Ich hab gar nix mitbekommen – Kurznachrichten und Aufmerksamkeit

Warum habe ich eigentlich ständig den Drang, der gesamten virtuellen Weltgeschichte meine aktuelle Befindlichkeit mitzuteilen?
Worin liegt für mich der Vorteil, wenn ich alle sieben Minuten meine zu diesem Zeitpunkt wesentlichen 140 Zeichen Gemütszustände poste?
Diese und drei weitere Fragen will ich in diesem Artikel betrachten und möglicherweise auch näher beleuchten.

Warum lass ich mich eigentlich immer ablenken?

Ach, was habe ich gerade gesagt, tschuldige, ich musste kurz was simsen (gibt es schon ein eigenes Verb für “Eine Nachricht mit WhatsApp verschicken“?
Heißt das “whatsappen”?.
Falls ja und falls ernsthaft in Betracht gezogen wird, dies in den Duden aufzunehmen, sehe ich schwarz für die abendländische Sprachkultur).
Die Angst, den informatorischen Anschluss zu verlieren, treibt meiner Meinung nach viele Nutzer in eine Art pawlowschen Reflex, der durch den Kurznachrichten-Signalton ausgelöst wird und nicht in erhöhtem Speichelfluss, sondern unwillkürlichem beantworten der eben eingetroffenen Nachricht führt.
Egal ob ich gerade ein Hemd bügle, eine angeregte Unterhaltung oder ein Fahrzeug führe.
In jedem Fall führt dieses Verhalten zu Verärgerung (ein Loch ins Hemd gebrannt), Missmut (die angeregte Unterhaltung für einen virtuellen geistigen Leerstand unterbrochen) oder Tod (dummerweise mit 240 km/H in den warnblinkenden 40-Tonner vor mir gerast).
Ich frage mich, ob unserer digitalisierten Gesellschaft das, was sie im Moment tut, zu langweilig ist und wir uns aus diesem Grund so gern ablenken lassen.
Es liegt wohl auch an den kleinen, leicht verdaulichen 140 Zeichen Information, die da pro Nachricht auf mich zukommen.
Darin lassen nur schwerlich längere und komplexere Gedanken formulieren.
Genau dies scheint mir auch der Grund dafür zu sein, dass wir uns so bereitwillig von diesen 140 Zeichen leichtverdaulichem Inhalt ablenken lassen:
Es ist etwas, das uns von der öden Realität, in der wir gerade stecken, ablenkt und uns eine kurze Flucht weg vom Hier ermöglicht.
Egal wohin.
Ganz schön traurig, finde ich.
Dieser Gedanke führt mich zu der Frage:

Wo bin ich eigentlich, wenn ich kurznachrichte?

Ich habe immer das Gefühl, Menschen (zum Glück hat sich das kurznachrichten mittels Funkgeige bei Hunden und Kaninchen noch nicht durchgesetzt), die durch die Gegend whatsappen (lautmalerisch gefällt mir dieses Wort: es liegt irgendwo zwischen würgen und stolpern), tun genau dieses:
sie würgen sich ein paar schnell getippte Zeichen aus den Fingern, um dann zu vermeiden, über die eigenen Füße oder gegen den nächsten Laternenmast zu stolpern.
Sie sind weder hier (auf dem Weg durch einen Park, in einem Café oder auf ihrem Fahrrad oder am Steuer ihres – für diese Aktion viel zu schnellen – Autos) noch sind sie beim zeichenwürgenden und kommunikationsverstolperten Gegenpart (ich mag es nicht Kommunikationspartner nennen, denn das ist keine Kommunikation, die hier stattfindet).
Diese armen, unbewussten Kurznachrichter, wo sind sie denn?
Möglicherweise im Fegefeuer ihrer eigenen digital präsentismus-gesteuerten Eitelkeiten. Irgendwo zwischen nicht mehr ganz Hier aber auch noch nicht ganz Dort.
Ihr habt mein Mitgefühl.
Ich wünsche euch einen plötzlichen Akkuausfall, vielleicht macht es alles eine Zeit lang (bis zur nächsten Steckdose) ein wenig bewusster 😉

Kurznachrichten fragmentieren das Denken

Die ständige –Düdelüt!– aufmerksamkeitsheischende, Wichtigkeit –Düdelüt!– simulierende Datenflut, mit der –Düdelüt!– uns die Kurznachrichtigkeit (vielleicht sollten wir uns hier auf den Begriff “Kurzunwichtigkeit” –Düdelüt!– einigen) durchschnittlich alle dreizehn Minuten (so hat es Alexander Markowetz mit seinem Menthal-Projekt herausgefunden) aus unserer –Düdelüt!– Aufmerksamkeit herausreißt –Düdelüt!Düdelüt!– finde ich schon erschreckend.
(Anmerkung des Autors: Ganz schön –Düdelüt!– ätzend, wenn so –Düdelüt!– die Aufmerksamkeit ständig unterbrochen –Düdelüt!– wird 🙂 )
Wir kommen einfach nicht in den Flow, den unser Gehirn braucht, um konzentriert und kreativ zu arbeiten.

Multitasken funktioniert nicht – mach das eine oder das andere.

Um gleich noch mit einer anderen uns so sorgsam angefütterten Mär aufzuräumen, die gerne auch im Zusammenhang mit kurznachrichtlicher Datenvermüllung angebracht wird: Multitasking.
Ich kann doch locker ne Simse schicken, während ich – zugegebenermaßen freisprachlich – telefoniere, mir einen Burger zwischen die Kiemen zerre und mit 280 Sachen Mittelklasseautos von der linken Spur jage.
Nein, kannst du nicht.
Kann niemand.
Ist Blödsinn.
Niemand kann multitasken.
Männer nicht, Frauen nicht.
Und Computer simulieren es nur durch mehrere Prozessoren.
Miriam Meckel spricht dieses Thema in Ihrem Buch “Das Glück der Unerreichbarkeit” ebenfalls an – und findet für diesen Standpunkt ebenfalls noch weitere überzeugende Argumente.
Wir sind Menschen.
Wir können – wenn wir uns konzentrieren und nicht abgelenkt werden – eine Sache gleichzeitig machen.
Wir sollten nicht versuchen etwas zu imitieren, was einfach nicht in unserer Natur liegt.
Mach das Eine. Mach das bewusst und aufmerksam.
Und dann mach das Andere.
Wenn du versuchst beides gleichzeitig zu machen, schaffst du eines ganz sicher:
nämlich keines der beiden Dinge richtig.

Kann ich etwas tun? Was kann ich tun?

Klar kannst du etwas tun.
Nämlich genau eine Sache.
Ich sage nicht: Kurznachrichte nicht.
Ich sage: Kurznachrichte bewusst.
Bleib stehen, wenn du eine Kurznachricht liest oder schreibst.
Es erhöht deutlich die Qualität deiner Inhalte und es erhöht deutlich die Qualität deines Erlebens.
Vielleicht erhöht es auch die Qualität deines Lebens, wenn du mit 280 Sachen auf der Autobahn unterwegs bist.
Überleg dir bewusst, was du schreiben willst.
Schreib nicht bloß als pawlowscher Reflex.
Schreibe, weil du etwas zu schreiben hast.
Gönne dir Pausen.
Schreib nicht immer.
Lass dich in den Flow kommen und schalte deine digitale Bedrohung auch mal aus.
Wenn du dir Zeiten setzt, in denen du mal nicht gestört wirst, dann wird dein Erleben deiner aktuellen Tätigkeit deutlich besser werden.
Auch hier sage ich nicht: Schreibe keine Kurznachrichten.
Ich sage: Schreibe zu festgelegten Zeiten.
Es geht bei deinen Inhalten nicht um zeitkritische Dinge, sowas solltest du sowieso nicht per Kurznachrichtendienst übermitteln, denn es ist keine Echtzeitkommunikation und die Illusion von Sofortnachrichten ist eben nur eine Illusion.
Die Nachricht kann einfach mal irgendwo hängen bleiben.
Wenn du jemand sofort erreichen willst, ruf an!

TL;DR

  • Wieder nicht aufgepasst: Warum lass ich mich ablenkenn
  • Heute hier, morgen dort: Wo bin ich eigentlich, wenn ich kurznachrichte?
  • Ich kann mich nicht konzentrieren: Kurznachrichten fragmentiert das Denken
  • Alles zeitgleich ist gleichzeitig nichts richtig: Multitasking funktioniert nicht
  • Was tun? Was lassen? – Welche Wege führen aus dem Kurznachrichtenirrsinn?

Und jetzt lest mal zur Abwechslung ein paar gute Bücher (bzw. Essays) zu dem Thema: