Spionagesoftware und Vertrauen

Es gibt mittlerweile auch für den geneigten Amateur-Schnüffler Software, welche umfassend die Kommunikation des auserwählten Zieles überwachen kann.
Ich überlege in diesem Artikel, wie sich eine solche Software auswirkt auf das Vertrauensverhältnis einer Beziehung in der eine solche monströse Überwachungsmaßnahme eingesetzt wird.
Ich versuche beide Standpunkte zu beleuchten, schicke jedoch vorraus, dass ich für mich eine klare Meinung zu diesem Thema habe.
Spannend finde ich dieses Thema auch, weil es den Bereich Schutz der Privatsphäre aus einem ethisch-moralischen Blickwinkel betrachtet.
Es zeigt mir, dass der Themenkomplex Privatsphäre und Datenschutz mehr umfasst als die persönliche Befindlichkeit eines Einzelnen. Es geht uns alle an und je stärker wir in die Gesellschaft eingebunden sind, umso stärker betrifft uns auch die Wahrung unserer Privatsphäre und unserer Daten.
Beispielhaft lehne ich mich an der Funktionalität der Überwachungssoftware mSpy (ich verlinke diesen Dreck hier absichtlich nicht) an. Dieses Überwachungstool wirbt mit der vollkommen bescheuerten Frage, ob dem Kunden der “Schutz Ihrer Kinder oder Ihres Unternehmens” nicht wert wäre, diese Software einzusetzen.
Aber erstmal, was verspricht diese Software?
Die mobile Variante überwacht die GPS-Position der Funkgeige, das gesamte Anrufprotokoll, alle Kurznachrichten wie SMS, MMS, WhatsApp, SnapChat, die Bilder- und Videogalerie, E-Mails, Kalender und Adressbuch, Surf-Historie, App-Historie und bietet zusätzlich eine allgemeine Fernsteuerbarkeit der Funkgeige.
mSpy suggeriert, es könne Kindern oder Unternehmen Schutz durch Überwachung bieten.
Schauen wir uns einen konstruierten, aber durchaus möglichen Fall an, bei dem wir die Auswirkungen betrachten, wenn mSpy zum Einsatz gebracht wird und wenn nicht.
Nehmen wir folgende Situation an:
Ein verheiratete Frau mit zwei Kindern vermutet, dass ihr Mann eine Affäre hat und das Familienglück riskiert.
Konstruieren wir weiter.
Wie kommt sie zu dieser Vermutung?
Ihr Mann arbeitet regelmäßig bis spät Abends, ist daheim abweisend, müde und telefoniert auch nach seinen Bürostunden noch lang und viel.
Seine Partnerin vermutet nun eine Affäre dahinter, da ihr Gatte ihr nur unwirsch auf ihre Nachfragen antwortet, er müsse halt viel arbeiten.
Aus Angst um ihre Familie und ihre Zukunft setzt sie nun eine Spionagesoftware ein, um ihren Partner zu überwachen.
An dieser Stelle gibt es mehrere mögliche Ergebnisse dieser Überwachung.

  1. Die Frau stellt fest, dass ihr Mann sie betrügt. Sie hat jetzt Gewissheit über ihre Vermutung erhalten.
  2. Die Frau stellt fest, dass ihr Mann tatsächlich so viel arbeitet, wie er immer behauptet hat.
  3. Die Frau stellt weder das eine noch das andere fest und bleibt in ihrer Ungewissheit.

Im Fall 1 ist es gar nicht sichergestellt, dass die überwachte Kommunikation tatsächlich von ihrem Mann stammt.
Es könnte sein, dass sich jemand die Funkgeige angeeignet hat und seine Kommunikation darüber führt. Klingt nach Verschwörungstheorie, aber das ist ja das Thema Überwachungssoftware auch schon. Und weiterhin gibt es das Problem, dass wir gar nicht wissen, ob die gesammelten überwachten Daten tatsächlich von der vermeintlich überwachten Funkgeige stammen.
Vielleicht hat ja der Hersteller der Überwachungssoftware ein Problem in seiner Datenhaltung und es werden dem Überwacher falsche Informationen mitgeteilt.
Schon wenn wir uns den Fall 2 betrachten, können wir feststellen, dass die Frau auch hier keine Gewissheit erlangen kann. Ihr Mann könnte einfach so clever sein, dass er seine Affäre analog auslebt (was sowieso viel romantischer ist) und er überhaupt keine Kommunikation über die überwachte Funkgeige durchführt. Oder er hat eine zweite, nicht überwachte Funkgeige.
Also wir können sehen, schon hier erhöhen wir sogar den Grad an Unsicherheit noch, anstatt Gewissheit durch Überwachung zu schaffen.
Leider ist dieser Gedankengang der Frau nicht bewusst, denn wäre ihr dies bewusst, hätte sie diesen Überwachungsirrsinn gar nicht begonnen.
Auch Fall 3 führt zu dem Ergebnis, dass hier durch die Illusion der Sicherheit und Gewissheit, die nicht erreicht wird (niemals erreicht werden kann) ein höherer Grad an Unsicherheit und Ungewissheit erreicht wird.
Jetzt betrachte ich die Auswirkungen auf die Überwacherin auf die drei vorgestellten Ergebnisse.
Im Fall 1 kann die Überwacherin jetzt mit den vermeintlichen Überwachungsergebnissen ihren Mann konfrontieren.
Meiner Überzeugung nach ist diese Beziehung spätestens nach dieser Ansprache endgültig gescheitert. Entweder trennt sich jetzt die Frau von ihrem Mann, weil sie ja jetzt sicher weiß, dass sie betrogen wurde. Oder ihr Mann trennt sich von ihr, da dieser – beiderseitige – Vertrauensbruch keine Basis für eine Beziehung ist.
Tja, im Fall 2 kann die Frau ja jetzt ganz entspannt sein, weil sie annimmt, dass ihr Mann ja einfach richtig viel arbeitet.
Aber weiß sie das tatsächlich?
Falls ihr Partner sich halt raffiniert und analog verhalten hat, kann er jetzt ganz entspannt seiner Affäre weiter nachgehen, denn er kann vermuten, dass er jetzt ja nicht weiter überwacht wird.
Und bei der Überwacherin? Plagt sie jetzt vielleicht ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Mann zu unrecht überwacht und verdächtigt hat? Das ist ein schwierige Situation, finde ich. Und sicher ebenfalls keine gute Grundlage für eine harmonische Beziehung.
Wie geht es jetzt weiter? Gesteht sie ihrem arbeitssamen Mann, dass sie ihn überwacht hat? Wie würde dieser auf einen solchen Vertrauensbruch reagieren? Beendet er jetzt vielleicht die bis dahin intakte Beziehung, weil es für ihn unerträglich ist zu unrecht verdächtigt und überwacht zu werden?
Nun, wie sieht es bei Fall 3 aus?
Hier läuft es darauf hinaus, dass die Frau ihrem Partner vertrauen muss. Sie kann ihren Verdacht äußern und dieser wird entweder bestätigt oder widerlegt. Es muss in jedem Fall eine Kommunikation zwischen den Partnern stattfinden. Es kann auch nicht geklärt werden, wo hier die Wahrheit liegt. Wir haben jedoch dieselbe Situation wie in Fall 2: Wie wird der Mann auf die Tatsache, dass er überwacht wurde reagieren?
Jetzt betrachten wir diese Situation aus dem Blickwinkel ohne den Einsatz einer Spionagesoftware.
In diesem Szenario hat die Frau zwei Möglichkeiten mit der Situation umzugehen.

  1. Sie macht die Sache mit sich selbst aus und hat jetzt wieder zwei Möglichkeiten.
    1. Sie weist ihre eigenen Vermutungen zurück und beschließt für sich ihrem Mann zu vertrauen, dass er keine Affäre hat. Sie kann jetzt ihre Beziehung weiterführen.
    2. Sie beschließt ihren Vermutungen Glauben zu schenken und zieht ihre Konsequenzen, indem sie ihre Beziehung für gescheitert erklärt.
  2. Sie konfrontiert ihren Mann mit ihrer Vermutung.
    Hier fallen mir zwei Szenarien ein.

    1. Der Mann gibt seine Affäre zu. Jetzt hat die Frau Gewissheit und kann darauf ihr weiteres Handeln aufbauen.
    2. Der Mann erklärt ihr glaubhaft, dass er keine Affäre hat. Vermutlich wird diese Krise gelöst werden können.

Was schließe ich auch diesem konstruierten, jedoch möglichen Ablauf?
Die Überwachung eines Menschen – besonders wenn es um den Lebenspartner oder gar um Kinder geht – ist ein Eingriff in die Privatsphäre und die Freiheitsrechte eines Menschen, der meiner Überzeugung nach nicht hinnehmbar ist.
Versuchen wir ein Miteinander auf Überwachung und Kontrolle aufzubauen, schaffen wir eine Scheinwelt von Sicherheit in welcher jegliche Authentizität verloren gegangen ist. Gründen wir jedoch ein Miteinander auf Vertrauen, dann können wir freiheitlich unser eigenes Leben leben und erweitern und schaffen ein gesundes Klima für Kreativität, Offenheit und Neugier.
Überwachung schadet allen, sowohl den Überwachern als auch den Überwachten.
Ach, noch ein Wort zur Spionagesoftware mSpy, die mir hier als Ideenlieferant für diese perfide Überwachungsmaschine diente.
mSpy wurde dieses Jahr gehackt und es wurden 400000 Kundendaten dabei offengelegt. Herzlichen Glückwunsch an alle Kunden von mSpy.

“Quis custodiet ipsos custodiens?”