas mehr!“?
Nein, wir können selbstbewusst unsere Privatsphäre und unsere Freiheit verteidigen – indem wir uns der Verfolgung und Profilbildung widersetzen!
Dazu reichen schon einfache Add-ons im Browser unserer Wahl aus (dies soll uns der Firefox sein), die uns bei der Wiedererlangung der Kontrolle über unsere Daten unterstützen.

  • Cookie Controller: Kontrolle über Cookies – damit wir nicht weiterhin mit einem allseits sichtbaren Post-it auf der Stirn im Internet surfen.
  • Privacy Badger: Schutz vor Tracking.
  • uBlock Origin: Schutz vor unerwünschter Werbung.

Beim Schutz unserer Privatsphäre benötigen wir mitunter auch technische Hilfe – und die bekommen wir hier.
Einfach, effektiv und sicher.

TL;DR

  • Kreditverlust durch die falschen Freunde: No Profile – No Credit
  • Du drehst dich nur noch um dich selbst: In der Echokammer hörst du nur dich selbst
  • Kauf gefälligst das, was wir dir verkaufen wollen: Die Empfehlungsmaschine
  • Verfolgt über das ganze Internet: Tracker und Trader
  • Die Datenhändler im Hintergrund: Wenn wir zur Ware werden
  • Tipps zum Schutz vor Profilbildung: Was tun? Was hilft?

Und jetzt?
Nicht verzagen, nicht klagen – mich um Unterstützung fragen!