Soziale Alternativen

Nachdem ich mir in den letzten Wochen Gedanken darüber gemacht habe, wie unsere Privatsphäre durch die Nutzung von unsozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter beschädigt wird, ist es heute an der Zeit, konstruktiv meinen Blick zu heben und zu zeigen, welche privatsphären-freundlichen Alternativen es gibt.
Dazu werfe ich zunächst einen Blick darauf, was ich durch die Nutzung eines sozialen Netzwerkes erreichen will.

Welche Ziele habe ich beim sozialen Netzwerken?

Für mich habe ich auf diese Frage drei unterschiedliche Ziele identifiziert (wenn du, geneigter Leser, hier noch weitere Ziele auf dem Schirm hast, freue ich mich über eine Nachricht von dir):

  • Ich will gehört werden
    Ich habe ein Thema, zu welchem ich gehört / gelesen / gesehen werden will. Das kann ich natürlich für mich in meinem kleinen Kämmerlein tun, aber dann werde ich wahrscheinlich nur von den Ratten in den Wänden gehört und mir antworten ausschließlich die Stimmen in meinem Kopf.
    Nun gut, das funktioniert.
    Aber wenn dies dein Ziel ist, dann brauchst du dir auch keine weiteren Gedanken über soziale Netzwerke im digitalen Raum machen.
    Eine weitere Möglichkeit wäre Speakers’ Corner im Hyde Park – aber das wird sich demnächst auch in eine größere Reise-Arie ändern, wenn der Brexit abgeschlossen ist.
    Und schließlich gibt es noch die Möglichkeit von virtuell-sozialen Netzwerken, wo der aspirierende Öffentlichkeitswillige innerhalb weniger Minuten eine Zuhörer-/Zuschauerschaft hat, die problemlos in die Hunderte geht.
    Bingo!
    Also stürzen wir uns darauf und nutzen die digital etablierten Netzwerke als unsere Plattform.
  • Ich will mich mit gleichgesinnten vernetzen
    In der prä-digitalen Wirklichkeit musste ich tatsächlich physisch durch meine Nachbarschaft geistern, um Gleichgesinnte für meine alpenländische Affineur-Gruppe zu finden.
    Heute erledigt sich das bequem vom Sofa aus.
    Nebenbei habe ich noch die Möglichkeit, in mehr Gruppen aktiv zu sein, als mir die Woche Tage bietet.
    Die rein temporal bedingte Begrenzung, die mir früher maximal fünf Hobbies gleichzeitig bescherte (es muss ja auch noch ein bissel Zeit für die Familie kalkuliert werden) hat sich heutigen Tags vollkommen überholt.
    Ich kann digital nicht nur auf sämtlichen Hochzeiten gleichzeitig tanzen, sondern habe auch noch die Gelegenheit, zu jedem Thema, welches nicht bei drei auf den binären Bäumen ist, meine Meinung kund zu tun.
    Überforderung und seelische Verflachung lässt schön grüßen.
  • Ich will Informationen erhalten
    Soziale Netzwerke unterstützen mich dabei, Informationen zu sammeln.
    Dies habe ich bereits in meinem letzten Artikel für Twitter ausgeführt.
    Es ist sicherlich praktisch, an einer Stelle eine Informations-Tränke für mich einzurichten.
    Doch obacht: An dem informationellen Wasserloch, an dem ich mich labe, lauern auch informationelle Predatoren, die mich als Datenbeute reißen wollen.
    Aus diesem Grund bin ich ein Freund von Divergenz: verteile deine Informationsquellen auf verschiedene Datenfutterplätze und konzentriere nicht alles auf einen hochfrequentierten Datentrog.
    Informationen gibt es überall – auch die selben (das ist das praktische an dieser Ausprägung des Internets: eine Kopie ist das Original, ist eine Kopie, ist das Original – hier und dort und da).

Welche Alternativen gibt es?

Ausgehend von obigen Zielen für die Nutzung von sozialen Netzwerken stelle ich hier einige Alternativen vor, die ebendiese Ziele verfolgen.
Es gibt – natürlich wie bei allem – auch für diese Alternative eine Schattenseite:
Sie sind nicht so bekannt und damit nicht mit einer so enormen Nutzerzahl gesegnet wie die wohl-propagierten Platzhirsche Facebook, Google+ und Twitter.
Aber – wie ich das auch schon bei meinen Gedanken zur Privatsphäre bei Facebook angemahnt habe – wer will schon mit 1,6 Milliarden anderen Menschen netzwerken, Affineur-Rezepte austauschen oder deren Meinung zu Arthouse-Filmen der späten 1990er hören?
Ich nicht, daher suche ich mir lieber spezialisierte Foren und Netzwerke und schere nicht alles über ein und denselben Kamm.

  • gnusocial ist ein Microblogging-Dienst, also quasi das Äquivalent zu Twitter.
    Nur eben dezentral und mit wirklicher Kontrolle über die eigenen Daten und die Privatsphäre.
    gnusocial bietet in Summe die gleichen Funktionalitäten wie Twitter, aber eben auf einer freien und verteilten Plattform, die weniger Angriffsfläche für die Bildung von Profilen bietet.
    By Jonas Laugs, with lettering by Steven DuBois - https://www.gnu.org/graphics/social.html, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42323897
    By Jonas Laugs, with lettering by Steven DuBois
  • diaspora* ist die freie und verteilte Alternative zu Facebook und Google+.
    Es bietet die gleichen Funktionen wie die beiden konventionellen unsozialen Netzwerke. Allerdings ohne die datenkrakigkeit und ohne das Profiling.
    Durch die dezentrale Struktur von diaspora* – und auch gnusocial -kann hier auch kein zentrales Datenregister über alle Benutzer aufgebaut werden. diaspora* bietet den gleichen Funktionsumfang wie Facebook – inklusive Posting eigener Beiträge, Kommentare vorhandener Postings und auch einem Echtzeit-Chatsystem. Was hier aktuell noch fehlt sind die 1,65 Milliarden Nutzer – aber wer braucht die schon?
    By https://wiki.diasporafoundation.org/Branding - Diaspora social network project official logo using helvetica font. Taken from the official branding page., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37517753
    By https://wiki.diasporafoundation.org/Branding
  • ein eigenes Blog
    Das ist für mich immer noch die beste Alternative, um meine eigene Meinung in der mir am besten erscheinenden Form und unter bestmöglicher Erhaltung meiner Datenhoheit über die von mir preisgegebenen Daten der digitalen Welt mitzuteilen: mein eigener Blog (nein, ich habe mich nicht verschrieben, laut Wiktionary ist Blog sowohl in neutraler wie auch in maskuliner Form gebräuchlich).

Welche Vorteile haben diese Alternativen?

Die Unterschiede – und besonders die Vorteile – dieser privatsphären-verträglichen Alternativen gegenüber den konventionellen Plattformen wie Facebook, Google+ oder Twitter stelle ich hier kurz gesammelt vor.

  • Sie sind dezentral
    Dies bedeutet, dass es keinen zentralen Server gibt, über welchen Profile aller Nutzer zusammengestellt werden können.
    Ein weiterer Vorteil der Dezentralität besteht auch weiterhin in der besseren Verfügbarkeit und der Vermeidung einer Machtkonzentration.
  • Ihr Geschäftsmodell zielt nicht auf die Daten der Nutzer ab
    Die freien Alternativen (vielleicht sollten wir sie einfach Freie Radikale nennen – obwohl diese ja eher unbeliebt/nicht gut sind 😉 – aber mir gefällt der Begriff!) haben es – im Gegensatz zu den konventionellen Datenkraken – nicht auf die Daten der Nutzer als Währung abgesehen.
    Diese freien Plattformen haben tatsächlich noch ein freies Internet zum Austausch von Ideen und Gedanken als zentrale Motivation.
  • Sie sind offen
    Also in jeder mir nur denkbaren Weise (naja, wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein 😉 ) sind diese Plattformen offen.
    Es gibt keine in den AGBs versteckt verklausulierten Datenschmutzbestimmungen oder unmöglich einzustellende Privatsphärenverschleierungen.
    Diese Plattformen wollen einfach zum Austausch und zur Kommunikation verwendet werden.
  • Ich bin Herr über meine Daten
    Der Nutzer dieser privatsphären-freundlichen Plattformen bleibt tatsächlich Besitzer seiner Daten.
    Diese werden ihm nicht durch schmutzige Tricks in den Nutzungsbedingungen entzogen.
    Der Nutzer wird auch nicht daten-entmündigt.
    Nein, hier behält er wirklich die Souveränität über die von ihm preisgegebenen Daten.

TL;DR

  • was will ich? – Ziele meiner sozialen Nutzlast
  • welche Alternativen habe ich? – gnusocial, diaspora* und Blog
  • was macht die Alternative besser? Freiheit, Offenheit, Souveränität

Und jetzt?
Zur Sonne! Zur Freiheit!
Oder zumindest zu gnusocial, diaspora* und zum eigenen Blog!