Was kann schon passieren…ich hab ja nix zu verlieren!

Es geht nicht darum, ob wir etwas zu verheimlichen haben.
Mir geht es gar nicht darum, ob ich durch mein ständiges gesimse (erinnert ihr euch noch an die Zeiten, als Gesimse etwas mit Fassadengestaltung zu tun hatte, anstelle von elektronischen Kurznachrichten?), gechatte und geschnatter meine Zeit verschwende oder tatsächlich wichtige Informationen verteile.
Heute will ich ein Plädoyer dafür halten, dass wir uns keine Gedanken darüber machen sollten, ob wir etwas zu verlieren oder zu verheimlichen haben, wenn wir in der digitalen Weltgeschichte herumtexten.

TL;DR

  • Mensch, dein Recht: Das Recht auf Privatsphäre und unverletzte Kommunikation
  • Behold, what I have seen: Metadaten
  • Was kann schon passieren: Die Eisscholle der Privatsphäre in der Datenhölle der Überwachung
  • Wir sind alles Terroristen: Unter Generalverdacht
  • Gestohlen, gesammelt, korreliert: Wir werden angreifbarer

Es geht darum, dass es unser Recht ist.

Unsere – und ganz viele andere – Gesellschaften gründen auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und eines dieser Menschenrechte ist das Recht auf den Schutz der Privatsphäre.
So heißt es in Artikel 12:

„Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden.
Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.“

Deutlicher geht es wohl kaum noch, um laut und klar vernehmlich allen Datenschnorchlern, sei es aus politischen Gründen, im Zeichen des Terrorschutzes (wobei ich mich frage, ob die flächendeckende Überwachung nicht ebenso eine Form des Terrors ist) oder für rein wirtschaftliche Zwecke, zu sagen:
Finger weg von meinen Daten! Es geht euch nichts an!
Und es geht sogar noch deutlicher:
Im Grundgesetz lesen wir in Artikel 10:

„Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich.“

Da steht nicht, wir stimmen zu, dass zu Werbezwecken unsere Nachrichten untersucht werden dürfen.
Oder auch die anlasslose Überwachung ist damit schlicht und einfach nicht vereinbar.
Nein, da steht ganz klar “unverletzlich”.
Dieses Grundrecht macht uns quasi zum Superman der Kommunikation.
Niemand darf ohne meine Zustimmung lesen, was ich einer anderen Person im Vertrauen schreibe.
Und das Kryptonit der digitalen Auswertung und Überwachung darf einfach nicht eingesetzt werden.
Punkt.

Deus Ex Machina der Datensammler: Metadaten

Und wieder komme ich auf Metadaten zu sprechen.
Diese fallen an und zwar vollkommen unabhängig davon, was wir inhaltlich mitteilen.
Für die Datenauswerter sind die dabei anfallenden Metadaten das neue Datengold.
Die fünf W der Datensammlung sind der Maßstab, mit dem die Datenkraken messen:
wer
wann
wo
mit wem
* wie oft

Momentan liefern wir diese Daten einfach mit, es führt kein Weg daran vorbei.
Und was ich noch viel entrüstender finde:
Diese Metadaten verletzen aus der Sichtweise der Datensammler noch nicht einmal die oben angeführten Grundrechte, denn sie wurden einfach aus dem zu schützenden Inhalt herausdefiniert.
Da kann ich nur sagen:
Vielen Dank liebe Regierungen, da habt ihr einen tollen Job beim Schutz eurer Schutzbefohlenen geleistet!
Ich halte die Information darüber, wer, wann, wo und wie oft mit wem kommuniziert für genauso schützenswert wie den Inhalt, den ich mitteile!

Und was kann passieren?

Ja, was kann jetzt passieren, wenn wir dauerhaft und flächendeckend rund um die Uhr überwacht werden?
Wir verlieren uns selbst.
Wir verlieren die Möglichkeit, uns zurück zu ziehen.
Wir verlieren den Freiraum, in dem wir uns entwickeln können.
Wir verlieren unsere Freiheit und unsere Privatsphäre.
Wir werden reduziert zu Laborratten, die ständig beobachtet und nach dem Willen der “> überwachen Augen [die] zehnmal schärfer sehen” wie Rio Reiser es singt.
Und schon lange heißt es nicht mehr nur

“Big Brother Is Watching You”.

Nein, es sind auch seine geldgierige Tante Facebook, sein datengieriger Großonkel Google und seine vollkommen paranoiden Cousins NSA, GCHQ und BND, die uns unserer Privatsphäre berauben und uns viel umfassender und effektiver – weil wir zu einem Großteil freiwillig mitmachen – überwachen.

Unter Generalverdacht der überwachen(den) Augen

Der Wahnsinn der allumfassenden und verdachtslosen Überwachung stellt uns alle unter den Generalverdacht der – Gesetz bewahre! – Individualität.
Wo kommen wir denn hin, wenn hier jeder denkt und sagt, was er will.
Wenn das so weiter geht, verlangt dann noch jemand Gedankenfreiheit.
So weit wird’s kommen.
Dann wird das ja mit der “interessenbezogenen” Werbung oder der zielgruppengesteuerten Produktplatzierung ganz schwierig.
Das wirkt sich dann natürlich ganz schlecht auf die quartalsgetriebenen Marktprognosen aus.
Und der Terrorschutz erst.
Wenn wir hier nicht ganz genau hinschauen, dann werden wir überrannt werden.
Von rechts und links.
Oben und unten.
Minimalistisch, extremistisch, extraterrestrisch oder aquaristisch gar!
Das Abend- wie das Morgenland würde sich plötzlich in einem unüberwachten Moment auflösen und was wäre dann da?
Anarchie womöglich!
Dann hätte

“jeder sein eigen Glück unter den Händen”

wie Johann Wolfgang von Goethe es denkt.
Das wäre natürlich schrecklich für die Generalverdächtiger.

Wir werden angreifbarer

Ja glauben denn die Datensammler, dass sie unsere Daten für immer unter Verschluss halten können?
Lernen sie nichts aus den zunehmenden erfolgreichen Datendiebstählen?
Glauben sie denn ernsthaft, dass sie unangreifbar sind?
Je mehr Daten uns gestohlen werden, desto angreifbarer werden wir.
Nicht nur durch die Datensammler selbst, die Geheimdienste, die Datenkraken.
Nein, auch die andere dunkle Seite der Datenmacht, die Datenkriminellen, die digitalen Räuber sind dankbare Profiteure dieser maßlosen Datenflut.
Die Daten, die sie Google, Facebook, NSA und GCHQ stehlen können, brauchen sie vorher uns gar nicht selbst aus den Tablets, Smartphones und IoT-Geräten stehlen. Nein, diese bekommen sie dort schon einsatzbereit korreliert geliefert.
Welch wunderbare kriminelle Utopie steht auch diesen Datendieben bevor.

Und jetzt?
Empört euch, schreibt Briefe, dann müssen wieder mehr Postbeamte zum scannen unserer Kommunikation eingestellt werden 🙂