Was ist denn so schlimm an Profilen?

Ständig fordert die Gesellschaft von uns, dass wir mehr “Profil” zeigen.

  • Wir sollen nicht oberflächlich, nicht belanglos sein.
  • Wir sollen Eindruck hinterlassen – also ein Profil.
  • Uns wird beigebracht, eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen.

Das ist alles gut gemeint und hat einen hohen gesellschaftlichen Wert.
Denn würden wir alle gesichtslos sein, ohne Unterscheidungsmerkmal, dann wären wir eine graue, anonyme Masse.
Aber das, was die Datenkraken mit unseren Daten anstellen hat nichts mit der gesellschaftlichen Ideen zu tun, was dahinter steckt, wenn wir mehr “Profil” zeigen sollen.
Heute mache ich mir Gedanken darüber, warum ich es für gefährlich und falsch halte, wenn Profile von uns erstellt werden.
Wenn wir uns bewegen – nicht nur im Internet – hinterlassen wir mittlerweile nahezu ständig und überall unsere digitalen Spuren.
Durch Überwachungskameras und die Überwachungswanzen – unsere Smartphones und sonstigen “smarten” Begleiter – erzeugen wir eine umfängliche Datenspur unserer Bewegungen: es entsteht ein Bewegungsprofil von uns.

  • Jeder Klick den wir im Internet machen ist ein weiteres Puzzleteil zu unserem Interessenprofil.
  • Jeden Kontakt den wir in unseren diversen unsozialen Netzwerken pflegen ergänzt unser Profil.

Aus diesen Profilen und der Korrelation der dadurch gewonnenen Daten wird ein weiteres Profil, ein Verhaltensprofil, über uns erstellt.
Aber was ist jetzt so schlecht daran, dass diese und weitere Profile über uns erzeugt, gespeichert – und ausgewertet – werden?

Unsere Entscheidungsfreiheit wird eingeschränkt

Durch die Profile, insbesondere durch die Kommunikations- und Verhaltensprofile werden wir durch die Internetkonzerne in eine Filterblase eingeschlossen.
Uns werden nur noch die für uns vorselektierten, “relevanten” Artikel, Produkte und “Freunde” empfohlen .
(Anmerkung: wenn ich hier weiterhin das Social-Media-Sprech der Datenkraken anwende, dann stolpere ich hier von Hochkomma zu Hochkomma. Daher, heute ohne Hochkommas. Der entspannte Autor)
Eli Pariser stellt diese Auswirkung eindrucksvoll in seinem Buch “Filter Bubble” dar.
Das Problem dabei ist, dass wir nur noch einen Ausschnitt des verfügbaren Angebots sehen.
Nun, an dieser Stelle korrigiere ich mich:
Nur einen Ausschnitt des verfügbaren Angebots zu sehen ist noch nicht das Problem.
Das Problem ensteht dadurch, dass wir nicht wissen, dass wir uns in einer Filterblase befinden.
Wir gehen davon aus, dass wir das vollständige Angebot sehen.
Wenn wir uns in der wirklichen Welt bewegen, sehen wir auch oft nur einen Ausschnitt des vollständigen Angebots.
Aber hier sind wir uns dessen bewusst.
Wenn wir Plakate auf der Straße sehen, wissen wir, dass hier nur Veranstaltungen aus der Region zu sehen sind.
Wir wissen jedoch, dass es in anderen Regionen andere Veranstaltungen beworben werden.
Das ist also o.k.
Wenn wir jedoch aufgrund der Algorithmen des einen oder anderen obskuren Datenkraken – wir können auch sagen obskuren Algorithmen, denn das sind sie: obskur.
Denn noch nicht einmal die Entwickler der Algorithmen können mit Bestimmtheit das Ergebnis ihrer Entwicklung vorhersagen, geschweige denn erklären.
Brave New World!
Zurück zu den Algorithmen und ihren Datenkraken.
Wir wissen weder, dass wir in einer Filterblase sind, noch wissen wir, aufgrund welcher Korrelationen wir darin gelandet sind.
Und dieser Zustand entmündigt uns nun in zweierlei Hinsicht:

  1. Wir verlieren unsere informationelle Selbstbestimmung
  2. Wir verlieren die Herrschaft über unsere Daten

Datenkrakelige Manipulation

Ein über uns angelegtes Profil wird dazu verwendet werden uns zu manipulieren.
Manipulation hat für uns noch einen greifbaren und direkten Klang.
Was wir jedoch im Internet erleben läuft viel subtiler und freundlicher ab.
Wir fühlen uns sogar geschmeichelt, dass wir persönlich angesprochen werden.
Es schmeichelt unserem Ego, dass wir genau das Produkt empfohlen bekommen, welches wir (vermeintlich) schon die ganze Zeit auf unserem inneren (oder auch bei dem ein oder anderen Internetkonzern angelegten Merkzettel) angekreuzt haben.
Wir müssen uns jedoch bewusst machen, dass die Datenkraken dies nicht aus purer Nutzerfreundlichkeit tun, sondern diese haben klare wirtschaftliche Vorteile im Fokus.
Die Wahrscheinlichkeit, dass wir als Kunden etwas kaufen, das uns persönlich empfohlen wird – sei es durch “Freunde” oder durch algorithmisch errechnete Vorlieben, ist um bis zu 30% höher als ohne profilgesteuerte Manipulation.
Das perfide an dieser Situation ist, dass es uns über die gesamte Dauer unseres Aufenthalts im virtuellen Raum verfolgt.
Es endet nicht damit, dass wir nicht mehr bei Amazon sind, nein auch wenn wir nach dem Wetter für die nächsten Tage schauen verfolgt uns immer noch die Werbung für den Geschirrspüler, den wir uns gestern angeschaut haben.
Wir werden subtil weichgekocht, bis wir endlich die nächste Generation unseres ja schon vollkommen überalterten vor zwei Monaten neu gekauften Smartphones kaufen.

Überwachung durch Profile

Profile bieten die Möglichkeit zu besserer und umfassenderer Überwachung.
Nicht nur dass Bewegungsprofile das Ergebnis der mittlerweile flächendeckenden Überwachung sind.
Die Kombination aus staatlicher und unternehmerischer Überwachung in Form von staatlichen und privaten Überwachungskameras erweitert durch die freiwillig vom Nutzer bereit gestellten Bewegungsdaten die durch Fitness-Tracker gesammelt werden.
Aber auch die vom Nutzer unfreiwillig abgezogenen Bewegungsdaten die durch die Anmeldung der Smartphones in Funkzellen entstehen tragen zu einem aussagekräftigen und umfassenden Bewegungsprofil bei.

Profile geben uns einen Wert

Na, das klingt doch mal prima!
…oder?
Ich will kein Preisschild angeheftet bekommen.
Schon gar nicht, wenn ich nicht weiß wer aufgrund welcher Kriterien diesen Preis errechnet hat.
Das jedoch geschieht wenn ein Profil von uns erstellt wird.
Wir werden bepreist.
So werden uns in Abhängigkeit von unserem Profil unterschiedliche Preise für dieselbe Ware angeboten.
Dieses Dynamic Pricing geht deutlich zu lasten unserer freien Wahlmöglichkeit auf welchem Weg und mit welchem Endgerät wir nach einem Produkt suchen.
Wir werden quasi aufgrund unseres Profils von den Datenkraken nicht nur ausgesaugt, sondern auch noch abgestraft mit höheren Preisen.
Eine andere Auswirkung vergleichender Profilbearbeitung sind Scoring-Agenturen. Zu den bekannten Faktoren die den Score – also den persönlichen Kreditwürdigkeitswert – beeinflussen wie Wohnort, Geschlecht und Alter kommen jetzt noch die Freunde und Updates die wir in den unsozialen Plattformen wie Facebook hinterlassen als Merkmale dazu.
Scoring-Agenturen sind meiner Ansicht nach sowieso schon Aasgeier der Datenwirtschaft, aber mit Big Data und der Auswertung unserer sozialen Profile haben diese hier nochmal einige Schippen an Verachtungswürdigkeit draufgelegt.

“No Man Is An Island” (John Donne)

…es ist aber auch kein Mensch eine Schachtel!
Und in eine solche wollen uns die Datenkraken stecken.
Denn es ist für diese bequemer und kosteneffizienter, wenn wir alle kalkulierbar und quantifizierbar sind.
Ich will aber in keiner Schachtel sein!
Ich will noch nicht einmal in der “gehört-zu-keiner-Schachtel” Schachtel sein.
Wir sollten alles uns nur technik- und vor allem menschenmögliche tun, damit wir von den verdammten Datenkraken nicht verschachtelt werden!
Wir fühlen uns durch die angebliche Aufmerksamkeit, die wir durch personalisierte Profilbildung erhalten geschmeichet, aber letztendlich werden wir dadurch unserer Individualität beraubt.

Verlust der informationellen Selbstbestimmung

Wir erfahren weder wer unsere Daten sammelt, noch welche Daten über uns gesammelt werden.
Schon das ist ein klarer Verstoß gegen unser Grundrecht der informationellen Selbstbestimmung.
Was jedoch noch gravierender wiegt, ist die Tatsache, dass wir nicht wissen, welche Profile von uns gebildet werden.
Uns wird vorenthalten, welche Parameter in den uns unbekannten Algorithmen eingesetzt werden um die Profile über uns zu errechnen.
Wir haben auch keinen Einblick darin, mit welchen anderen Daten die gesammelten Daten korreliert werden.
All dies verstößt massiv gegen den Grundsatz der informationellen Selbstbestimmung.
Und dagegen sollten wir uns mit allen Mitteln wehren – ansonsten verlieren wir am Ende unsere Freiheit.

TL;DR

  • Du hast keine Wahl: Einschränkung unserer Wahlfreiheit
  • Tu was wir wollen: Manipulation durch Profile
  • Ich weiß was du gestern getan hast – ich rate was du morgen tust: Überwachung
  • Wert-volle Daten-Profile: Scoring mit Profilen
  • Kasten-Denken: Profile machen uns vergleichbar
  • Datenkraken bestimmen uns: Verlust der informationellen Selbstbestimmung

Im übrigen bin ich der Meinung, dass den Datenkraken vier Paar Tentakelschellen angelegt werden sollten!
[Update 2017-06-08: Link zu Dynamic Pricing korrigiert]